LUTHER AUF DER SPUR
Martin Luthers Theologie als Brücke
zwischen evangelischer und katholischer Kirche
Ein Vortrag zum 450. Todestag des Reformators
gehalten am 5. Juli 1996 in Reutlingen-Gönningen
von Dr. Ansgar Krimmer, Kißlegg
Sehr geehrte Damen und Herren,
(1. Lutherbilder)
In einer katholischen theologischen Zeitschrift1 fand ich Anfang des Jahres ein Lutherbildnis des Dürerschülers Hans Baldung Grien. Er hat dieses Bild für einen 1521 herausgegeben Bericht über Luther in Worms in Holz geschnitten: Luther mit Heiligenschein und Geisttaube. Luther - dargestellt mit den Attributen eines Heiligen. Luther - ein Heiliger?
Ganz anders nimmt sich dagegen das Urteil über Luther in der Bannbulle von Papst Leo X. aus. Da heißt es über Luther, "Füchse haben sich aufgemacht, den Weinberg zu verwüsten, ein wildes Schwein, eine Bestie ist eingebrochen"2. Luther - ein wildes Schwein, eine Bestie?
Bestie oder Heiliger - zwischen diesen Polen bewegte sich das Lutherbild schon zu Lebzeiten des Reformators. Bis in unser Jahrhundert hinein bestand diese Spannung im Lutherbild fort, freilich jetzt nicht mehr die Spannung "Bestie - Heiliger", das hat sich etwas abgeschliffen, gemäßigter hießen die unterschiedlichen Pole im Lutherverständnis einerseits Ketzer oder Kirchenspalter und andererseits Vorbild oder als Ehrentitel Reformator. In der katholischen Kirche hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts das Lutherbild nachhaltig gewandelt. Eine kritischere Betrachtung der Person Luthers sowohl von evangelischer als auch katholischer Seite läßt die Pole näher zusammenrücken, Luther realistischer erscheinen. Freilich habe ich manchmal den Eindruck, daß sich katholische Christen mit einer kritischen Einschätzung Luthers leichter tun, als evangelische Christen. Verbietet seine grundlegende Bedeutung für die evangelischen Kirchen, ja seine Rolle als evangelischer Heiliger eine kritischere Auseinandersetzung mit ihm? Bei so manchen Veröffentlichungen, Festreden und Veranstaltungen zum Lutherjubiläum drängt sich mir dieser Eindruck geradezu auf.
Als Zeuginnen für ein gewandeltes katholisches Lutherverständnis möchte ich zwei prominente Katholikinnen anführen. Zuerst Rita Waschbüsch, Präsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken: "Die Beziehung vieler katholischer Christen zu Martin Luther ist nicht spannungsfrei, weil für viele der Name Luthers mit der Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts in direktem Zusammenhang steht. Zu meiner großen Freude kann ich feststellen, daß sich das Luther-Bild gerade in den letzten Jahrzehnten, die ich bewußt miterlebt habe, in aufregender Weise zum Positiven gewandelt hat. Je mehr uns Katholiken bewußt wurde, daß es in der katholischen Kirche gravierende Mißstände gab, desto eher verstanden wir Luther und sein Anliegen der Kirchenerneuerung." Und Hanna-Renate Laurien: "Am Papsttum jener Zeit war Kritik gerade dann leidenschaftlich zu üben, wenn man die Kirche Christi wollte. Luther entdecken heißt auch, sich an dem freuen, was seitdem und nicht ohne ihn kirchlich und theologisch gewachsen ist."3 Solche Aussagen sind eindeutig. Sie heben eine Spannung auf, die trennt. Mit einer veränderten Sicht Luthers, mit Bildern, die jenseits des "wilden Schweins" und "der Bestie", aber auch jenseits des Bildes von Hans Baldung Grien liegen, können Brücken zwischen den Getrennten entstehen.
(2. Luther - ein Mensch der spaltet)
Zunächst jedoch ist Martin Luther nicht der Mann, der verbindet. Er steht gleichsam als Symbol der Spaltung. Rita Waschbüsch hat es in ihrem vorher zitierten Statement zu Luther gesagt: für viele Katholiken steht sein Name für die Kirchenspaltung, für das schmerzliche Auseinanderbrechen der abendländischen Christenheit in zwei große Konfessionen. Luther - ein Mann, der spaltet, der genauso wie seine römische Gegenseite nicht die Fähigkeit des Kompromisses besaß. In seiner Lebens- und Wirkungsgeschichte begegnet er mir als polarisierender Mensch. Entweder begeisterter Anhänger oder entschlossener Gegner, andere Alternativen ließ er kaum zu.
