Bibelabend 24.1.97 Gönningen - Markus-Bibelwoche
Markus 10,35-45
Was soll ich für euch tun?
Vom Herrschen und vom Dienen
"Liturgie"
EG 391 "Jesu, geh voran"
Psalm 22 II = EG 710
Einführung
Weggeschichten
Weggeschichten -
auf dem Weg zwischen Galiläa und Jerusalem geschieht so einiges:
Besessene werden frei,
Kranke werden geheilt,
der Glaube wächst und stürzt in Krisen,
Nachfolge will eingeübt sein.
Um diese Nachfolge geht es in unserem heutigen Text aus dem Markus-Evangelium.
Markus
Das Markus-Evangelium:
Jesus-Geschichte einer Gemeinde,
die sich um das Jahr 70 herum gegen römische Übergriffe
zu wehren hatte.
Ungesicherte Existent.
Im Millieu dieses Teils der Christenheit entsteht eine Schrift,
die man Passionsgeschichte mit langer Einleitung genannt.
Von den 16 Kapiteln spielen allein sechs in Jerusalem,
allein drei (fast ein Fünftel) sind im engen Sinn Passions-
und Ostergeschichte.
Wenn unter diesen Bedingungen die Frage nach der Nachfolge gestellt
wird,
dann wird sich die Leidens-Nachfolge in der Vordergrund schieben.
Den Christinnen und Christen geht es nicht anders als ihrem Christus.
Mk 10
In unserer heutigen Geschichte geht es um ein explosives Gemisch.
Es geht um Macht und Anerkennung.
Es geht um das Leid in der Nachfolge Jesu Christi.
Es geht um Dienst in der Nachfolge.
Text
s. Teilnehmerheft S. 24 (neue Gute Nachricht Bibel)
Luther
10:35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne
des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, daß
du für uns tust, um was wir dich bitten werden.
10:36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, daß ich für
euch tue?
10:37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, daß wir sitzen einer
zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
10:38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wißt nicht, was
ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke,
oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
10:39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber
sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke,
und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
10:40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken,
das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen
zuteil, für die es bestimmt ist.
10:41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig
über Jakobus und Johannes.
10:42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wißt,
die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und
ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
10:43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß
sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
10:44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller
Knecht sein.
10:45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß
er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben
gebe als Lösegeld für viele.
Exegese
Kontext
Struktur des Abschnitts
c1-9 in Galiläa
c10 Weg nach Jerusalem
c11-16 in Jerusalem
8,27-10,45 - verknüpft durch die Leidensankündigungen
und damit zusammenhängenden Unterweisungen über die
rechte Nachfolge (8,31ff: Selbstverleugnung; 9,30ff: Bereitschaft,
sich an den letzten Platz zu setzen; 10,35ff: Herrschaftsverzicht)
vorheriger Text: die dritte Leidensankündigung
10:32 Sie waren aber auf dem Wege hinauf nach Jerusalem, und
Jesus ging ihnen voran; und sie entsetzten sich; die ihm aber
nachfolgten, fürchteten sich. Und er nahm abermals die Zwölf
zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren werde:
10:33 Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn
wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten,
und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.
10:34 Die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln
und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.
Gliederung
35-40 Jesus und die Zebedaiden
35a Disposition
35b Zebedaiden - eine Bitte
36 Jesus - Rückfrage
37 Zebedaiden
38 Jesus - Antwort und Gegenfrage
39a Zebedaiden - Antwort: Ja
39bf Jesus - endgültige Verneinung
41-45 Jesus und die Zwölf
41 Reaktion der übrigen zehn
42-45 Jüngerbelehrung
42a Disposition
42b "weltliches" Beispiel
43f Gegenbild Jünger-Gemeinde
45 christologische Begründung
Einzelexegese
Erster Teil - 35 Disposition/Bitte der Zebedaiden
- Da
: auf dem Weg nach Jerusalem - nach der Verheißung
der Auferstehung
- die Zebedaiden gehören zum inner circle des JüngerInnen-Kreises:
- "Jakobus und Johannes:
in 1,19 Berufung, verlassen ihren Vater Zebedäus (er hatte
Taglöhner, wohl "bessere" Verhältnisse)
3,17 Nebenname "Donnersöhne" (vgl. Lk 9,54: Sollen
wir Feuer auf sie herabbeschwören?)
