Gottesdienst
zum 60. Jubiläum des Samenhändlerdenkmals
in Gönningen am 21.9.2003 um 9.30 Uhr
Glocken
Vorspiel
Votum Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen! gesungenes Amen. Begrüßung Liebe Gemeinde,
ein erfreulicher ernster Anlaß -
unser Gottesdienst zum 60. Jubiläum des Samenhändlerdenkmals hier in unserer Kirche.
Ein ernster Anlaß:
denn das Thema des Denkmals sind die Opfer der Mobilität und der Arbeit -
es erinnert an 244 Händlerinnen und Händler aus unserem Ort, die auf der Reise verstorbenen sind
und nicht hier in ihrer Heimat bestattet werden konnten.
Das Denkmal erinnert an die Vergangenheit dieses Dorfes
und an menschliche Einzel-Schicksale.
Es ist aber ein bewußt christliches Denkmal:
Der dominierende Gekreuzigte, der Spruch darunter,
natürlich auch einfach der Standort hier in der Kirche.
Und genau darin ist der heutige ein erfreulicher Anlaß:
weil wir uns den Gekreuzigten als Hoffnungsträger vor Augen stellen -
und weil wir am Glauben derer Teil bekommen, die mitten in der Kriegszeit, in einer Zeit, als der christliche Glaube angefeindet war,
solch ein Zeichen setzten.
Am 24. Oktober 1943 war der Einweihungs-Gottesdienst;
sein Ablauf ist überliefert:
der Kirchenchor hat zweimal gesungen,
die Lieder von damals werden wir auch heute wieder anstimmen.
Lieber Herr Schüle,
Sie will ich in diesem Gottesdienst noch besonders begrüßen -
Sie werden uns Ihre Erinnerungen an das, was Sie von Ihrem Vater her zum Denkmal wissen, weitergeben.
Sie sind im Gönninger Pfarrhaus aufgewachsen und waren hier dann bis 1977 für zehn Jahre als Pfarrer tätig.
Wir grüßen Sie und die ganze Familie sehr herzlich!
Und ich will jetzt gleich zu Beginn nicht versäumen, Sie, lieber Herr Dr. Kemmler, ebenfalls zu grüßen und vor allem Ihnen zu danken:
denn ohne Ihre große Kleinarbeit an den Totenbüchern unserer Gemeinde,
ohne Ihre umfänglichen Recherchen und Ihr zeit- und sozialgeschichtliches Wissen gäbe es diesen Gottesdienst heute in dieser Form nicht.
"Herr Jesu Christ, dich zu uns wend", das war auch 1943 das Eingangslied. Eingangslied EG 155 (1-4) "Herr Jesu Christ, dich zu uns wend" (von 1943)
Psalm 121 = EG 749 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
Der HERR behütet dich;
der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
daß dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
Der HERR behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit! "Ehr sei dem Vater" Gebet Wir heben unsere Augen auf zu dir, Herr,
und danken dir für alle Bewahrung und allen Schutz in der hinter uns liegenden Woche:
auf den Straßen,
bei unserer Arbeit,
in unseren Familien;
wir danken dir für das, was uns gelungen ist,
wo wir Erfolg hatten,
wo wir Hilfe geben konnten,
wo wir Anerkennung erfahren haben.
In allem, was uns begegnet, begegnest du uns -
und so bergen wir uns in deiner Gnade und Jesu Liebe -
und bitten dich, daß du uns auch in dieser Stunde begegnest,
jetzt, wenn wir auf dem Weg sind zu dir. Amen.
In der Stille bitten wir Gott um seine Gegenwart! Stilles Gebet
Abschlußvotum: Unsere Hilfe kommt vom HERRN,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Amen. Kirchenchor "Wir pflügen"
Schriftlesung Lk 14,15-24 Präfamen (LektorIn) Die Gönninger Samenhändlerinnen und -händler hatten Saatgut im Zwerchsack - richtiges Saatgut;
in der Bibel steht solches Saatgut aber auch im übertragenen Sinne für das Wort Gottes, das die Einladung an uns Menschen ausspricht, an Gottes Tisch,
mit ihm zu feiern!