Kirchenspaltung, Schisma - das sind für viele Menschen heute Worte der Vergangenheit, die ihren Schrecken schon längst verloren haben. Ja man hat sich mit ihnen ganz einfach abgefunden. Und doch meine ich in Erinnerung rufen zu müssen, was sich hinter diesen Worten verbirgt. Eben nicht nur ein theologischer Dissens, sondern vielmehr persönliche Schicksale. Die Spaltung der abendlänischen Christenheit hat in das Leben von Menschen hineingepfuscht, hat Beziehungen zwischen Menschen verhindert. Etwa die Liebe zwischen einer evangelischen Frau und einem katholischen Mann, weil er in einer evangelischen Reichsstadt nicht heiraten durfte. Die große Geschichte erzählt oftmals nicht die kleinen Geschichten des Lebens, an denen Menschen in ihrem Alltag gescheitert sind. Die Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts hat eine Vielzahl solcher menschlicher Tragödien über Jahrhunderte hinaus hervorgerufen. Auch wenn heute beispielsweise gemischtkonfessionelle Ehen glücklicherweise ganz normal geworden sind, kann ich mich noch gut erinnern, wie die Zugehörigkeit zu verschiedenen Konfessionen für manche Familien und Liebespaare zur kaum überwindbaren Hürde auf dem Weg zueinander wurden.
Solches ist ganz einfach bis heute spürbare pure Wirklichkeit der Kirchenspaltung. Das tut weh. Und da begegnet mir Luther eben als einer, der mitverantwortlich war für diese schreckliche Spaltung. Luther - deshalb ein Mensch, der bis auf den heutigen Tag spaltet.
(3. Luther - ein Brückenbauer)
Freilich: diese Sichtweise wird der Person Martin Luthers nicht gerecht. Unbestreitbar war er ein Mann der Spaltung. Doch die in der katholischen Kirche lange Zeit vertretene Sicht, nach der er der Urheber des Schismas war, verfälscht das Bild dieses Mannes. Im Titel "Reformator" klingt die andere Seite Luthers an. Als Reformator war es sein ureigenstes Anliegen, die Kirche Christi wieder in ihre eigentliche Form zu bringen. Zahlreiche politisch, kulturell und theologisch bedingte Mißstände trennten die real erfahrbare Kirche zusehends von ihrer Idealgestalt. Ich möchte an dieser Stelle nur einige Mißstände kurz ins Gedächtnis zurückrufen: beispielsweise der Ablaßhandel, die Simonie, d.h. die Käuflichkeit geistlicher Güter, die Ämterhäufung bei einzelnen Personen, d.h. ein Bischof konnte gleichzeitig Bischof mehrerer Bistümer sein, die unselige Verbindung von politischer Macht über Menschen und pastoraler Sorge für Menschen, der geringe Bildungsstand und unsittliche Lebensstil eines Großteils des Klerus, das fast magische Verständnis der Sakramente, insbesondere der Eucharistie, und und und, und der Verlust der Heiligen Schrift. Gerade hinsichtlich der Wiederentdeckung der Heiligen Schrift für das Leben der Kirche hat er eine herausragende Stellung. Ja, da kann ich ihn gut und gerne als einen Brückenbauer sehen, als einen, der eine Brücke zu den Anfängen der Kirche zurückgeschlagen hat und sie damit gleichzeitig voraus geschlagen hat in die Zukunft. Seine Bibelübersetzung ist Rückbesinnung auf das Dokument der Christenheit und zugleich Neuentdekung für die des Lesens mächtige Bevölkerungsschicht.
Freilich: als Brückenbauer, als Reformer ist Luther keine Singularität. Schon Jahrhunderte vor ihm, gab es diese Reformbewegungen in der alten Kirche. Die Überwindung der spätmittelalterlichen Mißstände der Kirche begann nicht erst mit Martin Luther, katholischerseits auch nicht erst mit dem Konzil von Trient in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das, was man heute als Katholische Reform bezeichnet, nahm seinen Anfang bereits im frühen 15. Jahrhundert. Innerhalb dieser Zusammenhänge kann ich Luther als ein Glied erkennen. Ich scheue mich deshalb nicht, ihn in einer Linie mit Frannziskus, Dominikus, der Konzilien von Konstanz und Basel im frühen 15. Jahrhundert und eines Erasmus zu sehen. Ihnen allen ging es um eine Reform, um einen Brückenschlag zu einer "ursprünglicheren" Kirche. Die Folgen von Luthers Reformversuch brachten dann allerdings nicht die erhoffte Reform, sondern die Spaltung. Daß das nicht in seinem Sinne lag, ist weithin Allgemeinwissen. Irgendwann aber bekam sein Reformvorhaben eine solche Eigendynamik, daß es nicht mehr von einem einzelnen gesteuert werden konnte.
Luther - ein Brückenbauer? Die Einreihung in die Ahnenreihe der katholischen Reform läßt mich als Katholiken heute ein Brücke zu Martin Luther und seinem Anliegen, zu seiner Theologie schlagen. Es ist eine Brücke, die ihn mir näher bringt.