5,37 mit zur Jairus-Tochter dürfen nur sie und Petrus
9,2 Verklärung: sie und Petrus sind dabei
13,3 Endzeitrede vor ihnen, Petrus und Andreas
14,33 in Gethsemane sind sie und Petrus ihm am nächsten
- Anrede: didaskale - Lehrer (vgl. den reichen Jüngling
in 10,17)
36 Rückfrage
37 Anfrage der Zebedaiden
- ganz unumwunden stehen sie zu ihrem Wunsch
- rechts und links sind die Ehrenplätze (vgl. den Clan-Ältesten
in der ehem. deutschen Kolonie im Pazifik mit Karl Barth und Dietrich
Bonhoeffer zu seiner rechten und linken)
- beim endzeitlichen Freudenmahl?
- doxh - Herrschaft, Glanz, Herrlichkeit
38 Antwort 1 und Gegenfrage
- ganz ruhig antwortet Jesus auf die scheinbar unverschämte
Bitte
- er reagiert als Lehrer, der belehrt: Ihr wißt nicht
- Leidenskelch und Taufe (vgl. den Becher auf dem Tisch und
die Reinigung vor dem Mahl): Bilder für das bevorstehende
Leiden - wie für Petrus ist das auch für die Zebedaiden
anstößig, daß der Menschensohn (v45) leiden soll
- Kelch vgl. Jer 51,17; 25,15 Zornwein/Kelch des Grimms; "und
reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt
bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne
Zittern, aus deiner guten und geliebten Hand."
- getuaft werden = ertränkt werden, im AT Bild von der
Wasserflut
- Becher und Taufe sind zu Sakramenten geworden, die in das
Schicksal Jesu verwickeln
- "Nachfolge 1" (vgl. zu 43f): Leidens-Nachfolge
39 Bejahende Antwort
- selbstbewußtes "Ja"
- Jakobus stirbt unter Herodes Agrippa I. den Märtyrertod
(41 n. Chr.)
- Johannes stirbt möglicherweise ebenfalls den Märtyrertod
(unsichere Papias-Notiz)?
- vaticinium ex eventu?
40 Antwort 2: endgültige Verneinung
- Differenz Gott - Jesus (Unterordnung)
- Leiden bringt keine "Verdienste" - die Herrschaftssitze
sind von Gott nach freier Wahl vergeben
zweiter Teil - 41 Reaktion der zehn
- was murmelten Sie wohl?
- Luther: sie wollten den beiden nicht gern den Vorrang geben
42 (-45: Jüngerbelehrung) Disposition/weltliches Beispiel
- dokounteV arcein - die zu herrschen scheinen(!)
- katexousiazein = Macht mißbrauchen
43 Gegenbild Gemeinde
- Gemeinderegel
- der Text wehrt einem falschen Verständnis der Leidensnachfolge:
Statt das Martyrium zu suchen, fordert er zum Dienst auf
- "Nachfolge 2" (vgl. 38): Dienst-Nachfolge
- megaV /diakonoV/umwn - einer, der konkret dient
- vgl. 3,35 als Gemeinde-Paradigma: "Denn wer Gottes Willen
tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter."
(beachte: kein Vater!) - antihierarchische familia dei
- statt dessen werden immer wieder Kinder und Sklaven als Leitbilder
dargestellt (9,35-37; 10,43f)
44 Fortsetzung von 43
- parallel zu 43b: prwtoV/douloV/pantwn (Rangfolge)
45 christologische Begründung
- die Gemeinderegel wird christologisch begründet (gar)
- diakonhqhnai/diakonhsai
- Menschensohn: meint Jesus sich selbst? der Begriff taucht
auf, wo es um Tod und Auferstehung geht;
- Menschensohn vgl. Dan 7,13f: "Ich sah in diesem Gesicht
in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels
wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und
wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, daß
ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen
dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein
Reich hat kein Ende." - beachte die Umkehrung: nicht die
Leute dienen dem Menschensohn, sondern umgekehrt!
- lutron Lösegeld: Sklavenbefreiung, die Gott selbst erwirkt
- vgl. Jes 53,10-12: "So wollte ihn der HERR zerschlagen
mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat,
wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des
HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen. Weil seine Seele sich
abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle
haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte,
den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.
Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die
Starken zum Raube haben, dafür daß er sein Leben in
den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet
ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für
die Übeltäter gebeten."