Vor 60 Jahren war dies auch das Thema des Predigttextes, der damals wohl bewußt ausgewählt wurde;
Evangelium aus Lukas 14. Bibel holen (LektorIn)
Text (LektorIn) Und es begab sich, daß Jesus an einem Sabbat in das Haus eines Oberen der Pharisäer kam, das Brot zu essen, und sie belauerten ihn.
...
Und einer, der mit zu Tisch saß, sprach zu Jesus:
Selig ist, der das Brot ißt im Reich Gottes!
Er aber sprach zu ihm:
Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.
Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!
Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.
Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.
Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, daß mein Haus voll werde.
Denn ich sage euch, daß keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird. Abschluß (LektorIn) Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Er ist das Licht der Welt.
Er ist das Brot des Lebens.
Lob sei dir, Christus.
Amen. Bibel wegbringen (LektorIn)
Liedansage (LektorIn) "Ich bin ein Gast auf Erden" - auch damals hat die Gemeinde zwei Strophen aus diesem Lied gesungen,
begleitet durch die Orgel, die damals auf ihre ersten hundert Jahre zurückblicken konnte.
Nummer 529. Lied EG 529,1+7 "Ich bin ein Gast auf Erden" (von 1943)
Ansprache Pfr. Ulrich Schüle Diese Woche mit der festlichen Eröffnung des Gönninger Tuffsteinlehrpfads schließt nun ab mit dem Jubiläum des - zumindest in Gönningen - einzigen Tuffsteindenkmals: des Samenhändler-Denkmals hier in der Gönninger Kirche, das fast auf den Monat genau vor 60 Jahren im Kriegsjahr 1943 in einem festlichen Gottesdienst eingeweiht worden ist.
Vielleicht hat Gönningen in seiner langen Geschichte sich nie so tiefgreifend verändert wie in dem kurzen Zeitraum dieser 60 Jahre, auf die wir jetzt zurückblicken.
Aber ich denke: Auch heute noch gehört für jeden Gönninger seine Kirche, zumindest als optisches Wahrzeichen, in die Mitte des Ortes. Und auch heute noch wollte kein Gönninger, der diese Kirche nicht nur von außen kennt, das Samenhändlerdenkmal in ihr mehr missen.
Neben der bedeutenden Orgel und dem schönen Kruzifixus über dem Altar ist es eines der Charakteristika dieses Gotteshauses geworden: Ein Mahnmal, das in besonderer Weise die Vergangenheit unsres Dorfes in seine Gegenwart einholt. Dass dazu nun das feine und gründlich recherchierte Büchlein von Dr. Klaus Kemmler vorliegt, ist ein Glücksfall, der diese Vergangenheit für die Gegenwart in eindrücklicher Weise lebendig macht. Falls Sie es noch nicht haben, sollten Sie es dabei nicht belassen!
Und nun hat Pfr. Behrend mich gebeten, in diesem GD. ein paar persönliche Gedanken und, wenn möglich, Erinnerungen zu diesem Denkmal beizutragen.
Diese Erinnerungen sind natürlich nur die eines damals 10-12jährigen "Pimpfs", der man ja damals zu sein hatte. Und sie können bestenfalls das Büchlein von Dr. Kemmler ein wenig flankieren. Aber ich will es trotzdem versuchen.
Es verdankt sich dieses nach Art und Thema wohl einzigartige Denkmal in einer Zeit, in der das alles andere als opportun war - neben der Zustimmung des damaligen KGRs. - der großzügigen finanziellen, aber auch der moralischen Unterstützung einer Reihe vor allem auswärtiger vermögender Gönninger, deren Dr. Kemmler in seinem genannten Büchlein auch namentlich Erwähnung getan hat. Und es verdankt sich im Besonderen drei Männern:
dem Bildhauer Johann Martin Scheible aus Ulm, meinem Vater, dem damaligen Ortspfarrer Ernst Schüle, als Initiator, und dem seinerzeitigen Kunstsachverständigen der Landeskirche, KR. Kopp, einem Studienfreund meines Vaters, ohne dessen Hilfe mit Rat und Tat dieses Projekt damals kaum so umzusetzen gewesen wäre. KR. Kopp kenne ich ausschließlich aus dem Briefwechsel meines Vaters mit ihm, der in dem Kemmlerschen Büchlein dokumentiert ist.