(4. Luther auf der Spur - Persönliches)
Erlauben sie mir an dieser Stelle einige ganz persönliche Anmerkungen zu Martin Luther und meinem Verhältnis zu ihm. Es war schon immer sein positives Reformanliegen, das mir einen Weg zu ihm gebahnt hat, ein Weg der freilich nicht selbstverständlich ist. Ich bin in einer Stadt im Allgäu aufgewachsen, die in der Reformation spät evangelisch geworden ist, zu Beginn des 19. Jahrhunderts aber wieder ganz katholisch wurde. Eigentlich ist es erstaunlich, wie in einer solchen Stadt sich über Jahrhunderte hinweg Ressentiments zwischen den Konfessionen halten konnten. Noch vor 20 Jahren sprachen Katholiken in der Stadt eher verächtlich von den "Reichsstädtern" und meinten damit die Evangelischen. Die Katholiken waren ja fast alle aus dem Umland erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts zugezogen, sie hatten im 17. und 18. Jahrhundert kaum eine Chance, das Bürgerrecht der Reichsstadt Leutkirch zu erhalten. Diese Verletzungen waren selbst im 20. Jahrhundert noch nicht verheilt. In dieser Situation als junger überzeugter Katholik - da bleiben nicht viele Chancen für Martin Luther und seine Reformation. Allerdings, sein Reformanliegen war immer eine Brücke zu ihm. Daß es ihm um die Reform der Kirche ging, das wurde in meiner Familie, einer überzeugten katholischen Familie, immer geschätzt. Dennoch war Luther in meinem kindlichen Kopf derjenige, der die Kirche gespalten hat, derjenige, der abgefallen ist, oder sagen wir es etwas drastisch: ein Ketzer.
Ich bin freilich mit der Zeit Luther auf die Spur gekommen. Historisch und theologisch. Als Kirchenhistoriker habe ich mir die Reformation zu einem meiner Schwerpunkte gemacht. Da habe ich Luther in seinem Umfeld, in seiner Zeit sehr differenziert kennengelernt. Aus theologischer Perspektive haben mich an Luther vor allem zwei Themenbereiche interessiert: seine Abendmahlslehre und seine Rechtfertigungslehre. Beide Themen sind, so sehe ich es, brennend interessant. Obwohl Luthers Theologie über 450 Jahre alt ist, obwohl sie in einem uns fremdgewordenen Denkhorizont steht, obwohl die heutige Theologie gegenüber Luther wesentlich fortgeschritten ist, obwohl die Zeit, die Geschichte über Luther und seine Theologie hinweggeschritten sind, ich habe bei der Beschäftigung mit Luthers Theologie eine Brücke entdeckt, die die Kirchen der Reformation und die römisch-katholische Kirche zueinander führen kann.
Diese theologische Brücke soll im Mittelpunkt meines Vortrages stehen. Ich beende deshalb jetzt meinen etwas längeren Anweg. Aber um Luther auf die Spur zu kommen, muß man, so sehe ich es aus meiner eigenen Erfahrung, bereit sein, längere Wege zu gehen. Nun also: Luther auf der Spur - Theologisches.
(5. Luther auf der Spur - Theologisches)4
Im Mittelpunkt von Luthers Theologie steht seine Abendmahlslehre. Sie stand auch im Zentrum seiner Kritik an der römischen Kirche. Das Abendmahl war zeitlebens einer der wichtigsten Momente seines Glaubens. Ich eröffne deshalb meine theologischen Anmerkungen zu Luther mit seiner Abendmahlslehre. Meine These vorab: Luthers Abendmahlslehre ist eine tragfähige Brücke zwischen evangelischer und katholischer Kirche.
(a. Anmerkungen zur Abendmahlslehre)
Luthers Heidelberger Katechismus scheint dieser These direkt zu widersprechen. Hier wird die Eucharistie, die Messe als "vermaledeite Abgötterei" bezeichnet und in den Schmalkaldischen Artikeln als "großeste und schrecklichste Greuel" gekennzeichnet. Und wenn Luther 1537 ebenfalls in den Schmalkaldischen Artikeln hinsichtlich der Eucharistie als Opferfeier folgert "Wir sind und bleiben auf ewiglich geschieden und wider einander", ja kann dann seine Abendmahlslehre überhaupt Brücke sein?
Diese markanten Sätze weisen uns auf einen formalen Umstand hin, den man bei Luther nicht außer acht lassen darf. Seine Sprache. Sie ist der Zeit entsprechend markig, drastisch, umgangssprachlich oft sogar derb. Hinzu kommt insbesondere bei theologischen Texten, daß Luther unter krichenamtlichem Druck stand. Wer weiß das nicht, daß sich in solchen Streßsituationen die Sprache verschärft. Dies ist bei Lutherzitaten unbedingt zu beachten, zumal wenn sie noch aus ihrem Zusammenhang gerissen isoliert zitiert werden.
