Katholisch oder lutherisch? Eine Betrachtung zur Reformationsgeschichte.



von Dr. Klaus Kemmler, Reutlingen-Gönningen; im Juli 1996

vorgetragen am Samstag, den 6.7.96 in der ev. Peter-und-Paul-Kirche Gönningen





Meine Damen und Herren,


da hat mir unser lieber Pfarrer Behrend etwas Schönes eingebrockt. Ausgerechnet im heißen Sommer, wenn andere Leute in den Urlaub fahren, soll ich mich noch einmal mit Martin Luther
beschäftigen, obwohl das ja gar nicht mein Fach ist. Vertrauen ehrt, wahrscheinlich hat er gedacht, unsereins kriegt vielleicht einen gewissen Altersbonus zugebillgt, wenn er sich mehr schlecht als recht an ein so ungeheuer weitläufiges Thema wagt. Unter welchem Aspekt geht man überhaupt so ein Thema an? Unter dem der Ereignisgeschichte, Kultur-, Sozial-, Geistes- oder Kirchengeschichte? Die Literatur hierüber füllt Bibliotheken. Meine fachliche Unkenntnis und Unzuständigkeit hat freilich auch ihre Vorteile; ich muß nicht, wie ein Pfarrer, sicher oft zu seinem Leidwesen, von Berufs- und Amtswegen vorwiegend in theologischen und geistlichen Kategorien denken, muß auch nicht, wie ein Historiker, über detailliertes Fachwissen verfügen, sondern kann mich einfach, um ein modernes Lieblingswort zu gebrauchen, "einbringen" samt meiner Inkompetenz, allenfalls mit einigem Angelesenem und ein paar persönlichen Erfahrungen, wie sie die Jahre halt mit sich bringen. Solche Unzulänglichkeiten also beiseitegelassen: was fällt einem Menschen unserer Generation ein, wenn er über Martin Luther sprechen soll? Der Luther aus den Geschichts- und Religionsstunden unserer Schulzeit, der Reformator, der große Weltbeweger am Beginn der Neuzeit, der Mann, der die Bibel übersetzte, der Sprachschöpfer, der Verantwortliche für die Glaubensspaltung im christlichen Abendland, oder was sonst? Erlauben Sie mir, mich mit einer Alltagsbeobachtung meinem Thema anzunähern.


Bekanntlich prägen sich unserem Gedächtnis Personen und Ereignisse besonders ein, wenn man ihre Bilder, wie Urlaubsfotos im Album, noch einmal hervorholen und ansehen kann, zumindest in Gedanken. Bilder sind Gedächtnisstützen. Man erinnert sich wieder an Zusammenhänge, die sich gedanklich vertiefen und ausweiten lassen; man sinnt ihnen nach, überläßt sich seinen Assoziationen und kommt möglicherweise zu ganz neuen Ansichten über seinen Gegenstand.


Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir, wenn Sie an Luther denken. Man hat wohl zunächst einmal sein Erscheinungsbild vor Augen, wie es uns aus zahllosen Kupferstichen und Gemälden überliefert ist: seine monumentale Gestalt, sein Gesicht. Luther als Mönch, Luther vor der Wittenberger Schloßkirche, Luther vor Kaiser Karl v. auf dem Reichstag in Worms, Luther, wie er die päpstliche Bannbulle verbrennt, Luther als Junker Jörg auf der Wartburg, Luther im Kreis seiner Familie. Die Bilder von Lucas Cranach. Luthers Physiognomie auf Lucas Cranachs Kupferstich von 1520 und seiner Zeichnung von 1533. Die zwei Bilder vor allem sehe ich vor mir: das des asketischen Mönchs und das des robusten, aber auch gemütvollen reifen Mannes. Dieses Gesicht mit den auffälligen Backenknochen und den etwas schrägen Augen, - darüber hatte ich schon mal was gelesen, in einem ganz anderen Zusammenhang; jetzt, wenn ich darüber nachdenke, weiß ich's wieder, es war in Thomas Manns "Zauberberg". Da ging es um die von dem drolligen italienischen Aufklärer und Humanisten, Herrn Settembrini, vertretene Toleranz, die er seinem jungen Freund, einem schlichten Ingenieur namens Hans Castorp, pädagogisch zu erklären versucht; und da war auch von Protestantismus und Katholizismus, schließlich von Luther selbst die Rede. Schon aus Luthers Portrait könne man, wie Herr Settembrini meinte, die bemerkenswertesten Rückschlüsse ziehen. Ich will Ihnen die Stelle einfach vorlesen:

"Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsch entfernt, Sie in Ihrem Protestantismus beirren und kränken zu wollen. Wir sprachen von Toleranz... Es ist überflüssig, zu betonen, daß ich dem Protestantismus mehr als Duldung, daß ich ihm als dem historischen Opponenten der Gewissensknebelung tiefste Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der Buchdruckerkunst und die Reformation sind und bleiben die beiden erhabensten Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit erworben hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben äußerten, zweifle ich nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen werden, wenn ich darauf hinweise, daß das nur eine Seite der Sache ist, und daß sie ihre zweite hat. Der Protestantismus birgt Elemente... Die Persönlichkeit Ihres Reformators selbst barg Elemente... Ich denke an Elemente der Ruheseligkeit und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, die dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich sind. Sehen Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten Sie Bildnisse von ihm, jugendliche und spätere! Was ist denn das für ein Schädel, was sind das für Backenknochen, was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist Asien. Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlist wundern, wenn da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen wäre, und wenn also nicht die - wer wollte es leugnen - gewaltige Erscheinung dieses Mannes eine verhängnisvolle Überbelastung einer der beiden in Ihrem Lande so gefährlich gleichstehen-den Schalen zu bedeuten gehabt hätte, - ein furchtbares Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die westliche Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert..."

So geht es noch eine Weile weiter. Und dann sagt Herr Settembrini etwas geradezu Prophetisches:
"Entscheidungen werden zu treffen sein,- Entscheidungen von unüberschätzbarer Tragweite für das Glück und die Zukunft Europas, und Ihrem Land werden sie zufallen, in seiner Seele werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und West gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen werben, sich entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden an dieser Entscheidung beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinfluissen..."

Der "Zauberberg", vor mehr als siebzig Jahren erschienen, ist ein Zeitroman von immer noch oft bestürzender Aktualität. Was der menschenfreundliche Herr Settembrini hier aus den Zügen Martin Luthers herausliest, charakterisiert, finde ich, ein Lutherbild, das uns heute noch nachdenklich stimmen kann, auch wenn uns das bei dieser Gelegenheit von Thomas Mann mit Herrn Settem-brinis "plastischen Worten" unterstellte Gefühl für die Verantwortlichkeit unseres Landes vor dem Angesicht der Gesittung inzwischen ziemlich abhanden gekommen ist, haben wir doch selber zu ihrem Verlust in furchtbarer Weise beigetragen. Aber da ist schon etwas dran: Die Persönlichkeit des Reformators barg Elemente, die uns heute vielleicht in ganz neuem Licht erscheinen. Die beiden Sphären, die um unser Wesen werben und die hier einer westlichen, d.h. einer klaren, verstandesbetonten Seite und einer östlichen, will sagen, einer irrationalen, gefühlsbetonten, ja mystischen Seite zugeordnet werden, treten nicht nur in Luthers Äußerem zutage, sie waren ganz sicher auch Bestandteile seines eigenen Denkens und Fühlens. Luther, der stürmen und brausen konnte, dem es um die Klarheit von Gottes Wort ging, Luther, der Revolutionär,- er konn-te sich meditierend in sein Kämmerlein zurückziehen, sich der Musik hingeben und ein geistliches Lied schreiben, er war zugleich ein Mann der breiten Wirkung und ein Mann der Einsamkeit. Er konnte toben und sich dadurch verhaßt machen, daß er, wie Erasmus sagt, "dem Papst an die Krone und den Mönchen an ihren Bauch griff". Aber er, der die Musik neben die Theologie stellte, konnte sich auch an das Gemüt der Menschen wenden, nicht, indem er wetterte und drohte, sondern indem er Lieder zu Gottes Lob machte und "einfältig" und herzbewegend predigte. Ganz im Sinne der deutschen Mystik redete er vom inneren und vom äußeren Menschen. Der innere Mensch ist frei, der äußere gebunden, unterliegt hundert Zwängen, aber die berühren nicht seine Seele; im Glauben hat die Seele ihre Ehre und Würde, ihr Königreich. Dem entsprach auch seine Geringschätzung der Vernunft; Vernunft war für ihn eine " Hure", letzten Endes also etwas Käufliches, für jedermanns kurzzeitigen Gebrauch zu haben. Unsere Vernunft reicht allenfalls bis zur Grenze unseres jeweiligen Wissens- und Erkenntnisstandes, der aber kann schon vom nächsten großen Gelehrten gleich wieder verändert werden. Erst das Überschreiten dieser Grenze führt zum wahren Leben; nicht der Mensch leistet etwas zu seiner Verbesserung, sondern er wird gerechtfertigt; gerecht wird er von innen her, aus dem Glauben, aus der Gnade.