An Herrn Scheible, in dem mein Vater sofort einen Gesinnungsgenossen und Geistesverwandten gefunden hat, erinnere ich mich nur dunkel von einem Besuch, den er 1942 mit seiner Frau bei uns im Pfarrhaus machte, wobei wir einigermaßen ehrfurchtsvoll mit einem leibhaftigen Künstler am Tisch saßen, der aber überraschend normal war. Deutlicher habe ich allerdings vor Augen, dass es dabei einen Zwetschgenkuchen gab, bei dem auch wir nicht zu kurz kamen, und dass mein Vater hinterher ganz glücklich sagte: "Kinder, es wird etwas. Das ist der richtige Mann!" Ob es später weitere Besuche gegeben hat, erinnere ich nicht (das Reisen war ja damals eine beschwerliche Sache, und Scheibles mussten zu Fuß von der Bahnstation Lichtenstein nach Gönningen marschieren, wobei H. Scheible gleich die Tuffsteinbrüche in Augenschein nahm - freilich noch ohne die Hilfe des neuen "Lehrpfads"). Ich meine auch, Herr Scheible habe sein Werk nicht hier, sondern in seiner Ulmer Werkstatt hergestellt. Aber vielleicht weiß da jemand von Ihnen Genaueres oder gar Anderes.
Sicher aber ist, dass der Gedanke, dieses spezifische Gönninger Denkmal auch in dem spezifisch Gönninger Tuffstein auszuführen, von ihm selber stammt, obwohl er, wie dem Kemmlerschen Büchlein zu entnehmen ist, mit diesem Material bisher keine Erfahrung hatte.
Ich kann also nur im Blick auf meinen Vater etwas beizutragen versuchen. Wobei ich weiß, dass er selbst damit nicht sehr einverstanden wäre. Er wollte mit seiner Person nie eine Rolle spielen, auch nicht die eines Denkmalsgründers. Aber weil er auf seine Weise ja nun auch zu der Gönninger Ortsgeschichte gehört, tue ich es dennoch.
Er hat ja seiner Einberufung wegen die Einweihung des Denkmals im Oktober 43 nicht mehr selber mitfeiern können. Aber er war sehr dankbar, dass - daran erinnern sich meine Schwestern deutlicher als ich - auf seine Bitte hin Pfr. Koch aus Ohmenhausen die Predigt hielt, der wegen seiner politischen Einstellung in seiner österreichischen Heimat Predigtverbot erhalten hatte und dem mein Vater freundschaftlich verbunden war. Diese Predigt, die Dr. Kemmler dankenswerter Weise in sein Büchlein aufgenommen hat, hat damals sicher genau das getroffen, was er selber seiner Gemeinde sagen wollte, und ist auch heute noch lesenswert.
Von meinem Vater also weiß ich, dass einHintergrund dieses Denkmalsprojekts, das ihn seit dem Spätjahr 1941 bewegte, die zunehmend schwere Aufgabe des Pfarrers war, in den Jahren des immer totaler werdenden Kriegs den Familien beizustehen, die vom Tod eines Sohnes oder Bruders, des Mannes oder des Verlobten betroffen waren, und auch selber mit dem allgegenwärtigen Tod so vieler vor allem junger Gemeindeglieder zu leben.
Da ging es ihm darum, den offiziellen und bald so trostlos-leeren Phrasen vom "Heldentod" ein anderes Wort entgegen zu setzen und die in unbekannten Fernen verloren Gegangenen im Trost des christlichen Glaubens geborgen zu zeigen. Ich kann mir inzwischen sehr wohl vorstellen, wie die Erfahrung der eigenen Sprachlosigkeit angesichts von so viel Menschenleid einen Seelsorger da auch nach der stärkeren Sprache der Kunst Ausschau halten ließ. Und es ging ihm darum, mit dieser Sprache der Kunst einer erklärtermaßen antichristlichen Gegenwart und ihren völkischen Parolen die christliche Geschichte unsres Volkes und unsres Dorfes ins Bewusstsein zu rufen und in dieser Zeit furchtbarer "Irrungen und Wirrungen" seiner Gemeinde den biblischen Horizont unsres Lebens und unsres Sterbens vor Augen zu führen.