Nach dieser ersten Vorbemerkung halte ich es für notwendig noch eine zweite anzuschließen, die für das Verstehen von Luthers Abendmahlslehre, ja seiner Theologie insgesamt hilfreich ist. Luthers Theologie steht nicht im luftleeren Raum. Sie ist in einer konkreten Zeit mit ihren Lebensumständen entstanden. Heute würde man sie kontextuell nennen. Darüberhinaus ist sie aber auch historisch bedingt. Die Theologie, die Luther am Ausgang des Spätmittelalters vorfand, war die spätscholastische Theologie. Ihr Hauptkennzeichen besteht darin, daß sie einen überaus starken Hang zum Objektivismus, zur Verdinglichung des Glaubens hat. Am Beispiel der Eucharistielehre läßt sich einfach aufzeigen, was dies konkret heißt: die Gegenwart Jesu Christi in den Zeichen von Brot und Wein wird im Rahmen dieser Theologie nur noch als räumlich-dingliche Gegenwart vorgestellt. Die Feier des Mahles ist dabei nicht Träger der Begegnung mit Christus, sondern nur ihr Anlaß. Anders ausgedrückt: die Messe war nur noch Mittel zum Zweck, nämlich in den greifbaren Besitz der irdischen Gegenwart Christi zu kommen. Eine solche Theologie hat jede Verbindung zu einem symbolischen Verständnis der Eucharistie verloren, wie sie zur Zeit der Patristik, der Kirchenväter in der frühen Kirche gedacht wurde. Die spätscholastische Theologie konfrontierte Luther, getragen von seiner explosiven Religiosität, mit dem biblischen Ursprung. Der Rückbezug auf die Bibel wird zum kritischen Moment an der vorherrschenden theologischen Denkrichtung. Das brachte die Theologie insgesamt ein wichtiges Stück in ihrer Entwicklung voran. Gleichzeitig ist aber auch festzustellen, daß Luther in seiner Kritik dem spätscholastischen Denken verhaftet bleibt. Dies läßt sich gerade an seiner Abendmahlslehre aufweisen. Das Gedankengut eines Augustinus oder Thomas von Aquin findet sich eben auch bei Luther. Somit steht Luther nicht gegen die theologische Tradition des Mittelalters, sondern in ihr. Mit ihm bricht das scholastische Denken nicht einfach ab, mit ihm beginnt nicht das absolut neue Theologisieren, er ist sicherlich nicht der Quantensprung in der Theologie. Aber er unterzieht die in ihrer religiösen Praxis als nicht mehr stimmig erfahrene Theologie einer radikalen Kritik von ihrem biblischen Ursprung her. Das ist zweifelsohne Luthers Leistung. Wenn er bei seinen Lösungsversuchen den Rahmen der scholastischen Theologie begrifflich letztlich nicht entscheidend überschreiten konnte, wenn es ihm nicht gelang, das Symbol neu zu denken, dann befindet er sich in der Gesellschaft zahlreicher Theologen seiner Zeit. Und übrigens: auch unter diesem Aspekt kann Luther die Brücke zwischen den heute getrennten Konfessionen sein.
Drei Punkte waren es, die Luther an der Messe für unvereinbar mit dem Neuen Testament hielt.
Erstens: die Kommunion der Gläubigen unter nur einer Gestalt.
Zweitens: die Transsubstantiationslehre, an deren Stelle er die Konsubstantiationslehre setzte.
Drittens: die Lehre vom Opfercharakter der Messe.
Ich möchte nun nicht bis ins Detail auf Luthers Kritikpunkte eingehen, sondern nur wenige Sätze zum besseren Verständnis seiner Kritik anbringen. Hauptsächlich kommt es mir darauf an, die Linie, in der Luthers Kritik steht, aufzuzeigen.
Ausgangspunkt für Luthers Kritik an der Messe waren die erfahrbaren Mißstände. Ich habe sie schon genannt: dies war in erster Linie die Verdinglichung des Symbols. Als Spitze dieser Verdinglichung konnte man im ausgehenden Mittelalter eben das Meßopfer sehen, das auf einem völlig unzureichenden Opferbegriff basierte. In der Praxis sah es so aus, daß man sich bei einem Priester ein Meßopfer kaufen konnte. Dieser führte durch den Ritus die Gegenwart Jesu Christi herbei, opferte Christus stellvertretend für die sündigen Menschen Gottvater, konnte ihn somit in seinem Zorn besänftigen und dem Meßstipendiaten für ihn selbst oder für andere die Gnade Gottes aufschließen. Da wird die Gnade Gottes scheinbar käuflich. Wohlgemerkt: so war die Praxis, so wurde das Abendmahl weithin verstanden. Die Theorie, die Theologie, die dahinterstand, hatte freilich eine andere Praxis im Sinn. Daß sich aus ihr aber diese verkehrte Abendmahlspraxis entwickeln konnte, war die Schwäche, das Problem der mittelalterlichen Theologie.
Luther mußte die Meßopferpraxis tatsächlich wie eine "vermaledeite Abgötterei" vorkommen. Seiner Besinnung auf die Bibel verdankte er die theologische Einsicht: sola gratia, allein die Gnade macht selig. Was er bei der Messe erlebte, das kam im Gewand der Werkgerechtigkeit daher.
Luther lehnte jedoch nicht nur die Meßopferpraxis ab, sondern natürlich auch die Lehre von der Messe als Opfer. Er berief sich dabei auf Paulus, der im Römerbrief im 10. Kapitel ganz deutlich herausgestellt hat: Christus hat ein für allemal ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht, damit alle anderen Opfer abgeschafft. Christus ist der einzige Hohepriester. Wird also nun behauptet, die Messe sei ein Opfer, dann kann es sich bei ihr nach Luther nur um ein neues Opfer gegen das einzige Opfer Christi handeln, also ein menschliches Werk. Damit sagt man, daß das eine Opfer Christi nicht genügt.