Indem ich mir das bewußt zu machen versuche, bin ich nun allerdings schon wieder auf meine Verstandeskraft angewiesen, denn es hat etwas mit der rationalen, nicht der gefühlsmäßigen Seite meiner Erkenntnisfähigkeit zu tun. Gleichwohl geht es dabei um die Seele, um einen Rationalismus, der auf die Entsprechung von menschlicher Seele und Gott verweist. Das geht durch unsere Geistesgeschichte bis auf den heutigen Tag. Eine solche Entsprechung, die durch das Evangelium (als Offenbarung) wiederhergestellt werden kann, ist mindestens rudimentär in der menschlichen Seele erhalten geblieben. Der Mensch unserer Zeit ist nicht nur definiert durch die Determinanten seines äußeren Lebens, seiner wirtschaftlichen und gesellschaftliche Situation, durch den Umfang seines Wissens und den Grad seiner Sachkenntnis, sondern auch durch das, was in ihm selbst vorgeht, durch sein Inneres, seine Motivation, wie wir heute sagen, seine Antriebe. Sie kommen aus dem tief in uns Angelegten, aus dem Vor- und Halbbewußten, aus dem Archaischen oder wie man's auch immer benennen will, jedenfalls aus Bereichen, die unserer Vernunft wenig zugänglich sind. Als ich mich vor zwei Jahren mit unserem "Reformationstheater" beschäftigt habe, ist mir aufgefallen, daß diese Spannung zwischen geistiger Klarheit und einem aus dem Inneren kommenden emotionalen Antrieb, der, wie die Liebe, mitunter blind, häufiger aber auch besonders hellsichtig machen kann, nicht nur Luthers Charakter, sondern eigentlich die ganze Reformationszeit gekennzeichnet haben muß. Wir sehen ja doch auch in unserer Gegenwart ständig vor uns, wie sehr die Ambivalenz von Bewußtem und Unbewußtem, die Doppelwertigkeit und doppelte Wirksamkeit von Geistigem und Seelischem, unser Handeln bestimmt. In dem Menschen der Renaissancezeit, der eben begann, sich aus den Fesseln seiner Gebundenheit an das alte, festgefügte mittelalterliche Wertesystem zu lösen, lebte doch zumindest unterschwellig noch Vieles weiter fort, was sich nicht einfach schon deshalb als rückständig abtun ließ, weil es nicht mehr auf der Höhe der Zeit war, obwohl altüberliefert und den Menschen ans Herz gewachsen. Im Gegenteil, gerade weil es durch die Überlieferung etwas Sakrosanktes, Unantastbares bekommen hatte, war es noch immer höchst lebendig und wirksam. Es entstand auch damals schon dabei die typische Konfliktsituation, die sich aus der Gleichzeitigkeit von etwas Ungleichzeitigem ergibt: hier die beginnende Neuzeit mit ihrer rationalistischen Weltsicht, ihren sozialen Spannungen und ihrer noch unsicheren, von politischen und wirtschaftlichen Interessen abhängigen Zukunft. Dort die sich allmählich immer mehr verklärende Welt einer scheinbar gelungenen Vergangenheit mit ihren festen Normen, ihren ständischen Hierarchien und nicht zuletzt ihren kirchlichen Traditionen. Zeigt uns nicht auch heute wieder z.B. die alte feudalistische Welt der deutschen Landesfürsten gerade deshalb, weil sie längst untergegangen ist, ihre Schönheit noch einmal wie eine Oase inmitten unserer seelenlosen Industrielandschaften? Stellen die Leute nicht gerade deshalb Antiquitäten in ihre modernen Wohnzimmer, um sich noch mit etwas Altehrwürdigem zu umgeben, eben weil es zu ihrem Lebensstil gar nicht paßt? Sehnen sich unsere Manager und Techniker ohne Familie, Herkunft und Vergangen-heit nicht immer wieder, wenn auch oft uneingestanden, nach traditionellen, wertbeständigen Lebensinhalten, ja selbst nach der Ruhe und kontemplativen Geborgenheit romanischer Kirchen und stiller Klöster, und zwar gerade deshalb, weil es das alles in ihrem Alltag nicht mehr gibt? Und ist es nicht schon fast kennzeichnend für unsere Gegenwart, wie trotz der zunehmenden Entfernung und Entfremdung von der Kirche das Bedürfnis nach dem Sakralen unverändert ge-blieben ist? Und daß, ganz im Sinne von Herrn Settembrinis Rede, in einer Art Ersatzbefriedigung dabei "Asiatisches" , Ruheseligkeit und hypnotische Versenkung wie in Buddhismus und Hinduismus, namentlich bei Jüngeren, die sich sonst eher verstandesbetont und kritisch geben, so oft eine große Rolle spielt?

