"Immer diese Frauen"

Das Wunder von Bern - 1954 - 2004

Predigt beim ökumenischen Gottesdienst auf dem Gönninger Roßberg am 4. Juli 2004

Liebe Gemeinde,
sie waren ausgezogen, in Würde ihr Land zu vertreten und in Anstand sich den übermächtigen anderen Fußball-Teams dieser Welt zu beugen.
Und als das Spiel aus war, da schrie Herbert Zimmermann sein vierfaches Aus-Aus-Aus-Aus in die Ohren der Radiohörer -
es hallt bis heute nach, dieses schönste Aus, das je ein Sport-Reporter über den Äther schickte -
um dreiviertel Fünf heute Abend können Sie die ganze Reportage nochmals im Deutschlandfunk hören.
Es war nicht das frustrierte Aus, wenn man in der Vorrunde rausfliegt gegen eine B-Mannschaft, die nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren hat außer ihrer Ehre;
es war das Aus, das heute vor genau 50 Jahren ein Volk in Trance versetzte,
weil da elf Kicker wieder drei Tore gegen die Ungarn geschossen hatten -
aber diese Ungarn eben dieses Mal nicht deren acht wie noch vor zwei Wochen,
sondern halt nur zwei;
die Mannschaft um Fritz Walter und den Teufelskerl und Fußballgott Toni Turek, sie war über sich hinausgewachsen,
mit dem wehenden Geist von Spietz im Rücken,
und sie hatte die richtige Ausrüstung - Adi Dasslers Schraubstollen bei "Fritz Walter sei Wetter" -
und sie hatte Glück -
und sie hatten einen Gegner, der sie gnadenlos unterschätzte und nicht ernst nahm und schlecht geschlafen hatte wegen eines Blasmusik-Festes vor ihrem Hotel,
und die deutsche Elf hatte es nicht zuletzt mit einer Mannschaft zu tun, gegen die sie keine Chance hatte -
aber die haben sie genutzt.
Liebe Gemeinde,
wenn wir am Tag des EM-Endspiels von Lissabon und den Spielen der aktuellen deutschen Mannschaft immer noch im Hinterkopf zurückblicken auf die Ereignisse vor 50 Jahren, damals in der Schweiz,
dann kann man nostalgische Gefühle bekommen -
und die, die dabei waren - fast alle von Ihnen, die Sie damals schon das nötige Alter hatten, wissen, wo sie ab 16.53 Uhr am 4. Juli 1954 waren -
die, die dabei waren, spüren bis heute das Kribbeln und wissen von der Euphorie, die dieser Sieg auslöste im Nachkriegsdeutschland -
und selbst wir Jüngeren können dem nachfühlen, wenn wir Sönke Wortmanns Film gesehen oder uns eingelesen haben.
Liebe Gemeinde,
mit Herbert Zimmermanns Radiostimme im Ohr und die Bilder aus dem verregneten Wankdorfstadion und von den Straßen Münchens und anderen Teilen Deutschland vor Augen am nächsten und übernächsten Tag,
so habe ich das Evangelium auf diesen Sonntag nach der katholischen Predigtordnung gelesen.
Es sind Verse aus dem 10. Kapitel des Lukas-Evangeliums.
Es ist keine Elf, sondern es sind 72, die da ins Spiel geschickt werden -
und es geht bei ihrer Reise - wie beim Fußball - nicht nur um ein Spiel, es geht ums Leben und aufs Ganze!
Lukas 10,1-12.17-20
Danach setzte der Herr weitere zweiundsiebzig Jünger ein
und sandte sie je zwei und zwei vor sich her
in alle Städte und Orte, wohin er gehen wollte,
und er sprach zu ihnen:
Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige.
Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter aussende in seine Ernte.
Geht hin; siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe.
Tragt keinen Geldbeutel bei euch, keine Tasche und keine Schuhe,
und grüßt niemanden unterwegs.
Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause!
Und wenn dort ein Kind des Friedens ist,
so wird euer Friede auf ihm ruhen;
wenn aber nicht, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden.
In demselben Haus aber bleibt,
eßt und trinkt, was man euch gibt;
denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.
Ihr sollt nicht von einem Haus zum andern gehen.
Und wenn ihr in eine Stadt kommt und sie euch aufnehmen,
dann eßt, was euch vorgesetzt wird,
und heilt die Kranken, die dort sind,
und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.
Wenn ihr aber in eine Stadt kommt und sie euch nicht aufnehmen,
so geht hinaus auf ihre Straßen und sprecht:
Auch den Staub aus eurer Stadt, der sich an unsre Füße gehängt hat,
schütteln wir ab auf euch.
Doch sollt ihr wissen: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen:
Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen.
Er sprach aber zu ihnen:
Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.
