Jochen Klepper
(22. März 1903 - 11. Dezember 1942)



Vielen Dank für die freundliche Erwähnung unserer Site im Deutschen Pfarrerblatt 2/2001,104!

Jochen Klepper (1903-1942) ist einer der bedeutendsten geistlichen Liederdichter unseres Jahrhunderts - im neuen Evangelischen Gesangbuch gehört er zu denen, die am stärksten vertreten sind. Vor einiger Zeit habe ich (vor allem auch im Blick auf seine Weihnachtslieder) versucht, sein Leben und sein Wirken nachzuzeichnen.

Ein Gottesdienst auf der Basis dieses Vortrages:


Jochen Kleppers Band mit Kirchenliedern:

Ausführliche Literaturliste:


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"Die Nacht ist vorgedrungen" -

ein Abend mit Texten des evangelischen Liederdichters und Anmerkungen zu seinem Leben

Die Evangelische Kirchengemeinde Sulz a.N. lädt ein:
Freitag, 11. Dezember '92
20 Uhr
Ev. Stadtkirche Sulz

Jochen Klepper

(22. März 1903 - 11. Dezember 1942)

"Die Nacht ist vorgedrungen"-

ein Abend mit Texten des evangelischen Liederdichters

und Anmerkungen zu seinem Leben


gestaltet von Pfv. Alexander Behrend,
Elsbeth Fendrich (Orgel),
Pfvin. Susanne Schaaf
und Martina Kitzlinger (Querflöte)



1. "Die Nacht ist vorgedrungen" (EKG 14)
1.1 Vorspiel zu "Die Nacht ist vorgedrungen"
1.2 Einleitung und Hinführung
1.3 Singen des Liedes
1.4 Anmerkungen zum Lied
1.5 Nachspiel zu "Die Nacht ist vorgedrungen"
2. Biographische Skizze
2.1 Biographie
2.2 Zwischenspiel
3. "Du Kind, zu dieser heiligen Zeit" (VE 50)
3.1 Folienbild "INRI-Krippe" mit Meditation zum Liedtext
3.2 Singen des Liedes
4. "Sieh nicht an, was du selber bist" (EKG 407)
4.1 Hinführung zum Lied / Text
4.2 Singen des Liedes
4.3 Kleppers Tod und Gesamtzeugnis
4.4 Schlußmusik ("Sieh nicht an")


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1 "Die Nacht ist vorgedrungen" (EKG 14)
**********
1.1 Vorspiel zu "Die Nacht ist vorgedrungen"
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1.2 Einleitung und Hinführung
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* 1961 - Jerusalem;
danach befragt, ob er sich an den "Fall Klepper" erinnere,
antwortet der ehemalige Leiter des Judenreferats im Reichsicherheitshauptamt Adolf Eichmann
- wie zu erwarten -:
Nein, ich erinnere mich nicht.
Mittlerweile kann ich es Ihnen etwas präziser weitergeben:
Dr. Servatius: I shall return to the question in conjunction with the report of the statistician Korherr. But first I would like to turn to exhibit T/1135, document No. 186. This concerns the Accused's taking part in the possible grant of an exit permit. This is a published extract from the diary of Jochen Klepper, the poet. Jochen Klepper had a Jewish wife, and as a result of persecution he committed suicide on 10 December 1942. The entries in the diary show that Eichmann spoke to the poet, Klepper, on the day before the latter's death, that is on 9 December 1942, after a preliminary consultation. At the end he said to him that he thought that things would work out. This is in column 3 of the report. Witness, do you remember this meeting?
Accused: I do. I have some recollection of the meeting. I myself was unable to take any initiative. I will have given him an intermediate reply. The words I use show this. I could take no initiative in this matter because there was a general ban by Himmler, and only my superiors could relax or annul the ban in individual cases. The document also shows that the driving force in this case was the man's fear that as compulsory divorce was concerned, separation might be possible. What is interesting is that his own State Secretary insisted on compulsory divorce at the Wannsee Conference with great intensity.
Dr. Servatius: I should like to add that according to this text, Frick said that the main thing is compulsory divorce, so that after the divorce the Jewish party would immediately be deported. This was the consequence of the legal measure.
Presiding Judge: I should like to ask the Accused if he actually remembers submitting this case to Mueller.
Accused: I cannot remember this actual case and submitting it to Mueller, since after all these years I cannot reconstruct my actions. But given the fact that Reich Minister Frick was involved in this case, it is totally unthinkable for me to have dealt with such a case on my own initiative.
The Trial of Adolf Eichmann - Session 80 (Part 3 of 6)


* 20. Januar 1942 - Berliner Westend, in einer Villa, Am Großen Wannsee 56-58;
auf der Wannseekonferenz trefen sich Spitzenvertreter der obersten Reichs- und Parteidienststellen,
um grundsätzliche Fragen der sogenannten Endlösung der Judenfrage zu klären und die Zusammenarbeit abzustimmen.
Vorgesehen war von nun an die Deportation der jüdischen Bevölkerung in den Osten anstelle der bislang praktizierten Auswanderung.

* Am selben Tage - im Riesengebirge;
Jochen Klepper mit seiner jüdischen Ehefrau Hanni in Winterurlaub.
Die beiden fanden Unterkunft, weil sie verheimlichen kann, Jüdin zu sein.
Tagebucheintrag Kleppers:
Wie soll dieser Krieg mit seiner besonderen Last für Hanni, Renate +deren Tochter aus erster Ehe+ und mich überstanden werden -!
Immer wieder, auf den stillsten und schönsten Spaziergängen, schüttelt es einen,
was alles geschehen ist, noch geschieht, noch geschehen kann.
Und doch - trotz alles Versagens und Versiegens in einem - dieser unfaßliche Friede mit Gott.

* elf Monate später - 10. Dezember 1942, nachmittags - Berlin, Prinz-Albrecht-Straße;
Nachdem eine Einreisegenehmigung seitens der schwedischen Behörden vorliegt, untersagt Adolf Eichmann die Ausreise Renates.

