Predigten
zu Jochen Klepper:
Kyrie – Geistliche Lieder


Predigt über EG 457 "Der Tag ist seiner Höhe nah" (14.9.2003)


[Singen aller Strophen 1 bis 12]

Liebe Gemeinde,
Pfingstsonntag 1938.
Am Vorabend hatte Jochen Klepper noch bis in die Nacht in seinem Haus am Schreibtisch gesessen;
Oehlertring 7, Berlin-Südende, heißt heute die Adresse.
Doch die rechte Pfingst-Begeisterung will sich nicht einstellen:
Vielleicht können Sie es nachvollziehen:
Es ist die Unruhe, wenn man weiß, ein großer Umzug, ein Wohnungswechsel steht an,
die Unruhe, weil man weiß, daß nichts sicher ist - schon gar nicht Haus und Besitz und Arbeit und überhaupt das Leben.
"Das ‚Mittagslied' heute erst recht ‚fertig gedichtet' und [meiner Frau Hanni] zu Pfingsten geschenkt.
Nach neuen Kirchenliedern ist immer wieder der Friede, der im Herzen immer herrscht, auch in den Sinnen und Nerven."
Nun schafft sich also doch noch etwas vom göttlichen Geist Raum -
als ihm die Worte gegeben werden von Stille und Segen und Beten,
die wir gerade gesungen haben -
12 Strophen lang -
darf man das eigentlich in einem Gottesdienst, soviel Strophen?
Aber vielleicht braucht ja das gut Ding, sich vor Gott einzufinden, manchmal auch die lange Weile vieler Strophen.
Liebe Gemeinde!
Wieder einmal will es mit seinem Mittagslied scheinen, daß Jochen Klepper - er ist jetzt 35 Jahre alt - zuerst und zuletzt einmal sich selbst dichtet -
sich selbst die Worte geschenkt sieht, die er in diesem Falle seiner Frau widmet.
Er lebt im und mit dem Wort Gottes, der Verheißung und den Zusagen Gottes -
und dieses Wort Gottes übersetzt sich ihm in sein Leben hinein -
und es findet in neue Worte, die auch uns 65 Jahre später ansprechen.
Das Lied spricht uns zuerst einmal an, weil es schlicht ist - falls einen das nicht gleich im Gegenteil abschreckt;
es spricht uns an, weil es eine beredte Stille dem Lärm und Streß und der Hektik entgegensetzt,
weil es uns auf das ursprünglich Lebensnotwendige zurückführt,
und weil es uns die Augen öffnet für das, was so selbstverständlich scheint, daß es uns meist wenig wert ist, Worte darüber zu verlieren
weil das Lied uns im Alltag vor Gott stellt,
vor den Gott, der im Alltäglichen uns gegenwärtig ist.
Liebe Gemeinde,
es ist eine beredte Stille, wenn ein Mensch mitten im Lauf seines Tages zum Höchsten aufblickt,
wenn er lauschend still hält.
Was hier in so schlichten kurze Worten daherkommt,
ist doch ein höchst unwahrscheinliches Ereignis.
Oder leben nicht auch Sie - wie ich - meist ganz anders,
mit meist ganz anderer Blickrichtung und mit anderen Hörgewohnheiten.
Ich verdrehe vielleicht die Augen, wenn ich es mal wieder nicht fassen kann, was geschieht -
zum Höchsten aufblicken ist das noch nicht.
Das ist nur mit einem bewußten Augenaufschlag zu machen.
Aber es läßt sich durchaus machen.
Bevor die Sonne den Zenit überschreitet,
bevor die Höhe des Tages erreicht ist -
durchatmen in Gottes Gegenwart,
sich besinnen auf ihn.
Das Tischgebet, das unser Mittagslied sein will, ist dazu nicht die schlechteste Hilfe -
es darf ja durchaus schlichter daher kommen als Kleppers so wohl gesetzte Worte: "Komm, Herr Jesu …", "Danke, Gott …"
Liebe Gemeinde,
die mittleren Strophen unseres Liedes führen uns auf das Lebensnotwendige zurück.
Besonders für den Stadtmenschen Jochen Klepper mutet es fast idyllisch an, wenn er hier von Korb und Krug,
Truhe, Back-Trog und Wäsche-Schrein spricht.
Es ist bäuerliches Vokabular, das er aus seinem Bibelabschnitt im 5. Buch Mose übernimmt.
Er läßt es bei dieser ländlichen Welt, obwohl doch auch ihm selbst in seinem Leben ganz andere Segensspuren viel gegenwärtiger zu sein scheinen:
wenn da eine gute Zeile zu dichten gelingt,
wenn er Erfolg hatte mit seinen Radio-Beiträgen -
die Welt des immer noch mondänen Berlins ist ihm doch viel näher -
selbst dort im grünen Südende.
Klepper führt uns auf das Lebensnotwendige zurück:
daß es Regen gibt im rechten Maße,
daß Kind und Land und Vieh gesegnet sind und recht geraten,
daß vom Feld der Ertrag in Speise-Kammer und in den Vorrats-Keller kommt -
es geht uns auch heutzutage fast immer um mehr als das Lebensnotwendige -
und wir vergessen darüber, daß gerade dies Segen ist:
wenn du da am Mittagstisch sitzt,
wenn es vielleicht ein einfaches Essen ist -
Spaghetti mit Soß',
der Leberkäs' mit Kartoffelsalat:
"Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast,
und segne, das du uns bescheret hast!"
So gehört es sich gebetet, um Segen gebetet gerade über einfachem Mahl.
Am Tisch des Herrn geht es in der Regel noch schlichter zu -
und schon da ist es genug.
Und der Segen kehrt ein, wo wir um ihn bitten -
indem wir das, was wir uns erwirtschaftet haben, als Gottes Gabe nehmen.
"Segne, was du uns bescheret hast":
Ich habe für mein täglich Brot gearbeitet -
aber wenn ich vorher im Vaterunser darum gebetet habe,
dann wird es mir gesegnet, weil ich es aus Gottes Hand empfange - in meine arbeitenden, tätigen Hände.
Es wird nach Gottes Rat geschehen, was die betenden Hände tun.
Dann werden diese Hände nicht mehr raffen,
sondern offen sein.
Liebe Gemeinde,
der Dichter aus Schlesien öffnet uns die Augen für das, was so selbstverständlich scheint, daß es uns wenig wert ist;
es ist ein Trugschluß, daß irgend etwas selbstverständlich ist!
Alles Böses, was uns nicht zustößt,
alle Bewahrung und aller Segen, den wir erfahren ist Gnade und unverdient.
Klepper lebt aus diesem Wissen, das Martin Luther neu entdeckt hat.
Gott "segnet, welche Schuld auch trennt,
die Werke deiner Hand."
Und es trennt uns immer Schuld von Gott -
wir werden ihm nie gerecht -
und doch handelt es nicht an uns nach unserer Missetat,
sondern segnet und schenkt und stärkt.
Auch in einem Mittagslied, das von den alltäglichen Segnungen singt, kann es Klepper nicht lassen, an das ihm Wichtigste zu erinnern:
"Wer sich nach seinem Namen nennt" - wer seit seiner Taufe Gottes Namen trägt, sein Kind ist -
den "hat er zuvor erkannt" - das ist nicht eigenes Schaffen und nach Gott und dem Guten Streben -
Gnade ist es und sein Geschenk, daß wir seine Kinder sein dürfen -
und diese Gnade und aller Segen bleibt uns ewig -
Gott bleibt uns.
Liebe Gemeinde,
auf der Höhe des Tages, auf der Höhe der Zeit inne halten und zum Höchsten aufblicken - und lauschend still halten.
Wenigstes einen Moment!
Psst!
Vielleicht stellt sich darin eine Weiche neu.
Vielleicht nimmt der Tag eine Wendung.
Vielleicht vergesse ich Gott nicht gänzlich in den Umtrieben des Tages.
Einen Moment bei sich sein - den einzelnen spricht das Lied an: du, dich, dir -,
einen Moment bei sich sein und so vielleicht bei Gott ankommen.
Und dann wird der Alltag vor Gott gestellt -
vor Gott der sich im Alltäglichen vergegenwärtigt -
und Kleinen und Selbstverständlichen.
Daraus kann dieser himmlische Blickwechsel entstehen, mit dem der Dichter sein Lied beginnt -
und das man wohl nicht mehr vergessen kann, hat man es einmal bewußt gesungen:
"Der Tag ist seiner Höhe nah."
Vom c sind wir über den Sprung zur Terz bis zur Quinte g gekommen -
der Tag erstrahlt im Mittagslicht -
und doch wird unser Blick im Ton noch weitergeführt, bis die Oktave erreicht ist:
"Nun blick zum Höchsten auf" -
um dann den Blick Gottes auf uns nachzuzeichen -
ohne auf uns herabzusehen, wie wir es manchmal mit anderen tun -
die Melodie singt uns den schützenden Blick Gottes zu.
Die Melodie stammt aus der Feder des Potsdamer Kirchenmusikers Fritz Werner.
Martin Rößler, unser Bronnweiler Nachbar und Kirchenmusik-Größe hat schon recht, wenn er über sie schreibt:
"Die Melodie setzt die Dichtung Kleppers kongenial in Töne,
weil sie sich völlig dem vorhandenen Text anpaßt."
Liebe Gemeinde,
des Tages Glanz bricht hervor,
der Tag ist seiner Höhe nah,
ich liege in Gottes Hut, in seiner Obhut,
sein Stern erscheint mir -
auch Sie erfahren am eigenen Leibe Ihren Streß -
oder um es altmodischer zu sagen:
Sie fühlen sich manchmal zerrieben unter den Anforderungen des Tages,
und manchmal drückt Sie Sorge nieder - um das eigene Leben oder um Menschen, die Ihnen am Herzen liegen,
manchmal wissen Sie nicht, ob linksrum oder rechtsrum,
und manchmal drückt Sie, was anderen das Leben schwer macht.
Sie nehmen heute Klepper-Lieder mit nach Hause -
Lieder, die von einem angefochtenen und meist schwermütigen, zu recht schwermütigen Menschen geschrieben wurden -
nein, die ihm von Gott für Sie heute Morgen hier in der Gönninger Kirche gegeben wurden:
Wenn man Kleppers berühmtes Tagebuch "Unter dem Schatten deiner Flügel" liest, fragt man sich immer wieder, wie er zu seinen Liedern kommt.
Das einzige, was man erfährt:
er geht mit dem Wort Gottes, mit den Texten der Bibel um -
und plötzlich, wie von selbst verdichte es sich ihm zu Gedichten -
durch Gottes Geist,
den er an jenem Pfingstsonntag so schmerzlich vermißte -
und der ihm gerade darin besonders nah war -
wie anders hätte er sein Mittagsgebet schreiben können.
"Er segnet, wenn du kommst und gehst;
er segnet, was du planst.
Er weiß auch, daß du's nicht verstehst
und oft nicht einmal ahnst."
Die Kleppers haben zu gehen, der Boden wird ihnen entzogen -
und doch dürfen sie nochmals neu ankommen, in ihrem neuen Haus am Wannsee in Nikolassee:
Gott segnete, was sie planten.
Klepper spricht sich wieder einmal selbst zuerst die Zeilen zu -
Gott spricht zuerst einmal zum Dichter selbst durch dessen Worte.
Ein neues Haus, neuer Lebensraum -
dreieinhalb Jahre werden sie dort wohnen, in jener schmucken Villa am Hang über der Rehwiese.
Sein Grab wird Jochen mit seiner Frau Johanna und seiner Stieftochter Renate jenseits des Baches, auf dem Friedhof der Nikolasseer Kirche finden.
"Der Tag ist seiner Höhe nah:
Nun stärke Seel und Leib,
daß, was an Segen er ersah,
dir hier und dort verbleib."
Sie haben in aller Sorge und allem Streß, den ihnen das Regime bereitete, nie den Segen aus den Augen verloren:
das Kleine, meist Selbstverständliche und Alltägliche -
es war ihnen Zeichen der Treue Gottes:
"Sein guter Schatz ist aufgetan,
des Himmels ewges Reich.
Zu segnen hebt er täglich an
und bleibt sich immer gleich."
Amen.

Predigt über EG 16 "Die Nacht ist vorgedrungen" (1. Advent 2002)


[Singen der Strophen 1 bis 3]

1: Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

2: Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

3: Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

Liebe Gemeinde,
gehen wir auf Zeitreise in die Gegenwart -
mit dem Lied Jochen Kleppers:
"Die Nacht ist vorgedrungen".
Um in der Gegenwart anzukommen, will ich Sie mit zurück nehmen in das Kleppersche Haus,
will mit unserem Lied in Gottes Zukunft schauen,
um hier bei uns anzukommen:
Erster Advent, Sonntag Morgen, evangelische Kirche Gönningen.
"Den Adventsschmuck des Hauses und die guten Dinge, die an den Advents-Abenden schon auftauchen, wollen wir recht einfach halten.
Denn es ist Sitte geworden, fast alles vom Fest schon vorwegzunehmen;
und dem möchten wir uns ganz bewußt entgegenstellen." -
Tagebuch, Vorabend des Ersten Advents 1937,
drei Wochen bevor "Die Nacht ist vorgedrungen" entsteht.
Liebe Gemeinde,
es ist eine klassische Frage am Ersten Advent:
was soll's?
Was soll diese Zeit,
wie wollen wir sie begehen,
wie wollen wir Advent und Weihnachten begehen, damit sie uns nicht unter Behaglicheit, Betulichkeit, Beschaulichkeit abhanden kommen.
Denn wir kennen doch den dicke Schädel nach einer durchzechten Nacht,
der den Gesamteindruck dann doch nachhaltig trübt -
und wir kennen alle dieses etwas schale nachweihnachtliche Gefühl,
wenn es nicht lief, wie erwartet.
Mit Klepper Advent und Weihnachten feiern, kann helfen.
Es kann helfen, weil er es wußte, zu feiern,
weil die Familie
- noch sind neben der jüdischen Ehefrau Hanni deren beiden Töchter im Haus, neben Renate auch Brigitte -,
weil die Familie Advent und Weihnachten zu zelebrieren, zu feiern, zu gestalten weiß -
und geradezu darin zu schwelgen scheint;
aber eben, wie der Tagebucheintrag zeigt, es auch bewußt angeht.
Was uns über die Zeiten hinweg verbindet in das Haus dort in Berlin vor genau 65 Jahren sind die Lichter,
ist jenes Zusammenspiel - oder vielleicht doch besser: Gegenspiel - von Tag und Nacht, Licht und Dunkel, Helligkeit und Finsternis.
Tagebuch am Ersten Advent 37:
"Ein Morgen in zartem Reif.
Die Sonne vom Aufgang an so stark und klar.
Das Haus, als ich zur Kirche ging, lag ganz im Lichte. …
Die Glocken des Nachmittagsgottesdienstes in der Dunkelheit.
Klarer Sternenhimmel.
Nach dem Abendbrot wurden die Lichter des Adventskranzes angezündet …"
Advent, Weihnachten:
die Zeit der Lichter.
Was die Sache bei Klepper so interessant macht ist das besondere Zusammen- und Gegenspiel von Licht und Dunkelheit.
Sie haben das Lied vor sich -
und wenn Sie es darauf hin anschauen werden Sie sehen:
Es spielt in der Nacht,
es will da kaum die Sonne aufgehen,
da ist das Dunkel, das Gott selbst gar umgibt.
Aber all dies ist durchstrahlt vom Morgenstern!
Nicht über-strahlt -
durch-leuchtet,
in ein Licht gerückt, das die Dunkelheit verändert -
nicht: wegwischt, aufhebt,
wie es das Sonnenlicht vermag.
Die Sonne geht nicht auf in unserem Lied -
und doch ist es, je länger man es betrachtet, durch-leuchtet von einem Licht, das heller denn tausend Sonnen leuchtet:
weil es Leid und Schuld zu verändern mag.
Liebe Gemeinde,
vielleicht geht es Ihnen wie mir, daß ohne dieses Lied der Advent nicht richtig beginnen würde,
vielleicht geht es Ihnen wie mir, daß es eine der Melodien ist, die einem wirklich nahe gehen und den Text unterstreichen - Johannes Petzold, knapp zehn Jahre jünger als der damals 34jährige Klepper, hat sie geschaffen;
vielleicht geht es Ihnen wie mir, daß ich dieses Weihnachtslied - als solches hat es Klepper eingeordnet - immer als Adventslied empfunden habe.
Und das ist es dann ja auch wirklich:
mit einer intensiv erlebten Adventszeit im Rücken, schreibt es Klepper am 18. Dezember 1937,
es ist der Samstag vor dem Vierten Advent.
Er schreibt ein Lied, in dem es nie richtig Tag wird -
und das doch erhellt und das erhellend ist.
Es erhellt - weil es in schlichten Worten Leid und Pein,
Schuld und Dunkel anspricht.
Und schon mit diesen schlichten Worten,
schon mit der so eindringlichen Anrede in der ersten Strophe,
sind wir wieder ganz in unserer Gegenwart hier heute Morgen;
und es kommen in Ihnen die Bilder, die sich in Ihrem Kopf mit diesen schlichten, alten Worten verbinden:
* das ungeduldige, verletzende Wort, das Sie einem sagten,
* die Spannung in der Familie, die sich partout nicht lösen mag,
* die Nacht, als Sie machtlos vis-a-vis saßen und nichts tun konnten,
* der Abend, als feststand, es geht mit uns beiden nicht mehr weiter.
Das Dunkel bleibt in unserem Lied -
Klepper hat es zu unserem Glück nie geschafft, "Angst und Pein" und Schuld einfach in frömmelnder Gottergebenheit zu leugnen,
zu behaupten, daß es schon irgendwie recht sein wird, was Gott tut,
Plattheiten - "Es wird schon werden" - waren ihm verwehrt.
Zu unserem Glück!
Dadurch entstehen Zeilen wie die von der Nacht, die vorgedrungen;
Zeilen, in denen daran festgehalten, in dem sich dem gestellt wird,
daß es dunkel ist in dieser Welt
und im eigenen Leben nur allzuoft genauso -
und daß gar Gott selbst im Dunkel wohnt:
ein undurchschaubarer Gott,
der uns Rätsel aufgibt und der sein Geheimnis hat -
aber eben kein dunkles Geheimnis,
eben keine ganz andere Seite als die, die uns zugewandt ist:
das, wo wir Gott nicht verstehen,
wo uns das Leben übel mitspielt und Gott uns rätselhaft wird,
dahinter steht kein anderer Gott als der, der uns entgegenscheint:
aus dem Stalle,
aus dem Kind, in dem er sich uns verbündet, uns rettet.

[Singen der Strophen 3 und 4]

4. Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

5. Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.