Vielleicht darf ich dazu sagen, dass mein Vater 1941 ja erst 5 Jahre lang in Gönningen Pfarrer war. Und er ist nicht freiwillig hierher gekommen. Seine 1. Pfarrei war ja Orendelsall, ein Bauerndorf mit vielen Filialgemeinden im Hohenlohischen, dem er sich als Bauernsohn und selber aus dem Unterland stammend sehr verbunden fühlte.
Aber er ist dort in der Zeit des sogen. Kirchenkampfs als Vertrauensmann der Bekennenden Kirche sehr bald mit der Partei und ihren Funktionären in der Kreisstadt Öhringen, vor allem auch mit dem Kreisleiter, in Konflikt geraten, der sich dann so zuspitzte, dass der Dekan die offizielle Mitteilung bekam: Entweder der Pfr. Schüle werde versetzt, oder es werde ein Haftbefehl und möglicherweise die Einweisung in ein KZ gegen ihn verfügt.
Der Dekan, der die damit verbundene Auseinandersetzung fürchtete (die Gemeinden standen fast geschlossen hinter ihrem Pfarrer), bat ihn dringend, um die Situation nicht ausufern zu lassen, in eine Versetzung in einen anderen Teil Württembergs einzuwilligen. Mein Vater tat es schweren Herzens, auch mit dem Gefühl, seinen damals 3 Kindern eine liebe Heimat zu nehmen. Wir haben sie dann freilich hier in unsrer neuen Gönninger Heimat bald nicht mehr vermisst.
Wenn Sie mir erlauben, möchte ich hier eine kleine Erinnerung einfügen, die für mich eine Art Vorgeschichte zum Plan des Samenhändlerdenkmals enthält:
Wir waren vor 3 Jahren zum 65-jährigen Jubiläum des Orendelsaller Posaunenchors eingeladen und erfuhren dort zu unsrer Überraschung, dass mein Vater nicht nur diesen Chor ins Leben gerufen, sondern auch selbst dazu Posaune spielen gelernt habe.
Weit kann er es allerdings dabei nicht gebracht haben, denn er hat das nie erwähnt und hat wohl auch mit gutem Grund nicht gewagt, dann im Gönninger Posaunenchor mitzuspielen. Aber damals schien es ihm der Mühe wert. Denn ein älterer Mann, selber Posaunenbläser und Sohn des damaligen Posaunenchorleiters, erzählte mir dabei: sein Vater habe ihm einmal gesagt: "Der Pfarrer Schüle wollte einen Posaunenchor, weil man dem Gebrüll der SA etwas Rechtes entgegensetzen müsse."
Dieses vernehmbare Entgegensetzen des Glaubens gegen den Unglauben hat, meine ich, dann seine Fortsetzung gefunden, in dem sichtbaren Zeugnis des christlichen Glaubens gegen die Heroisierung des Todes im Projekt des Samenhändlerdenkmals.
Aber das alles war nur Hintergrund.
Im Vordergrund stand die Begegnung meines Vaters mit dem, was seine neue Gemeinde, die ihn dann trotz dieser Vorgeschichte bereitwillig und sehr freundlich aufnahm, so einzigartig kennzeichnete: nl. mit Gönningen als dem Samenhändlerdorf.
Das war für ihn, den sehr Bodenständigen, zunächst ein recht ungewohnter Menschenschlag. Aber er hat die Aufgeschlossenheit und Weltläufigkeit, das "Leben und leben Lassen", die ihm in seiner neuen Gemeinde begegnet sind, sehr rasch schätzen und loben gelernt und sie später anderswo oft vermisst.