- wie bei Jesus kann ihm nachfolgende Existenz nur dienende
Existenz sein - mit dem Unterschied, daß seine Hingabe Heilsbedeutung
hat
- vgl. die Märtyrertheologie (Makk; katholische Theologie)
- Hintergrund: korporatives Denken
- anti pollwn - eine abgegrenzte Gemeinschaft, aber auch im
universellen Sinn
nachfolgender Text
es folgt die Bartimäus-Geschichte in Jericho - es geht also
weiter hinauf nach Jerusalem - man ist auf dem Weg und die Jünger
verlieren sich in Rangstreitigkeiten
in Jerusalem werden es zwei Verbrecher sein, die links und rechts
von ihm sind
Interpretation
Anerkennung und Macht (vgl. 35-40)
J&J suchen Anerkennung
J&J wollen Macht
M. L. King: "Tambourmajor-Instinkt" - auch wir wollen
gern geachtet, bedeutsam, Erster sein
Antwort: Leidensnachfolge bringt Anerkennung (Martyrium=Zeugenschaft)
mit Leiden sind hier die Leiden gemeint, die aus dem Zeugnis
kommen
Aber: Leidensnachfolge bringt keine Macht - Bestmmung Gottes
verfügt über die Plätze zur Linken und Rechten
Abwehr gegen "gesuchtes" Leiden
Leidensnachfolge und Herrschafts-Plätze: Partizipation
an Ohn- und Allmacht Gottes
Teilhabe an der Ohmacht Gottes im Leiden
Teilhabe an der Allmacht Gottes? dieser ungewöhnlichen
Frage müssen wir nachgehen
Dienst und Macht (41-45)
Vorbemerkungen zum Thema "Macht"
Max Weber: Macht ist jede Chance, innerhalb einer sozialen
Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen
Religion - aus der Erfahrung der Ohnmacht Appell an Gottes
Allmacht
Macht - (k)ein Thema in der Kirche und im Glauben
Macht wird oft mit Gewalt identifiziert
Gewalt ist aber nur eine Möglichkeit, Macht zurealisieren:
Macht heißt, positiv oder negativ auf das Leben anderer
einzuwirken (vgl. Weber)
z. B. durch eine Liebeserklärung oder Kritik
Alternative Ohn-Macht?
Niederlagen: ja;
kindliche Hilflosigkeit, permanentes Selbstmitleid, soziale Minderwertigkeitsgefühle:
nein!
Paradigma Jüngerberufung (vgl. J&J)
göttliche Macht greift ins Leben ein, man ist seiner selbst
nicht mehr mächtig, Gott bemächtigt sich des Menschen
darin spricht sich die Macht des Wortes aus
handgreiflich wird diese Macht im Akt des Bekennens: "Ja,
das können wir!"
deutlich wird sie auch im Akt der Sündenvergebung (oder
deren Verweigerung!) (v45: Lösegeld)
Macht wird von der Gemeinde delegiert - und damit kontrollierbar
z. B. der Auftrag zur öffentlichen Verkündigung
Gottesdienst und Macht
im GD begegnet Gott, das kann einen nicht kalt lassen oder unverändert;
verstehen das viele, die nicht kommen, villeicht besser als die,
die immunisiert sind?
die Jünger wollen etwas "mit Macht"
das macht sie zu Subjekten, zu Handelnden, zu respektablen Genossen:
wer etwas Besonderes, wer an der Spitze sein will
- das
wird gar nicht kritisiert, wohl aber der Weg dahin: wer das will,
der diene
Dienst statt Macht
diakonoV/ douloV = Tischdienst und Sklavendienst
das reichen, was er braucht (Zuspruch des Evangeliums und
"täglicher Bedarf")
zu helfen
vgl. unsere "Staats-Diener": sie sollen nicht dem
Staat, sondern den Menschen dienen
v42: (staatliche) Macht hat die Tendenz durch Eigennutz okkupiert
zu werden
allerdings. nicht immer, wenn es mir weh tut, ist das gleich
Machtmißbrauch
Dienst als Macht
man sieht: Macht ist gefährdet, eigennützig mißbraucht
zu werden - das gilt auch für die göttliche Macht oder
die Macht in der Kirche oder die Macht durch das Wort
also: Autorität abschaffen - zumindest in der Kirche?
die Abschaffung von "offizieller Macht" führt
zu unkontrolliert Mächtigen
institutionalisierte Macht soll der göttlichen Macht
Raum verschaffen, sie zugleich in rechte Bahnen lenken, vor Okkupation
schützen
der Dienst Jesu als Paradigma (Hingabe)
der Dienst Jesu geschieht in hervorgehobener Weise am Kreuz
das Kreuz ist Zeichen der Hingabe an andere
das Kreuz versöhnt Horizontale und Vertikale: Versöhnung
mit Gott und dadurch unter den Menschen
das Kreuz wird in die Lebensmacht der Auferstehung eingebunden
Diskussionsanregungen
Gefragt sind Christinnen und Christen und Kirchen, die - unter
Herrschaftsverzicht - anderen in der Macht Gottes dienen.
Wie lernen wir es, die Macht Gottes zu spüren und damit
anderen zu dienen.
"Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
(2. Kor 12,9)
Der Traum von der Macht muß geträumt werden - aber
es gilt auch, aus ihm zu erwachen.
Was sind unsere "geistlichen"/"christlichen"
Machtmittel?
Abschluß
Gebet EG 390 "Erneure mich, o ewigs Licht"