Was bringt die Aktion "neu anfangen"?


Von Roswitha Eberbach, Carl-Beer-Str. 5, 72750 Freudenstadt; im Januar 1996

Wer von der Aktion "neu anfangen" hört, ist beeindruckt von dem Aufwand an Zeit, Mitarbeitern und Kosten. Immer wieder wird bei Erstinformationen die Frage gestellt: "Lohnt sich dieses Engagement? Was bringt uns die Aktion und was bleibt danach?" Anhand der Aktion in Freudenstadt / Sulz möchte ich ausführen, daß sich die Aktion für uns "gelohnt" hat und Früchte gewachsen sind und noch wachsen:

Früchte in der Vorbereitungs- und Durchführungsphase

Einzelne, Gruppen, Gemeinden und Konfessionen kamen miteinander in Kontakt, die sonst keine Kontakte hatten oder ablehnten, und arbeiteten zusammen. Dadurch wurden Vorurteile abgebaut, Grenzen überschritten, man lernte sich kennen, verstehen und schätzen bis hin zu freundschaftlichen Beziehungen. Manche Schritte zu ökumenischer Zusammenarbeit waren schwierig; wo sie gelangen, war die Freude groß und anhaltend.
Die große Zahl der Laien war die tragende Säule der Aktion. Sie bekamen ein hohes Maß an Verantwortung, Selbständigkeit und Gestaltungsmöglichkeiten. Hauptamtliche übernahmen stärker als in der normalen Gemeindearbeit eine beratende, begleitende, unterstützende Funktion. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit wurde verstärkt.
Die Mitarbeiter/innen wurden durch intensive Schulungen, praxisnahe Arbeitshilfen und den "heißen Draht" zu Hauptamtlichen für ihre Aufgaben vorbereitet und darin begleitet. Sie gewannen deutlich an Kenntnissen und Erfahrungen und dadurch auch an Selbstbewußtsein. Die Arbeitshilfen und kompetenteren Mitarbeiter/innen waren und sind auch für andere Aufgaben in den Gemeinden ein Gewinn.
Für die Mitarbeit ließen sich Menschen gewinnen, die in diesen Aufgabenbereichen oder im kirchlichen Ehrenamt noch nie aktiv waren. Es erwies sich als Vorteil, daß die Aufgaben klar definiert und zeitlich begrenzt waren. Es kamen Mitarbeiter/innen ins Blickfeld, an die in der Kerngemeinde nie gedacht wurde. Manche Mitarbeiter/innen bekamen durch die Zusammenarbeit (neuen) Kontakt zur Gemeinde und zu Gott.
In den Sendungs- und Dankgottesdiensten, in Gebetskreisen und der geistlichen Begleitung der "heißen Phase" waren neue spirituelle und methodische Erfahrungen möglich, die überwiegend positiv aufgenommen wurden und in manchen Gemeinden zu einem "zweiten Gottesdienst- programm" führten.
In der "heißen Phase" herrschte in allen Telefonzentralen eine hervorragende Atmosphäre und eine intensive Gemeinschaft. Immer wieder wurde betont, den "Leib Christi" noch nie so positiv und stark erlebt zu haben. Ich kann diese Aussage nach zwanzigjähriger Tätigkeit in der Kirche und verschiedenen Aktionserfahrungen nur unterstreichen: Ich habe noch nie so viele und so begeisterte Mitarbeiter/innen erlebt wie bei "neu anfangen"! Diese Erfahrung gibt Kraft für die Belastungen und läßt uns dankbar zurücksehen.
In der "heißen Phase" wurden die Kirchen und die Aktion "neu anfangen" zum Ortsgespräch. Überall fanden - vorwiegend positive - Gespräche über Kirche, Aktion, Buch und Glaubensfragen statt. Der christliche Glaube und die Christen wurden zum Tagesgespräch. Sehr positiv reagierte die Öffentlichkeit auf die ökumenische Zusammenarbeit.
80 % der Bevölkerung wurde durch die Aktion telefonisch persönlich erreicht. Dabei war die Zahl der negativen Reaktionen sehr gering. Selbst bei Personen, die das Buch ablehnten, gab es immer wieder gute Gespräche. Von den Angerufenen bekamen 64 % das Buch - überwiegend persönlich - gebracht. Auch bei der Buchübergabe kam es zu vielen guten Gesprächen, wieder bis zu seelsorgerischem Charakter oder einem dauerhaften Kontakt.
Von den Personen, die ein Buch bekamen, waren 18 % an einer Gesprächsgruppe interessiert, davon nahmen ca. 70 % tatsächlich an den Gesprächsgruppen teil. Die Nachfrage nach den Gesprächsrunden übertraf alle Erwartungen. Auch hier konnte von allen Beteiligten noch einmal erlebt werden, was "Priestertum aller Gläubigen" bedeutet. In fast allen Gruppen gelangen gute und offene Gespräche über "Gott und die Welt". An den Gesprächsrunden nahmen viele Personen teil, die keinen oder wenig Kontakt zur Kirchengemeinde hatten. Über die Hälfte der Teilnehmer/innen war zwischen 18 und 50 Jahren alt. Damit wurde die eigentliche Zielgruppe (Kirchenferne der mittleren Generation) deutlich stärker erreicht als bei allen bisherigen missionarischen Aktivitäten. Einige Menschen fanden durch die Aktion zu einem persönlichen Glauben.

Was bleibt zwei Jahre danach?

Mehr als die Hälfte der Gesprächsgruppen gingen weiter und wurden zu Hauskreisen, die fast alle noch existieren. Die gewonnenen Fähigkeiten, Erfahrungen und das gewachsene Selbstbewußtsein der Mitarbeiter/innen wirken weiter in die Gemeindearbeit hinein. Einzelne Teilnehmer/innen der Gesprächsrunden nehmen aktiv am Gemeindeleben teil oder wurden zu Mitarbeiter/innen. Neue, offenere Angebote finden im Gottesdienst und Programmangebot der Gemeinden statt. Die ökumenische Zusammenarbeit ist besser und wird weiter ausgebaut.

erschienen in: Kirche in Bewegung, Zeitschrift des Gemeindekollegs der VELKD in Celle, Jg. 6, Nr. 9, Sommer 1996