"neu anfangen - Christen laden ein zum Gespräch"

Zehn Jahre neu anfangen - Christen laden ein zum Gespräch

Pastor Helmuth Reske, geboren 1934; Leiter der Missionarischen Dienste im Amt für Gemeindedienst der ev.-luth. Landeskirche Hannover; Studium der Theologie in Göttingen und Hamburg; Gemeindepastor in Wolfsburg und Ovelgönne; Diakoniepastor in Celle; von 1978-1989 Superintendent in Winsen/Luhe; Archivstraße 3, 30169 Hannover

Gut zehn Jahre nach dem Start des ersten Projektes neu anfangen im Norden Hamburgs hat im Februar dieses Jahres in Hermannsburg eine Auswertungstagung mit 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus 17 Projekten stattgefunden. Auch wenn die Ergebnisse der Auswertungstagung im einzelnen noch nicht vorliegen, so können doch eine Reihe von Erfahrungen und Einsichten gebündelt hier mitgeteilt werden. Die überaschende und einstimmige Feststellung aller Tagungsteilnehmer, die sich teilweise persönlich gar nicht kannten, gipfelte in dem Satz, "neu anfangen ist immer noch lebendig".

Es ist unstrittig, daß ein ökumenisches Projekt auf der Ebene eines Kirchenkreises, eines Dekanats oder einer Stadt die Ökumene belebt. Einige Mitarbeiter sprachen gar von einer "überwältigenden Erfolgsstory", während andere von Verhinderungskampagnen und mühsamer Koordinierungsarbeit zu erzählen wußten.

Eine Tatsache trat immer wieder in den Vordergrund, daß in jeder Region ein anderes zwischengemeindliches und zwischenkirchliches Klima vorliegt, und es immer wieder von den betroffenen Personen in der Entscheidungsphase abhängt, ob und wie das Projekt überhaupt eine Startchance erhält.

In den Antworten der Tagungsteilnehmer auf die fünf Fragen der Tagungsleitung spiegeln sich die Motive, Themen und Ergebnisse der Aktionen in einem breiten Spektrum wider.

Was war für Ihre Region der Gewinn von neu anfangen? Was hat neu anfangen gebracht?

"Es gibt ein anhaltend gutes ökumenisches Klima in unserer Region." Das Selbstbewußtsein der Laien ist gewachsen. Das zeigt sich vor allem in der entwickelten Sprachfähigkeit der Laien in Glaubensdingen. Die Herausforderung dere hauptamtlichen Mitarbeiter bestand darin, das Deligieren von Verantwortung an Laien einzuüben und zu lernen. Menschen fanden zum Glauben oder haben sich wieder ihrer Gemeinde genähert. Bestehende Kontakte wurden intensiviert und neue sind entstanden. Die gegenseitige Wertschätzung zwischen den Gemeinden und Konfessionen ist insgesamt gewachsen.

In einer rheinischen Kleinstadt heißt es zusammenfassend: "Wir hatten das Erlebnis freudiger christlicher Gemeinschaft in konfessioneller Verschiedenheit." Für viele Projektbeteiligte bestand der Gewinn darin: Wir machen etwas miteinander, wir nehmen neu wahr, wer überhaupt in unserer Gemeinde lebt. Für die Eingeladenen bestand der Gewinn darin, daß sie die Erfahrung machen konnten: "Kirche kommt auf mich zu, ich bin nicht nebensächlich."

Wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird, hat neu anfangen Kreise gezogen, die wieder auf die Gemeindeebene zurückgeschwappt sind. Für die Initiatoren bestand der Gewinn vor allem darin, daß sich viel mehr Menschen in den Gemeinden zur Mitarbeit bewegen lassen, als am Anfang angenommen wurde. Vor allem sind viel mehr Menschen auch bereit, sich als Christen zu exponieren. Hier liegt eine Reserve bereit, die bei anderen Aktionen aktiviert werden kann. Menschen merken, daß sie in der Kirche vorkommen und wichtig sind. Für mehrere Wochen waren die Themen Gott - Glaube - Kirche in der Stadtöffentlichkeit präsent. Dem Kompetenzzuwachs der Mitarbeiter auf pädagogisch-organisatorischem Gebiet entspricht die Emanzipation der Nicht-Theologen auf spirituellem Gebiet. Immer wieder wird die Erfahrung der Entdeckung, wie es den Menschen in der eigenen Stadt geht, betont. "Wir haben Menschen wahrgenommen, von deren Existenz wir nichts ahnten."