Soweit Luthers Kritik am Meßopfer.
Diese steht in besonderem Zusammenhang mit seiner Kritik an der Transsubstantiationslehre. Mit dieser Lehre hat das Hochmittelalter versucht, die Realpräsenz Christi in den eucharistischen Gaben zu erklären. Kurz gesagt: Brot und Wein sind nur noch ihrer äußeren Form nach Brot und Wein, ihrer Substanz, ihrem Eigentlichen nach aber Leib und Blut Jesu Christi. Die Transsubstantiationslehre steht so nicht außer der Gefahr, eine verdinglichende Sicht der Präsenz Christi zu erlauben. Diese Lehre wurde im Spätmittelalter vermehrt in Zweifel gezogen. Wenn führende Theologen doch an ihr festhielten, so war dies wie bei Wilhelm von Ockham, aus Gehorsam gegenüber der kirchlichen Tradition. Er vertrat die gleiche Ansicht wie Luther, nur daß Luther sich nicht an die kirchliche Tradition hielt. Beide erklärten die Gegenwart Christi im Abendmahl mit der Konsubstantiationslehre, das heißt Brot bleibt Brot, Wein bleibt Wein, da aber Christus allgegenwärtig ist, kann er neben Brot und Wein in diesen real gegenwärtig werden.
Sie werden fragen: worin liegt denn der Unterschied? Zugegeben, der ist letztlich minimal. In beiden Erklärungsversuchen bleibt die Realpräsenz unangetastet. Der Unterschied ist vielmehr in der Lehre von den Sakramenten zu suchen. Die Konsubstantiationslehre übersieht den Zusammenhang von Zeichen und Bezeichnetem.
Mit der Konsubstantiationslehre hielt Luther ganz explizit an der somatischen Realpräsenz Christi im realistischen Sinne fest, ganz im Unterschied zu Zwingli und Calvin. Bei Luther ist Christus im Vollzug des Sakramentes in Brot und Wein gegenwärtig. Für die römische Seite war die Bedingung des Vollzugs für die Präsenz problematisch. Luther kam es jedoch darauf an, gegenüber einer objetivistischen Tendenz den verlorengegangenen Ereignischarakter der Eucharistie herauszustellen, dies ganz in der Tradition eines Augustinus. Gerade dabei blieb er aber in den Fußangeln des Objektivismus hängen. Es gelingt ihm nämlich nicht, eine ganzheitliche Sicht zu gewinnen, nach der die Feier der Eucharistie auch nach Beendigung des Ritus in der Gemeinsachft der Gläubigen lebendig bleibt, also über den Ritus hinauswirkt. Von daher ließe sich die Spendung der eucharistischen Gaben an Kranke begründen.
Diese unterschiedlichen Auffassungen über die Realpräsenz Christi im Abendmahl haben in der Geschichte zu großen Differenzen zwischen den Konfessionen geführt. Und doch sehe ich gerade darin eine breite Brücke zwischen Luther und der römisch-katholischen Kirche. Denn Luther hält ganz ausdrücklich an der Präsenz Christi im Abendmahl fest. Diese Präsenz sieht er, auch wenn er von einer Präsenz im Vollzug spricht, nicht an den Augenblick des Empfangs gebunden, sondern er kennt eine Gegenwart Christi in den eucharistischen Speisen auch vor dem Empfang und stellt die Forderung auf, möglichst nichts von den eucharistischen Speisen übrigzulassen oder zumindest das Übriggebliebene zu verbrennen. Deutet dies nicht die Überzeugung an, daß die Gegenwart Christi nach der Feier andauern könnte. So sehe ich hinsichtlich der Realpräsenz Luther und Rom ganz nahe beieinander, nicht erst heute, sondern schon damals zu Lebzeiten Luthers.
Den von mir an erster Stelle genannten Kritikpunkt Luthers, nämlich die Verweigerung des Laienkelches, möchte ich hier übergehen. Er wurde in späterer Zeit zu einem Unterscheidungskriterium hochgespielt. Prinzipiell hatte die römische Seite nie etwas gegen den Laienkelch einzuwenden, freilich wurde die Notwendigkeit des Laienkelches nicht gesehen, da basierend auf der Transsubstantiationslehre im Brot wie im Wein, also nur in einer der beiden Gestalten jeweils der ganze Christus gegenwärtig ist.
