Essentials des Projektes neu anfangen

Vorbemerkung

Das ökumenische Projekt neu anfangen ist seit 1985 in insgesamt 25 Regionen (der "alten" Bundesrepublik) durchgeführt worden. Die Aktion lief sowohl in Groß- und Kleinstädten als auch in ländlichen Regionen.

Während einer Tagung unter dem Titel "10 Jahre neu anfangen - was nun?" vom 2.-4.2. 1996, zu der Beteiligte aus allen bisherigen Projekten eingeladen waren, wurden die Erfahrungen, die in den unterschiedlichen Kontexten gemacht wurden, ausgewertet.

Als ein Ergebnis der Auswertungstagung läßt sich schon jetzt festhalten: die Stärke von neu anfangen liegt darin, daß das Projekt einerseits eine klare Struktur hat und anderseits den Verhältnissen in der jeweiligen Region elastisch angepaßt werden kann.

neu anfangen ist nur eines der zahlreichen missionarischen Projekte, die zur Zeit in der kirchlichen Landschaft Deutschlands anzutreffen sind. Es gibt Glaubenskurse ("Christ werden - Christ bleiben"), kommunikative Projekte ("Brücken bauen"), Großevangelisationen ("Pro Christ"), Gemeindepflanzungen ("church planting"), Gemeindemissionen u.a.m. - missionarische Unternehmungen in verschiedener Gestalt und mit unterschiedlicher Intention.

neu anfangen ist also ein Weg unter vielen. Um so wichtiger ist es, zu beschreiben, was das Wesen dieses Projektes ausmacht. Was kann und will neu anfangen im Unterschied zu anderen Aktionen und Unternehmungen leisten?

Was macht neu anfangen zu neu anfangen?

"neu anfangen - Christen laden ein zum Gespräch", heißt der offizielle Titel des Projektes. neu anfangen braucht motivierte und dialogbereite Frauen und Männer, die als Christen gesprächsbereit und gesprächsfähig sind.

Dialogfähigkeit ist zum einen für den inneren Prozeß der Projektdurchführung notwendig: Christen verschiedener Konfessionen, die das Projekt gemeinsam durchführen, müssen "unterwegs" das Gespräch miteinander führen, wenn es zu einem Miteinander im Projekt kommen soll.

Dialogbereitschaft ist ebenso die Voraussetzung für eine wirkliche Begegnung mit denen, die durch einen Telephonanruf und mit Hilfe des Taschenbuches (oder über andere Medien) zum Gespräch in einer Wohnzimmerrunde eingeladen werden.

Daß sich römisch-katholische Pfarrgemeinden, evangelisch-landeskirchliche und freikirchliche Gemeinden an der Aktion beteiligen, ist ein deutliches Signal: Christen verschiedener Herkunft und Prägung verbindet der gemeinsame Wille, öffentlich für das Evangelium einzustehen.

Dabei müssen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kirchen nicht eingeebnet werden, sondern werden als Reichtum der Gemeinde Jesu Christi produktiv miteinander ins Gespräch gebracht.

Zu neu anfangen gehört ein konziliarer Prozeß , "das Miteinander-ins-Spiel-Kommen der Verschiedenen auf einem Weg der gegenseitigen Korrektur und Veränderung im Licht des Evangeliums" (Günter Breitenbach).

Es gehört zu den Essentials des Projekts, daß alle TelephonbesitzerInnen einer Region angerufen werden. Über Telephon (und Taschenbuch) sollen die Menschen erreicht werden, die zu den sogenannten "treuen Kirchenfernen" gehören, aber auch die, die keiner christlichen Kirche (mehr) angehören. Mit ihnen soll das Gespräch über den Glauben neu (oder erstmalig) angefangen werden. Dahinter steht die Überzeugung, daß es der Auftrag der Christen ist, das Evangelium ins Gespräch zu bringen - und daß eine solche Begegnung für alle Beteiligten eine lohnende Sache ist.