Nun war mein Vater ein sehr geschichtsbewusster Mensch. Als ich Vikar wurde, sagte er mir: "Wenn du einmal eine eigene Gemeinde hast, studiere die alten Kirchenbücher. Man muss den Baum von seinen Wurzeln her kennenlernen." Und so hat ihn in den Gönninger Kirchenbüchern besonders bewegt, was da in dürren Worten über das Los so vieler Samenhändler zu lesen war, und die Schicksale, die sich dahinter verbargen.
Wie das dann für ihn auf eine Ebene mit dem Leid und der Verzweiflung der Gegenwart rückte und wie beides nach einer Antwort des Glaubens verlangte, das wird in dem Brief, den er zur Denkmals-Einweihung noch aus der Garnison in Mülheim an seine Gemeinde schrieb, in dem besonderen Gruß an die Familien der Gefallenen deutlich.
Ich möchte dieses Wort zitieren, weil es auf den Punkt bringt, was er mit diesem Denkmal gesagt wissen wollte und was der Künstler so eindrücklich zur Darstellung gebracht hat:
"Wie viel Herzeleid umgibt uns doch allenthalben, und wie hoch werden die Wasser noch steigen, bis Gottes Gerichte mit uns zum Ziel gekommen sind! Nun stellt das heute enthüllte Denkmal uns auch das Leid vergangener Generationen vor Augen. Sie alle, an die das Denkmal uns erinnert, haben auf ihren Reisen viel Schweres durchgemacht und sind zuletzt, fern der Heimat, einen einsamen und oft erschütternden Tod gestorben. Aber über die Bewegtheit ihrer Wege und über die Einsamkeit ihres Sterbens erhebt sich der gekreuzigte Christus. So einsam ihr Weg ist .und so schwer die Schuld ihres Lebens auf ihnen lastete: Der Eine, der ganz Treue, der auf Golgatha seine Treue mit dem Tod besiegelte, lässt sie nicht allein. Er breitete seine Arme über sie aus und war bereit, sie in seinen Frieden zu nehmen.
Er, l. Gemeinde, steht nun auf diesem Bild Sonntag für Sonntag vor Euch. Er ist nicht nur auf diesem Bild, sondern er ist lebendig unter uns. Mitten in den Schrecken des Kriegs ist er da. Während unsrem Fleische graut, schenkt er unsrer Seele den Frieden; während uns um Trost bange wird, füllt er uns mit ewiger Hoffnung, und während wir zum Sterben gehen, füllt er uns mit ewigem Leben."
Er hatte zuerst als Text unter den Bildteil des Denkmals den Gesangbuchvers gewünscht, der für ihn immer ein Schlüsselvers war: "Herr Christ, du bist der rechte Weg/ zum Himmel und der einz'ge Steg. Hilf uns Pilgern zum Vaterland/ weil du dein Blut hast dran gewandt." Warum dieser Vers dann doch nicht in Frage kam, weiß ich nicht. Aber meine Schwestern erinnern sich, dass er eines Morgens ins Zimmer kam und sagte: "Jetzt hab ich's!" In der Nacht sei es ihm gekommen. Und dann zitierte er den Vers, der jetzt auf dem Denkmal steht. Mir sagte er einmal: Das sei der einzige Vers, den er je gemacht habe. Und ich meine, er hat ihn deshalb für das richtige Wort gehalten, weil darin das menschliche Tun und Leisten in seine Grenzen gewiesen ist und - das war für ihn sein Leben lang entscheidend - die rechtfertigende Gnade Gottes das letzte Wort behält.
Unser Wirken und unser Verwirken, unsre Siege und unsre Niederlagen, unser Leben und unser Sterben - unter den ausgebreiteten Armen der Liebe Christi:
So, denke ich, redet dieses Denkmal auch zu uns in unsrer ganz anderen Zeit.
Und so wird es weiter reden zu den kommenden Generationen, die sich lange noch in ihrer Gönninger Kirche beheimatet wissen mögen. Kirchenchor "Korn, das in die Erde"
Predigt Pfr. Alexander Behrend "Sie trugen den Samen durch die Welt,
erwarben damit viel Gut und Geld.