Wenn man die Abendmahlslehre Luthers und die seinerzeitige römische Eucharistielehre sich vergleichend anschaut, da kann man sich schon fragen: warum haben sich die nur gestritten? Warum war da keine Einigung möglich? Das liegt wohl in den Zeitumständen . Rein theologisch gesehen, wäre eine Einigung sicherlich nicht das schwierigste Unterfangen gewesen. Deshalb frage ich mich: sollen diese unterschiedlichen Akzentuierungen in der Abenmahlslehre Luthers und der katholischen Eucharistielehre des Spätmittelalters noch heute kirchentrennend sein? Bieten sie nicht vielmehr die Gelegenheit in der Besinnung auf Martin Luther hinsichtlich des Abendmahles zu einer Einigung zu kommen? Sicher, die theologische und liturgische Entwicklung ging weiter. In den Jahrhunderten seit Luther hat sich hinsichtlich des Abendmahles theoretisch wie praktisch manches ausdifferenziert. Konkret: partiell haben sich die Kirchen hinsichtlich des Abendmahles von einander entfrent, teilweise aber auch , v.a. im 20. Jahrhundert, angenähert. Ich sehe insbesondere hier in der württembergischen Landeskirche und in den oberdeutsch geprägten, reformierten Kirchen von der Praxis wie von der Theologie her noch nicht überwundene Differenzen. Für mich als Katholik ist es eben unverständlich, wie nicht das Herrenmahl die sonntägliche Regelliturgie sein kann, sondern der württembergische Predigtgottesdienst. Sehr wohl weiß ich, daß es auch in diesem Zweig der evangelischen Kirchen neue Aufbrüche gibt. Natürlich ist mir bekannt, daß viele evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Gemeindeglieder ihre eigenen Schwierigkeiten damit haben, wenn das Abendmahl nur an den Predigtgottesdienst angehängt wird, das Mahl selbst aber nicht Mitte der Liturgie ist. Solche Abenmahlspraxis und -theologie ist mir unverständlich. Dies umsomehr wenn ich auf die Theologie und Praxis Martin Luthers schaue. Genau bei diesen Differenzen sehe ich die Besinnung auf Martin Luther als die Chance, Brücken über Gräben zu bauen.
Mit den lutherischen Kirchen tue ich mir da viel leichter. Da hat sich erwiesen, wie Luther die Brücke zwischen den Kirchen sein kann. Bereits 1978 konnte eine gemeinsame römisch-katholische und evangelisch-lutherische Kommission das Konvergenzdokument "Das Herrenmahl" verabschieden. Dieses Dokument hat hinsichtlich der Eucharistielehre den Brückenschlag zwischen beiden Konfessionen vollzogen. Von der Abendmahlslehre her gesehen, könnten beide Kirchen sich Abendmahlsgemeinschaft schenken. Daß dies leider noch nicht der Fall ist, liegt an anderen Problemen. Ich nenne hier nur die noch nicht gelösten Probleme hinsichtlich des kirchlichen Amtes oder der Ekklesiologie.
Nachdem ich vorhin die Kritik Luthers an der römischen Lehre und die Differenzen zwischen den Kirchen angesprochen haben, will ich im folgenden auch die wesentlichen Punkte der gewonnenen Übereinstimmung skizzieren.
Das Dokument "Das Herrenmahl" hält zunächst fest: die Eucharistie gibt es allein durch Jesus Christus, nicht aufgrund menschlicher Verdienste. Sie ist ein Gehemnis des Glaubens.
Dann wird über die Gegenwart des Herrn ausgeführt: "Im Sakrament des Abendmahles ist Jesus Christus voll und ganz mit seinem Leib und seinem Blut unter den Zeichen von Brot und Wein gegenwärtig". Bei der Frage des "Wie" der Gegenwart überwindet das Dokument die jahrhundertelange Kluft zwischen Transsubstantiation und Konsubstantiation, indem es erklärt, daß die lutherische Tradition zusammen mit der katholischen Tradition bejaht, daß die konsekrierten Elemente nicht schhlechthin Brot und Wein bleiben, sondern kraft des schöpferischen Wortes als Leib und Blut Christi geschenkt werden. Im Sinne der griechischen Tradition konnte auch die lutherische Kirche hier von "Wandlung" sprechen. Die katholische Kirche hingegen stellt fest, daß sie mit dem Begriff der Transsubstantiation nicht erklären will, wie diese Wandlung stattfindet, sondern vielmehr den Gehemnischarakter der Eucharistie bekennen und bewahren will. Was die Dauer der eucharistischen Gegenwart betrifft, bekennen beide Kirchen, daß die Präsenz Christi zwar auf den Empfang ausgerichtet ist, "daß sie gleichwohl aber nicht auf den Augenblick des Empfanges beschränkt ist". Das Institut für Ökumenische Forschung des Lutherischen Weltbundes in Straßburg lieferte folgende Erklärung nach: "Mit den konsekrierten Elementen sollte man während und nach der Feier in einer Weise umgehen, die dem Charakter der Gabe des Abendmahles angemessen ist."
Was den Opfercharakter der Messe betrifft kommt das Dokument zu folgender gemeinsamer Basis: Christen beider Konfessionen bekennen, "daß Jesus Christus im Herrenmahl als der Gekreuzigte gegenwärtig ist, der für unsere Sünden gestorben und für unsere Rechtfertigung wieder auferstanden ist, als das Opfer, das ein für allemal für die Sünden der Menschen dargebracht wurde. Dieses Opfer kann weder fortgesetzt noch wiederholt, noch ersetzt, noch ergänzt werden; wohl aber kann und soll es je neu in der Mitte der Gemeinde wirksam werden." Damit ist, glaube ich, alles gesagt.