Welche Hauptprobleme (intern/extern) gab es bei der Entwicklung und Durchführung von neu anfangen?

Die Schwierigkeiten bei der Entwicklung des Projektes lassen sich kaum auf einen Nenner bringen. In einigen Regionen gab es einen erbitterten Widerstand evangelischer Gemeinden oder evangelischer Pastoren, der bis zu einer offenen Feindschaft und zu Verleumdungen reichte. Bei den Hauptamtlichen waren auch Ängste vor Überforderung und Abwehr gegenüber der Telefonaktion vorhanden.

Es zeigte sich wiederholt, daß der starke Individualismus von evangelischen Pastoren ein großes Hindernis sein kann, eine gemeinsame Aktion durchzuführen. Man will sich nicht in die Karten der eigenen Gemeindearbeit gucken lassen. Es fanden in einigen Regionen zu wenig Auseinandersetzungen und Beteiligungen der Gemeindegremien im Vorfeld des Projektes statt. Hier haben hauptamtliche Mitarbeiter vorweg entschieden, was für ihre Gemeinden gut ist. Es gab auch die Einstellung eines neutralen Nichtstuns: "Laßt die mal machen. Sie werden schon sehen, was dabei herauskommt."

Ausschlaggebend für die Durchführung von neu anfangen waren in vielen Regionen Multiplikatoren mit Ausstrahlung, ein Initiativkreis, der heterogen zusammengesetzt war, eine gute Grundinformation über den Projektverlauf. Schließlich haben die Mutigen und Engagierten die anderen zur Mitarbeit "mitgezogen", wobei gelegentlich auch das Abrücken von den eigenen innergemeindlichen Problemen hin zu dem wesentlichen Auftrag der Kirche den Ausschlag gegeben hat.

Jemand stellte fest: "Nachdem alle Argumente auf den Tisch gelegt waren, stellte es sich heraus, zu neu anfangen gibt es in unserer Region keine echte Alternative. Es ist die einzige Möglichkeit, etwas Neues gemeinsam für unsere Stadt zu tun." Gerade in den Projekten der letzten Jahre ist zudem die Einsicht gewachsen, wir müssen missionarisch etwas tun für die Menschen, die der Kirche und dem Glauben distanziert gegenüber stehen. Wir dürfen sie nicht mehr links liegen lassen.

Ist dere Anspruch von neu anfangen, überwiegend die kirchlich Distanzierten erreichen zu wollen, eingelöst worden?

Auch wenan der Nachweis im einzelnen nicht leicht zu führen ist, stellt sich doch als Endergebnis heraus, daß in den Gesprächsrunden 40 bis 50 Personen auf Grund von neu anfangen wieder in die Kirche eingetreten sind. Die kirchlich Distanzierten ließen sich ansprechen, obwohl nur sehr selten danach ein längerfristiges Engagement zu verzeichnen war. Für einige Fromme stand das Urteil von vornherein fest: "Das war ja nur ein Strohfeuer."

Einige distanzierte Christen hatten den Eindruck, die Kirche hat hier einen wichtigen Startschuß gegeben. Sie selber sei aber nicht wirklich losgelaufen. Nur die Menschen, die mit Geduld und Behutsamkeit über längere Zeit begleitet wurden, sind bei der Gemeinde geblieben oder haben einen neuen Zugang zu ihr gefunden. Es gab auch unterschiedliche Wahrnehmungen, daß in einigen Regionen die Distanzierten in den Gesprächsgruppen überwogen, während andernorts mehr kirchlich Gebundene vertreten waren. In den Städten betrug der Anteil der aus der Kirche Ausgetretenen in den Gesprächsgruppen acht bis zehn Prozent. Alle diese Wahrnehmungen müssen mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden, da es keine klaren Kriterien gibt, wr als kirchlich distanziert einzuschätzen ist.

Welche Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen hat das Projekt erbracht? Was war positiv - was war negativ?

Die Delegation von Verantwortung an Laien hat sich bewährt. Dadurch ist das Selbstbewußtsein der Ehrenamtlichen erheblich gestiegen. Allerdings taten sich manche Hauptamtlichen schwer, die Verantwortung mit Ehrenamtlichen zu teilen oder gar zu delegieren. Das Zusammenwirken von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen an einem gemeinsamen Projekt, in dem beide Lernende, Fragende und Suchende sind, hat insgesamt eine sehr positive Wirkung gehabt, deren Ausmaß nur geschätzt werden kann.

