So glauben wie er
Erinnerung an Jochen Klepper an seinem 100. Geburtstag
eine Andacht im "Reutlinger Generalanzeiger"


"Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand,
ohne Gott ein Tropfen in der Glut,
ohne Gott bin ich ein Gras im Sand
und ein Vogel, dessen Schwinge ruht.
Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft,
bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft."
 
Liebe GEA-Leserin, lieber GEA-Leser,
so dichtet einer, der es mit seinem Gott alles andere als leicht hatte. Jochen Klepper - heute vor 100 Jahren wurde er im schlesischen Beuthen geboren - dichtete im "Dritten Reich". Mit seinen Kirchenliedern wurde er zum bedeutendsten evangelischen Liederdichter des 20. Jahrhunderts: 13-mal ist er im evangelischen Gesangbuch vertreten. Trotzdem ist es merkwürdig still um ihn. Die Älteren unter Ihnen kennen noch seine Romane "Der Vater", ein Buch über den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., und "Der Kahn der fröhlichen Leute". Und mancher hat wohl auch seine Tagebücher gelesen: "Unter dem Schatten deiner Flügel". Sie nehmen uns hinein in die Zeit des "Dritten Reiches", mit hinein in das Leben eines christlichen Dichters, der das jüdische Schicksal teilt. Klepper hatte 1931 die Jüdin Hanni Stein geheiratet; zwei kleine Töchter brachte die Witwe mit in die Ehe. Unter den Rassegesetzen der Nazis wurde es ihm wegen dieser Ehe schwer gemacht zu publizieren; je länger desto mehr drohte die Zwangsscheidung und die Deportation von Ehefrau und Stieftochter Renate (die ältere Brigitte konnte 1939 emigrieren). Als sich das Netz mehr und mehr zuzog, nahm sich die Familie die einzige Freiheit, die ihr noch geblieben war: In der Nacht auf den 11. Dezember 1942 setzen sie ihrem Leben in der heimischen Küche im Haus im Berliner Westend unter einem Bild des segnenden Christus selbst ein Ende.
Lieder tiefen Glaubens, Lieder angefochtenen Glaubens, Lieder, die vom Licht singen mitten in finsterer Zeit hat Jochen Klepper uns hinterlassen. In wirren Zeiten weiß er sich gehalten von Gott. Es ist für ihn keine einfache Sache mit Gott - mit Gott, der ihm so viel Dunkelheit zumutet. Aber die Sache mit Gott ist wohl nie einfach - zumindest nicht die Sache mit dem Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt hat. Der sich selbst das Leid zumutet, der selbst unter der Gewalt der Welt zu zerbrechen droht - dieser Gott macht vordergründig nicht glücklich und alles einfach. Er läßt uns leiden am Elend der Welt und Mitleiden an dem, was dem Nachbarn geschieht. Er erspart es seinen Menschen nicht, daß das Leben krumme Zeilen schreibt. Aber er läßt uns darin nicht allein. Und er läßt uns darin nicht untergehen. Das Leben und besonders auch das tragische Ende Jochen Kleppers sind beredtes Zeugnis davon: "Wo die Welt nur das Ende sieht, läßt Gott auch die Müden beginnen. Wer in den ewigen Armen geruht, wacht neu gestärkt, voller Kräfte und Mut. Selbst wo der Kühnste zagend entflieht, will er die Krone gewinnen, das ewige Gut."
Nein, populär wird er nicht wirklich werden, und einfach ist es nicht, sich auf seinen Lebenslauf und auf seine Lieder einzulassen. Aber alle, die etwas vom Ernst des Lebens und von seinen Schattenseiten erfahren und begriffen haben, werden von den Liedern Jochen Kleppers nicht mehr lassen können.
So glauben wie er