"Also sind und bleiben wir auf ewiglich geschieden und widernander". So Luther in den Schmalkaldischen Artikeln. Gott sei Dank haben Christen sowohl lutherischer als auch römisch-katholischer Tradition das Gegenteil dieses Satzes erwiesen.
(b. Anmerkungen zur Rechtfertigungslehre)5
In engem Zusammenhang mit der Kritik an der Messe, insbesondere der Ablehnung des Meßopfers, stand Luthers Rechtfertigungslehre. Auf sie werde ich im folgenden zweiten Teil meiner theologischen Anmerkungen zu sprechen kommen.
Die Lehre von der Rechtfertigung stand jahrhundertelang als Barriere zwischen den Kirchen. Katholiken wurden von evangelischer Seite nur all zu oft als diejenigen gesehen, die sich das Heil erkaufen wollten. Protestanten hingegen von Katholiken als solche, die der Gnade zu passiv gegenüber standen. Zu beiden Urteilen haben natürlich die jeweiligen historischen Begleitumstände ihren Anteil beigetragen. Daß Luther die Frömmigkeitspraxis im zeitgenössischen abendländischen Christentum als Werkgerechtigkeit in die Augen sprang, das braucht einen nicht zu verwundern. Weit verbreitet war ja die Meinung, man könne zur Erlangung des Heils seinen mitunter auch finanziellen Beitrag leisten. Ich erinnere hier nur an die unselige Ablaßpraxis. Freilich: offizielle Theologie war solches nie.
"Der Gerechte lebt aus dem Glauben". Apostel Paulus, Brief an die Römer, Kapitel 1, Vers 17. Dies war Luthers Antwort auf die herkömmliche Rechtfertigungspraxis. Der Rückgriff auf die Bibel läßt für mich hier wieder deutlich werden, daß Luther nicht der Neuerer, sondern der Erneuerer ist. Er formuliert hier nicht noch nie dagewesene Gedanken, sondern er erinnert an biblische und frühchristliche Einsichten, die dann im Laufe des Mittelalters verlorengegangen sind.
"Der Gerechte lebt aus dem Glauben". Das heißt für Luther: Wir Menschen werden gerecht vor Gott allein im Glauben, allein durch Christus, allein aus Gnade. Dies können wir erkennen allein durch die Heilige Schrift. Dieses vierfache sola, dieses vierfache allein durch, halte ich für eine der größten Einsichten Luthers. Er stellt diese Lehre zurecht gegen Formen der Rechtfertigung, bei denen es so aussah, als könne der Mensch sich sein Heil von Gott her erkaufen. Gerade im Spätmittelalter nahmen diese Mißstände überhand, beispielsweise im Ablaßwesen oder in den Meßstiftungen. Aus heutiger Sicht muß es einem Katholiken schon als sehr erstaunlich erscheinen, wenn diese Aussagen Luthers für Konflikte zwischen den Kirchen gesorgt haben. Lange galt es als selbstverständlich, daß zwischen dieser zentralen Auffassung Luthers und der Lehre der römisch-katholischen Kirche ein unvereinbarer Gegensatz bestehe. Auch Luther war davon überzeugt. Noch 1531 erklärte er seine Bereitschaft zur Anerkennung des Papstes, wenn - wie Luther schreibt - "der Papst zugäbe, daß allein Gott rein aus Gnaden durch Christus rechtfertigt." Luther hielt es für undenkbar, daß der Papst so lehren könne.
Freilich: das ökumenische Gespräch der Gegenwart und die kirchenhistorische Forschung haben zu einer Revision dieser Meinung geführt. Der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh erklärte: Wenn Luther seine reformatorische Grunderkenntnis als neues Verständnis der "Gerechtigkeit Gottes" beschreibt, dann hat er hier etwas Urkatholisches neu entdeckt. Also: das Reformatorische, das heißt die Rechtfertigung aus dem Glauben, ist nicht kirchentrennend, auch nicht die daraus notwendig entspringende Kritik Luthers an der Kirche seiner Zeit. Wenn heute in der katholischen Kirche die Rechtfertigung im Sinne Luthers gesehen wird, von einer Werkgerechtigkeit nirgendwo die Rede ist, sondern betont wird, "der Gerechte lebt aus dem Glauben", dann bietet sich auch hier Luther als Brücke zur Überwindung der Kluft zwischen den Kirchen an. Auf der Basis von Martin Luther können hier Protestanten und Katholiken zum Konsens in einer der wichtigsten interkonfessionellen Fragen kommen.
Dieser Konsens steht unmittelbar bevor. Derzeit bereiten der Lutherische Weltbund und der vatikanische Einheitsrat eine "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" vor. Der Entwurf dieser Erklärung wurde jetzt von der VELKD veröffentlicht. Er stellt schon in seiner Präambel fest, "daß aufgrund des Dialogs Lutheraner und Katholiken nunmehr imstande sind, ein gemeinsames Verständnis des Glaubensinhaltes der Rechtfertigungslehre zu vertreten und zu artikulieren". Zentral ist die Aussage: "Katholiken und Lutheraner bekennen gemeinsam, daß der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist". Von dieser gemeinsam Basis ausgehend, gelingt es dem neuesten Konvergenzdokument zwischen Lutheranern und Katholiken, konfessionelle Spezifika unter dem oben zitierten Grundsatz so miteinander zu verbinden, daß es fortan eine gemeinsame Rechtfertigungslehre gibt. Das Dokument stellt deshalb auch abschließend fest, daß sich das lutherische und katholische Rechtfertigungsverständnis nicht mehr ausschließen und deshalb die Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts als aufgehoben angesehen werden können.