Liebe Gemeinde,
Jochen Klepper wußte um das Dunkel und wußte um die dunkle Seite seines Gottes,
der ihm so viel zumutete.
Er war ein Mensch, in dessen persönlicher Biografie sich die großen Ereignisse der damaligen deutschen und der Weltgeschichte unmittelbar spiegeln.
Seit 1931 mit der verwitweten Jüdin Hanni Stein verheiratet - sie ist 13 Jahre älter als er - berühren ihn die Umtriebe des braunen Regimes ganz unmittelbar.
Aus dem Rundfunk und dem Ullstein-Verlag wird er wegen der Ehe mit einer Jüdin entlassen,
der aus dem gleichen Grund erfolgte Ausschluß aus der Reichsschrifttumskammer kommt einem Veröffentlichungs-Verbot gleich -
auch wenn es für - im Sinne der NS-Ideologie - Unbedenkliches Sondergenehmigungen gibt.
Eine solche Genehmigung gab es für den großen Roman "Der Vater" über den preußischen Soldatenkönig Friedrich den Ersten;
im März 37 erschienen wird der Roman ein Erfolg -
selbst Hitler verschenkt das Buch.
Es ist ein buntes Jahr im Nazi-Deutschland:
Berlin feiert seinen 700. Geburtstag,
die HJ macht einen großen Werbefeldzug, der auf den Jahrgang 1927 abzielt - die etwa 1 Million Zehnjährigen sollen möglichst alle mitmachen -
man wird sie noch für anderes als fröhliche Gelände-Spiele brauchen.
Die Arbeitslosigkeit fällt nach vielen Jahren endlich wieder unter die Millionen-Grenze,
Rückgang angeblich 40 Prozent.
Pius XI. ist "In brennender Sorge",
das KZ Buchenwald wird ausgebaut
und 30.000 Juden aus dem Kulturleben ausgeschieden,
die heilige Stadt der Basken "Guernica" wird von der Legion Condor in Schutt und Asche gelegt und Picasso zu seinem Werk auf der Pariser Weltausstellung inspiriert.
Zarah Leander läßt sich vom Wind ein Lied erzählen
und von den Werbeplakaten brüllt schon "Der Tiger von Eschnapur".
"Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her."
Liebe Gemeinde,
mit dieser vierten Strophe schlagen wir den Bogen aus der Vergangenheit in die Zukunft.
Immer und immer wieder wird es passieren, nein; geschieht es heute,
daß Menschen Leid erfahren,
guten Grund zur Angst haben
und Schuld auf sich laden:
"Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld."
Und das Dunkel hält uns nicht mehr -
und "wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht!"
Das zu erfahren bedarf es aber wohl des Blickwinkels, aus dem heraus unser Lied gedichtet wurde.
Es ist der Blickwinkel eines angefochtenen, in manchem: schwachen und vielleicht sogar geblendeten Menschen, an den man Fragen stellen kann,
der kein Held war - in einer Zeit, die zu viele Helden hatte, vielleicht nicht das Schlechteste,
der oft zögerlich war -
vielleicht nicht einmal als wirkliches Vorbild dienen mag.
Aber in Klepper begegnen wir einem, der uns das Licht des Glaubens aufleuchten läßt in dunkelster Zeit.
Und deshalb haben wohl alle ein Ohr für ihn,
die die Grenzen eigener Kraft, auch: eigener Glaubens-Kraft, kennen,
die um eigene Schuld wissen,
die etwas von Leid wissen und die Pein anderer mitspüren.
Aus dieser Perspektive spricht unser Lied -
indem es aus dem Blickwinkel der Hirten erzählt.
Sie bekommen den Stern zu sehen -
und der Stern über Bethlehem wird zum Morgenstern:
der Morgenstern, ein Bildwort für Jesus Christus - so finden wir es im letzten Buch der Bibel,
ein Bildwort für Jesus Christus, der als Morgenstern uns leuchtet,
jetzt, bevor er als Sonne uns aufgeht.
Der Morgenstern: die Venus - mit ihrer kürzeren Umlaufbahn als sonnennäherer Planet eine Pendelbewegung am Himmel vollziehend,
der Morgenstern geht auf und kündet den nahen Sonnenaufgang,
den neuen Tag.
Er ist der Stern der Gotteshuld,
der helle Morgenstern,
dem Lob zu singen dem Menschen gut ansteht!
Weil er es verbürgt, daß die Nacht nicht ewig ist
und er in der Nacht, am Übergang von der Nacht zum Tage scheint.
Und auch wenn noch manche Nacht fallen wird,
scheint er doch schon;
und er verspricht den ewigen Tag, der dem jüngsten Tag folgen wird:
"Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht!"
Liebe Gemeinde,
wahrlich ein Advents-Lied, das uns da aus dem Arbeitszimmer des Klepperschen Hauses entgegenkommt.
Entgegenkommt?
Es ist kein leichtes Liedchen, das da angestimmt wird,
keines, das in Kerzenschein aufgeht.
Es ist eines, das uns gegenwärtig wird, wenn wir vom Morgenstern hören,
der eben nur in der Nacht zu sehen ist -
genauer: gegen Ende der Nacht.
Klepper schreibt ein Lied, in dem es nie richtig Tag wird -
und das doch erhellt und das erhellend ist.
Und wenn es für uns erhellend ist,
dann sind wir Gottes gegenwärtig -
und dann wäre unsere Zeitreise gelungen.
Amen.

Predigt über "Sieh nicht an" (EG-Württ. 539; Mel. EG 33) (2. Weihnachtsfeiertag 2002)

>>>Singen der Strophen 1 und 2
1: Sieh nicht an, was du selber bist
in deiner Schuld und Schwäche.
Sieh den an, der gekommen ist,
damit er für dich spreche.
Sieh an, was dir heut widerfährt,
heut, da dein Heiland eingekehrt,
dich wieder heimzubringen
auf adlerstarken Schwingen.

2: Sieh nicht, wie arm du Sünder bist,
der du dich selbst beraubtest.
Sieh auf den Helfer Jesus Christ!
Und wenn du ihm nur glaubtest,
daß nichts als sein Erbarmen frommt
und daß er dich zu retten kommt,
darfst du der Schuld vergessen,
sei sie auch unermessen.
 
"Du, Tochter Zion, freue dich sehr,
und du, Tochter Jerusalem,
jauchze!
Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer,
arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin." -
liebe Gemeinde,
mit dieser Verheißung des Propheten Sacharja beginnen wir unsere Kirchenjahre.
Am Ersten Advent stellen wir uns diesem merkwürdigen König, der da nicht hoch zu Roß, sondern auf einem Esel reitend daherkommt.
Die Karikatur eines Königs!
Doch wie wenig Frieden wir von den hohen Herren der Welt erwarten dürfen, spüren wir Tag um Tag.
Unser Friedenskönig kommt auf einem Esel daher,
nicht mit einer Streitmacht aus Awacs und Leopards;
er ist unser Helfer,
auf ihn sehen wir, nicht auf uns selbst und unsere Stärke!
Liebe Gemeinde,
auf was schaue ich,
an wem schaue ich auf,
was nimmt meinen Blick gefangen,
wen habe ich im Auge -
Jochen Klepper spielt in seinem Lied mit diesem Gedanken, daß es um die Blickrichtung geht in einem Leben.
Ich kann vor mir selber stehen,
kann mich selber anschauen:
Vielleicht bin ich unzufrieden mit meiner Nase oder den Ohren oder den zu großen oder zu kleinen Rundungen.
Vielleicht sehe ich mich als erfolgreichen Kerl
oder bin gerade unzufrieden, weil dieses oder jenes nicht gelang wie erhofft.
Wenn ich mich selbst anschaue, an mir selbst herunterschaue, dann nehme ich eine merkwürdige Körperhaltung an:
dann stehe ich verkrümmt da,
gebeugt,
der Kehlkopf wird zusammen gedrückt, freies Sprechen ist kaum mehr möglich.
Der Sünder sei der Mensch, verkrümmt in sich selbst -
so hat es der von Jochen Klepper so geliebte Martin Luther einmal beschrieben.
Jochen Klepper ermuntert uns zu einer anderen Körperhaltung;
er tut das, indem er uns eine andere Blickrichtung aufzeigt.
"Sieh den an, der gekommen ist",
"sieh an, was dir heut widerfährt",
"sieh auf den Helfer Jesus Christ"!
Jochen Klepper richtet uns auf, indem er unseren Blick sich erheben macht!
Wer seinen Worten folgt, der steht anders da.
Wer seinen Worten folgt, fängt nicht bei sich selber an,
sondern sieht in die Höhe und damit auf den Grund seines eigenen Lebens.
Es ist eben nicht die eigene Schuld und Schwäche,
es sind eben auch nicht die eigenen Erfolge und Leistungen, die mich zu mir machen!
Es ist Gottes Geschichte, die er mit seinem Sohn Jesus Christus macht,
und in die er mich hineinverwickelt,
das ist es, was mich zu mir macht!
Durch ihn bin ich, was ich bin!
Aus dieser Neu-Entdeckung des Evangeliums, der guten Botschaft, wie sie Martin Luther geschenkt wurde,
daraus hat Jochen Klepper gelebt.
Das hat ihn getragen und am Leben erhalten;

das hat ihn in seinen 39 Jahren auch vor seinen immer wieder aus Trübsinn auftauchenden Selbstmordgedanken bewahrt.
Daß er mit seiner Frau und seiner Stieftochter dann doch von eigener Hand starb,
das war ein wohlüberlegter und vor Gott verantworteter Schritt als kein Ausweg mehr blieb -
und es die einzige freie Tat war, die noch unter der Knechtschaft des braunen Regimes für die Familie möglich war.
In all den vielen schweren Jahren davor, sah Klepper sich davon getragen,
daß er nicht auf sich selber sah,
sondern auf das, was Gott für ihn tat und war.
Und seinen besonders tief gehenden und deshalb erhebenden Ausdruck findet das in den Weihnachtsgeschichten:
wo Gott klein und zerbrechlich wird und ungeschützt in einer Krippe daliegt, in Windeln gewickelt -
und wo er eben all unsere Schwäche und Schuld trägt
und unser Leid und unseren Schmerz mit-trägt und sich mit darunter stellt.
Liebe Gemeinde,
je länger desto mehr glaube ich, daß es in einem evangelischen Gottesdienst nicht mehr zu sagen gibt, als eben daran zu erinnern:
du bist mehr und anderes als das, was du siehst, wenn du an dir herunterschaust;
du brauchst nicht mehr auf dich herab zu sehen,
du brauchst dich auch nicht mehr gnadenlos zu überschätzen oder zu überfordern -
sieh den an, der gekommen ist,
sie den an, der dir an der Weihnacht geboren wird -
in ihm ist dein Leben,
an ihm wirst du zum Ich!
In diesem Wechsel der Blickrichtung,
da bricht Neues auf,
da wird einer neu geschaffen,
wie neu geboren!
"Glaubst du auch nicht, bleibt er doch treu,
Er hält, was er verkündet.
Er wird Geschöpf - und schafft dich neu,
den er in Unheil findet.
Weil er sich nicht verleugnen kann,
sieh ihn, nicht deine Schuld mehr an.
Er hat sich selbst gebunden.
Er sucht: du wirst gefunden!"
Laßt uns die Strophen 3 bis 5 singen!
Nummer 539.
 
>>>Singen der Strophen 3 bis 5
3: Glaubst du auch nicht, bleibt er doch treu,
Er hält, was er verkündet.
Er wird Geschöpf - und schafft dich neu,
den er in Unheil findet.
Weil er sich nicht verleugnen kann,
sieh ihn, nicht deine Schuld mehr an.
Er hat sich selbst gebunden.
Er sucht: du wirst gefunden!
 
4: Sieh nicht mehr an, was du auch seist.
Du bist dir schon entnommen.
Nichts fehlt dir jetzt, als daß du weißt:
Gott selber ist gekommen!
Und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft,
ein Fürst, der ewigen Frieden schafft.
Dem Anblick deiner Sünden
will er dich selbst entwinden.
 
5: Wie schlecht auch deine Windeln sind,
sei denoch unverdrossen.
Der Gottessohn, das Menschenkind
liegt doch darin umschlossen.
Hier harrt er, daß er dich befreit.
Welch' Schuld ihm auch entgegenschreit -
er hat sie aufgehoben.
Nicht klagen sollst du: loben!
 
>>>zu den Strophen 3 bis 5
Liebe Gemeinde,
wir gehen etwa ein halbes Jahrtausend zurück,
Martin Luther an Weihnachten 1528:
"Sieh nicht an, was du bist,
sondern sieh hier, was dir heut widerfährt,
sieh an de, der zu dir kommt!
Sieh nicht an, daß du ein armer Sünder bist,
sonst wäre lauter Traurigkeit da,
sondern sieh Christum an,
der sich nicht darum bekümmert, wie schändlich er von seinen Verwandten empfangen wird,
daß er so elend ist,
daß er hier in einem stinkenden Stall bleiben muß."
Liebe Gemeinde,
es ist so eine Sache mit der Blickrichtung.
Natürlich sollen wir auf uns selber sehen, schauen, acht haben -
natürlich sollen wir ab und zu in den Spiegel gucken,
sollen wir uns selbst in die Augen blicken.
Aber auf unseren Glauben sollen wir nicht zu sehr sehen.
An unseren Glauben sollen wir nicht glauben.
Unser Glaube ist es nicht, der uns trägt.
Gott ist's:
an Gott glauben wir,
er trägt uns
"Glaubst du auch nicht, bleibt er doch treu,
er hält, was er verkündet." -
ein Examen hat Jochen Klepper in Theologie nicht gemacht -
aber seinen Martin Luther, den hat er fleißig studiert -
und bestens verstanden -
und damit auch für sich den Glaube entdeckt,
der den Menschen gerade nicht wieder auf sich selbst zurück wirft,
gerade nicht wieder auffordert, wenn er schon nichts leisten kann, jetzt wenigstens feste zu glauben.
Nein,
der Glaube darf nie und nimmer eine fromme Leistung werden,
auf den eigenen Glauben läßt sich nie und nimmer ein Leben bauen -
aber auf Gott,
auf Gott, der Geschöpf wird, uns neu schafft,
sich bindet und uns findet!
Liebe Gemeinde,
die PISA-Studie hat uns darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig unser Wissen,
wie wichtig unsere Bildung sind.
"Nichts fehlt dir jetzt, als daß du weißt:
Gott selber ist gekommen!"
Auch Klepper redet vom Wissen,
von einem letzten, tiefsten Wissen, das man nicht einfach in sich produzieren kann,
um das man sich aber mühen und kümmern kann -
nicht zuletzt dadurch, daß man gute Lieder wie die von Jochen Klepper singt;
nicht zuletzt dadurch, daß man sich in die richtige Blickrichtung einübt und klar macht, daß ich mich aus Gottes Perspektive sehen will.
Wer sich so mit Gottes Augen ansieht, sieht, daß er schön ist -
und daß alle Makel nur äußerlich sind:
"Wie schlecht auch deine Windeln sind" -
Klepper spielt auf Luthers Lied "Vom Himmel hoch" an:
"Der Gottessohn, das Menschenkind
liegt doch darin umschlossen."
Wisse, daß Gott in dir lebt,
daß er dich in seinem Sohn zu seinem Menschenkind macht.
Du und jeder andere Mensch ist Mensch eben nicht erst dadurch,
daß er etwas aus sich macht,
etwas aus sich machen kann,
etwas aus sich gemacht hat -
er ist Mensch vor alle dem,
und er ist auch noch Mensch, wenn er zu nichts mehr fähig ist.
Das Kind ist Mensch,
der gebrechliche Alte ist Mensch,
der behinderte Mensch ist Mensch,
der kranke Mensch ist Mensch -
und auch der Schuldigste bleibt Mensch.
In einer Zeit wie der unseren ist diese alte Erkenntnis, dieses alte Wissen der Bibel aktueller denn je;
in einer Zeit, da Eltern sich rechtfertigen müssen, wenn sie ein behindertes Kind auf die Welt bringen,
wo es für wenig begabte Kinder immer weniger Chancen gibt,
wo manche Diskussion über Sterbehilfe einen schalen Beigeschmack hat -
und wo manch alter Mensch meint, er müsse sich rechtfertigen, wenn er noch da ist und womöglich Hilfe braucht.
Sieh nicht an,
sieh an:
die Blickrichtung, die Sichtweise Gottes ist heute nötiger denn je!
Und dann mag es uns gelingen, daß unser Klage über unsere eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten,
daß auch unser Klagen über die Zeitumstände und wie schwer wir es doch haben,
daß das aufgenommen wird in ein Lob,
das manchmal gerade aus der Tiefe in besonders hohen Tönen gesungen wird:
"Nicht klagen sollst du: loben!" -
schließt Kleppers Weihnachts-Lied.
Liebe Gemeinde!
"Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer" -
als Motto steht dieser Bibelvers über unseren Kirchenjahren.
Da liegt er, liebe Gemeinde,
unser König:
im Stall,
in der Krippe,
im Stroh -
wer genau hinsieht und hinhört,
sieht sich selbst
und hört viel Gutes über sich:
"Er wird Geschöpf - und schafft dich neu".
"Er sucht - du wirst gefunden".
"Gott selber ist gekommen" - "du bist dir schon entnommen".
"Der Gottessohn, das Menschenkind" lebt in dir!
"Nicht klagen sollst du: loben!"
Amen.

Predigt über das Abendmahlslied zu Weihnachten (Mel. EG 369; Text auf EG-Württ. S. 79) (1. Weihnachtsfeiertag 2002)

"Mein Gott, dein hohes Fest des Lichtes
hat stets die Leidenden gemeint.
Und wer die Schrecken des Gerichtes
nicht als der Schuldigste beweint,
dem blieb dein Stern noch tiefverhüllt
und deine Weihnacht unerfüllt."
Liebe Gemeinde,
ich gebe zu, daß ich es durchaus verstehen könnte, wenn dem einen oder der anderen euer Pfarrer mit seinem Jochen Klepper auf die Nerven geht.
Vielleicht sogar besonders am Weihnachtsfest,
in der Zeit,
wo es uns nach "Hosianna", "O du fröhliche" und "Schneeflöckchen" viel mehr verlangt als nach Versen wie die von Klepper:
"dein hohes Fest des Lichtes hat stets die Leidenden gemeint".
Kommt Ihr denn bei Kirchens nie ohne diese Schwermut und diese depressiven Untertöne aus?
Nein, sorry - leider ist Weihnachten und der ganze christliche Glaube nicht ohne diesen Unterton zu haben.
Das Leid der Welt und das Schwere in unserem kleinen Leben nicht auszublenden,
die Schuld, die uns zugefügt wird und die wir an anderen begehen -
das ist wie der Boden, der alles trägt:
wenn davon nicht mehr die Rede sein dürfte,
dann könnten wir uns sämtliche Gottesdienst und allen Glauben schenken -
und es bei den Weihnachts-Geschenken belassen.
Aber ich will bei alledem beides hören:
und deshalb soll und muß und darf bei allem, was auch in unserem heutigen Klepper-Lied zur Sprache kommt, das mitgehört werden:
daß wir von jenem zweiten Geburtstag Jesu herkommen:
der Auferstehung, wo das Krippenkind, dessen Leben am Kreuz endete, neu zur Welt kam -
und bei uns ist in seinem Geist!
In seinem Geist loben wir ihn!
Loben wir ihn, Jesus, dessen erste Geburt wir heute feiern,
loben wir ihn bei Wein und Brot!