Zuletzt ihnen jedoch nur eines blieb:
Gottes Gnade und Jesu Lieb."
Liebe Gemeinde,
man kann das Große dadurch groß machen, daß man nicht zu laut davon proletet,
daß man es diskret daherbringt und leise.
Es war einfach ein Platzproblem -
so könnte es die Realisten unter Ihnen erklären, daß in der längsten der sechs Gedicht-Zeilen zu Füßen des Gekreuzigten ein Wort auffallend klein und leise daherkommt:
"nur".
Vielleicht ist der Grund für die veränderte Schriftgröße wirklich nur ein schlichter und trivialer -
aber ich bleibe trotzdem daran hängen:
als protestantischer Christ schaut man genau hin und sieht sich an die reformatorische Erkenntnis Martin Luthers erinnert:
nur - allein - solus, sola, solum:
allein aus Gnade, Christus allein!
Das Samenhändlerdenkmal in unserer Kirche ist für mich eine Übersetzung dieser Erkenntnis Luthers,
daß der Mensch nicht erst etwas aus sich zu machen habe um als richtiger Mensch zu gelten,
daß der Mensch sich schon gar nicht vor Gott selbst zu etwas machen kann,
daß es vielmehr Gnade, Gottes Geschenk ist, daß wir leben,
daß wir schaffen dürfen,
daß wir aufrecht vor Gott stehen dürfen!
Unser Denkmal übersetzt diese wichtigste aller Erkenntnisse ins Leben -
konkret ins Leben der Gönningerinnen und Gönninger:
ins Leben derer, die hier im Oktober 1943 das erste Mal vor diesem Denkmal Gottesdienst feierten,
die mittlerweile fast alle in ihren Familien Menschen an den Kriegstod verloren hatten,
die es sich unter dem braunen Diktat aber auch nicht nehmen ließen, in die Kirche zu gehen.
Das Denkmal erinnert:
es erinnert daran, daß über zwei Jahrhunderte hinweg jedes Jahr mindestens einmal die Nachricht von einem Samenhändler oder einer -händlerin hier auf dem Pfarramt einging, daß da wieder einer auf der Reise verstorben und fern seiner Heimat bestattet worden sei.
Und das sind ja nur diejenigen, die nicht in heimischem Boden letzte Ruhe fanden!
In einem Dorf, das damals etwa gut halb so groß war wie heute, kann man sich vorstellen, was dieses Damokles-Schwert bedeutet haben mag, das da über den Menschen schwebte.
Man hatte mit der Gegenwart des Todes zu leben - so wie 1943 eben.
Denkmäler wie dieses helfen uns in einer Zeit der oftmals unbegründeten Schwermut,
des oftmals aus Gewohnheit erfolgenden Klagens,
der Sorgen auf hohem Niveau:
es mag helfen, das rechte Maß nicht zu verlieren.
Liebe Gemeinde,
etwas wie ein Triptychon hat der Ulmer Künstler Martin Scheible geschaffen.
Unser Blick wird auf die linke Bildhälfte gelenkt, wo in federndem und entschlossenem Schritt der Händler auf die Reise geht.
Nennen wir ihn Jacob und lassen wir es Ende September sein.
Wie er zieht auch die Samenhändlerin Anna aus. Er steht in gutem Alter, Anfang 40.
Im März des folgenden Jahres findet man ihn am Ufer der Haun -
verunglückt, ein Raubmord, Selbsttötung aus unerfindlichen Gründen?
Er wird dort nördlich Fuldas begraben. Unsere Anna ist übrigens auch nicht heimgekehrt.
Im Alter von fast 69 Jahren stirbt sie an Entkräftung und wird von einem katholischen Geistlichen bei Friedrichshafen bestattet.
Mit strammem Schritt ausgezogen -
auf dem rechten Bild, wohin ihr Schritt unseren Blick führt, sehen wir den Händler zusammengesunken:
der Hut ist ihm vom Kopf gerutscht,
der Wanderstab aus der Hand geglitten -
wo ist der Zwerchsack?