(6. Luthers Theologie als Brücke)
Meine sehr geehrten Damen und Herren. Ich habe jetzt an zwei zentralen Punkten der lutherischen Theologie und an ihren katholischen Gegenpositionen darzustellen versucht, daß sie sich nicht gegenseitig auszuschließen brauchen. Ganz im Gegenteil halte ich diese beiden Themen der Theologie Martin Luthers für geeignet eine stabile Brücke der Gemeinsamkeit zwischen den getrennten Kirchen zu schlagen.
Mit der Abendmahlslehre und der Rechtfertigungslehre ist natürlich nicht die ganze Theologie Luthers abgedeckt. In diesem Umstand sehe ich eine Begrenzung meiner These, die Theologie Martin Luthers sei eine Brücke zwischen den Konfessionen. Es gibt noch eine ganze Reihe von offenen Fragen zwischen der Theologie Martin Luthers und der römisch-katholischen Theologie. Fragen, die derzeit nur bedingt einen Brückenschlag zulassen, die noch mehr trennen als verbinden. Als noch nicht geklärt sehe ich insbesondere die unterschiedlichen Positionen in der Sakramentenlehre wie im Symbolverstehen überhaupt, ein noch wesentlich unterschiedliches Verstehen der Amtsfrage sowie der Ekklesiologie, also der Lehre über die Kirche. Hier sind Gespräche notwendig und ich hoffe, daß die Theologie auch in diesen Punkten zu einer Einigung gelangen kann.
Wenn ich gerade bei den Grenzen meiner These bin, dann muß auch unbedingt angemerkt werden, daß diese These nicht unhistorisch verstanden werden darf. Man kann natürlich nicht Luther und seine Theologie aus ihrem historischen und theologischen Kontext lösen und ans Ende des 20. Jahrhunderts setzen. Seit Luther hat sich gesellschaftlich, theologisch, konfessionell sehr viel geändert. Es liegen zwischen heute und dem Todesjahr Martin Luthers 450 Jahre. 450 Jahre in denen sich die Theologie in allen Konfessionen weiterentwickelt hat. Bei den Konvergenzgesprächen der Kirchen ist der aktuelle Stand der Theologie der maßgebende Bezugspunkt.
Doch wäre es ebenfalls unhistorisch, sich im Verständigungsprozess nicht ständig an Martin Luther zu erinnern. Durch die Erinnerung an ihn wird der Anfang der Kirchen der Reformation im heutigen Gespräch lebendig, ebenso wie seine katholische Tradition, aus der er kommt. Darin sehe ich eine große Chance für die ökumenische Verständigung. Martin Luther war eben nicht der Neuerer, sondern der Erneuerer. In ihm treffen sich beide Traditionslinien: die katholische und die reformatorische. Wenn wir heute unsere zum Teil sehr verschiedenen Traditionen wieder zusammenführen wollen, dann ist in diesem Einigungsprozess die Person dessen, bei dem sie zusammen waren und zugleich sich trennten, von entscheidender Bedeutung. So kann Martin Luther mit seiner Theologie eine Brücke zwischen der evangelischen und katholischen Kirche werden.
(7. Wege zueinander)
Meine Damen und Herren, lassen sie mich meine Ausführungen schließen mit einem eindringlichen Appell, zugunsten einer historisch begründeten Ökumene. Ohne die fast 500 Jahre getrennten abendländischen Christseins in Blick zu nehmen, läßt sich keine Einigung zwischen den Kirchen erreichen. Ohne sich kritisch an Martin Luther zu erinnern genausowenig.
In der kritischen Erinnerung der Anfänge liegt die Kraft zum Aufbruch. Wer sich erinnert, der gewinnt Gewißheit über seine Standpunkte. Nur wer eine solche Gewißheit hat, ist fähig angstfrei und sicher den Aufbruch in eine neue, hoffentlich immer mehr gemeinsam werdende Zukunft zu wagen.
1 Katechetische Blätter 121 (1996), Heft 1, 55.
2 Zitiert nach: Friedenthal, Richard, Luther. Sein Leben und seine Zeit, München 1967, 295.
3 Zitiert nach Typisch evangelisch! Das Magazin zum Lutherjahr '96, Stuttgart 1995/96.
4 Bei den folgenden Ausführungen habe ich zurückgegriffen auf: Alexander Gerken, Theologie der Eucharistie, München 1973, 126-141; Heinz Schütte, Ziel: Kirchengemeinschaft. Zur ökumenischen Orientierung, Paderborn 1985.
5 Vgl. Schütte 98-118; der Entwurf einer lutherisch-katholischen Erklärung zur Rechtfertigungslehre ist veröffentlicht in: Herder Korrespondenz 50 (1996), 302-306.