* am späten Abend des 10. Dezember 1942 - etwa 2 km Luftlinie östlich erwähnter Villa am Wannsee, Berlin-Nikolassee, Teutonenweg 23;
die Deportation seiner Frau und deren Tochter in den Osten vor Augen, womöglich in die Vernichtungskammern,
öffnen Kleppers den Gashahn des Küchenherdes.
Die Haushälterin findet die drei Toten am Morgen,
an der Küchentür ein Schild "Vorsicht Gas!".
Eine Adressenliste für die Todesanzeigen war schon zuvor - für den Fall der Fälle - der Schwester übergeben worden.
Einer der Leichenträger bemerkt:
"Das sind nicht die ersten.
Wir haben heute schon ein junges Mädchen in Wannsee abgeholt."

"Nein, ich erinnere mich nicht",
die lakonische Antwort des Massenmörders ist zynischer Kontrast zu dem Gott, der Jochen Klepper in seinem Taufspruch zusagte:
"Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jes 43,1)

Wer war dieser Mann,
den die Ehe mit einer "Fremden", einer Jüdin,
in den Tod trieb -
oder nein, richtiger:
den die auf dem Gewissen haben,
die andere zu Fremden machen,
um Sündenböcke zu finden?
War er vielleicht doch dieses "Sonntagskind",
geboren am Sonntag Lätare - "Freuet euch!" - 1903?
Nach menschlichem Ermessen war er kein Glückskind.
Obwohl:
mit einigem schriftstellerischem Erfolg,
mit nicht wenig Anerkennung ob seiner Kirchenlieder,
mit Lebensstil und Geschmack begabt.
Aber halt auch ein gänzlich unpolitischer Mensch in einem ganz und gar politischen Zeitalter, wie er selber sagt -
und da kommt solch ein Mensch leicht unter die Räder.
Ein Mensch in den Mühlen einer Zeit,
deren diabolischen Zügen aktiv zu widerstehen seine Sache nicht war.
Jochen Klepper wußte, wovon er dichtete,
wenn er von Sünde, Leid und Schuld sprach.
Er wußte in dem allen aber auch um den Gott,
für den keine Nacht zu dunkel ist,
als daß er sie nicht zu durchdringen vermochte.
-
Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Darin war er "bei Gott" ein Sonntagskind.
daß er um diesen nie untergehenden Gottesstern wußte.
Darin kann er uns zum Segen werden,
daß wir sein Zeugnis hören,
wie er es in einem seiner Lieder zum Weihnachtsfest ausdrückt:
-
Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

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1.3 Singen des Liedes (EKG 14)
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1.4 Anmerkungen zum Lied
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"Das schwerste, schönste und bedeutungsvollste Jahr meines Lebens ...
Gott hat im alten Jahr sein neues Lied gegeben;
so sollte Jochen Klepper das Jahr,
in dem "Die Nacht ist vorgedrungen" entstand - 1937 -,
resümieren.
Lassen wir uns von einem Tagebucheintrag in diese Zeit hineinnehmen.
"Sonnabend, 18. Dezember 1937
Erst um Mittag begann die fahle Wintersonne zu leuchten.
Der Untergang war feierlich und groß.
In der Dämmerung standen dann die Laternen wie stille Fackeln am Saume der Gärten.
Die klaren schwarzen Äste über der Decke des Schnees sind so friedevoll;
ein Bild der tiefen Ruhe die verschneite Gartenbank.
Ich schrieb am Nachmittag ein zweites Weihnachtslied: "Die Nacht ist vorgedrungen ..."
Das schöne Adventsgeläut."
Welche Kontraste im Berlin des Jahres 1937!
In der Innenstadt scheint eine wahre vorweihnachtliche Einkaufswut zu herrschen.
Potsdamer Platz und Kurfürstendamm brechen unter dem Verkehr fast zusammen.
Aus den Lautsprechern Schlagermusik.
Kinowerbung für den "Tiger von Eschnapur",
Hans Albers- und Heinz Rühmann-Filme.
"700 Jahre Berlin" werden gefeiert.
Für Klepper ein zwiespältiges Jahr.
Nach Erfolgen mit einem Roman über den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. geht das Buch zur Weihnachtszeit nur schlecht.
Die Reichsschrifftumskammer hatte ihn ausgeschlossen:
Publizieren war nicht mehr möglich.
Immerhin:
Eine Sondergenehmigung wird erwirkt -
Frucht des erwähnten Buches mit dem Titel "Der Vater. Roman eines Königs".
Doch jedes Manuskript muß einzeln vorgelegt und abgesegnet werden.
1937: Deutschland war stolz darauf, 30.000 Jüdinnen und Juden aus dem Kulturleben ausgeschieden zu haben.
In Kleppers Familie konnten Gräben überwunden werden
- sie hatte wegen seiner Ehe mit Hanni Stein mit ihm gebrochen -.
Jetzt, nach dem Tod des Vaters, näherte man sich einander wieder an.
Ein zwiespältiges Jahr, dieses 1937,
in dem - vielleicht gerade deswegen -
so viele Kirchenlieder Kleppers entstanden,
darunter auch die drei Weihnachtslieder, die uns an diesem Abend begleiten.
Zwiespältig dieses Jahr wie die Eindrücke in einer Großstadt.
Vom Potsdamer Platz ins Westend, wo die Kleppers wohnen:
Das adventlich geschmückte Haus,
die schneegedämpfte Ruhe der Dämmerung,
von der wir im Tagebucheintrag hören -
die Idylle wird Klepper zum Sinnbild;
zum Hinweis auf eine tiefere Geborgenheit,
das Aufgehobensein bei Gott.
Freilich:
wie die Verse des Römerbriefs, die er hier umdichtet,
- Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern. -
weiß auch er um die Gefahr der Nacht -
einer Nacht, die das Leben verschlingt,
die viel, zu viel Zeit zum Grübeln und Weinen läßt.
"Die Nacht ist vorgerückt,
der Tag aber [der Wiederkunft Christi] nahe herbeigekommen.
So laßt uns ablegen die Werke der Finsternis
und anlegen die Waffen des Lichts."
"Zieht an den Herrn Jesus Christus",
wird Paulus fortfahren.
Erkenne in ihm den Morgenstern,
- den Stern aus dem letzten Kapitel der Bibel +Offb. 22,16+-
der bereits in die Nacht hinein leuchtet,
der deine Angst und Pein bescheinet,
nicht im Dunkel der Gottvergessenheit läßt,
sondern in sein Licht stellt!
So überraschend wie die Melodieführung des Liedes ist das;
mit einem Quartintervall zieht uns die Melodie Johannes Petzolds in das Geschehen herein.
Denn das ist schon das schlechthin Überraschende,
was hier besungen wird:
Dem alle Engel dienen
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll' nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.
Die klare Struktur zweier Kreuzreimpaare.
So einfach und eindeutig wie die Aussage:
Rettung im Glauben an dieses Kind.
Da gibt es keine distanzierte Betrachtung mehr;
Damals und Heute verschmelzen in dem Ruf:
Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Vom Felde in den Stall,
die Gemeinschaft der Glaubenden in Bewegung,
Macht euch auf:
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seid eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah!
Aus dem Sprachschatz der Bibel schöpfend,
- hier nun die Anfangsverse des Hebräerbriefs -
biblische Aussagen neu variierend und kombinierend,
entspricht er auf dichterischer Weise der Erkenntnis Luthers, daß die Schrift sich selbst auslege.
Von daher gewinnt seine Sprache ihre Kraft.
Von hierher bekommt sie ihren zusprechenden,
ihren ermutigenden Charakter.
Klepper muß dem Menschen nichts abverlangen,
was ihm unmöglich ist.
Bei Luther hatte er von Gottes Gerechtigkeit gehört,
die den Menschen gerecht macht
und ihn nicht zur Selbstrechtfertigung aufruft.
Klepper kann mit der Bibel Trost und den Grund christlicher Gewißheit zusprechen.
"Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her."
Der vom anbrechenden Tag kündende Morgenstern ist göttlicher Glanz,
der nichts beim Alten läßt,
der nicht in der Nacht von Leid und Schuld versinken läßt.
Sie wird nicht verschwiegen,
die Nacht, die sich immer wieder und immer noch im Leben der Menschen Bahn bricht.
Doch was da auf einen fällt und ihn hält
wird beglänzt von einem Lichte, das die Rettung bringt.
Die Rettung auch aus dem kommenden Gericht,
das über alle Menschen von Gott her ergehen wird -
von Gott, den wir nicht in Stall und Krippe herabzwingen konnten,
sondern der selbst sich mit dem Menschen verbündetet:
Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt!
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt!
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht!
Wie die Melodie mit ihrem offenen hellen Schluß wagt auch der Text einen weiten Ausblick -
bis hinter das Endgericht.
Bis dorthin wo alle Bedrohung, alles Lebensfeindliche, aller Tod sein Ende finden wird.
Das ist kein Blick ins Ungewisse,
sondern ein Ausblick, der seine Gewißheit aus dem Blick zurück in den Stall gewinnt.
Christliches Leben ist Adventszeit,
leben in der Erwartung,
daß sich der wieder Kommende vergegenwärtigt.
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1.5 Nachspiel zu "Die Nacht ist vorgedrungen"