Doch er ist nicht allein.
Sein Blick leitet unsere Augen zu einem Engel,
zu einem Engel, der seinerseits einen Wanderstecken in der Hand zu halten scheint.
Denn der Weg des Sterbenden endet nicht wirklich und endgültig.
Sein Weg führt weiter.
Er hat einen Weg vor sich und der geht zum Gekreuzigten.
Der Engel ist durchscheinend, transparent auf den Kruzifixus hin.
Und unser Blick geht zu diesem Gekreuzigten, der das mittlere Bild dieses außergewöhnlichen Triptychons bildet:
kein Kreuz,
lediglich das Suppedaneum, das Stützbrett zu Füßen deutet es an.
Und natürlich die weit ausladenden Arme.
Aber die sind eigentlich eher die Arme eines Beschützers,
eines Bergenden,
eines Segnenden.
Unter seinen Armen sind unsere beiden ausgereist,
zu ihm kehren sie heim,
bei ihm kehren sie ein in die himmlische, ewige Heimat.
Allerdings wollten sie dort noch gar nicht hin - das Ziel ihrer Reise war ein anderes - in deutschen Landstrichen oder ferner im Süden oder Osten.
Unsere beiden wollten wieder heim zu den Ihren,
sie wollten dorthin, wo - seit Mitte des 19. Jahrhunderts - ein Kreuz am westlichen Ende des Giebels auf dem Kirchenschiff steht -
das ähnelt sehr dem oberen Teil unseres Denkmals.
Dorthin wollten auch unsere beiden zurück,
sie wollten den Ihnen das erworbene Geld bringen, damit sie sich Gut zum Leben, zum Weiterleben erwerben könnten.
Nun war der Pfarrer gekommen und hatte die schlimme Nachricht überbracht - längst waren sie in Sorge, weil die Rückkehr sich verzögerte.
Und nun wartet böse und schwere Zeit auf die daheim -
eine Trauerfamilie,
eine Familie in wirtschaftlichen Nöten bleibt zurück.
Waren die Arme des schützenden Gottes zu kurz?
Ja.
Und warum er es zuließ, den Tod von Jacob und Anna bleibt ein Geheimnis.
Und warum er es zuließ, daß die Zeit so war wie es damals vor 60 Jahren war, bleibt genauso rätselhaft,.
Das harmonische Tuffstein-Bild, das uns da von Scheible vor Augen gemalt wird,
es birgt auf den zweiten Blick diese tiefe Spannung, in der unser ganzes Leben sich vollzieht,
und aus der nicht herauszukommen ist,
will man Gott nicht gegen ein blindes Schicksal und den Zufall eintauschen.
Dem Rätsel, das uns das Leben und das Denkmal stellt,
gibt Ihr Vater, lieber Herr Schüle, das Wort zur Seite.
Das muß uns gesagt sein,
das zuletzt nur, nur eines bleibt und blieb:
Gottes Gnad und Jesu Lieb.
Die allerdings sind stabiler als Tuff,
unvergänglich und ewig.
Und was da typografisch so dezent, zu klein geraten daherkommt: "nur" -
das ist es, was uns das Rätsel des Lebens aushalten macht -
und das Geheimnis des Lebens offenbart:
Geborgen, gehalten in Gottes Armen,
geleitet durch den Gekreuzigten gerade in den schweren Tagen -
und in den guten gesegnet.
Und das auf ewig. Amen. Lied nach der Predigt EG 497,1.11-14 "Ich weiß, mein Gott, daß all mein Tun"
Dank- und Fürbittegebet Behrend
Gnädiger, uns zugewandter Gott!
Deine bergenden Hände breitest du über uns aus.
Sie bewahren uns zum ewigen Leben
und bringen uns zu dir, wenn unser Weg hier auf Erden endet.
In dieser Hoffnung leben wir und gehen unsere Wege getrost,
im Glaube an dich! Meiers Gnädiger, uns zugewandter Gott!
Wir wissen es aus unserem eigenen Leben, daß deine Hände manchmal zu kurz zu greifen scheinen.