Wir freuen uns an dem, was und geschenkt und geben ist und was wir uns leisten können:
das süße Leben,
das Freude bereitet,
den Gaumen streichelt,
das leicht ist
und schön!
Wir feiern
und freuen uns an der Weihnacht,
weil uns jeder Tag, den wir leben, ein Christtag ist -
ein Tag mit Christus!
Liebe Gemeinde,
aber vielleicht war das jetzt schon zu schnell und zu steil von oben herab.
Vielleicht muß man ja, damit man das wirklich erlebt, tatsächlich auf einen Weg machen,
auf den Weg, den uns Jochen Klepper in seinem Lied vorzeichnet.
Das Fest "hat stets die Leidenden gemeint.
Und wer die Schrecken des Gerichtes
nicht als der Schuldigste beweint" -
es ist wahrhaftig keine leichte Kost, die uns der Liederdichter da aus dem Jahre 1936 in unser Weihnachtsfest 66 Jahre später herüberschickt.
Am Vorabend des Ersten Advents schreibt er das Lied.
Es ist das einzige Kirchenlied in jenem Jahr, das er schafft.
1935 war mit "Du bist als Stern uns aufgegangen" ein Auftakt zu einem für ihn bis dato ganz neuen Bereich seines Schaffens gemacht worden.
Fast anderthalb Jahre nun kein weiteres Kirchenlied;
zuerst muß "Der Vater", der Roman über den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., fertiggestellt werden;
und dann noch die ihn fast zerbrechende Arbeit des Kürzens, damit der Roman für die Deutsche Verlagsanstalt auf einen druckbaren Umfang kommt;
Stuttgart, der Sitz des Verlages, hat für Klepper keinen guten Klang in diesen Monaten.
"Mein unglückseliges Manuskript geht nun nach dem schweigenden Stuttgart ab.
Hilfe und Antwort muß von einer anderen Seite kommen. -
In all den wunden Tagen eine kleine Freude:
ein Weihnachtskatalog der Buchhandlung der Berliner Missionsgesellschaft trug als Titel eine Strophe aus meinem Kirchenlied ‚Das Kirchenjahr'."
Liebe Gemeinde,
wir spüren etwas von dem Druck, unter dem Klepper mit seiner jüdischen Ehefrau und deren Töchter lebt.
Finanzielle Sorgen - 820 Mark 17 weist seine Steuererklärung für 1936 aus -,
die Spannungen mit seiner Familie,
die Last, die ihm sein Roman ist, weil er Schreiben und Dichten immer als eine große Last empfinden wird - weil immer unter der Gefahr er Sünde durchs falsche Wort stehend,
immer in der Gefahr stehen, nicht das Wort Gottes, sondern eigene Worte zu sagen -
wie das ja auch bei jedem Prediger ist.
Auf solchem Hintergrund lebt Klepper und dichtet er;
mehr und mehr wird ihm für die nächsten Jahre das Kirchenlied zum Mittelpunkt seines Schaffens werden.
Und es mag sein, daß diese Zeilen, die da entstehen, das ist, was neben seinem Tagebuch, die Jahrzehnte überdauern wird -
in Jahrhunderten mag man ja mittlerweile nicht mehr denken.
Seine Kirchenlieder:
sie werden Kirchenlieder nicht, weil er sie für die Kirche, für den Gottesdienst schreibt,
sondern weil seine Gedichte die Gemeinde anfängt zu singen.
Sie haben selbst begonnen zu wirken.
Sie wurden nicht gepusht, in die Charts gebracht per Marketing,
wie das heute in der Pop-Musik üblich ist
und entsprechend vielleicht auch manchem christlichen Song so geht.
Kleppers Lieder machen selbst ihren Weg.
Überrascht ist er, wenn der württembergische Pfarrer Knapp ihm schreibt, daß bei seinem alten Vater neben Bibel und Gesangbuch neuerdings auch Kleppers Liedersammlung "Kyrie" liegt;
welche Überraschung, wenn er merkt, wie Jugendliche seine Lieder verstehen, singen, abschreiben und weiterreichen.
Klepper trifft einen Ton,
der auch in uns heute vielleicht da und dort etwas zum Klingen bringt.
Im Olympiajahr 1936 hatte sich Berlin herausgeputzt,
die Fackeln lodern Unter den Linden,
die Welt ist zu Gast und bekommt die Augen gewischt.
"Bunt und heiter" ist das Fest -
und man drückt alles weg, was mit Selbstbesinnung,
was mit Selbstkritik,
Selbszweifel
zu tun hat.
Man muß sich dem stellen, was Klepper in seinem Lied mit Leid meint:
nicht zuerst körperliche Schmerzen oder der Verlust eines Menschen,
sondern der Schmerz, den wir längst weggedrückt haben:
daß wir nämlich dem Gericht Gottes und seinem Urteil über uns unterliegen.
"Die ersten Zeugen, die du suchtest,
erschienen aller Hoffnung bar.
Voll Angst, als ob du ihnen fluchtest,
und elend war die Hirtenschar.
Den Ärmsten auf verlassenem Feld
gabst du die Botschaft an die Welt."
Die Hirten:
wie in seinen anderen Liedern verwickelt uns Klepper in ihr Schicksal;
die Hirten hatten ja guten Grund zur Hoffnungslosigkeit und Angst -
sie hatten guten Grund zur Angst,
weil sie draußen wohnten, abseits, nicht nur hinausgestoßen -
sondern sich auch hinaus stellend,
jenseits von Gottesdienst, Tempel, Glaube, Gottergebenheit -
und wenn wir uns bei ihnen ein- und wiederfinden,
dann sind wir genau am richtigen Platz:
am Platz der Gottesferne -
aber eben auch am Platz, wohin Gott selbst geht.
Denn das ist doch das Zeichen der Weihnacht, das uns jedes Jahr neu wieder aufleuchten muß -
dazu gibt es dieses Fest, das doch eigentlich verglichen mit Karwoche und Ostern ziemlich unwichtig ist,
das ist die Botschaft der Weihnacht, daß Gott an den Rand gerät,
daß er da hin will: an den Rand,
zu dir und mir,
die wir neu begreifen, außen vor zu sein -
weg von Gott,
und daß er immer erst zu uns kommen muß.
Und daß er dann solchen Leuten wie dir und mir die Botschaft an die Welt anvertraut.
Die Botschaft, daß Gott gekommen ist und da ist -
daß er in seinem Sohn an die Ränder ging
und erlöst hat:
aus Schuld und Gericht.
Diese Botschaft trägt Gott den Hirten auf,
das Wort, das sie in Schuld ernst nimmt,
und nicht nur zum Opfer der Umstände und Verhältnis verkommen läßt -
die Hirten werden beim Schopfe gepackt -
aber sie müssen sich eben auch nicht selbst daran aus dem Sumpf ziehen.
Gott erhebt.
Er macht groß.
Aber er tut das mit denen, die sich nicht selbst erheben und nicht selbst groß machen.
Und er tut es, indem er uns auch mit unseren Fehlern und unserer Gottesferne ernst nimmt -
und aufsucht,
selbst zu uns kommt -
und uns gar beauftragt,
seine Statthalter auf Erden zu sein,
eine Botschaft, ihn selbst zu verkündigen:
Die Botschaft, daß Gott gekommen ist und da ist -
daß er in seinem Sohn an die Ränder ging
und erlöst hat:
aus Schuld und Gericht.
Das ist der Boden -
und da drauf die Weihnachtsfreude und bunte Farben und Heiterkeit -
das gibt ein Fest!
"Die Feier ward zu bunt und heiter,
mit der die Welt dein Fest begeht.
Mach uns doch für die Nacht bereiter,
in der dein Stern am Himmel steht.
Und über deiner Krippe schon
zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn."
Dann läßt sich, liebe Gemeinde, das Fest bunt und heiter feiern, ohne daß es zu bunt und heiter wird -
weil wir wissen, daß diese Freude der Weihnacht noch trägt, wenn aus der Krippe das Kreuz wird,
wenn die Sonne nicht scheint, sondern nur der Stern zu sehen ist:
der Stern, der erinnert, daß die Nacht vorgedrungen ist und der Tag nicht mehr fern!
Liebe Gemeinde,
ich habe es bereits zugegeben, daß ich es durchaus verstehen könnte, wenn dem einen oder der andere dieses Weihnachten mit Jochen Klepper auf die Nerven ginge.
Aber es kann einen schon faszinieren,
wie einer in Zeiten wie damals so gedichtet hat, wies Klepper tat:
in Zeiten, als die große Weltgeschichte so handfest in ein kleines Leben hereingriff, hereinbrach.
Und dann kommt mir dieses Lebensgefühl auf einmal sehr nahe,
dann kommt mir der angefochtene Glaube dieses schlesischen Berliners auf einmal sehr nahe:
denn vielleicht ist es das, was uns am meisten aus diesem Jahr, aus den vergangenen fünf Viertel Jahren bleibt:
daß wir spüren:
wir leben - und das mag damals während der Lebenszeit Kleppers 1903 bis 1942 begonnen haben - in einer globalen Welt,
wir leben in einer Welt, wo das, was am anderen Ende geschieht, Auswirkungen auf uns hier hat -
und sei es nur in einem durch die Medien vermittelten mulmigen Gefühl.
Jochen Klepper lebte damit und litt darunter, daß das, was im Großen geschah, auf sein Leben Auswirkungen hatte;
wir spüren das heute besonders in wirtschaftlicher Hinsicht;
aber viel mehr als damals haben wir alle heute auch Chancen und damit eine Verantwortung:
wenn wir uns immer wieder anstrengen und für Gerechtigkeit über unsere Rathaus- und Kirchturm-Sichtweite hinaus einsetzen;
etwas tun - und sei es nur durch den weihnachtlich geöffneten Geldbeutel -
aber am besten auch dadurch, daß wir um den Herrn und Herrscher auch der globalisierten Welt wissen und uns zu ihm bekennen!
"Herr, daß wir dich so nennen können,
präg unseren Herzen heißer ein.
Wenn unsere Feste jäh zerrönnen,
muß jeder Tag noch Christtag sein.
Wir preisen dich in Schmerz, Schuld, Not,
und loben dich bei Wein und Brot."
1903 bis 1942 lebte der Dichter unseres Liedes,
das keine leichte Kost zur süßen Weihnachtszeit ist;
doch wenn die Weihnachtszeit zum Christtag wird,
dann verliert sie sich nicht im zu bunten und heiteren Fest -
sondern kann sich dem Dunklen in dieser Welt und dem eigenen Leben stellen,
dagegen angehen
und dem Stern vertrauen, der uns aufgegangen ist:
"Mein Gott, dein hohes Fest des Lichtes!"
Amen.

Andacht über "Ja, ich will euch tragen" (EG 380) (Kaffeestündle 17.1.2003)

"Dieser eine Tag ist wieder Sommer, wenn's auch im Hause noch kühl ist. Der Himmel ist blau, nachde der Morgen noch zwischen Grau und Bläue wechselte; die Sonne scheint stark, doch ohne Schwere; ein zarter Wind geht; alles Grün des nun dicht belaubten Gartens leuchtet.
In Mariendorf zu einer besonders guten Predigt von Kurzreiter über Jesaja 46,4":
"Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet.
Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten."
"Ich schrieb ein Silvesterlied über Jesaja 46,4."
Liebe Seniorinnen und Senioren,
so schreibt es Jochen Klepper, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, in sein Tagebuch.
Es ist der 19. Juni 1938.
Sonntag.
Im vergangene Jahr hat er seinen großen Roman "Der Vater" abgeschlossen -
aber er ist auch aus der sogenannten Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen worden:
er ist jüdisch "versippt", wie man damals im braunen Jargon sagte.
1931 hatte der schlesische Dichter in Breslau die jüdische Witwe Hanni Stein geheiratet;
mit ihren beiden Töchtern Renate und Brigitte hatten er sie 1929 kennen gelernt.
Nach Berlin ist die Familie übergesiedelt, wo Klepper beim Rundfunk tätig war und als freier Schriftsteller.
Jetzt, nach dem Roman, seit 1935/36, bricht eine neue Phase an in Kleppers Schaffen.
Anfang, Mitte 30 ist er - und schreibt voller Lebensweisheit Gedichte -
Gedichte, die rasch von den Teiler der christlichen Gemeinde, die sich nicht vom Hitler-Kult blenden ließen, als Kirchenlieder aufgegriffen werden.
29 solcher Lieder sind schließlich in einem Gedichtband Kleppers versammelt -
stattliche 13 davon sind in unserem württembergischen Gesangbuch wiedergegeben -
sie begleiten uns durch dieses Kirchenjahr.
Zwei von ihnen sind auch in unserem Kaffeestünde-Liederbuch.
"Er weckt mich alle Morgen" ist das eine;
an das andere habe ich Sie mit der Tagebuchnotiz herangeführt.
Juni 1938 - vor 65 Jahren entsteht "Ja, ich will euch tragen".
Singen wir zunächst die Strophen 1 bis 4;
Seite 104 unten.
1: Ja, ich will euch tragen
bis zum Alter hin.
Und ihr sollt einst sagen,
daß ich gnädig bin.

2: Ihr sollt nicht ergrauen,
ohne daß ich's weiß,
müßt dem Vater trauen,
Kinder sein als Greis.

3: Ist mein Wort gegeben,
will ich es auch tun,
will euch milde heben:
Ihr dürft stille ruhn.

4: Stets will ich euch tragen
recht nach Retterart.
Wer sah mich versagen,
wo gebetet ward?

Liebe Seniorinnen und Senioren,
wie ist dieses Silvesterlied eigentlich in unser Senioren-Liederbuch geraten?
Ein Senioren-Lied ist es doch eigentlich nicht -
abgesehen davon, daß es von einem 35jährigen geschrieben wurde.
Denn es blickt doch zuerst einmal nach vorn,
in die Zukunft.
Aber eben nicht im Stile einer Kartenlegerin oder eines Bleigießers,
der am Silvesterabend in die Zukunft schauen will.
Jochen Klepper blickt in die Zukunft,
indem er in der Vergangenheit gräbt:
in Gottes Vergangenheit.
Er hat am Morgen genau hingehört und der Bibelvers aus dem Propheten Jesaja,
zweieinhalb Jahrtausende alt,
hat es ihm angetan:
er hat ihm Mut und Zuversicht angetan.
Und das will er weitergeben.
Er weiß, wie wenig Verlaß auf die Zeitumstände,
auf das Glück,
auf die Politik ist.
Im Gegenteil:
er weiß, wie weh einem das Leben tun kann -
und deshalb dichtet er sich selbst Mut zu.
Nicht, indem er sich selbst auf die Schulter schlägt und sagt "Kopf hoch" -
das drückt einem meist nur noch mehr runter,
weil man sich doch nicht selbst an den Haaren nach oben ziehen kann.
Jochen Klepper tut das,
indem er auf Gottes Wort hört,
indem er das Bibelwort vom Morgen in der Kirche
hereinholt in seinen Tag, in sein Haus, an seinen Schreibtisch: in sein Leben.
"Stets will ich euch tragen"!
Getragen werden, das ist nicht jedermanns Sache.
Sich tragen lassen, das kann man als Erwachsener eigentlich nur dann, wenn man auch selbst laufen könnte -
dann fällt einem das nicht schwer, dann ließe man es sich vielleicht aus Bequemlichkeitsgründen gefallen.
Getragen werden müssen, das ist schwer.
Wenn ich mich verletzt habe, mit den Oberschenkelhals gebrochen habe,
dann muß ich getragen werden und das ist dann nicht leicht,
sich das gefallen zu lassen.
Und doch gehört es dazu zum Leben.
Daß man eben sich auch tragen läßt,
so wie man im Leben andere trägt, andere erträgt, anderer Lasten mitträgt.
Sich von Gott getragen wissen, das heißt dann:
er trägt mich,
damit ich die Kraft habe, andere zu tragen, andere zu ertragen, anderer Lasten mitzutragen.
Sich getragen zu wissen von Gott -
das gibt eine Ruhe, aus der Kraft kommt.
"Ihr dürft stille ruhn."
"Ihr sollt … Kinder sein als Greiß."
Ruhen, Kind sein -
und etwas tun: "Wer sah mich versagen, wo gebetet ward?":
Einstehen für andere,
Acht geben auf andere,
denken an andere -
Beziehungen pflegen im Gebet:
die Beziehung zu Gott,
die Beziehung zu anderen Menschen.
Solche Beziehungen machen glücklich.

Laßt uns die Strophen 5 bis 7 singen;
Seite 105.
5: Denkt der vor'gen Zeiten,
wie, der Väter Schar
voller Huld zu leiten,
ich am Werke war.

6: Denkt der frühern Jahre,
wie auf eurem Pfad
euch das Wunderbare
immer noch genaht.

7: Laßt nun euer Fragen,
Hilfe ist genug.
Ja, ich will euch tragen,
wie ich immer trug.

Liebe Seniorinnen und Senioren,
vielleicht doch ein Seniorenlied?
Vielleicht in dem Sinne, daß Sie einfach mehr Zeit haben als jüngere Menschen, die sich rückblickend überblicken.
"Denkt der frühern Jahre" -
diese Gedanken das kennen Sie:
manchmal mit einem Lächeln auf den Lippen, wenn Sie zurückdenken,
manchmal mit dem Gedanken: "Gut, daß ich das nicht mehr tun muß", "daß ich die Sorge nicht mehr haben muß" …
aber oftmals sicherlich auch mit einem wehmütigen Blick auf Vergangenes, Verlorenes, Versäumtes.
"Denkt der frühern Jahre,
wie auf eurem Pfad
euch das Wunderbare
immer noch genaht."
Das ist kein Rückblick, wie er im Fernsehen oder in der Zeitung zum Jahreswechsel präsentiert werden könnte;
das ist ein Blick auf das Vergangene, der sich nur dem Glauben eröffnet.
Daß Gott mich getragen hat und bewahrt -
er hat mir doch auch viel angetan und vieles Geschehen lassen -
wenn ich da beginne aufzurechnen, weiß ich nicht, wie die Rechnung aufgeht!
Fragen gibt's genug.
Und doch lehrt mich der Glaube, daß es sich so mit Gott rechnen läßt, daß ich spüre:
in allem, was geschah und was geschieht, bin ich getragen und gehalten.
Liebe Seniorinnen und Senioren,
"stets will ich euch tragen",
"bis zum Alter hin" -
so dichtet einer Mitte 30, vor dem nur noch vier ein Halb Jahre Lebenszeit lagen.
Hat er sich getäuscht?
Daß das Leben glatt läuft, das hat er selbst spüren müssen, daß das nicht so ist -
und das hat er sich auch nie von Gott erträumt.
Aber daß man gehalten ist im Leben und über dieses Leben hinaus,
davon hat er gewußt und gedichtet, daran geglaubt und daraus gelebt -
das hat ihn getragen - bis in sein Alter hin.
Amen.