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2 Biographische Skizze
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2.1 Biographie
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2.1.1 Einleitung
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(Tagebuch 30.11.42)
"Von Kindheit an haben Trauerhäuser für mich etwas seltsam Anziehendes gehabt,
so wunderlich das klingt;
aber das ist es:
die Stille und die Milde,
die dann über manchen Häusern liegt wie im Leben sonst nie;
die Tatsache, daß mitten heraus aus ihnen einer nun dieses Leben überwunden hat und in das ewige Haus ging.
Hanni und ich werden gegenüber den Toten, die dieses unser Leben abstreifen dürfen,
das Gefühl eines heimlichen Neides nicht mehr los."
Der Tod als Heimstatt,
das Trauerhaus als Durchgang zum "ewigen Hause".
Der Tod Jochen Kleppers - und seiner Frau und deren Tochter -,
der sich irgendwann in der vergangenen Nacht vor einem halben Jahrhundert zutrug,
war kein Zufall,
doch auch kein Abschluß,
keine, wie wir manchmal sagen, natürliche Angelegenheit.
Sorgfältig geplant und lange vorbereitet
war er Folge eines sich enger und enger schließenden Netzes,
das das braune Regime über die Deutschen jüdischen Glaubens ausgeworfen hatte.
Er war freilich auch Folge einer psychischen Disposition,
Folge einer unterschwelligen Todessehnsucht, die Klepper Zeit seines Lebens begleitete und oft genug bedrückte.
In diesem Selbstmord kulminiert ein Leben,
das sich als christliches verstand;
das gerade deshalb in manchem dann doch merkwürdig sperrig wirkt
und schwer einzuordnen.
Kein Held, der sein Schicksal in die Hand nimmt,
und sich da, wo menschliche Kraft versiegt, mutig in Gottes Hand schickt;
Klepper ist kein Held.
Aber vielleicht macht ihn gerade das so attraktiv im Kontrast zu einer Zeit,
die zuviele "Helden" hatte.
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2.1.2 die großen Stichworte: Vater - Haus -Ehe
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Auf der Suche nach den großen Stichworten in Kleppers Leben stößt man recht bald auf die Bedeutung des Vaters und des Hauses.
Beides Sinnbilder, die vielerlei Füllungen zulassen.
Unser Vater im Himmel,
der sich ohne den irdischen Vater nicht denken läßt.
Der Vater vielleicht auch als Inbegriff des Patriarchalischen und der Ordnung.
Das Haus -
Raum des Beschütztseins und der Geborgenheit,
manchmal Idyll,
gefährdetes Idyll bis es aufgehoben wird in einer ewigen Heimat;
das Haus,
Raum der Gestaltungsfreiheit und der Entfaltung von Lebensstil.
Das Haus, der Vater -
Leitbegriffe für Kleppers Leben und Sterben.
Ein drittes Thema ist dem zur Seite zu stellen:
seine Ehe,
die ihn vor dem Untergang bewahrte - wie er einmal, die Katastrophe bereits vor Augen, sagte.
Die Verbindung mit seiner jüdischen Frau bestimmte entscheidend das letzte Drittel seines Lebens,
bestimmte den Ausgang dieses Lebens,
das an diesem Punkte nie wankelmütig geworden zu sein scheint:
An der Ehe mit Hanni konnten keine antisemitischen Aktionen rütteln,
an ihr hielt er fest,
selbst der Zwangsscheidung wirkten sie mit dem einzig ihnen noch zur Verfügung stehenden Mittel entgegen.
Der Vater, das Haus, diese Ehe -
Signa des Lebens Jochen Kleppers.
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2.1.3 frühe Prägungen (1903-1928)
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22.März 1903:
Jochen Klepper kommt in Beuthen an der Oder, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Breslau gelegen, zur Welt.
Nach den beiden Töchtern ist er der erste Sohn in der Pfarrfamilie Klepper;
zwei weitere Söhne werden folgen.
Zeit seines Lebens wird Klepper mit seiner schlesischen Heimatstadt innerlich verbunden bleiben -
oft hören wir von Träumen, in den Beuthen vorkommt;
oft erwähnt er in seinem Tagebuch kleine Dinge des Hausrats, die in erinnern.
Vielleicht trägt dieser Hintergrund entscheidend dazu bei,
daß er sich nie von Deutschland wird lösen können -
eine Emigration wird für ihn nie in Betracht kommen:
Auf Gedeih und Verderb sieht er sich dem Volk verbunden,
in dessen Sprache er dichtet:
"Das Volk, dessen Sprache ich schreibe, gehört auf 'Gedeih und Verderben', wie man immer sagt, in mein Leben und in mein Wesen. Auch wenn es in großer Geschlossenheit Wege geht, die für einen selbst nicht beschreitbar sind",
so im März 1934.
Das gemischtkonfessionelle Umfeld läßt nicht allzuviel Enge aufkommen.
Das spiegelt sich auch in seinem Elternhaus.
Feiern und Feste gehörten ebenso zur Athmosphäre des Pfarrhauses wie die neuesten Errungenschaften der Technik - Auto und Filmgerät etwa.
Durch ein Erbe zu einigem Wohlstand gelangt,
konnte seine Vater gar auf die Dienstwohnung verzichten und ein - für das kleinstädtische Umfeld als herrschaftlich geltendes - Haus mieten.
Der Vater:
deutsch-national, lebensfreudig, gutem Essen, der Jagd und der Marschmusik zugetan;
übermächtig und später den Widerspruch des Sohnes herausfordernd;
als Theologe von herrnhutischer Innerlichkeit und Liberalismus geprägt.
"Vater und ich sind uns ja eine der schwersten Prüfungen gewesen, die Gott uns auferlegt hat",
wird er 1934 in seinem Tagebuch vermerken.
Die Mutter:
Erst kurz vor der Hochzeit aus der katholischen Kirche konvertiert bildet sie eher das Gegenbild dessen,
was man sich gemeinhin unter einer Pfarrfrau des ausgehenden Kaiserreiches vorstellt.
Französischer Abstammung, Make-up, modisch, schwarzes Haar und große blau Augen;
ihre künstlerische Veranlagung,
ihre Liebe fürs Theater
und ihr sensibles Wesen
finden wir bei ihrem Sohn wieder.
Dieser freilich entwickelt sich mehr und mehr zum Sorgenkind.
Asthmaanfälle und eine langwierige Drüsenerkrankung enthalten ihm Erfahrungen anderer Schulkinder vor -
lange Zeit bekommt er von seinem Vater Privatunterricht
und von seiner Mutter viel Zuwendung.
Die die Krise durch die Eheschließung mit einer Jüdin überdauernde Liebe zu seiner Mutter verstärkte und bedingte den erwähnten Konflikt mit dem Vater.
Während seiner Gymnasialzeit - Besuch des evangelischen Gymnasiums in Glogau - schreibt er romantischen Geist atmende Novellen und Gedichte.
1922 besteht er sein Abitur und immatrikuliert sich im selben Jahr an der Erlanger Universität - welch Überraschung ... - für Theologie.
Die Wahl des Studienortes - Erlangen als Hochburg lutherischer Lehre - mag ein Distanzierungsversuch zum liberalen Vater sein.
Den zwei Semestern hier folgen weitere sechs in Breslau.
Der auffallend elegant gekleidete Student bleibt auch in der schlesischen Metropole dem Luthertum treu.
Besonders prägen ihn die Vorlesungen über Luthers Theologie durch Rudolf Hermann,
dem er zeitlebens freundschaftlich verbunden blieb.
Die Entdeckung Luthers,
daß Gott den Sünder gerecht macht allein aus Gnade im Glauben,
sollte Klepper genauso tief prägen
wie er seine konservative Grundhaltung gestützt sah durch lutherisches Ordnungsdenken:
Staat, Kirche, Ehe sind primär keine geschichtlichen Größen,
sondern Setzungen Gottes, in die sich der einzelne zu schicken habe.
Die Unentschiedenheit über den eigenen Lebensweg,
der schlechte Gesundheitszustand,
Schuldkomplexe
stürzen den Studenten in eine tiefe Krise -
oder lassen die gestreckte Adoleszenzkrise neu aufflammen.
Er beginnt von einer künstlerischen Existenz und von Berlin zu träumen,
kehrt nach Beuthen zurück,
steckt seine Lizenziatenarbeit auf,
bricht schließlich das Studium vollends ab -
ein erster herber Schlag für die Eltern.
Zum ersten Mal tritt die Auseinandersetzung mit der Frage des Suizids offen zutage:
"Selbstmord, wenn nicht in genug großer Angst, unverzeihbar.
Man läßt der Möglichkeit Gottes kein Wirken übrig.
Sünde gegen heiligen Geist, welche allein nicht vergeben werden kann."
**********
2.1.4 bis 1940 (Wehrdienst)
**********
1929 begegnen wir Jochen Klepper auf Zimmersuche.
Seit 1927 hat er eine Stellung beim Evangelischen Pressverband in Breslau.
Dort gehört er zu einem der Pioniere evangelischer Rundfunkarbeit.
Daneben ist er Mitarbeiter des Eckart-Verlags.
Der 26jährige wird bei seiner Suche fündig und bezieht ein Zimmer zur Untermiete bei Hanni Stein, Witwe eines Rechtsanwalts.
Bei ihr leben ihre beiden Töchter Brigitte und Renate.
Die gepflegte Wohnung der wohlhabenden Frau,
ihr attraktives Äußeres
und vielleicht auch ihre Erfahrung
- Hanni Stein ist 13 Jahre älter als Klepper -
münden in ein Verhältnis und 1931 in die Ehe.