Ich meine damit nicht das, was wir heute als Nostalgie bezeichnen, die Sehnsucht nach einer noch heilen Vergangenheit, die in Wirklichkeit gar nicht heil war und die wir uns ernsthaft auch gar nicht zurückwünschen. Dieses Gefühl war sicherlich bei den religiös geprägten Menschen damals, nach der Eröffnung so vieler neuer geistiger Freiräume, noch kaum bekannt. Ich denke auch nicht an Neurosen und konfuses Wunschdenken, sondern an das Numinose, das da immer wieder durchschlug, die Ahnung, daß eine unsichtbare göttliche Macht mit der Fähigkeit zu positiven und negativen Wirkungen in und über unserm Leben waltet, ein Grundgefühl, das sich nicht in lautstarken Bekenntnissen äußert, sondern eben tief im Inneren des Menschen angelegt ist und oft gar nicht über die Schwelle der Bewußtmachung hinausgelangt. Ich stelle mir vor, daß ein solches religiöses Grundgefühl zu Luthers Zeit sehr ausgeprägt gewesen sein muß und daß den protestantischen Bilderstürmern oft nicht ganz wohl dabei war, wenn sie die Heiligenbilder aus den Kirchen holten und verbrannten. Bei aller Fortschrittlichkeit erwies sich gewiß auch hier der protestantische Geist oft als Widersacher der Seele, in der noch immer etwas kolossal Katholisches rumorte. Luther selbst mochte dazu beigetragen haben mit seinem antirömischen, grobianischen Schimpfen und Wüten einerseits und mit seiner zarten Gemütstiefe und dem massiven Aberglauben an Dämonen und Teufel andererseits. Das allgemeine Ressentiment gegen den Klerus, die Entrüstung über den Ablaßhandel, der Pfaffenhaß, die Schändung von Hostien und Reliquien, das Anzünden der Kapellen, die Vertreibung der Mönche und Nonnen aus den Klöstern hat nicht nur die paradoxe Bewegung des Humanismus befördert, sondern sicherlich auch manches schlechte Gewissen. Ich bin, wie gesagt, wenig kompetent, hier die Geschichte der Reformation in irgendeiner Weise zu interpretieren, ich versuche nur, als Angehöriger einer Generation, die Krieg und Vertreibung, Faszination und Ernüchterung, Zuversicht und Zweifel, Greuel und Angespucktwerden selbst miterlebt hat und durch masochistische Selbstbezichtigungen ständig zur Reue angehalten wird, mich in die Lage eines Menschen der damaligen Zeit zu versetzen. In unserem heutigen Bewußtsein und Selbstverständnis spielen Glaubensfragen sicherlich nicht mehr die entscheidende Rolle, auch wenn sie immer wieder als Vorwand für andere Interessen dienen. Damals jedenfalls herrschte ein konfessionelles Bewußtsein vor. Das war ein neues Phänomen, das zugleich mit der "Entzauberung" der mittelalterlichen Welt auch viel Unterschwelliges ans Licht brachte; es prägte, erst einmal geweckt, nun die Gesamtheit des Lebens auf beiden Seiten. Der Tübinger Theologieprofessor Martin Heckel beschreibt es so:

"In ihm ist die Tiefe der Theologie und des Glaubenslebens jeweils mit zeitbedingten Äußerlichkeiten zu einer typischen Einheit verwachsen, die auch sehr weltliche Züge konfessioneller Rechthaberei und Streitlust, Verhetzung und unflätiger Verketzerung aufwies. Zur Kontroverstheologie und Kontroversjurisprudenz kam die Kontroverspropaganda. Sie wurden von den Obrigkeiten vielfach angeheizt und eingesetzt und auch vom Pöbel ausgetobt, der sich an Gottesdienststörungen und Gewaltdemonstrationen berauschte. Am Konfessionsgegensatz haben sich viele andere Interessengegensätze kristallisiert bzw. hinter ihm versteckt, was freilich nur die überragende Bedeutung des Religiösen für "die Welt" in dieser Zeit bestätigt."

Natürlich muß man auch den damaligen Tiefstand der religiösen und der weltlichen Bildung des Volkes sehen, das zudem gewiß nicht so zart besaitet war wie es heute selbst bei sonst wenig sensiblen Menschen der Fall ist. Neunzig Prozent der Bevölkerung lebte auf dem Land in primitivsten Verhältnissen.Die durchschnittliche Lebenserwartung war kurz, von hundert Lebendgeborenen waren es keine zwanzig, die das 60. Lebensjahr erreichten. Immer wieder drohte ein neuer Ausbruch der Pest. Lesen und schreiben konnten die wenigsten. Die Leute lebten ungeschlacht in derben Vergnügungen; die Visitationsprotokolle berichten immer wieder von erschreckender Verwahrlosung und Unbildung. Doch bei aller Stumpfheit war das Volk verunsichert, beunruhigt und verängstigt. Dazu noch einmal Martin Heckel:

Besonders ein landesherrlich angeordneter Konfessionswechsel zog oft ein Chaos von Verwirrung und Unsicherheit nach sich, bis sich der neue Konfessionsstand durchsetzte und der Widerstand der alten Geistlichkeit und des renitenten Adels, der vielfach das Patronatsrecht hatte, ausgeschaltet war. Die Bevölkerung hing manchmal treu an ihrem alten Glauben und zeigte auch nach Vertreibung ihrer alten Pfarrer und Lehrer hinhaltenden Widerstand. Oft aber ging der Konfessionswechsel überrraschend reibungslos vonstatten, das schlichte Volk folgte obrigkeitsfromm. Bei mehrmaligem Zwangs-Bekenntniswechsel, der z.B. in der Pfalz und in Baden zwischen Luthertum, Calvinismus und Katholizismus hin- und hersprang, war es auch abgestumpft, fügte sich äußerlich und tat insgeheim, was es nicht lassen mochte. Konfessionelle Mischverhältnisse wurden freilich nur selten von den Landesherren begünstigt....Meist waren sie temporärer Wildwuchs...begünstigt durch die bunte Mischung verschiedengläubiger Länder, En- und Exklaven mit ihren zerfaserten Grenzen, die insbesondere im Westen, Südwesten und Franken das Hinüberlaufen zum nahen fremden Gottesdienst förmlich provozierten."