Predigt zum Jahreswechsel über "Der du die Zeit in Händen hast" (EG 64) (Silvester 2002)

>>>singen der Strophen 1 bis 3
1: Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ
die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen.
2: Da alles, was der Mensch beginnt,
vor seinen Augen noch zerrinnt,
sei du selbst der Vollender.
Die Jahre, die du uns geschenkt,
wenn deine Güte uns nicht lenkt,
veralten wie Gewänder.
3: Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
nur du allein wirst bleiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.
>>>zu den ersten Strophen
"Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ
die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen."
"Dieses Gedicht vertritt eine Gesinnung, die absolut jüdisch genannt werden muß.
Es wird gesprochen von des Jahres Last,
daß alles, was der Mensch beginnt, vor seinen Augen zerrinnt,
daß des Menschen Tag und Werk vergeht,
daß der Mensch im Winde treibt,
daß die Menschen ihre Tage in Schuld verbringen,
daß sie in ihrer Zeit vieles versäumen und verfehlen.
Gegen die Frömmigkeit dieses lyrischen Dichters soll gewiß nichts gesagt werden,
aber das heutige Deutschland darf bestimmt ein Neujahrslied in einem anderen, positiveren Ton erwarten,
der es nicht nötig hat, auf die knechtische Einstellung der Psalmen zurückzugreifen."
Liebe Gemeinde,
so charakterisiert der zuständige Vertreter des 1000-jährigen Reiches, ein Herr Meyer, das Lied Jochen Kleppers, das wir eben begonnen haben zu singen.
Es passe nicht in die Zeit -
paßt es je einmal einfach in die Zeit?
Wir sind im Jahr 1937:
Der Liederdichter Jochen Klepper - 1903 bis 1942 - hatte seinen großen Roman über den Soldatenkönig mit dem Titel "Der Vater" veröffentlicht -
ein Riesenerfolg nach seine Erscheinen im März,
auch die braune Elite liest das Buch und empfiehlt es zur Lektüre im Heer -
man kann Bücher eben so und so lesen -
vom "König unter Gott" hatten sie offensichtlich nichts verstanden.
Doch wenig später wird Klepper aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen -
wegen seiner Ehe mit einer Jüdin.
Im September gesteht man ihm zumindest zu, Manuskripte zur Begutachtung vorlegen zu dürfen,
um gegebenenfalls Ausnahmegenehmigungen für die Veröffentlichung zu erhalten.
So entsteht das Gutachten über unser Lied, aus dem ich Ihnen vorgelesen habt.
Merkwürdigerweise erhält Klepper kurz vor Redaktionsschluß der Neujahrsausgabe der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" für unser Lied diese Genehmigung -
und so erscheint es dann auf Seite 7 der D.A.Z. vom 1. Januar 1938.
Aufmacher dieser Ausgabe ist - natürlich - der Aufruf des Führers zum Neuen Jahr -
es wird das letzte Jahr vor dem Krieg sein -
es ist die Zeit, die auf die Reichsprogromnacht zusteuert.
Liebe Gemeinde,
"Der du die Zeit in Händen hast" -
das Hauptlied in unseren Gottesdiensten auf diesen Silvester-Abend:
manchmal sind es ja die einfachsten Fragen, die uns am meisten ins Grübeln bringen können.
Vor über zwei Jahrzehnten hat mir einmal ein Zimmerkollege während eines Krankenhausaufenthaltes solch eine Frage mitgegeben;
er war Chemiker, hatte aber offensichtlich auch einige philosophische Adern, als er mich fragte, was eigentlich Zeit sei -
eine Frage, an die ich mich erinnert habe, in den Tagen des Jahreswechsels,
an die man denkt, wenn man Geburtstag feiert,
vielleicht sogar einen runden.
Zeit:
Wir alle haben eine ganze Menge davon,
auch wenn wir oft so leben, als hätten wir keine, oder gerade jetzt keine;
manchmal zerrinnt sie uns durch die Finger -
und manchmal wünschen wir uns, daß sie still stünde; -
vielleicht tut sie das ja sogar in diesen Stunden,
in diesen beiden Übergangstagen vom alten zum neuen Jahr.
Aber: still stehende Zeit - ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst?
Ist Zeit nicht Bewegung -
sinnfällig wird das im Pendel einer altmodischen Uhr,
in steter Bewegung -
und eben nur still stehend, wenn ihre Zeit abgelaufen ist,
sich keiner mehr um sie gekümmert und sie aufgezogen hat.
Zeit ist Bewegung -
aber macht nicht die Unmenge an Bewegung, an Veränderung gerade unsere Zeit zu einer manchmal recht unangenehmen,
zu einer gehetzten Zeit mit lauter gestressten Zeitgenossen?
Scheint es nicht so zu sein, daß das Zeitlose, das Standhafte, das Unveränderliche das ist, was das Zeitliche erst segnet?
Liebe Gemeinde,
Jochen Kleppers Lied kümmert sich nicht um die Zeit im physikalischen Sinne -
das ist eine Frage für sich, auch wenn sie mehr in unseren Alltag hereinspielt, als wir normalerweise spüren -
die hochgenauen Uhren, die nötig sind für die Positionsbestimmung unserer Autos und Schiffe, nur als Beispiel;
wir alle wissen, daß Zeit noch etwas anderes bedeutet;
daß die Zeit fast so etwas wie das Leben selbst ist,
daß Zeit erst wirklich interessant wird, wenn wir sie als Lebens-Zeit begreifen.
Darum geht es Klepper in seinem Neujahrslied.
Er hält jetzt mit uns inne -
und er hält an vor Gott, wenn wir in sein Gebet einstimmen,
wenn wir uns gemeinsam in den Rhythmus der Melodie einfinden -
und schon dadurch, daß wir diese Zeilen miteinander singen,
bekommen wir zu spüren, was Zeit ist:
Zeit ist das, was vor Gott und in seiner Gegenwart geschieht.
Da, wo sich Gott nicht einmischt, ist keine Zeit -
da ist kein Leben,
da ist nur Vergänglichkeit, da flieht die Zeit nur so dahin und ist nicht zu greifen,
zerrinnt vor unseren Augen.
Klepper geht mit uns auf Zeitreise zu Gott -
und wenn wir uns mit unserer Zeit bei ihm einfinden,
entdecken wir, was von unserem Zeitlichen gesegnet ist,
was von Gott getragen und deshalb ewig ist.
Erst das Ewige ist auch zeitlich.
Nur, was Ewigkeits-Wert hat, hat auch einen Zeit-Wert.
Das ist eine zugegebenermaßen skeptisch Betrachtungsweise,
das ist ein Blickwinkel auf unser Leben,
der um die Begriffe Schuld, Versäumnis, leere Hände nicht herum kommt.
Aber es ist ja nicht das Schlimmste, was uns passieren kann, wenn wir in den Tagen eines Jahreswechsels auch damit umgehen, was verloren ist, im zurückliegenden Jahr,
was nicht bleibend ist,
was veraltet wie der Anzug, der nicht mehr den aktuellen Schnitt hat.
Dem sehr modebewußten Neu-Berliner Jochen Klepper dürfte dieses Bild sehr vor Augen gestanden haben.:
"Da alles, was der Mensch beginnt,
vor seinen Augen noch zerrinnt,
sei du selbst der Vollender.
Die Jahre, die du uns geschenkt,
wenn deine Güte uns nicht lenkt,
veralten wie Gewänder."
Klepper hat ja selbst Rückschau gehalten,
da Ende Oktober 1937, als er das Lied schreibt.
Er sieht den Erfolg seines Romans,
aber er weiß zugleich, daß alles, was der Mensch beginnt,
eben nur dann etwas ist, wenn Gott es vollendet!
Und - das tröstet mich sehr - was kann Gott nicht auch an Stückwerk alles vollenden,
was kann er nicht aus dem Kleinen, das ich so Tag um Tag zuwege bringe, nicht alles machen!
Es ist vielleicht eine der schönsten Erfahrungen, die man im Leben machen darf:
da kommt einer nach langer Zeit und sagt einem, wie dieses oder jenes, das man tat,
wie dieses oder jenes, was man sagte, weiterhalf und nützte und wieder auf die Beine brachte -
und man selber hat's damals gar nicht gespürt
und erinnert sich gar nicht mehr daran.
"Gott macht seine Zäsuren anders als wir.
Hinterher erst wird man, soviel Gott es einem zu erkennen gibt, ein wenig erfahren, wie die Fäden alle zusammenliefen." -
so schreibt es Klepper einmal in sein Tagebuch.
Gott webt einen Lebens- und Zeit-Teppich mit uns und durch uns -
und der Himmel wird es sein, einmal über ein schönes Gewebe bei Gott eintreten zu dürfen - in seine Ewigkeit.
"Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
nur du allein wirst bleiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben."
Das ist Zeit im eigentlichen Sinne:
daß der bleibende Gott,
daß der, der allein bleibt,
nicht allein bleibt,
in unser Leben kommt -
und in unserem Leben ewig bleibend Zeitliches wirkt.
Ich habe Ihnen vorhin die Meinung des Beamten aus der Reichsschrifttumskammer über unser Lied gelesen -
er hat richtig gesehen:
das Lied atmet einen anderen Geist, als es die Welt-Zeiten tun:
das Lied Kleppers ist eine schlagkräftige Breitseite gegen alle menschliche Selbstüberschätzung,
gegen alle Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit.
Um ihn wirklich groß machen zu können, machen unsere Zeilen den Menschen klein -
damit er sich als Mensch unter Gott besingt -
und darin entdeckt,
daß es einen Wert hat und einen Sinn macht, daß ich bin,
daß ich wirke,
daß ich lebe -
in meiner Zeit -
und teilnehme an der Zeit der Menschen neben mir.
Laßt uns die Strophen vier bis sechs singen!
>>>Singen der Strophen 4 bis 6
4: Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist.
Du aber bleibest, der du bist,
in Jahren ohne Ende.
Wir fahren hin durch deinen Zorn,
und doch strömt deiner Gnade Born
in unsre leeren Hände.
5: Und diese Gaben, Herr, allein
laß Wert und Maß der Tage sein,
die wir in Schuld verbringen.
Nach ihnen sei die Zeit gezählt;
was wir versäumt, was wir verfehlt,
darf nicht mehr vor dich dringen.
6: Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
im Fluge unsrer Zeiten:
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.
>>>Fortsetzung
Liebe Gemeinde,
"Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist" -
er unterscheidet sich vom Tier, weil er um die Begrenzung seiner Frist weiß;
und es regt ihn unheimlich auf, weil er zugleich nicht weiß, wie diese Begrenzung in seinem eigenen Leben aussieht;
er kennt die Statistiken über die Lebenserwartung
und ist zugleich Mathematiker und erfahren genug, um zu wissen, daß diese Zahlen über das Leben des einzelnen, über mein eigenes Leben überhaupt nichts sagt.
Wir haben befristete Verträge für unser Erden-Dasein,
Zeit-Verträge,
und manchmal stehen wir trotz Armen, die Leistungen und Waren und Erlebnisse schleppen, wie mit leeren Händen da -
aber gerade das sind Hände, in die Gottes Gnade hineinsprudelt wie aus einem Born, einem Brunnen -
wie aus einem Brunnen, der gratis, umsonst uns mit einem frischen Wasser beschenkt.
Möge das auch für unser Neues Jahr, für das Jahr 2003 gelten!
Daß uns das doch auch im Neuen Jahr immer wieder geschenkt werde, daß Last in Segen verwandelt wird.
Ist es nicht ein Segen, wenn Hochwasseropfer nicht nur die dreckige Brühe sehen und zu spüren bekommen, sondern auch die Solidarität in einem Land?
Ist es nicht ein Segen, wenn eine Beziehung, eine Ehe Bestand hat und man weiterhin miteinander auskommt?
Ist es nicht ein Segen, wenn du in deiner Krankheit, in deinem Alter, mit deinen Schwächen gerade darin anderen zum Zeugnis für Gottes Güte wirst -
weil Menschen spüren, daß der Mensch auch jenseits des Fitness-Studios Mensch ist?
Zeit ist nicht das, was wir so oft darunter verstehen,
Zeit ist nicht einfach Bewegung um der Bewegung willen:
wer nicht expandiert,
wer sich nicht weiterentwickelt stirbt -
das mag im Wirtschaftsleben und in der Natur-Geschichte noch einigermaßen stimmen -
im richtigen Leben geht es um die Bewegung, bei der Gottes Zeit den Takt vorgibt.
Gott geht mit uns durch die Zeit -
er ist ein zeitlicher Gott, wenn er auch der Ewige heißt;
unsere Zeit fliegt dahin -
je älter man wird, desto mehr spürt man es -
Gott aber bleibt uns gnädig zugewandt,
er führt uns an seiner Hand -
wir schreiten sicher voran -
in aller Unsicherheit der Zeiten,
in aller Vergänglichkeit -
auch in und mit unserer Schuld:
"Nun von dir selbst in Jesus Christ,
die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen!"
Liebe Gemeinde,
vom knechtischen Geist, den auch unser Klepper-Lied atme, hatte Herr Meyer geschrieben.
Es mag das Einzige sein, was uns Menschen zu allen Zeiten geholfen und uns gerettet hat:
wenn wir Knechte und Mägde unseres Gottes waren, wurden, blieben.
Das neue Jahr wird Schwierigkeiten und Probleme bringen:
es bringt Steuererhöhungen,
wirtschaftliche Probleme,
es bringt Krieg und Terror und Unglücke.
Um das zu sagen, muß man weder Pessimist noch Optimist sein.
Aber das neu Jahr wird auch seine anderen Seiten haben -
und die zu entdecken, ist uns als Christinnen und Christen besonders aufgetragen:
wir werden in alle Schlimmen Bewahrung erleben - und Gottes Schutz - nicht vor allem, aber vor vielem;
wir werden sehen, wie sich Menschen für Menschen einsetzen in einer leisen, hilfreichen Tat und im treffenden und tröstenden Wort;
wir werden spüren dürfen, wie Gottes Gnade in unsere leeren Hände strömt:
erfrischende Güte, Liebe, Freundschaft, die wir weitergeben werden.
Es wird ein gutes Neues Jahr, das Jahr 2003:
nicht, weil uns Schweres und eigene Sünde gar erspart bleiben würde,
sondern weil Gott auch im Neue Jahr unser Zeitliches segnen wird und wir immer wieder in Jesus Christus die Mitte finden werden,
von der aus wir dem Ziel entgegen gehen.
Liebe Gemeinde!
Unser Leben hat sein Ziel:
die Ewigkeit bei Gott -
aber eben auch die Ewigkeit hier auf Erden,
dort, wo der Ewige das Zeitliche segnet -
und unsere Jahre nicht mehr nur dahinfliehen,
sondern gefüllte Zeit sind -
gefüllt durch Gottes Gnade!
Amen.

Predigt zum Gründonnerstags-Kyrie (Mel.: EG 50) (Karfreitag, 18.4.2003)

