"neu anfangen - Christen laden ein zum Gespräch" -

Eine dialogische Form evangelisierender Praxis in ökumenischer Zusammenarbeit

Beitrag Deutsches Pfarrerblatt 11/1994,534f "Aus der Werkstatt"

von

Alexander Behrend, Pfarrvikar
Plettenbergstr. 43
72172 Sulz a. N.
Tel. (07454) 4476

und

Dr. theol. Ansgar Krimmer, Pastoralassistent
Bodelschwinghstr. 35
72250 Freudenstadt
Tel. (07441) 84251


Sulz, den 03.08.94

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AUS DER WERKSTATT

"neu anfangen -
Christen laden ein zum Gespräch" -
Eine dialogische Form evangelisierender Praxis in ökumenischer Zusammenarbeit
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1. "neu anfangen" - das Projekt
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1.1 Entstehung und Verbreitung
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"Christen laden ein ..." - das ist nichts besonderes: Unsere Kirchen- und Gemeindehaustüren stehen angeblich jedem jederzeit offen; die Resonanz auf dieses Angebot stellt sich allerdings oft nicht im erwünschten Ausmaß ein. Seit gut zehn Jahren wollen Aktionen unter dem Titel "neu anfangen" den Weg aus den "heimischen vier Gemeinde-Wänden" heraus wagen. Telefonleitungen werden verlegt, um mit den Menschen einer ganzen Region Kontakt aufzunehmen, ihnen ein eigens für das jeweilige Projekt erstelltes Taschenbuch zum Geschenk anzubieten, zum persönlichen Gespräch in befristeten Wohnzimmerrunden einzuladen. In etwa 30 Aktionen im Bereich der alten Bundesländer konnten bislang überwiegend positive Erfahrungen mit dieser Arbeitsform gesammelt werden.
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1.2 Formen und Strukturen
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Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht die eigentliche Kontaktphase. In etwa drei Wochen werden aus in Gemeindehäusern eingerichteten Telefonzentralen alle Haushalte des jeweiligen Ortes in einer Region angerufen. Die Angerufenen sind über den Kontakt im voraus durch Wurfsendungen, Plakate und eine breite Öffentlichkeitsarbeit informiert. Durch einen zweiten Anruf werden die Taschenbuch-Empfänger zu fünf Gesprächsrunden eingeladen, die sich mit Grundfragen christlichen Glaubens beschäftigen.
Kennzeichnend für das ganze Projekt ist zum einen seine lange Vorbereitungszeit. Das Projekt muß konzeptionell implementiert werden, Strukturen auf regionaler Ebene geschaffen und die Mitarbeitenden geschult werden. Zum anderen ist "neu anfangen" ein "Laien"-Projekt. Zur Koordination sind zwar hauptamtliche Kräfte unverzichtbar; die Pfarrerinnen und Pfarrer haben die wichtige Aufgabe, das Projekt in die jeweilige Gemeindekonzeption einzubinden. Verantwortlich für die Durchführung sind aber letztlich die ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Sie treffen sich in Delegiertenversammlungen auf regionaler und Arbeitskreisen auf lokaler Ebene. Sie führen die Schulungen durch und bringen ihre Sachkompetenz bspw. bei der Erstellung des Taschenbuches ein - hier liegt eine Lernaufgabe für viele Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich ihrerseits in der "Laien"-Rolle wiederfinden.
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1.3 Intention und Adressaten
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Ziel der Aktion ist es, mittels eines offenen Gesprächs Menschen neue Zugänge zu einer Lebensgestaltung aus dem Glauben zu ermöglichen. Traditionelle Formen kirchlicher Verkündigung sollen dabei ebenso wie die konfessionellen Grenzen bewußt überschritten werden. Das primäre Medium ist das Gespräch. Zielgruppe sind dabei vor allem die Kirchenmitglieder, die das bisherige Gemeindeangebot nicht nutzen, gleichwohl eine grundsätzlich positive Einstellung zu Kirche und christlichem Glauben haben
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2. "neu anfangen" - aus der Praxis
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2.1 Vorbereitungen
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Über drei Jahre vor der "heißen Phase" begannen Sondierungsgespräche, in denen grundsätzliches Interesse an der Aktion deutlich wurde. Es bildete sich eine Region im Nordschwarzwald und dem Kleinen Heuberg heraus. Im Sommer 1992 wurde eine fünfköpfige Projektleitung eingesetzt, die arbeitsteilig die verschiedenen Bereiche verantwortete. Diese hauptamtlichen und meist zu einem Teil ihres Dienstauftrages für das Projekt freigestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führten im Herbst zahlreiche Informationsveranstaltungen in den Gemeinden durch. Schulungen, organisatorische Vorbereitungen und die Erstellung des Verteilbuches standen im Mittelpunkt des darauffolgenden Jahres. Es wurden handlungsorientierte Schulungsmaterialien zum Thema "Gebet" und "Vom Glauben reden lernen" erstellt. Die die Schulungen durchführenden Mitarbeitenden wurden zuvor in ihre Aufgabe eingeführt. Der Erstellung des Taschenbuches gingen ausführliche konzeptionelle Überlegungen voraus. In diesem farbigen, im Magazinstil gehaltenen Buch erzählen Menschen aus der Projektregion von ihren Erfahrungen mit dem christlichen Glauben. Es sollte zum einen den gegenwärtigen, an Bildern orientierten Rezeptionsgewohnheiten entgegenkommen und zum anderen Dialogbereitschaft signalisieren..