Spätestens das bringt den Bruch mit der Familie -
verstärkt vielleicht noch durch die Unterstütztung, die die Jüdin Hanni Stein der durch die Weltwirtschaftskrise gebeutelten Familie in Beuthen zukommen läßt.
Die Ehe mit Hanni bleibt für Jochen Klepper ohne eigene Kinder,
ein Umstand, der ihn immer schmerzte:
"Du läßt den einen durch Geschlechter
von Kind zu Kindeskind bestehn.
Den andern läßt du wie durch Wächter
von allem abgetrennt vergehn.
Durch Fülle und durch Einsamkeit
machst du uns nur für dich bereit."
So wird er einmal in einem Kirchenlied dichten.
Um Festigung seiner beruflichen Position bedacht beschließt Jochen Klepper 1931 den Umzug nach Berlin.
Er tritt eine Stelle beim Berliner Sender an - um den Preis seiner SPD-Mitgliedschaft übrigens - und läßt die Familie in die Wohnung im grünen Südende nachkommen.
In dieser bewegten Zeit setzt auch Kleppers Tagebuch ein;
eine seiner großen literarischen Hinterlassenschaften,
1956 postum in Auszügen veröffentlicht.
30. Januar 1933 - Hitler wird Reichskanzler - die Maschinerie gegen Juden ünd sogenannte "jüdisch Versippte" rollt an.
Klepper ist keine Kämpfernatur,
er zieht sich zurück,
innere Emigration und Flucht ins Haus, ins Private:
"Überhaupt: welche Flucht ins Private?
An wen soll man appellieren in dieser Zeit?
... Ich fliehe ins Bürgertum."
Die Entlassung aus dem Rundfunk folgt wie befürchtet.
Eine bereits fertiggestellte Hörfolge,
beseelt von Liebe zu Vaterland und Heimat,
wird unter anderem Namen ausgestrahlt.
Eine tiefe Lebenskrise lähmt und zermürbt ihn.
"Aber dabei bleibt es nun einmal:
Wenn ein unpolitischer Mensch in ein politisches Zeitalter gerät,
ist es fast, als ob er unter die Räder kommt."
Und wieder Selbstmordgedanken:
"Aber ich glaube, daß der Selbstmord unter die Vergebung fällt wie alle andere Sünde."
Eine Anstellung beim Ulltein-Verlag,
auch aus diesem dann 1935 entlassen.
In dieser Umbruchzeit wird ihm die Bibel zum Halt.
Seit Februar, März vereinzelt, dann ab Mai 1933 regelmäßiger stellt er seinen Tagebucheintragungen Bibelworte voran.
Gott wird für ihn je länger desto gewißer zum Subjekt der Geschichte.
Er(!) hat den Lauf der Dinge in der Hand;
und deshalb wird in letzter Konsequenz Opposition für Klepper unmöglich.
Innere Emigration, der Rückzug ins Haus,
dafür entscheidet er sich
und deshalb wird ihm eine "aktivistische" Bekennende Kirche stets fremd bleiben.
Die Frage nach Gott,
das Haltsuchen an ihm wird stärker und drängender.
"Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand,
ohne Gott ein Tropfen in der Glut,
ohne Gott bin ich ein Gras im Sand
und ein Vogel, dessen Schwinge ruht.
Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft,
bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft."
So im April 1933.
Ausdruck dieser Suche mag auch sein,
daß nun der Kirchgang mehr ins Zentrum rückt und die Auseinandersetzung mit der Kirche überhaupt intensiver zu werden scheint.
Neben dieser Wendung bahnt sich eine andere an:
von der journalistischen Arbeit führt ihn sein Weg zur Schriftstellerei.
Neben der Veröffentlichung seines Romans "Der Kahn der fröhlichen Leute", eine Reminiszenz an seine schlesische Heimat,
beginnt die Arbeit an seinem Werk "Der Vater",
einem Roman über den Preußenkönig Friedrich Wilhelm I.,
dem Vater Friedrichs des Großen.
Er wird hier seine Gegenwelt zur hybriden NS-Diktatur entwerfen:
der König unter Gott,
ihm unterstellt,
in seinem Namen dem Volke dienend.
Der Monarch steht ein für die gottgewollte Ordnung:
"Herr, laß uns wieder einen König sehen,
bevor die Welt die Könige vergißt.
Denn sonst vermögen wir nicht zu verstehen,
nach welchem Maß man deine Ordnung mißt."
So der Beginn eines Gedichtzyklus' aus den Vorarbeiten zum "Vater".
"Bald wird sich das Jahrtausend wieder neigen,
und Gottes neue Stunde bricht herein.
Wird dann der König seinen Thron besteigen
und deine Ordnung bei den Völkern sein?
...
Die Völker stehen ganz erstarrt in Waffen,
und der gilt viel, der neuen Tod erdenkt.
Auch wenn sie Sicheln zu den Schwertern schaffen,
bleibt dennoch nur der Untergang verhängt.
...
Nur wer das Kreuz sieht, hat von fern verstanden
die Heiligkeit im irdischen Gericht.
Wenn Könige dein Golgatha nicht fanden,
so fanden sie auch ihre Throne nicht."
Doch vor der Möglichkeit der Publikation muß die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer beantragt werden;
erstaunlicherweise gelingt dies.
Den Weg, den der Roman nimmt,
beleuchtet die paradoxe Situation, in der Klepper lebt.
Bei seinem Erscheinen 1937 wird er zum Verkaufserfolg,
das Reichskriegsministerium empfiehlt ihn zur Lektüre im Heer,
Hitler verschenkt das Buch.
Doch im selben Jahr der Ausschluß aus der Schrifttumskammer.
Die Auswirkungen der Nürnberger Rassengesetze von 1935 werden mehr und mehr spürbar.
In der selben Zeit nun beginnt Klepper sich mit dem Kirchenjahr und mit geistlicher Dichtung zu beschäftigen.
Angeregt vom Leiter des Eckart-Verlags, Kurt Ihlenfeld, schreibt Klepper im Juni 1935 seine Zusammenschau "Das Kirchenjahr":
"Du bist als Stern uns aufgegangen,
von Anfang an als Glanz genaht.
Und wir, von Dunkelheit umfangen,
erblicken plötzlich einen Pfad.
Dem Schein, der aus den Wolken brach,
gingen wir sehnend nach."
Und als letzte Strophe:
"Durch Stern und Krippe, Kreuz und Taube,
durch Fels und Wolke, Brot und Wein
dringt unaufhörlich unser Glaube
nur tiefer in dein Wort hinein.
Kein Jahr von unserer Zeit entflieht,
das dich nicht kommen sieht".
Dieses Lied bildet den Auftakt zum zentralen Teil seines Gedichtbandes "Kyrie", das im September 38 erstmals und komplett dann 1940 erscheint.
Den Tages-, den Kirchenjahres- und den Lebenslauf umdichtend bildet dieses Bändchen ein beeindruckendes Ganzes.
Neu kam auch durch ihn das Kirchenjahr wieder ins Bewußtsein.
Barocker und reformatorischer Dichtung verpflichtet sprechen seine Lieder von einem intimen Verhältnis zwischen Gott und Mensch,
daß aber den unendlichen Graben zwischen beiden nicht überspringt,
sondern überbrückt sieht im Sühnetod Jesu.
Die altertümliche Sprache lädt ein zur Geborgenheit in Gott;
eine Einladung, die von einem kommt, der am Abgrund dichtete.
Im Jahr der sogenannten Kristallnacht - 1938 -,
in einer Zeit größter seelischer Not entstehen besonders viele dieser Lieder.
"Nach neuen Kirchenliedern ist immer wieder der Friede, der im Herzen immer herrscht, auch in den Sinnen und Nerven."
Hören wir Albrecht Goes:
"Kleppers geistliche Lyrik ist theologisch durchdachte Poesie,
in großer Bibelnähe gestaltet,
zuweilen wohl spröde, nicht leicht singbar,
gepreßt wie zerstoßene Ölfrucht,
einer angefochtenen Seele abgerungen."
"In großer Bibelnähe", das ist das Signet von Kleppers Liedern,
die ein biblisches Motto aufnehmen
und in großer Nähe zum Wortlaut der Lutherbibel durch Kombination verschiedener Stellen umdichten.
Geistliche Dichtung ist Bibelauslegung,
ein Werk aber für das man Gottes Vergebung bedarf,
weil es sonst immer nur sein Ziel durch Lüge und Eitelkeit verfehlen kann.
Solchermaßen gefährdet ist für Klepper die Gemeinde als prüfende Instanz wichtig.
Seinem Liederband stellt er als Motto Luthers Erkenntnis voran:
"Es liegt daran, daß der Haufe Gottes oder Gottes Volk ein Wort oder Lied annehme oder für unrecht erkenne."
So wird das Schreiben zu einem Taufen, einem Namen-Geben,
bis die Dinge dieser Welt ihren ewigen Namen,
ihre ihnen von Gott zugewiesene Bedeutung tragen.
"Wo die Welt nur das Ende sieht,
läßt Gott auch die Müden beginnen.
Wer in den ewigen Armen geruht,
wacht neu gestärkt, voller Kräfte und Mut.
Selbst wo der Kühnste zagend entflieht,
will er die Krone gewinnen,
das ewige Gut."
Das Ende trägt bei Gott den Namen "Beginn".
Freilich sieht auch im Leben der Familie Klepper alles nach Ende aus.
Zwar hat man nach 1935 auch 39 nochmals die Möglichkeit,
diesmal im Westend, ein Haus zu bauen;
zwar sind im selben Jahr die Ausreisebemühungen für Brigitte erfolgreich;
zwar kann man Taufe von Hanni und die kirchliche Trauung feiern -
immer schwieriger werden aber durch den nationalsozialistischen Rassenwahn die Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Besonders für Reni, an der Jochen Klepper mehr und mehr hängt, wird es immer schwerer:
Sie ist zwangsverpflichtet in der Rüstungsindustrie,
eine Einreise wird ihr von den Schweizer Behörden verweigert.
1940 wird Klepper ihr als eines der letzten seiner Lieder dichten:

"Nun sich das Herz von allem löste,
was es an Glück und Gut umschließt,
komm, Tröster, Heiliger Geist, und tröste,
der du aus Gottes Herzen fließt.
-
Nun sich das Herz in alles findet,
was ihm an Schwerem auferlegt,
komm, Heiland, der uns mild verbindet,
wo uns die Welt nur Wunden schlägt.
-
Nun sich das Herz zu dir erhoben
und nur von die gehalten weißt,
bleib bei uns, Vater. Und zum Loben
wird unser Klagen. Dir sei Preis!"

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2.1.5 zwischen '40 und '42
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Im Dezember 1940 wird Jochen Klepper zum Militärdienst eingezogen.
Noch nicht einmal ein Jahr später wird der Verfasser des Romans "Der Vater" als wehrunwürdig entlassen.
Zurück in Nikolassee drängt sich ihm die Frage auf:
"Wer hat nach Hanni und Rennerle überhaupt auch nur gefragt?
Hanni ... war so einsam, wie man nur einsam sein kann."
Renni bittet ihn, ihr auszumalen, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn nicht ...
Ihr liegt der Gedanke an Selbstmord noch fern;
das sollte sich ändern.
Der Entschluß der Eheleute verhärtet sich:
Einer Trennung würden sie auf diesem Wege entgehen.
Die Fähigkeit zur literarischen Tätigkeit versiegt;
Kirchenlieder entstehen keine mehr.
Die Deportationsgerüchte vermehren sich.
Dezember '42 -
Weihnachtsvorbereitungen und Testamentsergänzungen gehen nebeneinander her.
Eine Einreisegenehmigung für Reni wird von Stockholm erteilt;
Innenmisnister Frick will ihr zur Emigration verhelfen.
Entscheidend sei jedoch die Befürwortung durch den Reichsicherheitsdienst.
Für den Fall einer Ablehnung des Gesuchs will Reni mit den Eltern sterben.
10. Dezember, 15 Uhr, Termin bei Eichmann.
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2.1.6 nochmals: Vater - Haus - Ehe
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Der Vater - furchterregend und doch Ordnung und Sicherheit verheißend;
das Haus - Rückzugsmöglichkeit, Hoffnungszeichen für ein ewiges Haus;
seine Ehe -
"Und der Friede Gottes, welcher höher
als Vernunft und Erdenweisheit ist,
sei in eurem Bund euch täglich näher
und bewahre euch in Jesu Christ.
Er bewahre euer Herz und Sinne!
Gottes Friede sei euch zum Geleit!
Er sei mit euch heute zum Beginne;
er vollende euch in Ewigkeit!"
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2.2 Zwischenspiel

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3 "Du Kind, zu dieser heiligen Zeit" (VE 50)
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3.1 Bild "INRI-Krippe" (WfPuG 1/43) mit Ausführung zum Liedtext
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Das adventliche, das weihnachtliche Haus -
noch in den Tagen vor seinem Tod hat sich Jochen Klepper daran erfreut.
In seinem Kyrie-Bändchen finden sich allein sechs Lieder auf die Weihnachtszeit.
Schon daran läßt sich ermessen,
welche Bedeutung dieser Abschnitt des Kirchenjahres für ihn und seine Familie hatte.
Trost aus der Weihnacht,
Trost aus der Botschaft vom Stall und dem Flüchtlingskind -
kräftiger Trost,
weil Kleppers Lieder nicht schönen,
keinen Goldschimmer über die Szenerie legen.
Doch deshalb sind immer auch ein wenig sperrig, diese Lieder:
Weil sie an der Krippe vom Kreuz singen,
im Stall vom Galgen reden.
Sie stehen aller weihnachtlichen Verdrängung entgegen,
weil sie von des Menschen Schuld
und Gottes Sühne sprechen.
Anfangs- und Endpunkt des Leben Jesus auf Erden fließen ineinander.
Alle seine Weihnachtslieder nehmen uns hinein in das Geschehen auf Golgatha:
-
"Du wardst ein Kind im armen Stall
und sühntest für der Menschheit Fall."
-
"Und über deiner Krippe schon
zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn."
-
"Und über Stall und Stern und Hirten
wuchs Golgatha, dein Berg empor.
Nah vor den Augen der Verirrten
trat aus der Nacht dein Kreuz hervor.
Dort neigtest du für uns dein Haupt.
Da haben wir geglaubt."
-
Klepper dichtet gegen die selbstgemachten Lichter an,
gegen künstliches Licht, das Dunkelheit nur zu überdecken, aber nicht zu erhellen vermag.
Das Licht, das an Weihnachten aufgeht,
empfängt seine Kraft aus der tiefsten Dunkelheit des Mannes am Kreuz,
des Gottverlassenen,
bei dem Gott blieb,
den Gott auferweckte.
Doch diese Auferweckung macht das Kreuz nicht zunichte;
die Auferweckung erweckt den Gekreuzigten.
Als der für uns Hingerichtete kann er uns aufrichten;
er, der das Grab von innen kennt,
der in einem Viehstall im Hinterhof der Geschichte zur Welt kam.
Am deutlichsten hat Jochen Klepper diese Gedanken in seinem Weihnachts-Kyrie entfaltet.
Wie so oft in seinen Liedern - erinnern wir uns an das zum ersten Lied Gesagte - spannt es einen weiten Bogen vom Damals - Strophe 1 - ins Dann - in der Schlußstrophe.
Vergegenwärtigen wir uns den Text dieses liturgischen Liedes,
das uns mit auf den Weg nimmt vom Erbarmen erflehenden "Kyrie", "Herr!", zum Freudenruf "Hosianna".
-
Du Kind, zu dieser heiligen Zeit
gedenken wir auch an dein Leid,
das wir zu dieser späten Nacht
durch unsere Schuld auf dich gebracht.
Kyrie eleison!
-
Die Welt ist heut voll Freudenhall.
Du aber liegst im armen Stall.
Dein Urteilsspruch ist längst gefällt,
das Kreuz ist dir schon aufgestellt.
Kyrie eleison!
-
Die Welt liegt heut im Freudenlicht.
Dein aber harret das Gericht.
Dein Elend wendet keiner ab.
Vor deiner Krippe gähnt das Grab.
Kyrie eleison!
-
Die Welt ist heut an Liedern reich.
Dich aber bettet keiner weich
und singt dich ein zu lindem Schlaf.
Wir häuften auf dich unsere Straf'.
Kyrie eleison!
-
Wenn wir mit dir einst auferstehn
und dich von Angesichte sehn,
dann erst ist ohne Bitterkeit
das Herz uns zum Gesange weit!
Hosianna!

Weihnachten als Sühneereignis:
Gott kommt auf unsere Seite zu stehen,
unsere Schuld zu tragen,
uns neues Leben zu schaffen.
"Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe;
denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge."
Diesen Vers aus dem lukanischen Weihnachtsevangelium setzt Klepper über sein Lied.
Wenn wir ihn im Zusammenhang dieses Liedes hören,
spüren wir, um wieviel Grade wärmer und heimeliger der Stalle in unserer Vorstellung geworden ist.
Diese Krippe stellt er neben das Kreuz,
aus ihrem Holz ist der Galgen gezimmert,
wie eine Legende erzählt.
Das Bild auf unserem Liedblatt drückt das auf seine Weise aus.
Die Krippe mit den vier großen Buchstaben -
"Jesus aus Nazareth, König der Juden" -,
die Krippe mit der Schrift des Kreuzes.
"Du aber liegst im armen Stall ...
dein aber harret das Gericht ...
dich aber bettet keiner weich",
so variiert jede Strophe diesen Zusammenhang von Krippe und Kreuz:
"das Kreuz ist dir schon aufgestellt ...
vor deiner Krippe gähnt das Grab ...
wir häuften auf dich unsere Straf'"
Ein erschreckendes Gegenbild,
ein unseren Weihnachtsfrieden störender Kontrast ersteht:
"Die Welt ist heut voll Freudenhall ...
Die Welt liegt heut im Freudenlicht ...
Die Welt ist heut an Liedern reich."
Das alles kann keinen letzten Trost bieten,
weil es nur Flucht ist in ein Idyll.
Die Weihnachtslieder Kleppers haben alle einen adventlichen Ton:
Advent - Bußzeit und Hoffnungszeit,
eine Zeit, die Kyrie singt und so die Freude des Hosianna einholt.
So wird Weihnachten,
indem unsere Nacht, unsere Schuld zur Sprache kommt
und sich der uns offenbart,
der vom Kyrie zum Hosianna geleitet:
"Wenn wir mit dir einst auferstehn
und dich von Angesichte sehn,
dann erst ist ohne Bitterkeit
das Herz uns zum Gesange weit!
Hosianna!"
Es sind ehrliche Lieder,
die Klepper dichtet.
Deshalb vermögen sie zu trösten.
Sie sagen nicht mehr als redlicherweise im Moment zu sagen ist:
"dann erst ... ohne Bitterkeit".
Sie überspielen nicht -
und deshalb vermögen sie zu trösten.
Nicht zuletzt deshalb,
weil hinter ihnen ein Schicksal steht und
ein Mensch, der um die Anfechtung der Bitterkeit wußte.
"Wenn wir mit dir einst auferstehn
und dich von Angesichte sehn ...
Hosianna!"

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4 "Sieh nicht an, was du selber bist" (EKG 407)
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4.1 Hinführung zum Lied / Text
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"Sieh nicht an, was du selber bist
in deiner Schuld und Schwäche.
Sieh den an, der gekommen ist,
damit er für dich spreche.
Sieh an, was dir heut widerfährt,
heut, da dein Heiland eingekehrt,
dich wieder heimzubringen
auf adlerstarken Schwingen.
-
Sieh nicht, wie arm du Sünder bist,
der du dich selbst beraubtest.
Sieh auf den Helfer Jesus Christ!
Und wenn du ihm nur glaubtest,
daß nichts als sein Erbarmen frommt
und daß er dich zu retten kommt,
darfst du der Schuld vergessen,
sei sie auch unermessen.
-
Glaubst du auch nicht, bleibt er doch treu,
Er hält, was er verkündet.
Er wird Geschöpf - und schafft dich neu,
den er in Unheil findet.
Weil er sich nicht verleugnen kann,
sieh ihn, nicht deine Schuld mehr an.
Er hat sich selbst gebunden.
Er sucht: du wirst gefunden!
-
Sieh nicht mehr an, was du auch seist.
Du bist dir schon entnommen.
Nichts fehlt dir jetzt, als daß du weißt:
Gott selber ist gekommen!
Und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft,
ein Fürst, der ewigen Frieden schafft.
Dem Anblick deiner Sünden
will er dich selbst entwinden.
-
Wie schlecht auch seine Windeln sind,
sei denoch unverdrossen.
Der Gottessohn, das Menschenkind
liegt doch darin umschlossen.
Hier harrt er, daß er dich befreit.
Welch' Schuld ihm auch entgegenschreit -
er hat sie aufgehoben.
Nicht klagen sollst du: loben!"

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5 Kleppers Tod und Gesamtzeugnis
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1903 bis 1942 -
diese Jahreszahlen begrenzen ein Menschenleben,
das zu Widerspruch herausfordert
und zu Respekt -wenigstens- nötigt.
Widerspruch vielleicht gegen all dieses Sich-Anpassen
und übergroße Loyalität,
gegen einen passive Grundhaltung in einer wirren Zeit.
Der Satz Richards von Weizsäckers fällt mir ein,
der vermutet,
daß Weimar an zu wenig Demokraten zugrunde ging.
Klepper gehörte zu den Kreisen eines Volkes,
das in seinem weitverbreiteten Konservativismus nicht zum Subjekt der eigenen Geschichte wurde.
Zum Handeln gab es die Obrigkeit
- nebenbei: wer soll das übrigens sein in einer Demokratie -;
zum Handeln gab es Gott,
auf den man sich allzu leicht berufen kann von oben herab.
Erst gegen Ende seines Lebens kamen Jochen Klepper Zweifel
- angeregt durch Begegnungen mit Romano Guardini -,
ob das wirklich christlich sei oder nicht vielmehr heidnisch, nordisch:
dieses Sich-Dreinschicken in die Fügungen.
Freilich,
und deshalb wird sich solcher Widerspruch mit verhaltener Stimme zu Wort melden:
Welche Wahl hätte Klepper gehabt?
Über sein Verhältnis zur Emigration haben wir gehört;
und war nicht Loyalität bis zur Selbstaufgabe der einzig gangbare Weg -
als Mann einer Jüdin, mit einem jüdischen Kind?
Freilich,
bei allen berechtigten Anfragen
- und sie ließen sich sicher noch vermehren und verschärfen -,
bei allen Anfragen
nötigt mir dieses Leben zuerst einmal Respekt ab.
Da erlitt ein Deutscher, ein Christ,
was Deutsche jüdischen Deutschen antaten.
So merkwürdig seine christliche Einstellung zum Judentum gewesen sein mag -
an diesen Menschen, die ihm Gott zur Seite gestellt hatte,
hielt er fest.
Wenigstens hier gelang es den braunen Machthabern nicht,
Menschen einander fremd zu machen.
Inmitten eines Staates, einer Gesellschaft, die sich aus der Abgrenzung gegen das Fremde heraus verstand
ließen sich hier drei Menschen nicht einander entfremden.
Vielleicht wäre für den Schriftsteller und Dichter der Kirchenlieder mehr möglich gewesen,
vielleicht hätte er eindeutiger Stellung beziehen sollen.
Sein Leben und sein Ausgang jedoch bleiben Zeugnis von dem Gott, der sich in Krippe und Kreuz dem Menschen zur Seite stellte:

- "In jeder Nacht, die mich bedroht,
ist immer noch dein Stern erschienen.
Und fordert es, Herr, dein Gebot,
so naht dein Engel, mir zu dienen.
In welchen Nöten ich mich fand,
du hast dein starkes Wort gesandt.
-
Hat banger Zweifel mich gequält,
hast du die Wahrheit nie entzogen.
Dein großes Herz hat nicht gezählt,
wie oft ich mich und dich betrogen.
Du wußtest ja, was mir gebricht.
Dein Wort bestand: Es werde Licht!
-
Hat schwere Sorge mich bedrängt,
ward deine Treue mir verheißen.
Den Strauchelnden hast du gelenkt
und wirst ihn stets vom Abgrund reißen.
Wann immer ich den Weg nicht sah:
dein Wort wies ihn. Das Ziel war nah.
-
Hat meine Sünde mich verklagt,
hast du den Freispruch schon verkündet.
Wo hat ein Richter je gesagt,
er sei dem Schuldigen verbündet?
Was ich auch über mich gebracht,
dein Wort hat stets mein heil bedacht.
-
In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiß."
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5.1 Schlußmusik ("Sieh nicht an")

Literatur-Hinweis