"Gestern abend und heut vor dem Konzert schrieb ich ein Gründonnerstags-Kyrie.
Ich freue mich unsäglich auf die Matthäus-Passion" -
liebe Gemeinde,
so schreibt es Jochen Klepper am Karfreitag des Jahres 1938 in sein Tagbuch;
wie in unserem Jahr ist es ein später Termin,
Mitte April.
Am Spätnachmittag wird er bekannte Töne zu hören bekommen,
die Arie von der Liebe des Heilands,
die Choralbearbeitung von "O Haupt voll Blut und Wunden".
In Vorfreude auf das Konzert,
unter den Eindrücken des Gottesdienstes am Gründonnerstag,
schreibt Klepper ein Abendmahls-Lied:
"Heut bin ich meines Heilands Gast zu Brot und Wein und Osterlamm. Im Garten draußen bricht ein Ast. Fällt einer schon des Kreuzes Stamm?"
Wir werden nachher, wenn wir das Lied singen, Jesu Weg mitgehen:
vom Abendmahls-Saal in den Garten Gethsemane,
vom Garten in den Abschied, in die Trennung:
"Er bleibt den Seinen nur noch nah in Kelch und Brot und seinem Wort."
Liebe Gemeinde,
Matthäus und die anderen Evangelisten erzählen von einem schmerzhaften Abschied,
einer schmerzhaften Trennung der Jüngerinnen und Jünger von ihrem Jesus.
Nicht wenige von Ihnen jetzt in unserem Karfreitags-Gottesdienst können es nachempfinden,
was es heißt, durch den Tod voneinander getrennt zu werden -
womöglich vor der Zeit,
womöglich durch unglückliche Umstände.
Solche Trennungen provozieren die Frage nach dem Sinn:
Was hat jetzt noch Sinn,
was hat mein eigenes Leben noch für einen Sinn?
Solche Trennungen lassen nach Glück und Schuld fragen:
Was ist uns miteinander geglückt,
was sind wir uns schuldig geblieben?
Liebe Gemeinde,
diese Fragen stellt uns der Karfreitag,
stellt uns der Gedenktag der Kreuzigung Jesu auch.
Was macht das für einen Sinn, was geschah?
Was gibt meinem eigenen Leben Sinn, wenn es unter das Kreuz gerät? Was geschieht mit dem, was daneben geht in meinem Leben?
Liebe Gemeinde,
wir haben uns im Konfirmandenunterricht die beiden letzten Male mit Kreuz und Auferstehung Jesu beschäftigt.
Wir haben es uns vor Augen geführt, daß das Leben Jesu alles andere als ein glückliches Leben war -
zumindest den äußeren Umstände nach:
erst um die 35 Jahre alt, als er starb,
starb: genauer gesagt: hingerichtet wurde durch einen Justizmord,
eine gewisse Anzahl Anhänger, aber sicherlich kein Popstar heutiger Maßstäbe,
kein Haus, keine Frau, keine Kinder;
Jacht, DVD-Player und ähnliche Luxuriösitäten sowieso nicht.
Nicht unbedingt das, was man sich unter einem glücklichen Leben gemeinhin vorstellt -
aber wohl ein glückendes Leben,
wenn man sich anschaut, was für Kreise es zog.
Durch Gott zog dieses Leben Kreise bis zu uns heute hier in Gönningen und auf der ganzen Welt:
"Heut bin ich meines Heilands Gast"!
Heute und hier und jetzt sind wir Gäste des gekreuzigten und auferstandenen Jesus.
Alle Frage nach dem Sinn erschließt sich erst von Ostern her:
einen Sinn macht das Karfreitags-Kreuz erst seit Sonntag-Morgen.
Und erst von daher sind all die Berichte, die wir über das Kreuz in der Bibel lesen,
erst mit dem Rückenwind der Auferstehung sind alle Worte über den Gekreuzigten gesprochen -
und deshalb kommen unter aller Schwere diese Berichte und Worte eben auch immer mit dem Unterton des Halleluja daher:
weil Menschen erfahren haben, daß da einer litt und starb und auferweckt wurde.
Aus ihrem eigenen Leben aber wußten sie, wie unwahrscheinlich das ist.
Denn sie haben - wie wir bis heute - doch viel bedrängender die Erfahrung gemacht, daß Leid und Tod sinnlos sind,
daß so manches und in manchen Zeiten sogar so vieles im Leben eben keinen Sinn macht.
Und das ist mit jenem Kreuz auf Golgatha eben auch so -
für sich genommen:
sinnlos stirbt einer,
wird einer gehängt,
behält das Unrecht die Oberhand.
Doch dann passiert den Jüngerinnen und Jüngern, was auch uns manchmal geschenkt wird,
was auch wir manchmal erfahren dürfen:
daß das Sinnlos Sinn bekommt,
daß dem Sinnlosen ein Sinn zukommt.
Das Kreuz bleibt schmerzhaft und ein Symbol für alle Niederlagen des Lebens in unserer Welt und für alle Brutalität;
aber es ist auch das Symbol dafür, daß manches Sinnlose Sinn gewinnt.
Wo das geschieht, ist es Gnade und ein Geschenk Gottes,
ist es ein Vorzeichen für das Reich Gottes.
Karfreitag und Ostersonntag stehen für das Erstaunliche in unserem Leben,
daß wir immer wieder Sinn finden,
daß selbst das Schmerzhafteste Sinn erhält.
Die Wundmale mögen bleiben - wie beim auferstandenen Jesus;
aber das Leben erwacht neu.
Ich denke an unseren Liederdichter, an Jochen Klepper:
Es macht keinen Sinn, wenn drei Menschen in dieser Weise unter einem Unrechts-Regime leiden,
wenn sie gar in den Tod getrieben werden.
Und doch hat das, was Klepper nur unter diesen Eindrücken dichten konnte,
was sein Tod auch an Neubesinnung in der Frage des Selbstmordes brachte, diesem allem auch ein Stück Sinn gegeben -
so wie manche von Ihnen schon erlebt habt hat,
wie die Krankheit das Leben nicht nur schwerer, sondern auch tiefer gemacht hat.
Vielleicht gewinnt das Leben sogar das meiste an Sinn dort, wo es durchkreuzt scheint -
wie bei Jesus eben: sein Leben wurde durchkreuzt,
aber das, was er sagte und tat und anderen gab, das ließ sich nicht mehr durchkreuzen,
dieser Sinn, der sein Leben hatte, ließ sich nicht mehr zerstören -
mehr noch:
er wurde bestätigt durch Gott am Ostermorgen -
und es ging weiter im Glauben an Jesus!
Liebe Gemeinde!
So ist Jesus uns nah, bis heute -
aber eben auch "nur noch" - wie Klepper es dichtet - in "Kelch und Brot und seinem Wort".
Das ist so wie mit dem Menschen, von dem Sie Abschied nehmen mußten:
und der nun eben auch nur noch in Gedanken, in den Bildern im Fotoalbum, in der Erinnerung an die gemeinsamen Festtage da ist.
Er ist Ihnen noch nah - aber eben auch nur noch in diesen Gedanken und Bildern und Erinnerungen -
und das tut eben auch weh,
daß es nur noch so ist.
Mit Jesus ist es nicht anders.
In den Gaben, in den Worten, im Abendmahl, wo wir ihm begegnen,
wo wir es dann und wann ganz deutlich spüren, daß er lebt,
mit uns lebt -
da spüren wir doch zugleich, daß er eben auch nur so da ist,
eben auch weg ist,
im Himmel.
Auch dieser Schmerz gehört dazu zu unserem Glauben.
Er findet seinen besonderen Widerhall am Karfreitag,
wo wir im Kreuz Jesu die Kreuze dieser Welt erblicken,
wo wir im Leidenden die Leidenden unserer Tage sehen,
wo wir bei Brot und Kelch auch an die denken, denen es daran fehlt: am Lebensnotwendigsten und am Grund zur Freude!
Liebe Gemeinde,
Kreuz und Wort und Brot und Kelch -
es ist uns auch an diesem Tage nicht nur gegeben, damit uns das Leid der Welt vor Augen geführt würde und die Schmerzen, die uns das eigene Leben zufügt -
das ist uns gegenwärtig genug.
Aber daß Gott wirklich damit zu tun haben will,
daß er sich nicht raushält,
dabei bleibt -
das ist schon viel -
und das weiß jede und jeder einzuordnen, der es erlebt hat, wie Menschen sich zurückziehen, wenn man schwach, krank, traurig ist.
Gott zieht sich nicht zurück,
Jesus bleibt da,
er bleibt uns nah alle Tage unseres Lebens,
und er bleibt dabei in den Wirren unserer Welt.
Liebe Gemeinde,
wenn Ihnen jemand nah geblieben ist, auch wenn es nicht bequem und leicht war,
dann hat Ihnen das Kraft gegeben,
und Sie sind wieder auf die Beine gekommen und konnten Hände und Füße wieder gebrauchen.
Der auferstandene Gekreuzigte ist uns auch dazu nah, daß wir unsere Hände und Füße für ihn bewegen können.
Festgebunden,
ans Kreuz genagelt,
der Kräfte und des Atems beraubt,
in ein enges Grab gesteckt -
Gott hat es nicht dabei belassen, sondern ihn frei gemacht im ursprünglichsten Sinne.
Und so gibt es uns Kraft, unsere Freiheit zu leben -
und so unserem Leben den Sinn zu geben, den Gott uns zugedacht hat:
zu leben mit anderen,
einladend zu leben für ihn, für die gute Botschaft vom gnädigen, liebenden Gott,
das Leben ins Gleichgewicht zu bringen zwischen dem Eigenen und dem, wo andere mich brauchen.
Bei unserem Mitarbeitenden-Abend ForumK ist uns das wieder neu bewußt geworden:
daß es nicht so entscheidend ist, ob wir als Gemeinde noch eine Gruppe oder ein Projekt mehr im Blättle stehen haben,
sondern entscheidend ist, wie ich und du als einzelne unseren Glauben leben,
dafür einstehen,
andere dadurch stärken, daß wir ihnen im Namen Gottes nahe sind -
ohne, daß wir immer gleich von ihm reden müßten.
Sinn bekommen fürs Leben,
heißt einen Richtungs-Sinn bekommen:
ausgerichtet auf Gott und seine Menschen;
so wie Jesus gelebt hat:
ausgerichtet auf seinen Gott-Vater und auf die Menschen, die ihm begegneten;
glücklich im modernen Sinn wurde er damit nicht -
aber auf einzigartige Weise geglückt ist ihm sein Leben.
Und daran gilt es in den Wirrnissen unseres Lebens und unserer Welt zu sprechen -
nicht zuletzt am Karfreitag;
nicht zuletzt, wenn wir Lieder singen eines Dichters, für den genau dies auch gilt:
daß er alles andere als im modernen Sinne glücklich zu nennen ist,
und dessen Leben doch glückte, weil er den Seinen,
weil er seiner jüdischen Ehefrau und deren Töchter, auf einzigartige Weise treu blieb -
und weil er für uns lebte, die wir seine Lieder singen,
und manchmal vielleicht sogar von seinen Lieder zehren können.
"Heut bin ich meines Heilands Gast zu Brot und Wein und Osterlamm. Im Garten draußen bricht ein Ast. Fällt einer schon des Kreuzes Stamm? Kyrie eleison!"
Amen.
Laßt uns das Gründonnerstags-Kyrie von Jochen Klepper singen!

Osternacht-Ansprache über das Osterlied (Mel.: EG 251) (20.4.2003)

So recht danach zumute sei es ihr eigentlich nicht,
jetzt Ostern, diese Osternachtfeier vorzubereiten.
So hast du es mir, liebe Brigitte, vor wenigen Wochen unter dem Eindruck des Irak-Krieges gemailt.
Liebe Gemeinde!
Und es ging mir natürlich genau so.
Wie würde man Ostern feiern,
wenn da Bomben fallen und die Kriegsberichterstatter ihre Eindrücke schildern?
Wie würde man Ostern feiern, wenn die Panzer rollen und man zerfetzte Leiber präsentiert bekommt?
Die ersten Flugzeugträger ziehen mittlerweile wieder ab,
mit Hilfe der einheimischen Polizei soll einigermaßen wieder Ordnung in Bagdad geschaffen werden.
Und zugleich mischen sich die scharfen Töne gegenüber Syrien unter die Meldungen,
man ahnt, was an Opfern gebracht wurde,
wir sehen, wie vier Jahrtausende Menschheitsgeschichte geplündert wurden in den großartigen Museen.
Wie feiert man Ostern in Tagen wie diesen?
Man feiere es so, wie wir es gerade tun:
indem wir den Osterjubel laut werden lassen,
indem wir uns den Osterjubel nicht vom Dunkel rauben lassen,
indem wir mit dem Osterjubel nicht einfach das Dunkel zudecken - sondern eben erhellen -
weil wir wissen, woher dieses Licht kommt:
wir haben das Osterlicht heute Morgen vom Kreuz her empfangen;
und es hat uns zum Kreuz versammelt -
zum Kreuz freilich, das seit jenem Morgen vor zweitausend Jahren in einem neuen Licht erstrahlt,
zum Kreuz, das erhellt ist und uns erhellt.
"Siehe, das ist Gottes Lamm" - das dort am Kreuz hängt.
Es ist das Lamm, das die Sünde trägt,
das uns zur Ruhe bringt
und über Tod und Sünde siegt.
So, liebe Gemeinde, sehen Sieger aus:
so wie dieses Lamm,
das seine Kraft nicht aus der Bedrohung gewinnt,
sondern daraus, einzutreten für andere,
stellvertretend zu leiden und zu tragen.
So sehen Sieger aus,
so sehen Helden aus,
so sieht der Sohn Gottes aus:
Es ist schon ein merkwürdiges Bild, das uns Jochen Klepper mit seinem Osterlied wieder neu vor Augen führt.
Seit knapp einem halben Jahr hatte der Zweite Weltkrieg begonnen, als Klepper als eines seiner letzten Lieder vom Lamm-Held-Sohn dichtet.
Ende des Jahres wird er selbst einrücken und in Osteuropa als Soldat dienen.
Zum Pazifisten und Wehrdienst-Gegner ist er durch seinen Glauben offensichtlich nicht geworden.
Aber nicht zuletzt sein Osterlied liegt quer zu dem, wie wir Menschen Frieden zu erreichen suchen:
durch Gewalt und Waffen,
durch Demütigung und markige Worte.
Wir brauchen des Gegenbild jenes mutigen, opferbereiten, starken Lammes,
damit wir nicht vergessen, wie Friede wird.
Friede wird im Glauben an dieses Lamm, der aus dunklem Grabe stieg -
damit ich Leben habe gegen den Tod,
damit meine Nacht überwunden wird durch den Ostermorgen!
Friede wird, indem ich für mich und diese Welt Hoffnung habe:
"Gottes Held wird wiederkommen,
und wir werden auferstehn!"
Ostern heißt nicht: Es ist alles in Ordnung!
Das wäre ein zynisches Spiel!
Ostern heißt aber:
Ich vertraue darauf, daß alles in Ordnung kommt!
Durch das Lamm, durch Gott, der sich an diese Welt auf Golgatha verschwendet hat.
Es wird keine nutzlose Verschwendung sein!
Wie wird Friede?
Ich spreche Jochen Kleppers Lied weiter;
es sagt mir, daß all unsere Zeit von Gottes Glanz erfüllt ist.
Und daß ich ihm die Ehre zu geben habe.
Gott die Ehre geben:
das heißt doch, gering von mir halten, weil er sich für meine Sünde hingeben mußte;
ihm die Ehre geben, das heiß, groß von mir denken, weil er es getan hat und mich zu seinem Ebenbild gestaltet.
Wir rühmen ihn,
wir geben ihm Ehre, Lob und Preis -
jetzt schon,
so, wie es dermaleinst im Himmel sein wird!
Das ist mit Abstand das beste, was der Mensch tun kann.
Da kommt er zu sich selbst und zur Vernunft.
Und das ist unser Job, wenn wir die Kirche verlassen:
"Wer da atmet, soll bezeugen,
was ihm Gott geoffenbart;
wer da glaubt, soll sich ihm beugen,
der ein Fürst des Lebens ward."
Ostern rückt die Perspektive zurecht,
Ostern rückt uns ins rechte Licht -
uns und diese Welt, in der wir leben.
Wenn uns dieses Licht erhellt, wird Ostern.
Dann feiern wir recht Ostern.
Nicht in Halleluja-Duselei -
aber mit einem Halleluja auf den Lippen, das das Gotteslob gegen die Umtriebe unserer Welt und in uns festhält.
Wir würden die Waffen und das Geld und die Ellenbogen loben,
wenn wir mit diesem Gotteslob aufhörten.
An Osten ordnen wir uns neu und neuerliche ein in Gottes Weg.
Wir behalten das Kreuz im Auge - und den Auferstandenen im Herzen.
Wir hoffen an gegen die Todesmächte,
wir glauben an den gekreuzigten Auferstandenen:
So sehen Helden aus,
so kommt Gottes Sohn daher,
er ist Gottes Lamm!
Amen.

Predigt über das Himmelfahrtslied (Mel.: EG-Wü 663) (Himmelfahrt, 29.5.2003)

