Luthers Liedschaffen


von Kantorin Dorothee Ludwig, Pfullingen
vorgetragen am 7.7.96 in der Ev. Kirche in Gönningen

"Denn es liegt viel daran, daß einer wisse, was und warum er singe !" Dieses Zitat stammt von dem gelehrten und bekannten lutherischen Pfarrer Cyriakus Spangenberg, der als Konsequenz daraus 1569/70 seine Manuskripte von 87 Predigten über 39 Lutherlieder drucken läßt. Und in der Vorrede zu einem Gesangbuch von 1568 schreibt er: "Denn das ist gewiß, wo man mit rechtem Ernst von Herzen fein bedächtig rechtschaffene reine Geistliche Lieder singet, da wird Gott gelobet, gerühmet, gepreiset, gedanket, angerufen und ihm alle gefällige Gottesdienste geleistet - der Mensch zu rechter Andacht gereizet, aller Hauptartikel göttlicher Lehre, sonderlich der evangelischen Verheißung erinnert, selbst gestärket, einander gelehret, ermuntert, ermahnet - und auf beiden Teilen das Herz getröstet, die Seele erfreuet, das Gewissen gestillet, die Hoffnung gemehret, das Kreuz gelindert, die Furcht und Traurigkeit gemindert, die Engel erlustiget, die Teufel vertrieben und verscheuchet."

Um die Bedeutung des reformatorischen Kirchenliedes einordnen zu können, ist es nötig , zuerst einen Blick zurück zu werfen. Im Gottesdienst vor der Reformation dominiert der Gregorianische Choral, d.h. in lateinischer Sprache gesungene Antiphonen, Hymnen und sonstige liturgischen Gesänge. Die jeweiligen Sänger sind Priester, Chor und Schola. Die Gemeinde singt ab und zu lediglich deutsche geistliche Volkslieder, z. B. Marien- und Heiligenlieder, sowie Leisen ( kurze, einstrophige Zwischenrufe bei Prozessionen, Wallfahrten, etc.). Einer der Hauptverdienste des reformatorischen Liedschaffens ist die Aktivierung und Beteiligung der Gemeinde am gottesdienstlichen Geschehen, indem sie im Lied auf die Predigt antwortet.
Luther war musikalisch umfassend gebildet. Er erhielt in der Schule theoretischen und praktischen Unterricht, sang im Schülerchor, spielte Querpfeife und Laute und lernte im Augustinerkloster die Welt der Gregorianik kennen. Die Musik hat für ihn den ersten Platz nach der Theologie; sie ist ein Geschenk Gottes, eine Trösterin und er weiß ihre erzieherische, bildende Kraft zu schätzen.1530 schreibt er in einem Traktat "Über die Musik": "...weil sie die Seelen fröhlich macht, weil sie den Teufel verjagt, weil sie unschuldige Freude weckt. Darüber vergehen die Zornanwandlungen, die Begierden, der Hochmut...".

Am 1.7.1523 werden in Brüssel auf dem Marktplatz zwei junge Augustinermönche öffentlich verbrannt, die sich zur lutherischen Lehre bekannt hatten. Der Tod dieser ersten Märtyrer der Reformation veranlaßt Luther, einen offenen Brief an die Christen in den Niederlanden zu schreiben und in ihm ein Protestlied zu diesem Vorgang zu veröffentlichen. Dieses Lied ist der Beginn seines Liedschaffens.
Im Januar 1524 schreibt er in einem Brief an seinen Mitstreiter Georg Spalatin: "Wir planen ...für die Gemeinde deutsche Psalmen zu dichten, geistliche Gesänge, damit Gottes Wort auch gesungen im Volk lebe. Darum suchen wir allenthalben Dichter....(auf die Melodie bezogen) Neue, modisch-elegante Töne sähe ich freilich gerne vermieden; denn um die Gemeinde zu gewinnen muß man ganz schlichte, landläufige, aber zugleich immer saubere und treffende Ausdrücke wählen, und der Sinn sollte klar und möglichst psalmgetreu sein. Daher muß man frei und ohne Rücksicht auf den Wortlaut den Sinn durch andere geeignete Worte übertragen." Die Psalmen bieten sich als Textgrundlage für Lieder förmlich an. Ursprünglich ja als Lieder entstanden, sind sie aufgrund ihres regelmäßigen metrischen Aufbaus und ihrer starken dichterischen Bilder geradezu prädestiniert, in Kirchenlieder umgewandelt zu werden. Im Jahr 1523 schafft Luther sechs solcher Psalmlieder zu denen er teilweise auch die Melodien komponiert; u.a.*Aus tiefer Not schrei ich zu dir,*Es woll uns Gott genädig sein, *Ach Gott, vom Himmel sieh darein. Diese christologisch ausgedeuteten Psalmlieder fungieren als gesungene Bibel: Die Bibel legitimiert das Singen - Singen interpretiert die Bibel - eine fruchtbare Wechselwirkung!