Nachdem die Kompetenz den Laien zugesprochen worden ist, wurde sie von ihnen auch angenommen und teilweise auch eingeklagt. Das zeigt sich in manchen Regionen heute noch daran, daß Laien selbstbewußter und profilierter an kirchlichen Entscheidungsprozessen teilnehmen. Die Zusammenarbeit wurde positiv erlebt, weil einer dem anderen mit seiner Kompetenz und Erfahrung helfen konnte. Man hat voneinander gelernt. Die Hauptamtlichen haben begriffen, die Laien können es auch oder noch besser, während die Laien erkannt haben, daß sie sich mehr zutrauen können. Das gegenseitige Vertrauen ist im Prozeßverlauf gewachsen. Allerdings sind auch Grenzen der Belastbarkeit deutlich geworden. Einige Ehrenamtliche fühlten sich bei wichtigen Aufgaben alleingelassen.

Neu anfangen - und was dann?

Das Projekt ist längst zu Ende, aber die Gemeindearbeit ist weitergegangen. Einige Gesprächskreise existieren heute noch oder wurden in veränderter Form weitergeführt. Nach den Projekten haben sich gute Anknüpfungsmöglichkeiten für Glaubenskurse, Fortbildungsseminare und ökumenische Gottesdienste ergeben. In einigen Regionen gibt es regelmäßig ökumenische Mitarbeitertreffen, z.B. zum Thema "Christ sein in der Familie", "Christ sein im Alltag". Man lädt sich gegenseitig zu Kirchenvorstandssitzungen ein. Es gibt einen ökumenischen Terminkalender, der alle wichtigen Termine der christlichen Gemeinden vor Ort zusammenfaßt.

Die ökumenische Spiritualität wurde weiter entfaltet und in konkreten neuen Aktionen sichtbar. Hauskreise, Oase-Tage, Gottesdienst-Frühschoppen wurden neu eingeführt. Es ist ein verstärktes Interesse an geistlichen Themen wahrzunehmen. Ein Netzwerk von persönlichen Beziehungen ist entstanden, aber gleichzeitig auch das Gefühl des Alleingelassenseins, weil es auf der Ebene des Projektes keine gemeinsame Anlaufstelle und keine Person mehr gibt, die hier Impulse und Anstöße geben. Hier müssen sich die Verantwortlichen fragen lassen, ob sie Chancen der gemeinsamen Weiterarbeit in der Region verschenkt haben.

Konsequenzen

Die Schlußfolgerungen aus der Auswertungstagaung weisen für mich in drei verschiedene Richtungen:

Unter welchen Voraussetzungen kann und soll ein neues Projekt in einer Region gestartet werden?

- Ohne eine gemeinsame Inspiration und Planung aller Beteiligten in einem Initiativ- oder Trägerkreis von Anfang an ist ein Projekt wie neu anfangen kaum durchzuführen. Wer zu sehr sein eigenes Gemeinde- oder Frömmigkeitsprofil durchsetzen möchte, verhindert das Wachsen einer ökumenischen Gemeinschaft. Ohne einen gegenseitigen Vertrauensvorschuß (Glauben wir uns unseren Glauben?) kann neu anfangen nicht gedeihen.

- Es ist von Anfang an wichtig, daß die unterschiedlichen Rollen und Funktionen von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen geklärt und aufeinander bezogen werden. Wenn vor allem die Pastoren und Pastorinnen nicht einsehen, welche unterstützende und begleitende Aufgabe sie im Rahmen des Prozeßverlaufs haben, ist jede Propagierung von neu anfangen als "Laienprojekt" nutzlos. Außerdem hängt dann die Weiterarbeit mit den Wirkungen von neu anfangen in der Luft.

- Neu anfangen sollen am aktuellen Kontext von Bedürfnissen, Problemen und Beziehungen einer Region neu "inszeniert" werden, auch wenn es nicht neu erfunden werden muß. Es kann auf ein bewährtes Ensemble von Materialien, Methoden und Prozeßschritten zurückgreifen. Gerade die Berücksichtigung der besonderen Erfordernisse einer Stadt oder einer bestimmten Kulturlandschaft wehrt dem Mißverständnis, hier werde ein fertiges Projekt von außen importiert und einfach "durchgezogen". Neu anfangen lebt von der Pluralität der Vielen, die konkret für ihren Glauben einstehen.

