"neu anfangen" - zwischen Offenheit und Konturenlosigkeit

oder: Zur Theologie von "neu anfangen"

1 Vorab gesagt
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Sie waren fromm, bibelfest, gebetsgeschult (die meisten jedenfalls) die Frauen und Männer in Sulz am Neckar, mit denen ich als Projektleiter "Buch" in der heißen Phase die Aktion vor Ort mittragen und mitgestalten durfte.
Fromm, bibelfest, gebetsgeschult und sie stehen mitten im Leben und unserer Zeit.
An vielen von ihnen (es gab freilich auch "die anderen") habe ich gelernt, daß das kein Widerspruch sein muß.
Im Gegenteil: Wo Menschen der verschiedenen Prägungen endlich einmal (wieder) das persönliche Gespräch über Substanzielles wagten, kam Gutes bei heraus und allen tat es gut.
Soviel zu meinem Hintergrund, auf dem die folgenden schlagwortartigen Ausführungen über die Theologie von "neu anfangen" vielleicht besser verständlich sind.
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2 Zur Sache gesprochen
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2.1 "neu anfangen" ist auf persönliche Begegnung aus: Die Menschen sind die Theologie!
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2.1.1 "neu anfangen" glaubt an das "Wort, das Fleisch wurde" dieses fleischgewordene Wort lebt in den Zeuginnen und Zeugen ihres Glaubens.
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2.1.2 Gefragt sind heute Zeuginnen und Zeugen, also Menschen, die in ihrer Person das verkörpern, was sie vertreten; "out" sind Missionarinnen und Missionare, die reden, ohne an ihrem wirklichen Lebenvollzug teil zu geben.
Natürlich gibt es auch jenes Klientel, das die starke, z. B. charismatische Persönlichkeit sucht, von der man sich leiten lassen kann. Diesen Bedürfnissen geht "neu anfangen" nicht nach "neu anfangen" geht davon aus, daß es viele Menschen gibt, die sich über den Glauben austauschen möchten; die erleben möchten, daß ihr Glaube ernst genommen wird; die an anderen sehen wollen, wie das bei jenen geht zu glauben.
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2.2 "neu anfangen" bindet weder Mitarbeitende noch Angesprochene an inhaltliche theologische Vorgaben.
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2.2.1 "neu anfangen" lebt von der Spannung zwischen verschiedenen Frömmigkeitsstilen und Glaubenseinstellungen.
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2.2.1.1 Diese sind kein Defizit, sondern eine Grundkonstante des christlichen Glaubens, der zwar Fundamente hat, der aber nie fundamentalistisch sein kann.
Mir wurde es während der Arbeit am Projekt immer wichtiger, gerade diesen Punkt gegenüber anderen, dem ersten Anschein nach ähnliche Projekte zu betonen. Gerade darin, sich über Frömmigkeits- und Konfessionsgrenzen hinweg zu begegnen machte den Reiz der Sache aus (und machte sie manchmal freilich auch anstrengend) und bereitete uns auf echte und offene Gesprächewährend der "heißen Phase" vor. Mission und Evangelisation sind unserem Glauben zu zentral, als daß sie evangelikalen Gruppierungen und ihren Theologien allein überlassen werden dürften! Dazu ist freilich die folgende Vorentscheidung bedeutsam:
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2.3 "neu anfangen" geht davon aus, daß Glaube ins Gespräch gebracht werden kann.
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2.3.1 "neu anfangen" geht davon aus, daß Glaubensvor- und einstellungen wandelbar und persönlich verankert sind.
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2.3.2 "neu anfangen" will das missionarische Oben-Unten-Schema überwinden durch eine Gesprächskultur, die gegenseitige Bereicherung ermöglicht. So entspricht menschliche Mission der Mission Gottes, der nicht "oben" blieb, sondern "runterkam".
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2.3.3 "neu anfangen" geht von der rettenden Heilstat Gottes in Jesus Christus aus, die allen Menschen gilt.
Zu einer echten Begegnung kann es allerdings nur dann kommen, wenn auch die, die das Gespräch initiieren, sich selbst einbringen mit dem, was besser: der ihnen unbedingt wichtig ist, sie trägt und in Freiheit und Verantwortung leben läßt. Davon wissen sie zu reden.
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3 Zum Schluß bemerkt
Freilich, es gab in unserem stark neupietistisch geprägten Landstrich auch die anfangs erwähnten "anderen": Mitarbeitende, die nicht über den Schatten ihrer vereinfachenden Grenzziehungen zwischen solchen, die "es" haben, und denen, die "es" nicht haben, hinauskonnten. Aber selbst bei ihnen war im Vollzug der Aktion zu spüren, daß sie neue Erfahrungen machten; denn auch unsere als so unkirchlich und unchristlich eingeschätzten Zeitgenossinen und genossen wissen ihren Glauben oft selbstbewußt zu vertreten. Insofern brauchen sich weder ein Leitungskreis, noch die Pfarrerinnen und Pfarrer übergroße Sorgen zu machen: Wir sprechen mit "neu anfangen" erwachsene, selbstverantwortliche Menschen an, die für sich selbst sorgen können. Insofern sind allzugroße Bemühungen, die Mitarbeitenden auf die "richtige Linie" zu bringen gar nicht so wichtig. Ein wenig Vertrauen in den Heiligen Geist, der das Priestertum aller Glaubenden erfunden hat, und den gesunden Menschenverstand dürften hier zu dem anstiften, was der Hamburger Trendforscher Matthias Horx als den protestantischen Wert überhaupt diagnostizierte: Gelassenheit bei einem "umtriebigen" Projekt wie "neu anfangen" sicherlich keine kleine Tugend.

erschienen in: Kirche in Bewegung, Zeitschrift des Gemeindekollegs der VELKD in Celle, Jg. 6, Nr. 9, Sommer 1996