Wir verlieren Menschen, die uns nahe stehe;
wir erfahren die Härte des Lebens am eigenen Leibe;
wir haben Teil am Leid anderer Menschen.
Wir bitten dich, daß du es uns aushalten läßt, wenn wir dich nicht verstehen und deinen Weg mit uns,
wir bitten dich um dein Erbarmen für alle, deren Weg auf einer schweren Etappe ist. Birkenhofer Gnädiger, uns zugewandter Gott!
Wir bitten dich:
sei bei allen, die unterwegs sind, ohne daß sie das wollen: wir denken an die vielen Flüchtlingen in unserer Welt, die wirtschaftliche Not zur Reise zwingt;
wir bitten dich für die Familien, die durch Zwänge unseres Arbeitsmarktes immer wieder zum Umziehen gezwungen werden;
wir denken an obdachlose Menschen in unserem Land und alle, die entwurzelt sind,
wir bitten dich auch für unsere Seniorengruppe, die am Dienstag auf Fahrt geht: daß du sie beschützt und gute Tage schenkst. Schüle Gnädiger, uns zugewandter Gott!
wir versuchen etwas aus unserem Leben zu machen,
wir arbeiten - in der Familie und im Haushalt, im Beruf und im Ehrenamt:
laß unsere Arbeit Früchte tragen -
und laß uns in allem Schaffen dich nicht aus dem Blick verlieren -
und es nicht vergessen, daß wir vor dir nicht erst etwas aus uns machen müssen,
daß uns das, was uns zuletzt bleibt - deine Gnad und Jesu Lieb - auch jetzt schon trage!
Amen. Behrend Gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu: Vaterunser Vater unser im Himmel!
Geheiligt werde Dein Name!
Dein Reich komme!
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden!
Unser täglich Brot gib uns heute!
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen!
Denn Dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen. Schlußlied EG 481,5 [Ein Tag, der sagt dem andern] (von 1943)
Kurzinterview mit Dr. Kemmler (Birkenhofer)/Geschenk
Abkündigungen
Das Opfer in diesem Gottesdienst ist für unsere Projekte in St. Petersburg bestimmt.
Jetzt stehen Ihnen Dr. Kemmler und Pfarrer Schüle für Gespräche zur Verfügung;
das Buch zum Denkmal gibt es hier vorn für 5 Euro;
hier vorn gibt es Kaffee und Kälteres;
und vielen Dank Frau Dr. Blank-Mathieu:
du, liebe Margarete, hast hier im Chorraum uns nochmals deine Ausstellung zum Gönninger Tuffstein zur Verfügung gestellt.
Heute Abend um 18.30 Uhr ist Altpietistische Stunde, am Mittwoch um 15.00 Uhr ist Altpietistische Frauenstunde.
Auch heute abend findet um 18 Uhr in der Marienkirche wieder eine ThomasMesse statt.
Am kommenden Dienstag, 9 Uhr, fahren "wir" Jüngeren Senioren am Rathaus ab zu ihrer Freizeit für eine Woche nach Pfronten im Allgäu.
Vertretung in seelsorgerlichen Angelegenheiten in meinem Bezirk durch Vikarin Kingler.
Am kommenden Mittwoch ist wieder Konfirmandennachmittag, Beginn ist für die eine Halbgruppe um 15 Uhr hier in der Kirche, für die andere um 16.45 Uhr in der katholischen Kirche. Es geht um Kirchenräume.
Nächsten Sonntag wird Vikarin Maren Klingler den Gottesdienst um 9.30 Uhr halten. In diesem Gottesdienst laden wir Sie herzlich ein zur Abendmahlsfeier mit Saft und Einzelkelchen.
Parallel dazu ist wieder Kindergottesdienst im Gemeindehaus, ab 9.30 Uhr mit Spiel und Spaß, bis 10 Uhr können auch die noch gerne dazu kommen, die etwas länger schlafen.
Friedensbitte "Verleih uns Frieden gnädiglich" EG 421
Segen Der Herr segne dich und behüte dich!
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig!
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden! gesungenes Amen Orgelnachspiel