Neu anfangen - trau ich mich?

von E. Fink, Bayreuth

(Veröffentlicht in Brennpunkt Gemeinde, 6/96, S. 231f; mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin)



Als der Funke neu anfangen durch persönliche Kontakte von Erlangen nach Bayreuth "übersprang", hatte ich mich als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Bayreuth für oder gegen die Durchführung der Aktion zu entscheiden. Am Abend vorher gingen mir beim Lesen von Informationsmaterial widersprüchliche Gedanken durch den Kopf.
Ich lese: neu anfangen - ein missionarisches Projekt.
Missionarisch! Will ich jemanden missionieren? Frühere verfehlte Missionspraktiken fallen mir ein - aufdrängen, entwurzeln, das drängt sich mir auf! "Ich unterhalte mich gern mit ihnen, aber missionieren lasse ich mich nicht." So oder ähnlich sichere ich mich ab, ehe ich Jehovas Zeugen ins Haus bitte. Wo ist da der Unterschied?
Aber da steht fettgedruckt: Freiwilligkeit - wir laden telefonisch ein.
Das ist ein anderer Klang. Es ist ein großer Unterschied, ob Zeugen Jehovas vor unserer Tür den Fuß schon halb im Wohnzimmer haben, oder ob ich Menschen telefonisch in unser Wohnzimmer einlade. Das liegt im Ermessen des Eingeladenen, das Telefon bietet Distanz - er kommt freiwillig oder gar nicht!
Weiter heißt es: Das Telefon ist die erste Kontaktbrücke zu den Menschen der Stadt.
Ist nicht unere Zeit trotz oder gerade wegen vieler technischer Möglichkeiten anonym, arm an menschlichen Beziehungen? Neu anfangen aber ermöglicht es den Christen verschiedener Konfessionen, innerhalb kurzer Zeit mit allen Menschen der Stadt ins Gespräch zu kommen - ein ganz neuer, faszinierender Gedanke!
Dann: Wir bieten kostenlos ein Buch an.
Bieten an! Außer Verwandten und Bekannten, wer ruft da alles an: Wein-, Gedenkmünzen- und Zeitungsverkäufer, der Versicherungsvertreter und der Eismann - alle bieten an, wollen ein Geschäft machen. Marketing! Und die Kirche schwimmt mit! Aber sie will doch nichts verkaufen, sondern schenkt jedem, der es will, kostenlos ein Buch. Wird nicht immer zynisch von der Kirche gesagt, sie sei seliger im Nehmen denn im Geben? Da muß so etwas doch ankommen!
Was soll ankommen? Christen erzählen darin, wie sie ihren Glauben erfahren.
Nein ich nicht! Es gibt schließlich viele Christen. Dazu noch jeder Beitrag mit Bild - niemals! Alle Nachbarn, die vielen Leute, die mich kennen, sollen erfahren, wie es um meinen Glauben steht? Das ist doch meine ureigenste Sache, die ich nicht in aller Öffentlichkeit ausbreiten kann. Ja, die Frauen der Freikirchen - von ihnen ist jede gewissermaßen ein Sprachrohr ihres Glaubens. Sie sollen das nur machen, ich halt mich da raus. Aber diesen Ausspruch lasse ich doch sonst nicht gelten. Ich lese schnell weiter.
Wir sprechen im Wohnzimmer über unseren Glauben.
Auch das noch! Singen und beten in der Kirche und Gemeinde, das bin ich gewohnt. Aber in meinen eigenen vier Wänden fremden Menschen erzählen, wo meine Beziehung zu Gott glückt, wo mein Glaube schwach ist, wo ich Zweifel habe! Ich spüre, wie ich erröte, wie meine Hände schwitzen, höre meine stockenden Worte.
Aber warum diese Peinlichkeit? Was ist nicht alles Gesprächsthema, wenn ich mich über den Zaun mit der Nachbarin, mit meiner Freundin unterhalte: Über Gott und die Welt reden, sagt man da. Eben nicht! Nur über die Welt. Gott und Glaube sind keine Themen. Dieser Bereich ist tabu!
Ich horche in mich hinein: ehrfürchtiges Schweigen vor dem, was mich im Innersten bewegt, oder ich erschrecke: Ich schäme mich meines Glaubens!
Nein! Ich will heraus aus meinem Herrgottswinkelglauben. Will ihn nicht gerade auf den Markt tragen, aber er darf nicht sprachlos sein. Ich überfliege den nächsten Absatz, stocke bei Zeugnis geben. Zeugnis - Jehovas Zeugen - schon wieder! Nochmals Unsicherheit. Was heißt eigentlich Zeugnis geben? Glauben aus eigenem Erleben bekunden.
Langsam begreife ich: Neuanfang nicht zuerst für die Angerufenen, sondern für mich.
Ich blättere um. In fetten Lettern springt mich geradezu an: Neu anfangen - Wagnis und Chance zugleich! Das trifft mein Gefühl. Wir Christen brauchen ein neues Charisma, die Kirche ein neues Profil. Sie beschreitet einen neuen Weg. Und ich? Halte ich nicht oft meine Kirche für unbeweglich? Sie will Ungewöhnliches wagen und ich zögere!
Nein - ich traue mich, gehe mit, fange neu an. Ich habe am nächsten Tag in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen für die Durchführung der Aktion gestimmt und mich zur Mitarbeit entschlossen. Ich verdanke ihr sehr viel. Vor allem aber habe ich gelernt, angstfrei meinen Glauben zu bekennen und dabei erfahren, wie beglückend es ist, mit anderen Menschen über die heilende Kraft Gottes zu sprechen.
Neu anfangen ist ein hauptsächlich von Laien getragenes ökumenisches Projekt mit dem Ziel, möglichst viele Menschen einer Stadt oder Region auf ihren Glauben hin anzusprechen. Ein eigens erstelltes Taschenbuch, in dem Christen erzählen, wie sie ihren Glauben im Alltag erfahren, wird kostenlos per Telefon angeboten. Anschließend wird zu Wohnzimmer-Gesprächen über den Glauben eingeladen.