Umgekehrt stieß dann auch die Gegenreformation später bekanntlich immer wieder auf den hinhaltenden Widerstand glaubenstreuer Lutheraner, wofür z.B. die Geschichte meiner Heimat Schlesien viele eindrucksvolle Beispiele geliefert hat. Schlesien gehörte seit 1526 zum Verband des katholischen Habsburgerreiches, hatte sich aber großenteils schon früh den neuen Ideen der Reformation angeschlossen. Man kann sich vorstellen, in welche Loyalitätskonflikte der schlesische Adel, die Verwaltung und die Behörden des Landes gestürzt wurden, wenn sie zwischen dem Gehorsam gegenüber dem katholischen Kaiser und ihrer protestantischen Gewissensüberzeugung wählen mußten. Theologische Streitigkeiten hatten bezeichnenderweise hier auch Schwärmer und Sektierer wie Kaspar v.Schwenckfeld hervorgebracht, der sich von der strengen Lehre Luthers entfernte und besonders in Schlesien viele Anhänger fand. Wir kennen das lange Fortwirken solcher Beharrungskräfte ja auch in der säkularisierten Form unseres Jahrhunderts, wie z.B. nach den staatlich verordneten Gesinnungsänderungen beim Übergang von der Monarchie zur Republik, dann zum Nationalsozialismus, dann womöglich zum Marxismus und schließlich zur Demokratie. Nur lagen damals die Wurzeln noch tiefer, nämlich im Religiösen.

Das Fromme, das Heilige, sind Urereignisse, weder greifbar noch angreifbar. Das Katholische, das um 1530 in den Gemütern namentlich derjenigen, die mehr oder weniger unfreiwillig lutherisch geworden waren, noch nachwirkte, war sicherlich nicht bloß das, was die neue Lehre mit den Zuständen in der kirchlichen Organisation, mit den Ablässen, Heiligsprechungen und dem Mönchswesen aufs Korn genommen hatte. Es hatte vielmehr etwas mit der existentiellen Angst vor dem Ungewissen zu tun, mit dem Bedürfnis, sich an etwas sinnlich Faßbares halten zu können, das zugleich Ausdruck des Übersinnlichen, Überirdischen und Göttlichen war, oder einfach nur das Objekt blinden, nicht fragenden Vertrauens. Vielleicht können sich manche von Ihnen
noch an unser kleines Theaterstück "Maria und die Reformation" erinnern; da habe ich versucht, in der Figur der kleinen Maria einen solchen "lag", ein solches Zurückbleiben des Gefühls in der Frömmigkeit und Bilderwelt des Kinderglaubens hinter der Realität darzustellen; das räumliche Nebeneinander der damals dank Matthäus Alber schon vor ein paar Jahre lutherisch gewordenen freien Reichsstadt Reutlingen und des noch katholischen, zu Württemberg gehörenden Dörfchens Gönningen sollte dazu den ja durchaus vorstellbaren historischen Hintergrund abgeben. Das Wunder ist bekanntlich des Glaubens liebstes Kind, und natürlich ist der Glaube,, daß einmal ein Wunder geschehen wird, keine an irgendeine bestimmte Konfession gebundene Hoffnung; Zarah Leanders berühmtes Lied aus den letzten Kriegsjahren ist ein Beispiel dafür, es hat bei aller Trivialität ganz sicher zumindest nicht unerheblich zur Aufhellung mancher düsteren Stimmung beigetragen. Die entthronten Heiligenfiguren aber haben wohl auch in den Wirren der Reformationszeit lange noch eine bestimmte Funktion gehabt, nämlich die, daß sich im Leben und Märtyrertum der Heiligen zugleich Sehnsucht, Liebesfreude und Liebesleid, Trauer, Hoffnung, Glück und Erlösung der armen Menschen spiegeln konnte. Besonders Maria, die Jungfrau, Mutter, Königin, die gebenedeite Magd des Herrn, dürfte aus den Lebensträumen auch vieler Lutheraner nie gänzlich verdrängt worden sein. Himmelserscheinungen und Marienvisionen betrachtet heute allerdings auch die katholische Kirche als "private Angelegenheit, nicht als katholisches Ereignis", so hat es jedenfalls Papst Benedikt XV. schon zu Anfang dieses Jahrhunderts festgelegt. Daran, las ich kürzlich in einer Zeitung, habe auch die große Marienverehrung des derzeitigen Papstes nichts geändert; "mitunter ist die Kirche rationaler als die Laien", lautete das Fazit.