Liebe Gemeinde,
wieso der Himmelfahrtstag zum Vatertag werden konnte - so habe ich es meine Siebtklässler vorgestern gefragt.
Klar: wegen des Muttertages, so die naheliegende Antwort -
und dann noch die interessante Ergänzung:
weil man doch mit dem Himmelfahrtstag eh nichts anzufangen weiß.
Wir haben uns die Geschichte, die wir gerade gehört haben, angeschaut -
Himmelfahrt:
die Geschichte eines Abschieds mit merkwürdiger Reaktion.
"Jesus führte seine Jünger hinaus bis nach Betanien
und hob die Hände auf
und segnete sie.
Und es geschah, als er sie segnete,
schied er von ihnen
und fuhr auf gen Himmel.
Sie aber beteten ihn an
und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.
Die Geschichte eines Abschieds mit merkwürdiger Reaktion!
Sie erinnern sich sicherlich auch an ähnliche Situationen:
an Abschieds-Stunden,
an den letzten Blickwechsel,
an ein "Tschüs" und den Händedruck -
und Sie erinnern sich, wie es Ihnen ums Herz war -
und Sie stutzen deshalb vielleicht mit mir,
weil das hier in unserer Geschichte so anders ist:
Anbetung,
große Freude,
Lobpreis!
Die Jüngerinnen und Jünger hatten offensichtlich etwas verstanden,
das über den bloßen Augenschein hinausgeht -
sie haben in ihrem Herzen etwas erlebt, das über das Sichtbare, über den schmerzlichen Abschied, hinausgeht.
Liebe Gemeinde,
schon einmal, vor genau sechs Wochen hatten die Jüngerinnen und Jünger einen Abschied hinnehmen müssen:
an Gründonnerstag und Karfreitag war Jesus ihnen genommen worden,
hatten sie ihn hinaus nach Golgatha, hinauf ans Kreuz gebracht -
und alle waren sie geflohen, außer einigen Frauen,
die das grausige Schauspiel mit durchstanden haben.
Nun war es der vierzigste Tag nach Ostern,
nach der ersten Erscheinung des Auferstandenen.
Er hatte mit ihnen geredet, gegessen, getrunken, gelacht.
Und er hat sie zu Apostellinnen und Aposteln berufen -
zu seinen Zeugen,
zu Zeuginnen und Zeugen des Auferstandenen.
Nur:
weitergehende auf Dauer konnte das so nicht.
Jetzt, hier,
einige Kilometer entfernt von der Schädelstätte und vom Grab der Auferstehung galt es abermals, sich zu trennen.
Doch wie anders diesmal:
"Gott fährt mit Jauchzen auf,
mit hellem Jubeltone!
Nun, Welt, nimm deinen Lauf!
Wir sind bei Gott dem Sohne,
wo er ein König ist!"
So hat es Jochen Klepper in seinem Himmelfahrtslied umschrieben.
Worte des 47. Psalm, dem Himmelfahrts-Psalm, den auch wir miteinander heute Morgen gesprochen haben,
diese Worte liefern dem Dichter die Sprache:
Und er beschreibt damit, was mir die zentrale Aussage des Himmelfahrtsfestes ist:
daß - fast wie an Weihnachten - davon gesprochen wird, wie sich in Jesus Christus Gott und Mensch vereinen,
die Plätze wechseln,
ihr Schicksal teilen,
ihre Geschichte verwoben wird.
"Wir sind bei Gott dem Sohne" -
im Menschen Jesus sind wir Menschen bei Gott -
oder wie es im Bilde heißt: im Himmel.
So wie im Gottessohn Jesus Gott bei uns Menschen ist.
"Gottheit und Menschheit vereinen sich beide" - so singen wir's in der Weihnachtszeit.
Und das bleibt so:
dieses Thema nimmt Himmelfahrt auf,
dieses Thema,
daß Gottheit und Menschheit vereinigt bleiben -
zusammengehalten im Menschen und Gottessohn Jesus Christus.
"Lobsinget Gott, lobsingt!
Wir sollen ewig leben!
Was uns auch niederzwingt,
er will uns hoch erheben.
Gefällt ist Satans List!"
Das ist die angemessene Reaktion auf diese Erkenntnis der Jüngerinnen und Jünger, die da in Betanien die Hälse in die Höhe recken - "aufwärts froh den Blick gewandt":
Lobgesang, Anbetung stimmten sie an -
und das, obwohl ihnen der Karfreitag durchaus auch den Blick auf sich selbst geöffnet hatte;
und das, obwohl sie da vor anderthalb Monaten nicht nur erlitten hatten, was die Staatsmacht und die Religionsführer anstellten;
sie hatten ja auch nur zu deutlich gemerkt, was für wankelmütige Gesellen sie selbst waren.
Und spätestens seitdem der Auferstandene selbst begonnen hatte, ihnen der Sinn und den Blick für all das zu öffnen, was geschehen war,
spätestens seit dem wurde ihnen dieses Wunder nur noch größer:
daß Gott mit uns Menschen zu tun haben will,
daß er es mit uns aushält - im tiefsten Sinne des Wortes.
"Er hat sich sehr erhöht!
Der an dem Kreuz gehangen,
herrscht voller Majestät
und trägt nach dir Verlangen,
der du gefallen bist!"
Oben und unten - das ist nicht erst relativ, seit wir vor gut einem halben Jahrtausend wieder gelernt haben, daß die Erde eine Kugel ist.
Oben und unten:
die Mächte dieser Welt spielen sich auf,
wähnen sich ganz oben,
bringen den Menschen Jesus und damit Gott herab, wie es tiefer nicht geht -
und doch ist alles ganz anders:
das Kreuz ist Erhöhung,
Gott ist selbst herab auf die Erde gekommen,
und der, der da herunter gekommen ist herrscht voller Majestät!
Und gerade der begreift es,
gerade der, weiß, wo oben und unten ist, der sich selbst entdeckt und sich dem stellt,
daß er "gefallen" ist.
Der begreift Himmelfahrt, der weiß, daß er nicht selbst Gott seines Lebens ist,
der weiß, daß er sich nicht aufschwingen kann zum Leben:
Er "trägt nach dir Verlangen,
der du gefallen bist!" -
das gilt es zu spüren und anzunehmen.
Liebe Gemeinde,
wir haben den 6. Mai 1940,
der Montag nach dem Himmelfahrtsfest in Berlin.
"Endlich schrieb ich wieder ein Lied, endlich.
Ein Himmelfahrtslied über den 47. Psalm."
So notiert es Jochen Klepper in sein Tagebuch.
Zehn Wochen ist es seit seinem letzten Lied her.
In einigen Tagen wird die dritte erweiterte Auflage seiner Sammlung "Kyrie" erscheinen.
Welch Wunder, daß er trotz seiner "jüdischen Versippung" - wie man das damals ausdrückte - immer noch publizieren darf.
Welch Gnade gerade auch für viele junge Menschen, die in der Kirche die geistige Nahrung suchten, die sie sonst nirgends mehr bekamen -
und die sie gerade in den Liedern Kleppers fanden, die sie von Hand abschrieben und weiterreichten
und nach den rasch entstehenden Melodien sangen.
Liebe Gemeinde,
mehr noch als früher sing Kleppers sich wohl auch selbst zu, was er dichtet.
Mehr und mehr hatte sich das Netz zusammen gezogen, das das Nazi-Regime über die Juden geworfen hatte -
und mehr und mehr litt er mit den Juden:
konkret gesagt: mit einer jüdischen Frau und deren jüngerer Tochter Renate.
"Welch Dunkel uns auch hält,
sein Licht hat uns getroffen!
Hoch über aller Welt
steht nun der Himmel offen.
Gelobt sei Jesus Christ!"
Wenn die Welt nur noch Dunkel und Haß und Schikane zu bieten hat,
vielleicht kann dann wirklich nur noch der Blick in den Himmel helfen.
In einem halben Jahr wird Klepper zum Wehrdienst einrücken,
noch nicht einmal ein Jahr später wegen seiner Ehe aus dem Heer entlassen werden;
einige Wochen später - fast kann man zum Tagungsort hinübersehen vom Klepperschen Haus: die Wannseekonferenz zur "Endlösung der Judenfrage";
im Dezember 1942 sterben Klepper, seine Frau und seine Steiftochter im Anblick des segnenden Christus.
Abschiede werden überbrückt durch den Abschiedssegen:
Tschüs, Ade, Adieu sagen wir -
oder auf gut Deutsch übersetzt: Gott befohlen!
Damals als die drei dort in einer Berliner Küche den Gashahn öffnen und die Christus-Statue über sich sehen,
damals, als jener Christus die Seinen verläßt -
in den Herzen erstarkte der Glaube, daß es keine wirkliche Trennung von Jesus Christus gibt,
daß sein Segen, sein Geist, daß er selbst im Glauben nahe bleibt.
Es sind wohl gerade die Abschieds-Zeiten,
es sind die Zeiten, der Trennung von anderen Menschen, von unerfüllten Träumen und Hoffnungen,
wo wir diesen Segen besonders brauchen -
wo wir es ja tatsächlich oft sehr intensiv spüren, daß wir trotz allem nicht allein sind.
"Welch Dunkel uns auch hält,
sein Licht hat uns getroffen!
Hoch über aller Welt
steht nun der Himmel offen.
Gelobt sei Jesus Christ!"
Es ist kein Blick in ein leeres Weltall, den Klepper da erhebt:
es ist der Blick in einen bewohnten Himmel:
der "aufgefahren ist in den Himmel",
der sitzt "zu Rechten Gottes" -
"von dort wird er kommen" -
nein: von dort her ist er auch jetzt schon da.
Der offene Himmel, den Klepper sich besingt, der ist durchlässig:
der ist durchlässig für unseren Blick nach oben -
unseren bittenden und flehenden Blick -
und für die segnende Hand des Aufgefahrenen.
"Und er segnete sie" - heißt es in der Geschichte der Himmelfahrt Jesu.
Er wünscht ihnen Gutes -
und wenn ein Gott hinter diesem Wunsch steht, dann geschieht das auch!
"Ihr sollte ein Segen sein!" - so sagt er es den Seinen.
"Ihr sollte ein Segen sein!" - nicht nur an Kirchentagen: alle Tage!
"Ihr sollte ein Segen sein!" - wie das?
Indem ihr es macht wie die Jüngerinnen und Jünger am Himmelfahrtstag:
"Sie aber beteten ihn an
und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
und waren allezeit im Tempel und priesen Gott."
Da wird der Vatertag zum Himmelfahrtsfest,
zum Fest eines Abschieds mit merkwürdiger Reaktion:
Wenn wir uns damit abfinden, auf eigenen Füßen zu stehen,
Jesus nicht so greifbar und alles nicht so klar vor Augen zu haben wie die ersten Jüngerinnen und Jünger -
aber beauftragt und gesegnet zu leben wie sie:
in großer Freude, weil wir bei Gott sind durch Jesus,
und er bei uns im Glauben -
und wir zum Segen werden, wenn wir Gott loben und ihn bezeugen als Herrscher unserer Welt!
Amen.

Predigt über das Pfingstlied (gesungen nach einer Original-Melodie von Andreas Müller) (8.6.2003)
von Vikarin Maren Klingler, Gönningen

Liebe Gemeinde,
so langsam wissen Sie es alle: Jochen Kleppers Todestag jährte sich 2002 zum 60. Mal, sein Geburtstag in diesem Jahr zum 100. Mal.
Deswegen zieht sich hier in Gönningen durch dieses Kirchenjahr eine Predigtreihe zu den Liedern Kleppers. Im "Kyrie" seinem Lieder- und Gedichtbuch hat er auch ein Pfingstlied veröffentlicht, wir haben es gerade gesungen.
Jochen Klepper hat den Text dieses Liedes am 20. April 1938 gedichtet. In seinem Tagebuch vermerkt er dazu lapidar "Ich schrieb heute ein Pfingstlied."
Es klingt, als sei es ihm eben so aus der Feder geflossen, als seien ihm die Worte zugeflogen. Das mag sein. Doch davor hat er einen Satz geschrieben, der uns vielleicht fast beschämt: "Wie oft" so schreibt Jochen Klepper "fürchtete ich, dass ich der Bibel jeden Tag mehr Zeit zugestehe, als ich verantworten kann. Und nun sehe ich beglückt, wie man an mehreren Stellen zugleich gerade nach meiner Bibelarbeit fragt: das ist das Schönste, das mir im Beruf begegnet!"
Liebe Gemeinde, wie oft fürchte ich, dass ich der Bibel jeden Tag mehr Zeit zugestehe, als ich verantworten kann? - Das ist ein Satz, der mich beschämt. Die Furcht, der Bibel zuviel Zeit zu widmen, ist mir unbekannt. Ich kenne er die Bestürzung, dass ich ihr nicht die Zeit widme, die nötig wäre.
Dass Jochen Klepper mit der Bibel ganz eng vertraut war, dass er in der Sprache und den Bildern der Bibel lebte, sie ganz verinnerlicht hat, und dass aus dieser Beschäftigung mit der Bibel auch sein Pfingstlied erwachsen ist, das haben sie grade beim Singen bestimmt schon gemerkt.
Jede Strophe eröffnet einen neuen Blick, verbindet das Pfingstgeschehen mit andern pfingstlichen Geschichten des Alten und Neuen Testaments.
Pfingsten - das ist ein Fest, von dem viele nicht mehr wissen, was wir da eigentlich feiern. In der Schule habe ich die Sechstklässler neulich danach gefragt. "Wir feiern Pfingstferien!" - das war die einzige Antwort.
Aber auch wir, die wir die Geschichte kennen, - die davon berichtet, wie der Heilige Geist fünfzig Tage nach Ostern wie Flammen auf die in Jerusalem versammelten Jünger kam und wie sie davon begeistert anfingen, die gute Nachricht von Jesu Leben, Tod und Auferstehung all den Menschen dort so zu predigen, dass jeder sie in seiner Sprache verstand - auch wir tun uns doch ein bisschen schwer, das auszudrücken, was wir da eigentlich feiern.
Jochen Klepper hat einen Weg gewählt, der uns vielleicht hilfreich sein kann: Strophe für Strophe betrachtet er den Heiligen Geist und sein Wirken.
Mithilfe von biblischen Bildern illustriert er, was der Heilige Geist ist, was er tut, wie er wirkt. Damit versucht er unser Erinnerungsvermögen wachzurufen, uns an biblische Geschichten zu erinnern, die auf den ersten Blick kilometerweit von Pfingsten entfernt scheinen.
So erschließt sich Ihnen im Hören auf die Worte von Jochen Klepper etwas von dem, was an Pfingsten geschah, etwas von dem, was der Heilige Geist ist, wie er wirkt und was er tut.
Drüben am Liechtenstein, in Neuschwanstein oder an sonstigen touristischen Orten gibt es manchmal ein Souvenir zu kaufen, das mich als Kind enorm fasziniert hat und an das mich dieses Pfingstlied erinnert hat.
Da gibt es kleine Plastikgehäuse zu kaufen, oft in der Form eines Fotoapparats. Durch ein kleines Guckloch kann man ins Innere schauen und sieht ein Bild. Drückt man dann auf einen Knopf, dreht sich im Innern eine kreisrunde Scheibe und vor dem Guckloch erscheint ein neues Bild. Immer so weiter erscheint ein Bild nach dem anderen - bis man wieder beim ersten angelangt ist. Immer im Kreis herum, unterschiedliche Ansichten von einem Ort.
Die vielen Bilder vermitteln einen Eindruck vom Gesamten, Bilder helfen auch der eigenen Erinnerung auf die Sprünge.
Lassen sie sich nicht erschlagen, von der Fülle der Bilder. Es geht nicht darum, sie alle völlig zu erfassen. Dann wären sie missverstanden. Vielmehr geht es Klepper darum, mit neuen oder alt vertrauten Worten und Bildern, auszumalen, was da an Pfingsten geschah. Und was Pfingsten für uns heute bedeutet.
 
1. Komm, heilige Taube,
die uns das Ölblatt bringt.
Künde, dass Glaube
jedwede Kluft durchdringt.
Nun ist die Ferne
in deinem Flug besiegt.
Erde und Sterne sind heut in Eins gefügt.
 
In der ersten Strophe führt uns Jochen Klepper ein Bild vor Augen, das auf den ersten Blick gar nichts mit Pfingsten zu tun hat, das sich weit vor Pfingsten ereignet hat: Eine Taube steht im Mittelpunkt.
Nicht irgendeine Taube, sondern die Taube des Noah, erkennbar am Ölblatt.
Es ist eine Taube, die etwas zu sagen hat, die eine Botschaft, eine hoffnungsvolle Botschaft überbringt: es ist nicht mehr alles nur Chaos und Flut, da wächst ein Hoffnungsbaum, Glaube und Vertrauen durchdringen jegliche Klüfte und Spaltungen.
Himmelweit entfernt hatten sich die Menschen von Gott in ihrem Tun zur Zeit des Noah. Himmelweit entfernt auch zu der Zeit, als Gott Mensch wurde und auf diese Erde kam. Bei der Taufe Jesu am Jordan, da kam der Geist auf ihn herab in der Gestalt einer Taube - wir haben es vorher gehört.
Die Himmel öffneten sich zur Zeit des Noah, um allem Leben auf der Erde ein Ende zu machen. Der Himmel öffnete sich bei der Taufe Jesu, um allen auf der Erde das Leben zu verkündigen. Gott hat es aufgegeben, die Menschen vernichten zu wollen und sie selbst für ihre Untaten zu Rechenschaft zu ziehen.
Gott zeigt seine Nähe, gibt Hoffnung, überwindet selbst die Kluft, die zwischen Menschen und Gott besteht, überbrückt mit seinem Wirken, mit seinem Leben als Mensch unter Menschen und seinem Sterben die Distanz, die man sich größer nicht denken kann: Erde und Sterne sind heut in eins gefügt.
 
2. Leucht`, heilige Flamme,
wie auf der Jünger Haupt.
Weih uns dem Lamme,
das uns dem Tod geraubt.
Du bist gekommen,
Glanz voller Morgenlicht.
Wir sind entnommen
Dunkel und Strafgericht.
 
Im zweiten Bild, in der zweiten Strophe, wird der Blick näher ans Pfingstgeschehen herangeführt. Flammen auf dem Haupt der Jünger - das sind Bilder, die wir kennen. In der Apostelgeschichte wird es berichtet "Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen."
Die Flammen auf den Köpfen der Jünger bekommen in diesem zweiten Bild, das Jochen Klepper uns vor Augen stellt, ihre Leuchtkraft vom Licht des Ostermorgens her.
Tod, Dunkel und Strafgericht - das alles hat keine Bedeutung mehr, weil das Lamm, "Christ, unser Herr, heut triumphiert, sein Feind er all gefangen führt"
Vom Licht des Ostermorgens durchflutet ist deswegen auch das zweite Pfingstbild Jochen Kleppers.
 
3. Braus`, heiliges Rauschen,
Wind voller Ewigkeit.
Lass uns dir lauschen
mitten im Erdenstreit.
In allen Zungen,
die nur der Erdkreis kennt,
sei dir lobsungen.
Sieh, auch das Herze brennt.
 
Wenn man weiterklickt zum dritten Bild, tut sich noch mal eine neue Perspektive des Pfingstgeschehens auf: Heiliges Rauschen und Wind voll Ewigkeit.
Am Anfang, bevor die Welt wurde, so steht es auf den ersten Seiten der Bibel, am Anfang, da schwebte der Geist Gottes über den Wassern der Urflut.
Dieser Geist der Ewigkeit, der vor der Erschaffung von Zeit und Raum schon da war, der tritt an Pfingsten in Zeit und Raum ein und weitet den Raum dieser Welt in ungeahnter Weise.
Mitten in den Stimmen dieser Welt, die um Aufmerksamkeit heischen wird er laut. Er, der da war, bevor es diese Stimmen gab.
Er bringt die Einheit in die Welt, die ihr seit ihrer Erschaffung immer mehr abhanden zu kommen scheint.
Er bewirkt den einen Lobgesang aus den vielen Sprachen
 
4. Heiliger Geist, weile!
Der du der Tröster heißt,
rette und heile,
weil wir ohn dich verwaist.
Bleib als sein Zeichen,
dass er uns immer nah
auch in den Reichen,
die noch kein Auge sah.
 
In der vierten Strophe erscheint das Bild des Trösters. Das ist der Name für den Heiligen Geist, der im Johannesevangelium verwendet wird.
Wie er da bei Klepper beschrieben ist, taucht das Bild einer hilfreichen Person auf, fast könnte man sich einen Sanitäter oder barmherzigen Samariter vorstellen.
Der Heilige Geist ist jemand, der rettet und heilt und sich der Waisen annimmt. Jemand, der auch in das Reich des Todes, das Reich der Ewigkeit, Reich, das noch keiner sah begleitet.
Der Heilige Geist ist der, der uns hier auf Erden die Nähe Gottes heilsam und fürsorglich, tröstend vergegenwärtigt.
Und er ist derjenige, der uns auch im Tal des Todes nicht alleine lässt und uns auch dort mit der gleichen Fürsorglichkeit begleiten wird.
Jetzt haben wir vier Bilder im Kopf, in denen wir uns den Heiligen Geist und sein Wirken vorstellen können:
- Die Taube, die dem Noah die Hoffnung bringt und bei der Taufe Jesu deutlich macht, dass Gott in seinem Sohn auf dieser Erde ist.
- Die Flamme, die voller Licht und Auferstehungsfreude Tod, Dunkel und Strafgericht erhellt und damit auslöscht
- Das Rauschen des Ewigkeitwindes, das die Zerstrittenheit dieser Welt überwindet.
- Der Tröster, der sich fürsorglich um uns kümmert.
Die fünfte Strophe hat einen etwas andern Klang: Hier wird nicht mehr aufgefordert wie in den ersten vier Strophen, hier wird bekannt.
Dieses fünfte Bild ist kein Erinnerungsphoto an bereits Gesehenes, es ist eine Fotokopie eines Personalausweises. Herkunft und Beruf, Ursprungsort und Aufgabe des Heiligen Geistes werden beschrieben.
 
5. In seinem Namen
bist du uns hergesandt
als Ja und Amen,
dass Gott uns zugewandt;
dass er den Sündern
längst seine Hand geliehn,
milde als Kindern
in seinem Sohn verziehn.
 
Der Heilige Geist kommt von Gott, ist, spricht und wirkt mit Gottes Vollmacht. Er ist das Siegel für die Zuwendung Gottes zu uns Menschen. Er ist Gottes Ja und Amen.
Im Heiligen Geist wird der Sprung über die Zeiten möglich.
Ohne den Heiligen Geist könnten wir an das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu nur sehnsuchtsvoll zurückdenken.
Mit dem Heiligen Geist wird es für uns heute bedeutsam und wirklich.
Folgerichtig ist in der letzten Strophe nochmals davon die Rede, dass die Distanz zwischen Gott und Menschen überwunden wird.
 
6. Komm, heilige Taube,
die aus dem Himmel schwebt,
uns aus dem Staube
hoch zu den Wolken hebt.
Breite die Schwingen
über uns. Adlergleich
wirst du uns bringen
heim in sein Vaterreich!
 
Ein Adler breitet die Schwingen über seinen Jungen, um sie vor Wind und Wetter zu schützen.
Und wenn die Adlerjungen fliegen lernen, dann stürzen sich die Adlereltern in der Luft unter die strauchelnden Jungen, fangen sie auf, wenn sie müde werden und tragen sie auf dem Rücken zurück ins heimatliche Nest.
Liebe Gemeinde, und genau das tut ja der Heilige Geist auch für uns: Uns schützend bewahren vor Wind und Wetter im Sturm des Lebens. Uns retten vor dem bodenlosen Fall in die Tiefe.
Und uns heimbringen in das Reich unseres Vaters im Himmel.
Wenn wir gleich Abendmahl feiern, dann feiern wir diese fürsorgliche Zuwendung Gottes zu uns, die uns der Heilige Geist gegenwärtig macht.
Er lässt uns nicht allein in den Wettern dieses Lebens,
er lässt uns nicht ins Bodenlose fallen,
er wird uns schließlich, am Ende der Zeit,
heimbringen an den Tisch in seinem Vaterhaus.
Dort wartet ein Festmahl und Festfreude auf uns, die hier nur angedeutet sind.
Amen.

