"Senior sind wir alle ..."

Reutlinger Generalanzeiger 26.6.2004 / "Auf ein Wort"

Ich - ein Senior? Da brauche ich doch gar nicht beginnen zu lesen, schließlich bin ich erst Ja, ab wann ist man eigentlich ein Senior? Herr Figo, der portugiesische Star-Kicker bei der EM wird von manchen Journalisten zum sprichwörtlichen "alten Eisen" gezählt - schließlich ist er ja auch schon 31
Senior? Heißt das nicht ganz schlicht "älter" - und wir sind immer älter als irgend ein anderer. Also doch: "Senior sind wir alle" - seit wir auf die Welt kamen. In Kindertagen hatten wir's leichter damit: Da wollten wir gern älter sein oder zumindest älter wirken - bis wir dann auch ohne Ausweis in den FSK-16-Kinofilm kamen. Und irgendwann haben wir schmerzlich gemerkt, dass wir nicht mehr jung sind
Liebe GEA-Leserin, lieber Leser,
Sie und ich gehören zu den ersten Generationen, die um ihre hohe statistische Lebenserwartung wissen. Wir müssen das Altern lernen - es lohnt sich, denn wir werden (statistisch gesehen) viel Zeit damit verbringen. Schließlich sind wir (bin 1962 geboren - unser Jahrgang wird nur noch durch den 64er zahlenmäßig überboten) die durch die Wissenschaftler prognostizierte "Altenschwemme", die auf unsere Gesellschaft zuschwappt. Es lohnt sich, das Altern zu lernen - mit Köpfchen! Denn unser Denken, unsere Einstellung ist gefragt. Wollen wir wirklich mitspielen, wenn uns jugendliche Schönheit als Ideal angepriesen wird: Wie schön sind die Falten der 82jährigen - ehrlich verdiente Spuren des Lebens! Und bringt uns wirklich nur die Dynamik und Innovationsfreude des Mittdreißigers weiter - was wäre unser Kindergarten ohne seine besondere Mischung von älteren und jüngeren Mitarbeiterinnen
Ich weiß, dass es weh tun kann, älter zu werden - das kann weh tun am Körper und in der Seele. Damit es trotzdem geht, muss man es lernen. Dass man es gut hinbekommt, das passiert nicht automatisch. So wie man auch durchs Altern allein noch nicht weise wird und klug. Wahrscheinlich hat jedes Alter seine besonderen Dummheiten, die es macht. Jeder Senior wäre dumm, wenn er sich seine Fähigkeiten und seinen Wert absprechen lassen würde; und es wäre dumm von uns, wenn wir uns an unserem wirtschaftlichen Wert messen lassen würden. Gott schätzt uns anders ein. Er schätzt uns, weil wir da sind - und er schätzt es, wenn wir uns für andere stark machen: keine Frage des Alters!
Das Altern will gelernt sein: Nutzen Sie die Möglichkeiten Ihrer Kirchengemeinde! In den Gottesdiensten treffen sich jüngere und ältere Menschen; sie singen miteinander Lieder, die meistens immer nur einem Teil von ihnen gefallen: aber sie singen sie miteinander! Sie hören auf alte Worte der Bibel und versuchen sie immer wieder neu zu verstehen; sie hören vom alten Gott, der den Jungen ihre Kraft schenkt; und weil sie beieinander in derselben Kirchenbank gesessen sind, sagen sie nicht nur nach dem Segen "Tschüs" zueinander, sondern auch am Montag auf der Straße "Grüß Gott" zum anderen! O. k. - ich geb's zu - ganz so ideal geht es oft nicht zu - aber der Trainingsplatz Gottesdienst ist so gesehen nicht der schlechteste zum Altern-Lernen.
Gottes Segen beim senior werden wünsche ich Ihnen!