Eben das war sie sicherlich auch schon zur Reformationszeit. Zu den Haupttypen der persönlichen Frömmigkeit hat nicht nur im Katholizismus, sondern auch im Protestantismus allemal die Mystik gehört. "Mystik", - das ist freilich schon wieder so ein Begriff, der terminologisch festgelegt ist und interpretiert werden müßte. Um es nochmals zu sagen: dazu fehlen mir die Voraussetzungen. Doch ist mir ein Satz von Paul Tillich in Erinnerung geblieben: "Ein Protestantismus, in dem Meditation und Kontemplation, Ekstase und "mystische Vereinigung" keinen Raum mehr haben, hat aufgehört, Religion zu sein." Lassen wir es bei dem Wort "Mystik". Die protestantische Mystik läßt sich übrigens auch auf Martin Luther zurückführen, der selbst im Jahr 1518 einen Traktat der mittelalterlichen Mystik mit dem Titel "Eyn Deutsch Theologia" herausgab; ihr Einfluß ist nicht zuletzt auf vielen Gebieten der Kunst zu spüren, so in der Musik von Johann Sebastian Bach und im Bereich des evangelischen Kirchenliedes, etwa bei Paul Gerhard und Gerhard Tersteegen, aber auch bei dem zur katholischen Kirche übergetretenen Angelus Silesius.

Die einstmals die Konfessionen trennenden theologischen Gesichtspunkte sind für den Laien heute sehr in den Hintergrund getreten. Dagegen scheinen die den beiden Konfessionen gemeinsamen mystischen Dimensionen uns heute wieder viel vertrauter geworden zu sein, als es nach dem herrschenden Wahrheitsbewußtsein der Zeit der Fall sein müßte. Wir sind gewöhnt, uns an das Sichtbare, Meßbare und Berechenbare zu halten, doch fühlen wir auch, daß das nicht die ganze Wahrheit sein kann. Zu unserer Lebenswirklichkeit gehören zwei Formen der Wahrneh-mung: die eine besteht aus dem Denken in Begriffen, das die Welt logisch, intellektuell erfaßt, die andere aus der Zuwendung zu jenen Bereichen der Wirklichkeit, des Seienden und Realen, die nicht rational, wissenschaftlich erfaßbar sind. Den Zugang hierzu öffnen uns Phantasie, Intuition, unsere Träume, das Schauen und Erschaffen von Bildern, Poesie, Dichtung, wenn Sie wollen, auch die Musik, bei der es ohnehin nie Verständigungsschwierigkeiten gegeben hat. Ziel un-seres Strebens nach Erkenntnis ist die Wahrheit. Erkenntnis aber hat ihren Grund nicht nur im Intellekt, sondern eben auch in den Tiefen der Seele, des Gefühls und des Glaubens. Der katholische Theologe Hans Küng tritt deshalb sowohl für eine Koalition der Glaubenden ein, die "ein Bollwerk gegen den um sich greifenden Unglauben darstellen", als auch für ein Miteinander mit Nichtglaubenden. Und er fordert einen ökumenischen Weg zwischen "Wahrheitsfanatismus" , der die Wahrheit exklusiv für sich reklamiert, und "Wahrheitsvergessenheit", für die alles und jedes gleichgültig, also gleichermaßen gültig und wahr ist. So sind es also heute nicht mehr nur die Protestanten wie zu Luthers Zeiten, die darauf vertrauen, daß Gott trotz menschlicher und kirchlicher Unvollkommenheit und Irrtumsanfälligkeit die Seinen schon in der Wahrheit erhalten werde. Gemeinsam wissen wir: Die Wahrheit ist allein bei Gott, und sie ist höher als unsere Vernunft.