Predigt über das Reformationslied Jochen Kleppers

Liebe Gemeinde,
im Blick auf seine Kirchenlieder war es das produktivste Jahr Jochen Kleppers:
neun Lieder entstehen 1938 -
mitten in einer unruhigen Zeit:
das Haus in Berlin-Südende wird den Bauplänen für das neue Berlin, das zukünftige Germania, weichen müssen,
die ältere Stieftochter Brigitte - ob es gelingen wird, ihre Emigration nach England?
Und überhaupt:
überall die Nadelstiche und Repressalien gegen die jüdischen Mitbürger -
Deutschland driftet auf die Progrom-Nacht des 9. November zu.
Sonntag in Berlin-Südende,
3. Juli 1938:
"Beim Glockenläuten, unter Sonne, Gewölk und Kühle zu zweien Frühstück auf der Terrasse.
In der Südender Kirche sorgfältige Predigt des neuen Vikars Heß …
Post von beiden Töchtern.
Weil sie hier nicht in die Bäder dürfen, bin ich ebenso sehr dafür, daß Brigitte mit Meschkes an die Ostsee fährt, zumal sie einen kleinen Ort gefunden haben, der keine ‚Schilder' hat.
Heute war ich, da in den Mittagsstunden die Sonne so schön schien, zum ersten Male schwimmen und mich sonnen: ein großes Bedürfnis."
Liebe Gemeinde,
wenn Jochen Klepper an den Wannsee fuhr, dort ins Strandbad ging,
dann mußte er auch an den besagten Schildern vorbei, die man aufgestellt hatte:
"Für Juden verboten."
Er durfte, er war "Arier", wie man das nannte, -
und doch:
man kann die Stiche ins Herz spüren, wenn er diese Worte las und an seine beiden jüdischen Stieftöchter und seine Frau dachte, die er alle drei so sehr liebte.
Worte können vergiften,
sie können kaputt machen -
Seelen und ganze Menschen.
Kaum ein Volk hat die Macht des Wortes so zu spüren bekommen wie das unsere -
beides: die zerstörerische, todbringende Macht,
und die lebenschaffende, aufbauende Macht.
Bis heute läuft es vielen älteren Menschen unter uns eiskalt den Rücken herunter, wenn sie einen Goebbels in einer Dokumentation nur hören;
bis heute sehen wir es, wie Worte die Welt zu einer dämonischen Welt verkehren können mit Ariern, Herrenmenschen, internationalem Judentum, Endsieg, tausendjährigem Reich.
Bis heute hören wir aber auch auf die alten - und zugegebenermaßen nicht immer leicht eingängigen Worte der Luther-Bibel,
durch die der Reformator die deutsche Sprache erst wirklich schuf
und damit auch zu so etwas wie einer Hebamme Deutschlands wurde.
Und wir dürfen mit ihm auch an die Dichter und Denker unseres Volkes erinnern,
die uns Sprache leihen und zu eigenen Gedanken helfen.
Liebe Gemeinde,
Reformationstag ist der Feiertag des Wortes,
ein Tag, an dem wir uns aufs Wort besinnen,
wo wir uns erinnern, daß am Anfang das Wort war und das Wort etwas göttliches ist -
und es deshalb auch dämonische Pervertierung erfahren kann.
Das Wort - darum dreht sich das Reformationslied Jochen Kleppers.
14 Mal taucht es in den neun Strophen auf, das Wort "Wort".
Wort, das ist mehr als Gerede -
Wort ist Anrede, ist Tat, ein Geschehen:
"du bis doof",
"ich liebe dich",
"du siehst heute besonders gut aus" -
Worte stellen immer etwas an mit uns - wenn sie über das rein Informative hinausgehen - und das ist fast immer der Fall.
Die Bibel weiß davon und denkt in jeder ihrer Zeilen so:
wenn Gott am Anfang aller Zeiten spricht, dann geschieht's,
und wenn Gott uns - wie in der Schriftlesung gehört - gerecht spricht, dann sind wir's,
und wenn Gott aus dem Tode ruft, siegt das Leben!
Ein Martin Luther, ein Jochen Klepper halten es uns im Bewußtsein, daß das bis heute so ist in unseren Glauben: Glaube heißt Hören,
Gottes Wort hören,
darauf vertrauen -
und Gottes Wort macht, was es sagt,
es hat die Macht dazu!
Klepper hat aus dem Wort Gottes gelebt wie es uns in der Bibel überlieferten ist;
aus jenem Bibelwort, in dem er das Wort fand, hat er als Dichter geschöpft.
Sein Dichten ist Nachsprechen,
ist: das Wort in Worte fassen, die ihm die Bibel vorspricht.
Verse aus dem 68. Psalm hat Klepper in unserem Lied besungen,
bis in einzelne Wendungen hinein übernimmt er den Text seiner Luther-Bibel, Ausgabe 1912 -
und er schafft zugleich Neues, weil er es unter sein Reformations-Thema stellt:
das Wort und seine Macht.
Zwei Strophen zu Beginn, die das betonen:
Singt und lobt Gott,
denn er gibt sein Wort,
sein eindeutiges Wort,
sein Wort, in dem er selbst zu uns kommt,
sein Wort im Menschenwort der Evangelisten, der Boten,
das uns in der Gottesferne erreicht.
Liebe Gemeinde,
welch schönes Bild, das uns Klepper mit diesen ersten beiden und dann auch den letzten beiden Strophen vor Augen malt:
Gottes Wort, das von oben herab kommt,
herunter zu uns,
ohne daß wir von oben herab behandelt würden -
sondern so, daß wir erhoben werden,
zum Himmel fahren,
wir Macht und Kraft bekommen.
Wie das geschieht
und was wir da überhaupt zu hören bekommen in diesem Wort?
Ich schaue wieder in Kleppers Lied -
und mir fällt ein weiteres Motiv auf, das immer wieder auftaucht:
da geht es um Kampf,
um Streit, um Waffen, Wall, Heer, Feinde, Sieg, Schlachten.
Gottes Wort begegnet in der Auseinandersetzung, im Streit -
und es wird - so die Zukunfts-Hoffnung Kleppers - einmal allen Streit zu Ende bringen.
Liebe Gemeinde,
welcher Kampf wird da gefochten?
Kleppers Leben führt es vor Augen:
der Kampf ist ein Kampf der Lügen-Worte gegen die Wahrheit:
"dein Volk ist alles, du selbst bist nichts" -
Sie kennen diese Sprüche zum Teil noch aus eigenem Erleben.
Sie haben das hinter sich gelassen -
aber vielleicht erkennen wir solche Lügen in aktuellem Gewande wieder:
Wirtschaftliche Erwägungen haben oberste Priorität - in Zeiten wie unseren sowieso -
und was sich nicht rechnet gilt als unbezahlbar und gilt nichts:
als Nur-Hausfrau-und-Mutter giltst du heute nicht einmal bei deinen Geschlechtsgenossinen etwas -
schließlich brauchen wir den doppelten Verdienst!?
Mag sein, daß das auch mal stimmt -
aber ist es wirklich sinnvoll und notwendig, daß wir unsere Kinder nur noch außer Haus erziehen lassen und uns dann wundern, warum das nicht funktioniert?
Natürlich liegt es mir fern, pauschal zu urteilen und natürlich würde ich nie - schon gar nicht auf der Kanzel behaupten wollen, daß Kindererziehung allein Frauensache ist -
aber es soll Frauen geben, die das immer noch zu ihrer Sache machen -
aber es ist eine merkwürdige Sache, daß man darüber schon nicht mehr diskutieren darf und es Eltern scheinbar immer weniger zumuten darf, zu erzihen -
Erwerbsarbeit, Wohlstand, wirtschaftliche Gesichtspunkte haben uns fest im Griff.

Lüge und Wahrheit streiten in uns - und wir brauchen Gottes Wort, Gottes Ansprache, damit wir für uns selbst im Gewirr der Stimmen den rechten Weg finden.
Was sagt Gottes Wort?
Wie streitet Gottes Wort für uns im Streit der Stimmen?
Ich stelle mir unseren Liederdichter nochmals vor Augen:
Jochen Klepper war ein höchst angefochtener Mensch.
Angefochten - das ist ein altes Wort;
vielleicht würden wir heute "skrupulös" sagen;
und ich meine damit, daß er um seine Schuld wußte, die man im Leben immer wieder auf sich lädt,
daß seine Distanz zu Gott spürte,
daß er etwas vom heiligen Gott verstand.
Deshalb kann er so groß und kraftvoll vom heruntergekommenen Gott sprechen:
"Er wählt die Welt zum Heiligtume,
drin er uns wunderbar begegnet".
Klepper fragte sich, ob er - und noch mehr sein Werk - Gott wohl recht ist,
ob er vor ihm bestehen kann -
eine Frage, wie wir sie von Martin Luther her kennen und wie sie ja auch als Leitmotiv im neuen Luther-Film vor Augen gestellt bekommen.
Wie kann ich vor Gott bestehen? -
das ist die einzig angemessene Frage, wenn ich vor Gott trete -
aber vor ihn kann ich damit nur treten, wenn sein Wort mich in der Ferne findet,
sein Wort, das mich gerecht spricht,
das mir zuspricht, daß ich ihm recht bin.
Und, liebe Gemeinde,
dieses Wort klang Klepper und den Seinen noch in den Ohren, als der Tod ihnen begegnete,
als sie von einem Lügen-Regime in den Tod getrieben wurden;
das war der einzig freie Schritt, der ihnen noch blieb -
sie legten sich in der Küche auf den Boden -
doch innerlich richtete sie Gottes Wort auf,
das "vom Tod errettet,
mitten in dem Streite
in sicherem Zelt ein Lager bettet."
Was wie die größte denkbare Niederlage in einem Leben aussah, war in diesem Falle Sieg durch den Tod hindurch -
ein Sieg des Vertrauens auf das Wort, das aus dem Tode errettet.
Liebe Gemeinde,
wir stehen mit Jochen Klepper in dem Kampf des Wortes, den er in seinem Reformationslied besingt.
Wir hören die Stimmen in uns selbst, die anklagen, zu klein oder zu groß von uns sprechen -
und wir ziehen uns zurück in Gottes Wort, das uns gerecht spricht.
Wir hören die Lügen der Staatsmänner, die uns in Kriege führen, in denen sie nicht selbst kämpfen und die alle verlieren -
und wir ringen um die Hoffnung auf Gottes Wort, das uns Zukunft verspricht.
Wir hören die Stimmen in unserem Alltag, die uns vorschreiben wollen, was wichtig ist und lebensnotwendig und was man zu tun habe und zu denken -
und wir hören Gott sagen: Höre auf mich und gehe deinen Weg!
Liebe Gemeinde,
3. Juli 1938 -
wenige Tage später schreibt er in einem Brief an seine Freunde:
"Ein schreckliches Jahr."
Aus den Schrecken und Anfechtungen und Mühen und Unsicherheiten entspringen Zeilen, die die Zeiten überdauern,
weil sie aus Gottes Wort das Wort zum Klingen bringen:
"Gelobt sei Gott! Mit großen Scharen
hat er sein Wort zu uns gesendet,
daß wir durchs Wort zum Himmel fahren,
wenn aller Streit der Erde endet."
Amen.

Predigt über das Bußtagslied (19.11.2003 - Buß- und Bettag)
von Vikarin Maren Klingler, Gönningen

Liebe Gemeinde,
Grundlage der Predigt heute ist noch einmal ein Lied von Jochen Klepper. Es ist sein Bußtagslied.
Schon beim ersten Blick wird der gestalterische Rahmen für dieses Gedicht deutlich: Es ist das "Herr, erbarme dich" aus dem Gottesdienst.
Sie, liebe katholische Christinnen und Christen, kennen das aus der sonntäglichen Liturgie.
Bei uns Evangelischen in Württemberg kommt es nicht jeden Sonntag vor. Aber bekannt ist es uns vielleicht doch.
Jede der drei Strophen endet damit: Herr, erbarme dich unser. Christus erbarme dich unser. Herr, erbarme dich unser.
Und mit dieser letzten Zeile des Bußtagsliedes, mit dem "Herr, erbarme dich", mit diesem Kyrie macht Jochen Klepper am 13.Mai 1940 seine Liedsammlung "Kyrie" komplett.
Ich lese das Lied vor:
 
Wir taten Unrecht, fielen tief
und haben uns von dir gewandt.
Wir hörten dich nicht, der uns rief,
und rissen uns von deiner Hand.
Gott, wirst du uns die Gnade nehmen?
Herr, Herr, wes müssen wir uns schämen!
Ach, wo ist noch ein treuer Knecht?
Du aber, Höchster, bist gerecht!
Herr, erbarme dich unser!

Wir hörten nicht auf dein Gebot,
das die Propheten offenbart.
Du fragtest nur nach unsrer Not,
als unsre Schuld untilgbar ward.
Den Heiland hast du selbst erkoren.
0 Jesus Christ, der uns geboren:
du hast uns Gott als den gezeigt,
der sich barmherzig zu uns neigt!
Christe, erbarme dich unser!

Wir liegen vor dir im Gebet.
Herr, sieh nicht auf Gerechtigkeit!
Wir wissen, unser Heil besteht
in dir, Gott der Barmherzigkeit!
Ach, höre, Herr! Ach Herr, sei gnädig!
Herr, merke auf! Sprich du uns ledig!
Herr, tue es! Verziehe nicht!
Sei du der Retter im Gericht!
Herr, erbarme dich unser!
 
Liebe Gemeinde,
es ist ja nicht ganz einfach, einen solchen Text zu verstehen. Vielleicht haben Sie ihn eben zum ersten Mal gelesen und gehört.
Aber lassen sie sich durch so manche auf den ersten Blick unverständliche Zeile nicht drausbringen.
Auf den zweiten Blick wird Vieles schon klarer!
Lassen sie uns ganz handwerklich beginnen:
Dass das Lied drei Strophen hat und dass jede Strophe auf das "Herr, erbarme dich unser" bzw. "Christe, erbarme dich unser" zuläuft, das hatte ich schon gesagt.
Jede der drei Strophen hat 9 Verse. Bei solch einer Aufteilung gibt es eine eindeutige Mitte!
Und Jochen Klepper wäre kein Dichter, wenn er diesen Platz nicht mit einem besonderen Inhalt belegt hätte.
In der Zeile 5 der zweiten Strophe, der Mittelzeile also, heißt es:
"Den Heiland hast du selbst erkoren".
Das ist das Zentrum des Liedes, das ist seine Mitte.
Von hier aus lässt sich das Drumherum erschließen.
"Den Heiland hast du selbst erkoren" - damit ist Weihnachten gemeint. Weihnachten, die Zeitenwende. Das Jahr 0.
Weihnachten, der Zeitpunkt und der Ort in der Weltgeschichte, wo Gott sich einmalig und endgültig den Menschen gezeigt hat.
Wo er es aller Welt offenbar gemacht hat, dass er die Menschen liebt.
Weihnachten, das heißt: Der große, heilige Gott macht sich sichtbar, greifbar, begreifbar in einem kleinen Baby.
Ein kleines Baby, das erwartet keine Verehrung und das will auch nicht, dass man seine Macht anerkennt.
Ein Neugeborenes fragt nicht nach, wer es auf den Arm nimmt, ob der IQ stimmt und die Hautfarbe, das Geschlecht und das Vorstrafenregister.
So ein kleines Baby, so ein Neugeborenes will einfach geliebt werden um seiner selbst willen.
Und so, als kleines Baby, als Neugeborenes kommt Gott zu uns.
Weil er um seiner selbst willen geliebt sein will.
Weil er uns liebt und es nicht ertragen kann, dass wir das nicht begreifen.
"Den Heiland hast du selbst erkoren".
- das ist nicht nur das Zentrum des Lieds sondern das zentrale Handeln Gottes, um das sich alles andere herum gruppiert.
Das ist das Zentrum der Geschichte, die Mitte der Zeit, das ist Weihnachten.
Und es ist hier auch das Zentrum des Bußtagsliedes.
Was davor kommt, beschreibt die Situation der Menschen ohne Weihnachten.
Am Anfang des Liedes wird es beschrieben, und wir können es gut nachvollziehen.
Wir wissen, dass wir Unrecht getan haben.
Jeder für sich, aber auch Völker an Völkern, die Menschheit an der Umwelt, die jetzigen Generationen an den kommenden.
Wir wissen, dass wir von den hehren Höhen des rechten, des gerechten Verhaltens weit entfernt sind.
Und wir wissen auch, dass wir uns oft so verhalten haben und verhalten, als ob es Gott gar nicht gäbe.
Ja, so ist da mit uns. Und leider wissen wir inzwischen auch, dass alles Beteuern, alles sich verbessern wollen früher oder später doch wieder neues Scheitern in sich birgt.
Angesichts einer solchen Fülle von Schuld und Unrecht kommt uns die Frage, ob man da wohl noch mit Gnade rechnen kann, nur zögerlich über die Lippen.
Mit einer verzweifelten, doppelten Anrede "Herr, Herr" und einem harten Ausrufezeichen am Ende wird in der 6. Zeile ausgesprochen, dass es unendliche Dinge gibt, für die wir uns schämen müssen.
Da ist keiner der gerecht ist…. Kein treuer Knecht ist unter den Menschen zu finden.
Zerschlagen klingt darum dann auch die Schlusszeile: Herr, erbarme dich unser.
Das ist die Szene vor Weihnachten. Die Menschen hören nicht auf Gottes Gebot, sie nehmen Gottes Wort nicht ernst, obwohl doch eine ganze Schar von Propheten es den Menschen ausgerichtet hat.
Und was macht Gott?
Er sieht die immer größer anwachsende Schuld,
aber er schlägt nicht drein und ruft nach Vergeltung.
Gott sieht die Not der Menschen.
Und die interessiert ihn mehr als ihre Schuld.
Nichts anders als die Not der Menschen interessiert ihn,
die sich immer wieder aufs Neue verstricken,
die sich vor Gott fürchten und ja auch fürchten müssen.
Denn da ist doch keiner, der vor Gott gerecht ist und bestehen kann.
Wenn es um die Beziehung zwischen Gott und Menschen geht,
dann ist alles Handeln der Menschen Spreu im Wind.
Deswegen wird jetzt Gott aktiv, wird Gott zum Subjekt des Handelns. Er macht die Not der Menschen zur Chefsache.
Er erwählt den Heiland, den Retter für die Menschen,
Jesus Christus wird geboren.
Jesus Christus der uns zeigt, dass Gott barmherzig ist.
Weil Jesus Christus uns den barmherzigen Gott zeigt,
deswegen gibt es nach Weihnachten für uns Menschen einen anderen Umgang mit unserer Schuld:
Wir sind durch Weihnachten nicht bessere Menschen geworden.
Aber wir sind Menschen geworden, die besser dran sind.
Gottes Barmherzigkeit - davon wissen wir jetzt und dahin flüchten wir uns.
Und damit ist die Spirale aufgebrochen:
Unrecht und Schuld drehen sich nicht mehr endlos im Kreis.
Sie würgen uns nicht mehr die Luft ab,
weil es einen Platz gibt, wo sie hingehören:
Schuld und Unrecht gehören ins Gebet,
sie gehören vor Gott.
Drängend und bittend dürfen wir Schuld und Unrecht Gott vorlegen.
Ungeduldig dürfen wir ihn bitten, dass er uns gnädig ist und uns von allem befreit, was uns belastet.
Schuld drückt uns nicht mehr nieder, verkrümmt uns nicht mehr in uns selbst, sondern sie drängt uns zu Gott hin.
Sie drängt uns zu Gott im Vertrauen darauf,
dass er der Gott der Barmherzigkeit ist,
der sich uns an Weihnachten voll Liebe gezeigt hat
und der sich als der Retter im Gericht erweisen wird.
Amen.

