Eine neue Seite Ihrer Gemeinde ¼  

Erfahrungen mit einer Kirchengemeinde-Internet-Seite.
(erschienen in IDEA-Spektrum am 11.11.98)

 

Zwei Mausklicks später

Um wieviel Uhr ist das Kirchenkonzert heute abend? Mein Hausarzt, der den Pfarrer sonntags nicht durch einen Anruf belästigen will, wählt sich über seinen PC und das Modem ins Internet ein und klickt in seinem Adressen-Verzeichnis die Gönninger Internet-Seite an - den Rest erledigt die Technik im Hintergrund: Verbindungen quer durch die Welt, bis nach Ohio, wo ich unsere Homepage abgelegt habe, und von wo aus sie nun für meinen Nachbarn drei Straßen weiter abrufbar ist. Wenige Augenblicke und zwei Mausklicks später hat er die gesuchte Uhrzeit ¼

Nicht "ob", sondern "wie"

Etwa zehnmal pro Tag macht es mittlerweile "Klick" auf der Homepage der Evangelischen Kirchengemeinde Gönningen, die ich Ende 1995 eröffnet habe. Sie gehört damit zu einem der meistbesuchten kirchengemeindlichen Angebote in Deutschland. "http://ourworld.compuserve.com/homepages/Alexander_Behrend" - so steht es mittlerweile in vielen Adreßsammlungen von Internet-Nutzern im In- und Ausland. Ob man sich freilich als Kirchengemeinde überhaupt auf das neue und boomende Medium Internet einlassen soll, das kann man durchaus kontrovers diskutieren. Die Diskussion wird sich über kurz oder lang zu der Frage verändern, wie wir recht damit umzugehen lernen und wie wir es lernen, auch hier als Christen und als Kirche unsere Identität zu wahren und zugleich kommunikativ und offen zu sein. Unseren Kindern wird sich nicht die Frage stellen, ob sie das Internet nutzen werden; sie werden es lernen müssen, es richtig, möglichst effizient und ethisch vertretbar zu nutzen.

Chancen

Wenn sich eine Kirchengemeinde heute entscheidet, eine Homepage einzurichten, dann sieht sie meist folgende Chancen. Sie möchten "einen Fuß in der Tür haben", innovativ sein. Sie möchte damit die Chance nutzen, neue Personenkreise für die Gemeindearbeit und damit für den Glauben zu interessieren: Ich habe Gemeindeglieder in unserem 3.500-Einwohner-Ort, zu denen ich nur über unsere Homepage Kontakt gefunden habe (und in der Folge natürlich per EMail und dann auch persönlich). Damit ist - über die Gemeindegrenzen hinaus - die interessanteste Chance angedeutet: Die Möglichkeit, auf neuen Wegen und auf neue Weise zu kommunizieren. Evangelium ist Mitteilung, deshalb sollte eine Kirchengemeinde möglichst viele erfolgversprechende Wege nutzen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Eine Homepage und die bequemen Möglichkeiten der elektronischen Post ("EMail") bieten dies: Ob es die Einladung zu einem Predigtvorgespräch oder die Diskussion über einen Aufsatz ist - angeregt durch das Angebot auf der Homepage und per EMail ist all dies im wahrsten Sinne grenzüberschreitend und mit wenig Aufwand realisierbar. Dies setzt allerdings voraus, daß eine Kirchengemeinde-Seite nicht nur als Schaukasten mit anderen Mitteln gesehen wird, sondern die kommunikativen Möglichkeiten wirklich ausprobiert werden! Rückmeldformulare, EMail-Verteiler, ein Chat-Raum, ein Gästebuch - all das ist mittlerweile leicht zu realisieren. Und die Chancen bieten sich wirklich quer durch die Welt: Durch einen Internet-Kontakt angebahnt, versuchen wir gerade, zu einer Reise (real, nicht nur "virtuell") ins us-amerikanische Ann Arbor (Michigan) einzuladen.

Aufwand

Sie ahnen nach diesen Zeilen recht: So etwas funktioniert nicht, wenn zu Ostern die Jahreslosung das Aktuellste ist, was die Seite zu bieten hat. Unsere Seite wird mindestens wöchentlich aktualisiert - und das nicht nur durch neue Termine, sondern durch alles, was so in der Gemeindearbeit anfällt: natürlich die Predigt vom kommenden Sonntag, aber auch einmal ein Aufsatz über "Aldi und die Volkskirche" auf meiner Aldi-Fan-Seite ¼ Und wer wissen will, welche Töne unsere Glocken anschlagen oder welche Konzeption unser Kindergarten zu bieten hat, wird natürlich auch fündig. Je breiter und "populärer" das Angebot, desto besser in diesem Fall! So bietet unsere Seite eine große Fundgrube über den Ort Gönningen - und die neuzuziehenden Gemeindeglieder werden natürlich auf dieses Angebot hingewiesen (und ggf. wird ihnen die Seite auf Diskette geliefert - einen Browser hat jeder Windows-Nutzer). Mittlerweile haben sich die Standards so entwickelt, daß es allerdings nicht schaden kann, wenn die Homepage von einem erfahrenen Web-Designer grafisch ansprechend und benutzerfreundlich eingerichtet wird; ein Arbeitskreis - ähnlich dem Gemeindebrief-Redaktionskreis - könnte sich um die inhaltliche Füllung kümmern.

Zielgruppen

Bei meiner Netz-Präsenz haben sich drei Zielgruppen herauskristallisiert: Da sind zum einen die Kollegen und kirchlichen Mitarbeiter, die die Möglichkeit nutzen, kostenfrei, schnell und in PC-gerechter Form an Anregungen oder Vorlagen für die eigene Arbeit zu gelangen: Pfarrer M. wählt sich noch schnell in Gönningen ein, wenn ihm sonntagmorgens kein eigener Einfall für das Eingangsgebet kommt. Das meiste, was "meine" Seite zu bieten hat, ist natürlich nichts Besonderes, aber bietet doch Ideen zur Weiterarbeit oder ist als Baustein verwendbar. Zugleich gehe ich natürlich auf die Kollegen, die mir ihre EMail-Adresse hinterlassen, zu, um sie meinerseits um Hilfe zu bitten.
Eine zweite Zielgruppe sind die erwähnten Gemeindeglieder, die diese anonymere und ohne großen Aufwand mögliche Kommunikations-Form und Informations-Möglichkeit schätzen. Eine dritte Zielgruppe sind die Personen, die sich für die - zum Teil ja ganz unkirchlichen - Themen und Angebote interessieren und vielleicht weiterstöbern ¼ Der typische Internet-User (mittleren Alters, gehobener Bildung und besserverdienend) ist ja sonst in der normalen Gemeindearbeit nicht gerade überrepräsentiert.

Noch ein Mausklick ¼

Mein Arzt wußte nach zwei Mausklicks die Anfangszeit unseres Konzerts: 17 Uhr. Und weil er jetzt schon mal "online" war, hat er mir auch gleich noch ein paar Zeilen über den Predigttext vom nächsten Sonntag zukommen lassen, den ich ihm in den Briefkasten (den elektronischen natürlich) gelegt hatte. Eine Bibel nimmt er sonst selten bis nie in die Hand ¼







Pfr. Alexander Behrend - 1998 - http://Behrend.home.pages.de - EMail Behrend@gmx.de