Thomas Müntzer, ursprünglich Weggefährte Luthers, später Vertreter des linken Flügels der Reformation und charismatischer Führer im Bauernkrieg veröffentlicht bereits 1523 sein "Deutsch Kirchenamt", mit dem er deutsche Gottesdienstformen schafft und für das er 11 altkirchliche Hymnen unter Beibehaltung der gregorianischen Melodien übertragen hat. Seine Texte sind jedoch stark geprägt von seinen aus Luthers Sicht ketzerischen theologischen Ansichten und werden deshalb von Luther scharf angegriffen und verworfen.

Die Jahre 1523/24 sind die fruchtbarsten in Luthers Liedschaffen. In dieser kurzen Zeit entstehen 2/3 seiner "Gesamtproduktion", nämlich 24 Lieder unterschiedlichster Gattung und Funktion. Ein Blick in Luthers Werkstatt macht dabei seine Verfahrensweise deutlich. Luther sammelt und prüft das bereits vorhandene Liedgut. Er will nicht um jeden Preis Neues schaffen, seine Anlehnung an die Tradition ist Absicht, um das dem Volk Bekannte zu neuem Leben zu erwecken. Bemerkenswert ist, daß er seinen Liedern nur wenige freie Dichtungen zugrunde legt. Auf diese Weise entstehen zu den Festzeiten der Jahre 1523/24 die jeweils benötigten Festlieder. Er mustert den Bestand, den er aus dem klösterlichen liturgischen Gebrauch kennt und überträgt z. B. die altkirchlichen Hymnen . Bewußt übernimmt er dabei die vierzeilige Strophenform, sowie die zugehörigen `"schlichten" Melodien, die sich leicht Ton für Ton zum Gemeindegesang umformen lassen. So entstehen die Lieder *Nun komm. der Heiden Heiland und *Christum wir sollen loben schon. Außerdem überprüft er die schon vorhandenen deutschen Gesänge, die Leisen und übernimmt sie, bzw. erweitert sie durch Hinzufügung weiterer Strophen (Bsp.: *Christ ist erstanden, *Gelobet seist du, Jesu Christ).

Luther schafft auch Lieder, die die für seine Theologie entscheidenden Fragen nach Buße, Gnade und Gerechtigkeit zum Inhalt haben * Dies sind die heilgen 10 Gebot
Später entstehen noch Lieder zur Deutschen Messe (1526)
* Jesaja, dem Propheten das geschah (Sanctus)
* Wir glauben all an einen Gott
* Vater unser im Himmelreich
* Christe, du Lamm Gottes
* Verleih uns Frieden gnädiglich
Doch mit dem Schaffen neuer Lieder allein ist es noch nicht getan, sie müssen auch den Gemeinden zugänglich gemacht werden! Dabei kommen Luther die Möglichkeiten des aufblühenden Buchdrucks entgegen. Aufgrund der Initiative von Druckern, Verlegern und Buchhändlern entstehen zunächst Einzelliedblätter und Flugschriften. Das Jahr 1524 ist das Geburtsjahr des Gesangbuches. In ihm erscheinen drei Gesangbücher auf einmal:
1.) Das Achtliederbuch
4 Lutherlieder, u.a.
* Nun freut euch, lieben Christen gmein
* Aus tiefer Not schrei ich zu dir
* Es ist das Heil uns kommen her 2.) Erfurter Enchiridion (=Handbüchlein)
26 Texte auf 16 Melodien, davon 18 Lutherlieder
3.) Geistliches Gesangbüchlein (Chorgesangbuch in 5 Stimmbüchern)
38 deutsche Liedsätze
24 Lutherlieder
5 lateinische Motetten
Die Reihe könnte für die folgenden Jahre weiter ergänzt werden!
In dem "Babstschen Gesangbuch", bei Valentin Babst 1545 in Lepzig gedruckt, liegt Luthers Opus von 37 Liedern gesammelt vor, außerdem ist es mit einer Vorrede von ihm versehen.
"Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solchs mit Ernst glaubet, der kanns nicht lassen, er muß fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, daß es andere auch hören und herzukommen. Wer aber nicht davon singen und sagen will, das ist ein Zeichen, daß ers nicht glaubet und nicht ins neu fröhliche Testament, sondern unter das alte, faule, unlustige Testament gehöret....."
Martin Luther ist die entscheidende Weichenstellung gelungen, nämlich die Beheimatung des geistlichen Singens in einer protestantischen Kirchenmusik. Sie hat eine jahrhundertelange, fruchtbare Entwicklung zur Folge: die Entstehung von Liedmotette, Choralkantate, Bachchoral und Orgelchoral.
Zusammenfassung
Funktion: Aktivierung der Gemeinde im Gottesdienst
Verbreitung der reformatorischen Lehre
Bildung der Jugend
Seelsorge
Material für die Hausandacht

Gattungen: Psalmlied
Lieder zum Kirchenjahr
Lieder zur Deutschen Messe
Katechismuslieder
Lehr- und Hauslieder