Meditation in einer Christmette

Hier das zugrundeliegende Bild in niedriger Auflösung und farbreduziert!

Meditation zum Farbholzschnitt von Andreas Felger: Alle schauen auf das große Tor;


in: Felger, A., und Sieblad, M.: Kreuzschnabel, Gnadenthal-Bad Camberg-Wuppertal 1983; Seite 45.



Alle schauen auf das große Tor:
Das gotische Kirchenportal, den Triumphbogen, die "schöne Pforte"
Alle schauen auf das große Tor,
doch das wahre Leben hebt woanders an:
in einem Winkel, ungeschützt, bedroht;
in Gefahr,
durch die schweren Steine erdrückt,
vom Rad der Geschichte überrollt
zu werden,
zu versanden unter den Wellen der Zeit;
in Gefahr,
aus dem Rahmen zu fallen
auf seinem Esel:
Zeichen der Friedfertigkeit;
auf seinem Esel:
zugleich Zeichen des Königs,
der nicht hoch zu Roß,
sondern durch die Hintertür
der Weltgeschichte kommt.

"Man findet oftmals mehr,
als man zu finden glaubt"
(Pierre Corneille, + 1684).

"Es ist ein Ros' entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht,
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht."
(Mainz um 1585)

Blühendes Leben,
mitten im kalten Winter,
mitten in tiefster Nacht.
Blühendes Leben hebt an,
in einem Winkel,
unscheinbar,
leicht zu übersehen.
Leben blüht auf.

"Und es wird ein Sproß hervorgehen aus dem Stamm Isais
und ein Zweig aus einer Wurzel Frucht tragen.
Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn,
der Geist der Weisheit und des Verstandes,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.
Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn.
Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen,
noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,
sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen
und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande,
[und er wird mit dem Stab seines Mundes den Gewalttätigen schlagen
und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein
und die Treue der Gurt seiner Hüften.
Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen
und die Panther bei den Böcken lagern.
Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh
miteinander treiben.
Kühe und Bären werden zusammen weiden,
daß ihre Jungen beieinander liegen,
und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.
Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter,
und ein Kleinkind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.
Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge;
denn das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein,
wie Wasser das Meer bedeckt.
Und es wird geschehen zu der Zeit,
daß der Sproß aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker.
Nach ihm werden die Völker fragen,
und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein.
Und der Herr wird zu der Zeit zum zweiten Mal seine Hand ausstrecken,
daß er den Rest seines Volkes loskaufe, der übriggeblieben ist
in Assur, Ägypten, Patros, Kusch, Elam, Schinar, Hamat
und auf den Inseln des Meeres.]
Und er wird ein Zeichen aufrichten unter den Völkern
und zusammenbringen die Verjagten Israels
und die Zerstreuten Judas sammeln von den vier Enden der Erde.
Und der Neid Ephraims wird aufhören
und die Feindschaft Judas ausgerottet werden,
daß Ephraim nicht mehr neidisch ist auf Juda
und Juda nicht mehr Ephraim feind ist."
(Aus Jesaja 11)

Leben blüht auf,
wo Feindschaft welkt zwischen den Völkern,
wo Armen Gerechtigkeit widerfährt,
wo Frieden keimt in der Schöpfung.
Was wie eine Blüte, was wie ein Sprößling zu unzeitiger Zeit beginnt,
hat doch eine große Verheißung: Gottes Geist auf ihm!
Gott macht Geschichte;
nicht mit Pauken und Trompeten,
nicht königlich bekränzt und hoch zu Roß;
Gott macht Geschichte mit den kleinen Leuten:
Friedlose, Unterdrückte, Einsame
sind ihm nicht gleichgültig.
Ihnen zugute macht Gott Geschichte.
In Bethlehem stellt er sich auf ihre Seite;
auf die Seite derer, die es ihm zutrauen, Geschichte zu machen;
auf die Seite derer, die es ihm nachfühlen können,
was es heißt, keinen Raum in der Herberge zu haben, zu frieren, klein zu sein, verlassen zu sein.
doch auch auf die Seite derer,
die die Stärke in dieser Schwachheit entdecken:
eine Stärke, die das Leid nicht scheut;
eine Stärke, die nicht ins Leid verliebt ist,
eine Stärke, die das Leid überwindet - endlich.
Alle schauen auf das große Tor,
doch Leben blüht woanders.
in einem Winkel, ungeschützt, bedroht -
doch gehalten, erhalten von Gott!