Der Wille zu einer Überschreitung der Grenzen bisheriger Gemeindearbeit gehört wesensmäßig zu neu anfangen.

neu anfangen zielt auf die "Kommunikation des Evangeliums" (Ernst Lange). Voraussetzung für einen gelingenden Kommunikationsprozeß ist, daß sich alle Beteiligten auf einen dialogischen Prozeß einlassen, der sie verändert - wenn es denn wirklich zum "Gespräch" gekommen und nicht bei einer einseitigen "Bezeugung" des Evangeliums geblieben ist.

neu anfangen geht davon aus, daß die Wahrheit des Glaubens immer wieder neu in der jeweiligen Situation erschlossen werden will. Was das Evangelium für heute bedeuten und bewirken kann, wird bei neu anfangen im Gespräch entdeckt und eröffnet.

neu anfangen will den christlichen Glauben für eine bestimmte Zeit in einer ganzen Region zum Thema machen. Deshalb gehört zu dem Projekt, daß in einem möglichst klar abgegrenzten Bezirk (einer Stadt oder eines Kreises) eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit (Plakate, Zeitung, Rundfunk ...) stattfindet, in der die Menschen mit dem Projekt und seiner Absicht vertraut gemacht und auf die Telephonanrufe in der sogenannten "heißen Phase" vorbereitet werden. Die Akzeptanz von neu anfangen ist um so höher, je mehr Menschen sich schon informiert fühlen, wenn sie der erste Anruf erreicht.

Im Unterschied zu klassischen Großevangelisationen, die mehr oder weniger auf einen Evangelisten (hier kann man tatsächlich fast ausschließlich die männliche Form gebrauchen) zugeschnitten sind und von ihm dominiert werden, lebt neu anfangen davon, daß der Glaube in vielfältiger Gestalt ins Gespräch gebracht wird. So werden in einem Taschenbuch verschiedene Erfahrungsberichte von Christen aus der Region zusammengestellt, damit deutlich wird, daß der eine Glaube in verschiedener Art und Weise ge- und erlebt wird.

Der Vielfalt der Erfahrungsberichte eines Taschenbuches entspricht die Vielzahl und Verschiedenartigkeit der Wohnzimmerrunden, zu denen für das Gespräch "über Gott und die Welt" eingeladen wird.

"Christen laden ein zum Gespräch" - der Untertitel von neu anfangen signalisiert, daß das Projekt vom Dialog aller Beteiligten lebt. Dieser findet bewußt nicht in kirchlichen, sondern in privaten Räumen statt: es geht bei neu anfangen um die "Begegnung auf Augenhöhe" mit den Menschen, die sich einladen lassen.

Nicht nur weil neu anfangen von den hauptamtlichen MitarbeiterInnen der beteiligten Gemeinden einer Region allein gar nicht durchzuführen wäre, gehört die partnerschaftliche Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen konstitutiv zum Projekt.

Der missionarische Auftrag der Kirche kann nur von allen ihren Gliedern gemeinsam wahrgenommen werden. Die ganze Gemeinde ist Trägerin der Mission Gottes in dieser Welt - und nicht alleine ihre hauptamtlichen MitarbeiterInnen.

neu anfangen braucht die verschiedenen Gaben der Vielen. Im Prozeß der Entscheidung, Planung und Durchführung des Projektes müssen die Ehrenamtlichen auf allen Ebenen gleichberechtigt beteiligt sein. neu anfangen lebt (wie Projektarbeit überhaupt) davon, daß Betroffene zu Beteiligten werden und so ihre je eigene Kompetenz entfalten und einbringen können.

Die vorhandenen Gremien sowohl einer Kirchengemeinde als auch einer Region (z.B. Kirchenkreis), die die "normalen" kirchlichen Abläufe verantworten, sind mit dieser Aufgabe in der Regel ausgelastet. Sie müssen neu anfangen grundsätzlich wollen, die Durchführung beschließen und unterstützen, aber sie können das Projekt nicht auch noch "managen".

Deshalb gehören zu jeder Aktion ein durch die Delegierten der am Projekt beteiligten Gemeinden gewählter Leitungskreis sowie die einzelnen Ausschüsse für bestimmte Themen (Buch, Mitarbeiterschulung, Öffentlichkeitsarbeit, Feste - Feiern - Gottesdienste ...). Die durch die Delegiertenversammlung demokratisch gewählten Gremien haben für die Zeit des Projekts die ihnen verliehene Entscheidungsvollmacht.

Wichtig ist, daß die Entscheidungskompetenz für die Weiterarbeit nach Abschluß des Projekts an die dafür zuständigen Entscheidungsträger und bestehenden Gremien in der Region und in den einzelnen Gemeinden zurückgegeben wird.

Rolf Sturm, Leiter des Gemeindekolegs Celle