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2.2 Die Aktionsphase
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Im Januar 1994 wurde die Aktionsphase durch Sendungsgottesdienste eröffnet. Etwa 40.000 Telefonate wurden mit den etwa 30.000 Haushalten der ländlich strukturierten Region geführt. Bemerkenswert war die große Offenheit, in der die Gespräche am Telefon und bei der Buchübergabe geführt wurden. Im Vorfeld angemeldete Bedenken gegenüber dieser Aktionsform, besonders auch über deren Tauglichkeit für eine ländliche Region, wurden ausnahmslos zerstreut. Einige kleine Dörfer hatten sich dennoch entschlossen, statt der Telefon- eine Verteil- und Besuchsaktion durchzuführen. Auffallend war das hohe Interesse der Printmedien und des Rundfunks an der Aktion.
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2.3 Ergebnisse
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Von den Angerufenen wünschten zwei Drittel das Buch zu erhalten. Knapp 3.000 Personen nahmen an den Gesprächsrunden teil, von denen etwa ein Drittel auch nach Abschluß der Aktion weiterging. Einmal mehr bestätigte sich, daß durch "neu anfangen" vor allem die ansonsten schwer zu erreichende mittlere Altersgruppe ansprechbar ist. Getragen wurde die Aktion von knapp 1.500 Mitarbeitenden, darunter mehr als ein Drittel Männer.
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3. "neu anfangen" - Bewertung
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3.1 Beziehungsstiftendes Handeln ...
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Eine der eindrücklichsten Erfahrungen im Verlauf des Projekts war die Intensivierung der Beziehungen über die örtlichen und konfessionellen Grenzen hinweg. Menschen ganz verschiedener Frömmigkeitsprägung und Kirchenzugehörigkeit arbeiteten zusammen - nicht immer ohne Spannungen, wohl aber im fruchtbaren Miteinander. Hinter die ökumenischen Beziehungen, die an der Basis gewachsen sind, können die Kirchen nicht mehr zurück. Freilich wurden da und dort auch Grenzen deutlich; in manchen Orten wurde das Projekt nur von einer Konfession getragen, was bei den Angesprochenen jedoch oft auf Unverständnis stieß.
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3.2 ... der Gemeinden ...
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Entscheidend für den "Erfolg" der Aktion ist es, inwieweit eine Gemeinde bereit ist, den Angesprochenen Partizipationsmöglichkeiten zu ermöglichen. Es geht nicht, Menschen nur integrieren zu wollen; es muß möglich sein, daß sich eine Gemeinde durch die neu sich engagierenden oder neu wahrgenommenen Menschen verändert. Nur wo eine Gemeinde und deren Leitung bereit war, "neu anfangen" über eineinhalb Jahre zu einem Handlungsschwerpunkt zu machen und es gelang, das Projekt in die Gemeindearbeit zu integrieren, zeitigte es spürbare Auswirkungen auf das Gemeindeleben.
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3.3 ... im Dialog
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Das Projekt geht bewußt von einer volkskirchlichen Situation aus. Es arbeitet also nicht mit dem Schema "hie - Missionare - da - Missionsobjekte". Die Mitarbeitenden wollen einen unter christlichem Vorzeichen stehenden Gesprächsraum schaffen und sich selbst in dieses Gespräch einbringen. Die Aktion ist eher eine Einladung zur Tauferinnerung, eine Einladung zur Erinnerung an das Handeln Gottes in einer Biographie, das es wahrzunehmen gilt. Diese Intention muß sich im Dialog der Mitarbeitenden untereinander präfigurieren. Schon im Vorfeld sind Menschen über ihren Glauben ins Gespräch gekommen, haben Hauptamtliche dazugelernt für die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen. Bei alledem ist Transparenz ein wichtiges Charakteristikum: Den Angesprochenen wird jederzeit ein Ausstieg aus dem Kontakt ermöglicht; jederzeit wird mit "offenen Karten" gespielt. So läßt sich die Erfahrung machen, daß - zumindest bei uns - die Kirche besser ist als ihr massenmedialer Ruf und Menschen Interesse am christlichen Glauben haben. Die Kirchen- und Gemeindehaustüren stehen bei uns nun einen Spalt weit offener.