Seht, ich habe euch Macht gegeben,
zu treten auf Schlangen und Skorpione,
und Macht über alle Gewalt des Feindes;
und nichts wird euch schaden.
Doch darüber freut euch nicht, daß euch die Geister untertan sind.
Freut euch aber, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind.
Hauptteil
Liebe Gemeinde!
Unsere 72 Jüngerinnen und Jünger waren in einer wunderbaren Situation,
die ich vor allem auch unseren Jugendlichen von Herzen wünsche,
aber auch den Älteren im wieder aufs Neue:
Sie waren ganz hin und weg von ihrer Kraft;
sie waren regelrecht "high", als sie spürten, was sie hinbekommen,
was sie durch Gottes Auftrag,
was sie durch seine Begleitung schaffen.
Es ist eine wunderbare Erfahrung, sich selbst so zu spüren:
zu spüren, daß man lebt
und daß man die Bergtour, die eigentlich eine richtige Tortour war, geschafft hat;
welch gute Erfahrung, wenn man die Liebe eines Mädchens, eines Jungen zu einem spürt;
welch großartiges Erlebnis, wenn man sieht, wie wertvoll die gesammelte Erfahrung ist und wie man anderen daraus helfen kann.
Unsere 72 haben das erleben dürfen,
obwohl sie, nein: richtig: weil sie sich auf Gott verlassen haben und weil sie es ihm geglaubt haben,
daß sein Geist und seine Kraft tausendmal wichtiger sind als gutes Schuhwerk - und seien es Adi Dasslers leichte und mit Schraubstollen bestückte Kickstiefel;
daß er wichtiger ist als alles Schulterklopfen und daß mich alle toll finden;
unsere Jüngerinnen und Jünger haben die Erfahrung machen dürfen, daß in ihrer Gegenwart Menschen an Leib und Seele gesund wurden:
"sie heilten und" - man könnte auch sagen: indem sie "das Reich Gottes verkündigten",
indem sie anderen die Nähe und Gegenwart Gottes zusprachen:
solche Nähe macht gesund -
sie heilt einen nicht immer,
aber sie macht gesund in einem tieferen Sinn -
sie macht so gesund, daß wir wohl auch Krankheit und Tod ertragen können.
Liebe Gemeinde,
unsere 72 bringen Gottes Nähe, sind in seinem Namen unterwegs -
und sie finden trotzdem und vielleicht gerade deshalb Gegner:
sie finden Menschen vor, denen sie sich mit ihrem Wort vom Reich Gottes stellen, entgegenstellen -
aber dann sollen sie sich getrost auch wieder aus dem Staub machen.
Und sie sollen die Hoffnung nicht verlieren, daß Gott auch bei denen noch wirken kann,
bei denen sie selbst nicht ankamen mit ihrer Botschaft, daß Gott wichtiger ist als alles.
Jedenfalls sollen sie auf keinen Fall Verlierer zurücklassen,
so wie das im Sport nur all zu oft, im Leitungssport in der Regel der Fall ist:
das ungarische Starensemble um Puskas konnte sich fast nicht mehr heimtrauen;
viele der Spieler hatte noch nie in der Nationalelf verloren -
und nun dieses eine entscheidende Spiel,
dieses eine von etwas dreißig nicht verlorenen Spielen davor und danach -
diese eine Niederlage;
ein ganzes Regime geriet ins Wanken,
die Nationalelf war der Kitt zwischen den Kommunisten und dem Volk gewesen,
zwei Jahre vor dem Aufstand kam es am 5. Juli 54 zu ersten Demonstrationen in Budapest.
Die 90 Minuten im Wankdorfstadion hatten ein ganzes Volk zum Wanken gebracht - so ähnlich kalauert Zimmermann im Blick auf die Zuschauen und Spieler in Bern;
sie wurden die großen Verlierer -
und mancher schreckte noch nach Jahrzehnten aus dem Schlaf hoch mit dem Gedanken "Wir haben verloren."
Wo Gott im Spiel ist, darf es keine Verlierer geben.
Gewinnen können wir in dieser Welt das Reich Gottes nur gemeinsam.
Liebe Gemeinde,
wie besoffen von ihrer Macht kehren die 72 zurück zu Jesus -
die Elf von Bern war auch deshalb so sympathisch, weil sie keine Helden sein wollten, sondern Leute aus dem Volk blieben.
Sie haben sich einen Namen in den Geschichts-, zumindest Sportgeschichts-Büchern gemacht:
Walter - Turek - Eckel - Rahn - Walter - Liebrich - Posipal - Schäfer - Kohlmeyer - Mai - Morlock.
Vielleicht waren die wahren Verlierer nur die, die zwar zum Kader, aber nicht zur Endspiel-Mannschaft gehörten -
sie jedenfalls gerieten bald in Vergessenheit -
oder kennt noch einer den Namen Uli Biesinger, auch wenn der später mal in Reutlingen spielte.
Die 72 aus unserer Geschichte im Lukas-Evangelium, sie haben keinen Namen in der Bibel,
aber bei Gott, da sind sie bekannt,
da ist nicht nur die Endspieler und die Funktion jeden einzelnen bekannt, so wie bei einem Fußballtrainer -
sondern jeder einzelne ist ihm als Mensch gegenwärtig -
so wie übrigens auch ein Sepp Herberger so erfolgreich war,
weil er nicht zuerst Spieler, sondern Menschen vor sich sah.
Er hat sie beauftragt, begleitet, berufen -
so wie Gott dich beauftragt, begleitet, beruft:
Zeugin und Zeuge für das Reich Gottes zu sein -
als Mann und Frau,
Kind, Junge, Mädchen,
als Katholik oder Protestant,
als jüngerer oder älterer Mensch -
die Kraft spüren, die Gott in dich hineinlegt,
und sich dran freuen und sie ausspielen und selbst noch mit dem Gegner zusammen das Reich Gottes gewinnen -
wo Friede und Gerechtigkeit herrschen und Liebe.
Schluß
Liebe Gemeinde,
seit Schiller wissen wir, daß der Mensch nur dort wirklich Mensch ist, wo er spielt -
ob das auch für den kommerzialisierten Fußball unserer Tage gilt, mag man diskutieren.
Aber im Spiel zeigt sich durchaus der Ernst des Lebens -
im Wettspiel zeigt es sich, was wir für Gewinn halten und wie man verlieren kann.
Wir Deutschen sind nicht die schlechtesten Verlierer:
wir haben uns auch nach dem Vorrunden-Aus an schönen Spielen gefreut und fröhlich mit den anderen europäischen Nationen dieses große Fußballfest mitgefeiert -
auch ein bisschen als Einstimmung auf das übernächste Jahr.
Erst im Verhalten der Sieger und Verlierer zueinander zeigt sich,
ob man das Menschsein gelernt hat -
wo man nämlich weiß, daß man nur gemeinsam gewinnen kann,
da fängt das Reich Gottes an -
wegen mir auch auf dem Fußballplatz:
sei es im Nationaltrikot oder in der E- oder D- oder C-Jugend der TG -
und auf jedem anderen Spiel- und Lebensfeld genauso.
Freut euch, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind -
du wirst bei Gott nie und nimmer an deinen Siegen gemessen,
dann schon eher daran, wie du mit den Niederlagen in deinem Leben umgegangen bist und wie du's als Sieger mit den Verlierern gehalten hast.
Es ist eine Schicksalsfrage für unsere Welt, daß wir es nicht bei diesem alten Spiel von Siegern und Besiegten, von Loosern und Winnern, lassen: "the winner takes it all" - der Gewinner kriegt alles, der andere nichts -
so richten wir die ganze Welt zugrunde -
so drängen wir das Reich Gottes aus dieser Welt hinaus, das doch schon seit jenen 72, das seit Jesus und seinen Boten, begonnen hat.
Die Elf von Bern hat nie mehr zusammen gespielt,
die Deutschen in den Monaten nach der WM kaum einen Sieg gelandet -
aber sie haben sich auch in unsere, auch in die Herzen von uns Jüngeren gespielt -
denn wir können an jenem Wunder spüren, was das wahre Wunder ist unter uns:
daß Menschen wie du und ich, die einsatzbereit sind,
die zusammenhalten,
die mit- statt gegeneinander leben,
daß die ihren Weg machen können, wo es keine Weg gibt.
In diese Welt das Reich Gottes zu bringen, das können wir nicht -
so wie die Deutschen 1954 nicht Weltmeister werden konnten -
aber halt nur nach menschlichem Ermessen nicht -
in Wahrheit ist jeder unserer Schritte für das Reich Gottes von Gottes Geist getragen und wird sich auszahlen zum Guten -
und unser aller Namen werden - nein, nicht in den Geschichtsbüchern - im Buch des Lebens geschrieben bleiben.
Es ist der erste Gedanke, den ich den Konfirmandinnen und Konfirmanden in unserer evangelischen Gemeinde zu Beginn unserer gemeinsamen Zeit weitergebe:
Egal, ob du eine kleine Nummer im Telefonbuch bist oder bestenfalls auf der Ersatzbank sitzt:
du stehst in Gottes Mannschafts-Aufstellung,
Gott kennt dich mit Namen,
dein Namen, das bist du -
und was Gott weiß, das vergisst er nicht -
deshalb bist du bei ihm wertvoll und das auf ewig.
Gut Spiel - für das Reich Gottes!
Amen.