Was kommt danach?

- In allen Projekten wird eine schmerzliche Spannung zwischen dem notwendigen Abschluß der Aktion und der Aufgabe einer irgendwie gearteten Weiterarbeit mit den Ergebnissen von neu anfangen erlebt.

- Es ist zu kurzschlüssig, die Ergebnisse von neu anfangen nur darin zu sehen, daß noch soundsoviele Hauskreise und Gesprächsrunden existieren oder diese oder jene ökumenische Veranstaltung in der Region stattfindet. Jede Gemeinde muß für sich klären, welche neuen Ziele sie sich auf dem Hintergrund der Projekterfahrungen setzen will, z.B. Aufbau eines Besuchsdienstes, Einladungen zu Fortsetzungsangeboten für die Gesprächsgruppenteilnehmer, notwendige Veränderungen im Gemeindeklima usw. Ohne eine realistische Neubestimmung von Zielen für die Gemeindearbeit bleibt die Weiterarbeit in einer nostalgisch anmutenden Erinnerung an die "schöne" Zeit von neu anfangen stecken.

- Wenn manchmal wehmütig oder realistisch festgestellt wird, daß neu anfangen keine kirchliche Revolution oder Innovation für den Gemeindeaufbau ausgelöst habe, dann muß kritisch zurückgefragt werden, ob man etwa mit dieser hohen Erwartung dieses Projekt begonnen habe. Gerade die Betonung im Projekttitel, "Christen laden ein zum Gespräch", zeigt an, daß hier nicht für eine bestimmte Gestalt von christlicher Gemeinde oder für eine Kirche bzw. Konfession geworben wird. Rolf Heue hat einmal bei der Bewertung des Projektes neu anfangen in Winsen/Luhe erklärt, es vergrößere nur für eine bestimmte Zeit die Kontaktflächen zwischen den Menschen und der Gemeinde. Was man daraus mache, wie weit man diese Begegnungszeiten für weiterführende Kontakte und Vertiefungen nutzen könne, sei eine Sache der beteiligten Gemeinde und könne nicht mehr als ökumenisches Projekt gehandhabt werden.

- Allerdings fragen immer mehr Gemeinden, die neu anfangen durchgeführt haben, nach einigen Jahren danach, wie ein weiterführendes Projekt entwickelt und angeboten werden könne.

Wie kann die Beratung und Unterstützung von neu neu anfangen-Projekten auf der Ebene der AMD bzw. EKD gefördert und verbessert werden?

- Die Möglichkeiten der Unterstützung und Beratung von neuen Projekten in Deutschland sind noch längst nicht ausgeschöpft. Dazu bedarf es allerdings in allen Landeskirchen und Diözesen einer besseren Grundinformation über das Projekt und verbesserter Verfügbarkeit von Materialien und projekterfahrenen Beratern.

- Dringend notwendig ist die Entwicklung eines neuen Handbuchs für Projektleiter, in dem alle Materialien und Projektschritte zusammengefaßt sind. Ein hauptamtlicher Projektleiter auf Zeit ist nötig und wichtig, sonst ist die Koordination der ehrenamtlichen Aktivitäten zu mühsam.

- Das Konzept von neu anfangen wartet noch auf seine Bewährungsprobe in den neuen Bundesländern. Es ist sicher nicht im vollen Umfang übertragbar und muß überarbeitet werden. Hier muß auch die diakonische und seelsorgerliche Kraft der christlichen Gemeinden in das Gesamtkonzept von neu anfangen eingebracht werden.

- Angefordert wird die Erstellung eines Info-Magazins mit Erfahrungen aus verschiedenen Projekten mit der Darstellung eines typischen Projektverlaufs und einer Liste abrufbarer Materialien und verfügbarer Dienstleistungen.

Kontaktadressen

Hans Zinnow, Geschäftsstelle der AMD, Schönhauser Allee 59 10437 Berlin, Telefon: 030/44660-418; Fax: 030/44660-422

Rolf Sturm, Leiter des Gemeindekollegs der VELKD, Berlinstraße 4-6, 29223 Celle, Telefon: 05141/53014; Fax: 05141/53016

Ernst Werner, Zentralstelle Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße 163, 53413 Bonn, Telefon; 0228/103-228; Fax: 02251/61500

erschienen in: Brennpunkt Gemeinde Juli/August 1996, Seite 154-157.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers.