Am Aschermittwoch fängt alles erst an
ReizWort Sünde

Reutlinger Generalanzeiger 12.2.2005 / "Auf ein Wort"

"Am Aschermittwoch ist alles vorbei", singen die Narren und haben aus Sicht der tollen Tage natürlich recht. Am Aschermittwoch fängt alles erst an: Die Fastenzeit hat Mitte dieser Woche begonnen, die ja der Fasnet erst ihren Sinn gibt: Nur wer den Sinn und Ernst und die Spielregeln des Lebens kennt, kann das (und sich) auch zum Narren halten!
Nun hat sie uns also: die Fastenzeit. Bei Protestanten wird sie auch Passionszeit genannt: Wir bekommt es mit der Passion, dem Leiden Jesu zu tun - und damit mit den Abgründen der Menschen, nicht zuletzt den Abgründen des eigenen Lebens. Das Leiden, das Sterben, das Kreuz Jesu hält uns eigene Schuld und Sünde vor. Ich weiß: das ist natürlich ein Reiz-Wort, und weil damit viel Unfug getrieben und Menschen klein und "irgendwie sündig" gehalten wurden, traut man sich's eigentlich als Kirchenmann schon zweimal nicht in den Mund zu nehmen oder zu Papier zu bringen.
Und doch: Komme ich ohne Sünde aus? Komme ich damit vor mir durch, sie zu leugnen? Bekomme ich sie wirklich totgeschwiegen - oder ist mein Schweigen womöglich nicht laut und beredt genug?
Lassen Sie sich die Sünde nicht madig machen! Spielen Sie das unheilvolle Spiel nicht mit, das da heißt: Nur nichts zugeben - und wenn, dann nur im Notfall; die weiße Weste über stolz geschwellter Brust zeigen und Fehler auf andere schieben: Stoiber auf Schröder, Müntefering auf Merkel
Faites vos jeux - machen Sie Ihr eigenes Spiel: Bringen Sie das, was Sie verkehrt machen vor Gott und den Menschen ins Spiel. Stehen Sie dazu, wie es sich für erwachsene Menschen geziemt! Lassen Sie sich von diesem Wort Sünde reizen!
Sie werden sich vielleicht eine blutige Nase holen, weil andere Ihre Eingeständnisse als Schwäche werten werden; Sie werden vielleicht Bauchweh haben und unfreiwillig fasten; aber unsere Seelen werden gesünder dadurch.
Daß das nicht einfach ist, wissen Sie so gut wie ich. Und wir spüren, daß es nur gelingt, wenn ich vom anderen weiß: Er wird mich nicht kaputt machen. So wie Gott eben: Er macht uns nicht mit drohendem Zeigefinger und drückendem Daumen kaputt, sondern erleidet selbst am Kreuz unsere menschliche Schuld, unsere Sünde - und er vergibt uns, stellt auf die Beine und eröffnet neue Wege - den Weg ins Leben! Machen Sie nicht mit bei den dummen Spielen, die die Schuld immer nur bei anderen sehen und dabei gar nicht merken, wie sie sich selbst betrügen. Machen Sie Ihr eigenes Spiel!
"Am Aschermittwoch ist alles vorbei" - diese Tage könnten ein guter Anfang sein PS Ums "ReizWort Sünde" (und bis 13. März um vier weitere solcher Begriffe) geht es morgen in unserem Gottesdienst ab 10.00 Uhr im Gönninger Gemeindehaus Und diskutieren drüber können Sie beim sich anschließenden Gemeinde-Essen, zu dem Sie herzlich eingeladen sind!