Predigt über das Lied Jochen Kleppers "Mein Gott" und Offb. 21

Liebe Gemeinde,
die Erde schwebt über dem Abgrund,
gehalten durch Säulen -
so dachte man das früher,
so stellte man es sich vor,
so fühlte man es:
daß das eigentlich Feste und Sichere sich nämlich dort oben spannt,
in Gestalt des Firmamentes,
dieses festen Himmels, der sich über die Erde wölbt -
das wirklich Feste ist dort oben,
der Wohnort Gottes.
Doch die Zeiten änderten sich.
Der Himmel wurde zum endlosen Weltall,
die Erde dem Menschen Heimat,
hier hat er sich eingerichtet und es sich wohnlich gemacht,
machte sich die Erde untertan und sich selbst zu ihrem Mittelpunkt und Herrn und Herrin.
Liebe Gemeinde,
ob uns das trägt: die Erde, das Diesseits, diese Welt, die uns vor Augen steht?
Dann und wann wankt sie, zerbricht gar -
und dann sind uns solch merkwürdige Verse wie die aus der Schriftlesung, aus der Offenbarung des Johannes,
oder solch merkwürdige Strophen wie die Jochen Kleppers in seinem Lied plötzlich ganz nah.
Manchem von Ihnen ist im zurückliegenden Jahr ein Stück Welt zerbrochen,
ja vielleicht habe Sie sogar dann und wann das Gefühl gehabt, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Wenn ein Mensch von uns geht, ist zunächst einmal nichts mehr beim alten.
vielleicht war es ein hochbetagter Mensch, dem man die Ruhe gönnt -
und doch: fehlt jetzt nicht mit der Mutter der Ort, wo wir uns trafen;
und dann waren da junge Menschen, die von uns gingen - plötzlich, von einer Sekunde auf die andere -
und der Glaube und das Vertrauen ins Leben überhaupt mögen ins Wanken geraten, wenn man sich so vom Schicksal getroffen sieht.
Liebe Gemeinde,
Halt suchen,
das Leben neu ordnen,
wieder Boden unter den Füßen gewinnen -
es ist wie bei dem berühmten Bild, auf dem ein Mann de Hals durch das Firmament steckt und einen Blick ins Jenseits erheischt -
so ist das, wozu uns das Lied Jochen Kleppers einlädt.
Ob wir damit noch etwas anfangen können:
mit diesen Erzählungen von der himmlischen Stadt,
dem neuen Jerusalem
mit dem Thron des Opfer-Lammes, Jesus, des Gekreuzigten, Auferstandenen, in den Himmel Gefahrenen.
Ob das etwas mit uns anfangen kann, damit wir Halt gewinnen und festeren Boden unter die Füße?
"Ich schrieb ein neues Kirchenlied, wie oft, ‚wenn mir um Trost sehr bange ist'; diesmal über Offenbarung 21."
So notiert Klepper es in seinem Tagebuch am 12. November 1937.
Man spürt, wie er Hat sucht,
wie sich immer und immer wieder sich ihm der Boden entzieht:
in seiner beruflichen Existenz bedroht als Schriftsteller,
seine jüdische Frau und die beiden Stieftöchter jeden Tag mehr durch das Naziregime bedrückt.
Liebe Gemeinde,
wir suchen mit ihm - und wir hören mit dem Dichter, der uns in diesem Kirchenjahr begleitete, nach der neuen, der himmlischen Stadt.
Und wir wollen beten, daß die Hoffnung auf die Stadt Gottes uns trage in diesen Tagen und über den Tag hinaus und überhaupt über alle Tage hinaus.
Da spitzt einer die Ohren und hört schon den himmlischen Lobgesang:
das Loblied auf Gott, der unzweideutig da ist,
der von Angesicht geschaut wird -
nicht mehr verdunkelt durch die Rätsel unseres Lebens,
durch das Schlimme, was er zuläßt in dieser Welt:
Gott eindeutig, unzweideutig sehn -
"das ist's allein, was ich ersehn'."
Es ist nicht nur Weltflucht
- das kann es manchmal auch sein,
bei Klepper,
und manchmal auch unter uns, wenn da eines gar zu sehr von Heimweh geplagt wird, wir sollten es nicht verurteilen -
und manchmal bleibt Menschen nur noch die Weltflucht:
diese schlimme Erkenntnis bleibt jedem, der sich auf Klepper einläßt, der mit Frau und Tochter Dezember 1942 von eigener Hand in den Tod ging;
aber es ist nicht nur Weltflucht -
der Blick ins Jenseits gibt dem Diesseits den rechten Ort:
"Nicht, daß ich nicht zu danken wüßte, …
nicht, daß ich nicht geduldig büßte" -
das Entscheidende steht noch aus:
"Doch das, wonach mein Herz so brennt,
ist, daß mich nichts mehr von dir trennt."
Ungetrennt von Gott, ganz bei ihm:
das heißt daheim sein,
ganz bei sich und aufgehoben.
Liebe Gemeinde,
wenn Sie einen Pfarrer des Jahres 2003 fragen, wie das Jenseits der Himmel, aussieht, dann bringen Sie ihn in aller Regel ins Schwitzen.
Wir haben es verlernt blumig und konkret davon zu reden.
Vielleicht hat man es früher ja auch übertrieben:
Von einem meiner Vorgänger wird erzählt, daß er an einem Sterbebett so anschaulich vom Jenseits sprach, daß die Sterbende irgendwann meinte:
"No sterbet Se halt selber, Herr Pfarrer!"
Wir wissen nur noch, daß wir nichts wissen können über die jenseitige Welt - aber damit kann man doch nicht leben.
Aber wir wissen doch, daß Bilder wahr sein können und mehr Wirklich abbilden können als Fotografien.
Ob das für die Bilder aus der Bibel und bei Jochen Klepper auch gilt?
Spricht das nicht für sich, daß da von einer Stadt gesprochen wird - einem Gemeinwesen -
also nicht von einem himmlischen Einzelzimmer.
Aber fließend Wasser gibt es, wie in einem guten Einzelzimmer.
Vom himmlischen Thron fließt Wasser des Lebens, ewigen Lebens und aller Durst wird gestillt.
Und die Türen stehen offen in dieser Stadt, die sehr einem Garten gleicht, wie damals im Paradies -
was wir uns kaum mehr trauen - im himmlischen Jerusalem sind die Türen offen, es braucht keine Schlösser mehr,
keiner muß mehr in Furcht vor dem anderen leben.
Und es wird schön sein dort -
geschmückt wie Braut und Bräutigam füreinander.
Und sie wird fest gegründet sein wie es stabiler nicht geht -
das Holz des Kreuzes sind die Fundamente!
Und es braucht keine Sonne und keinen Mond mehr, weil Gott selbst und einleuchtet, seinen Glanz, seine Herrlichkeit verströmt.
Ich weiß nicht, ob wir das 2003 nachsprechen können,
ob wir noch soviel Glaube und Hoffnung aufbringen,
ob wir schon so weit sind wie Jochen Klepper vor 70, wie der Seher Johannes vor fast 2000 Jahren -
oder ob wir noch zu sehr Erdenbürger sind
und nur nach Gott fragen, wenn der Boden zu heiß wird,
um uns bei angenehmeren Temperaturen dann doch wieder lieber im Liegestuhl unserer Diesseits-Verliebtheit zu aalen.
Ich weiß: Man kann solche Hoffnung, solchen Glauben nicht einfach in sich produzieren -
aber vielleicht kann man ein wenig trainieren, dazu zu kommen?
Sie, die Trauernden unter uns, haben das in den letzten Monaten gespürt:
wie man es nicht einfach machen kann, über Verlustgefühle, Trauer, Niedergeschlagenheit hinweg zu kommen -
und die gut gemeinten Worte "Nimm dich zusammen", "Es wird schon weitergehen" verbieten sich jedem, der Ähnliches kennt.
Aber Sie haben hoffentlich auch gespürt, daß Sie durchaus etwas tun können:
Sie können sich anderen Menschen anvertrauen,
Sie können an Gewesenes denken und es so behalten,
Sie konnte dann und wann beten - und damit in eine Welt hinüberblinzeln, in die wir unsere Verstorbenen verabschiedeten.
Man kann in aller Regel schon etwas tun, damit es weitergeht -
und vielleicht ist es der stärkste Schritt, es Jochen Klepper gleich zu tun:
sich zu bergen in den alten Worten der Bibel,
Gott anzusprechen;
und zu danken für das, was er uns hier beschert -
und doch zu wissen, daß alles vergängliches Gut ist, was wir haben,
aber alles bleibt in Ewigkeit, was wir einander sind.
Liebe Gemeinde,
welches Bild der Welt, welches Weltbild tragen wir in uns, trägt uns, läßt uns leben.
Wir wissen leidlich Bescheid in Fragen der Astronomie,
daß die Erde rund und die Sonne etwa acht Lichtminuten von uns entfernt ist und mitnichten aufgeht, sondern die Erde um ihre leicht geneigte Achse rotiert.
Und wenn Professor Lesch im Bayrischen Fernsehen einem das nachts erklärt, dann ist das wirklich spannend.
Aber ein wirkliches Weltbild ist all das nicht.
Dazu muß uns einer sagen, nicht daß die Erde über dem Nichts schwebt durch Flieh- und Gravitationskräfte gehalten,
sondern dazu müßte mir einer sagen, was mich hält im Leben und im Sterben.
Ob da die alten Bilder, über die wir so gern lächeln,
ob da die alten Bilder wie das vom himmlischen Jerusalem nicht viel wahrer sind -
weil sie mich nämlich in Beziehung setzen -
in Beziehung zu Gott,
in Beziehung zu den Menschen, die mit mir auf den Weg sind,
in Beziehung u meiner Zukunft.
Kein Wolkenkuckucksheim, nein, eine höchst reale Utopie wird uns da vor Augen gestellt,
von Gott durch seinen Engel beim Seher Johannes:
eine Utopie, die uns ins Welt-Bild Gottes setzt:
und unseren Glauben und unser Vertrauen stärken will, daß Gott schon jetzt kommt:
"du nahst uns aus der Ferne her" - es kommt nicht einfach immer schlimmer - im Gegenteil: Gott kommt!
Und er läßt seine Stadt erstehen:
Und wenn sein Reich seit Jesus schon etwas mit unserer irdischen Welt zu tun hat,
dann mag es sein, daß er uns in unserem globale Dorf sogar zu mehr Gerechtigkeit hilft - wie sie in seiner himmlischen Stadt sein wird -
nur so finden wir auf den Weg des Friedens.
Gott läßt seine Stadt erstehen - und laßt uns mit bauen daran, daß etwas davon jetzt schon Wirklichkeit wird:
wenn unsere Tore und Türen offen stehen -
noch nicht Tag und Nacht,
aber wenigstens dann, wenn wirklich Not an der Frau oder am Mann ist.
Und wie heißt es im Lied: "Die Stadt, geschmückt gleich einer Braut" -
und wir versauen unsere irdischen Städte und Dörfer durch Tetrapacks und Zigarrettenschachteln, die wir anderen vor die Füße und in die Landschaft werfen, die uns doch gemeinsam gehört?
Ob das was mit unserer Seelenlandschaft zu tun?
Ob daswas über unser Verhältnis zueinander sagt - und ob wir das nicht doch besser hinkriegen könnten?
Die Erde, unsere Welt und die Menschen wertvoll nehmen -
und unser Leben hier, unseren Wohlstand, unsere Bemühungen um ein gutes und vielleicht auch angenehmes Leben nicht vergöttlichen,
sondern all das als vorläufig ansehen, was wir haben -
und wissen, daß uns vieles bleiben wird:
da, wo wir beieinander waren,
wissen und glauben und hoffen, daß Gott uns bleibt -
seine Stadt wartet.
"Wir Menschen wandern nicht vergebens:
du nahst uns aus der Ferne her."
Das himmlische Jerusalem - ein Weltbild, mit dem sich leben läßt - und wohl auch sterben!
Amen.

Predigt zu "Der Herr ist nah" zum Vereinsjubiläum (125 Jahre Schützenverein Gönningen, 75 Jahre Musikverein Gönningen, 20.7.2003)

Schriftlesung 2. Mose 2,23-3,10
Strophen 1 bis 4
Predigt über 2. Mose 3,2f
 
Liebe Festgemeinde
wann würde es uns deutlicher als an Jubiläen -
wenn wir an diesem Wochenende den 125. Geburtstag des Schützenvereins,
wenn wir den 75. Geburtstag des Musikvereins begehen -
wann würde es uns deutlicher als bei solchen Jubiläen, wie sehr wir im Fluß der Zeiten leben,
wie die Welt im Großen und in einem Dorf wie unserem sich verändert.
Mit unseren beiden Jubiläen rückt uns der Kaiser Wilhelm I. und der württembergisch König auf einmal nahe; gerade einmal siebeneinhalb Jahre bestand das Deutsche Reich 1878,
dem Gründungsjahr des Gönninger Schützenvereins;
und mit der Musikverein-Zahl 1928 denken wir an die Waimarer Republik,
denken wir an die Wilden 20er und die heraufziehende dunkelste Epoche unserer deutschen Geschichte.
Geschichte und mit ihr der Fluß der Zeiten rückt uns nahe -
das wird uns im eigenen Leben vielleicht nur dann ähnlich deutlich, wenn sich die Zahl vorn ändert
und man auf einmal ein Twen, Vierziger, Siebziger ist.
Große Feste feiern wir -
das gehört dazu zu den runden Geburtstagen wie zu den Jubiläen.
Und es ist mit diesen Festen ein bißchen so, als wollte man den Fluß der Zeiten aufhalten - wenigstens einige Momente und Stunden lang.
Man hält inne,
unterbricht den regulären Lauf der Dinge,
besinnt sich,
flippt vielleicht auch ein bißchen aus,
kann manchmal auch ein bißchen depressiv werden,
läßt es sich gut gehen.
Und man schaut in die Zukunft und fragt, was werden wird.
Jubiläen sind Haltepunkte im Fluß der Zeiten.
Liebe Festgemeinde,
der Fluß, in dem wir leben - als einzelne genauso wie in unserem Verein, unserer Kirchengemeinde, unserem Ort -
dieser Fluß läßt sich nicht durchschwimmen, so daß man anschließend auf festem Boden wieder den Überblick hätte -
wir leben längs, nicht quer.
Wir alle schwimmen mit:
manchmal mit kräftigen Kraulbewegungen, damit es noch schneller geht,
manchmal ein bißchen gegen den Strom, damit die Geschwindigkeit ein wenig gebremst wird.
In diesem Fluß der Zeit, der uns manchmal mitreißt und den wir manchmal durchaus mitgestalten -
wenn wir Entscheidungen treffen,
den Flußlauf im eigenen Leben und in unserem Verein oder unserer Gemeinde ein Stückchen mit beeinflußen -
in diesem Fluß der Zeiten trägt uns zugleich die Sehnsucht nach dem Bleibenden, Ewigen, Gültigen,
nach dem, was uns mehr Halt als das Wasser geben kann.
Diese Sehnsucht nach dem Gültigen, Festen, nach einem Halt -
das drückt sich aus auch in jenem starken Bild, das Ihnen die Schriftlesung gerade vor Augen geführt hat
mit jener berühmten Geschichte vom brennenden Dornbusch.
Wie der Fluß drückt das Feuer Dynamik und Veränderung aus.
Und da war dann da jener seltsame Busch, der brannte und sich doch nicht zehrte,
doch nicht verbrannte,
kein Raub der Flammen wurde, sondern blieb.
Es war etwas Bleibendes - oder um das alte Wort zu benutzen: etwas Heiliges in ihm.
Das Heilige lodert, ist durchaus bedrohlich, man muß vorsichtig damit umgehen -
aber es macht nicht kaputt, es zerstört nicht -
zumindest, wenn es sich um den Heiligen handelt, den wir in dieser Stunde gemeinsam feiern und bekennen:
der Gott des Alten Bundes mit dem erwählten Volk Israel,
der ewige Gott, der im Menschen Jesus aus Nazareth einen neuen, einen Bund mit allen Menschen schloß.
Der Liederdichter Jochen Klepper hat sich 1935 von unserer Bibelgeschichte zu dem Lied inspirieren lassen, daß wir gerade begonnen haben zu singen:
"Der Lebensbaum im Garten Eden,
der Dornbusch, der dich glühend sah,
sind beide nur das eine Reden:
Der Herr ist unablässig nah."
Auch er, Jochen Klepper, 1942 unter dem Druck des Naziregimes von eigener Hand in den Tod gegangen,
wußte vom Fluß und von den Wirren der Zeiten -
und er wußte von dem Gott, der in allem Fluß, auch in allen Wirren dabei ist
und all dem doch nicht unterworfen ist,
mitten drin und doch auf festem Boden des Ufers,
dort und doch uns ganz nahe!
Der Mensch Jesus Christus - er ist das Zeichen dafür, daß der heilige Gott nicht fern, sondern uns nahe ist.
Deshalb nennen wir diesen einen Menschen Gottes Sohn -
weil uns in ihm der ferne, heilige Gott nahe und mit menschlichem Antlitz entgegen tritt.
Im Fluß der Zeiten, und erst recht, wenn's brennt, bleibt Gott sich gleich:
er bleibt sich darin gleich, daß wir ihm nicht gleich sind, nicht gleichgültig sind;
er bleibt uns unablässig nah - auch wenn die Flammen züngeln und es im Fluß der Zeiten zu heftig zugeht
Liebe Festgemeinde,
wenn man sich Chroniken anschaut - an diesem Wochenende haben wir die 125jährige Geschichte des Schützenvereins und die 75 Jahre des Musikvereins vor Augen -
wenn wir uns das anschauen, spürt man, wie es auch in den Vereinen ist wie im richtigen Leben:
man nimmt am Auf und Ab der Zeiten teil,
ist ihnen unterworfen,
leidet manchmal darunter,
denkt vielleicht manchmal sogar, daß es nicht weitergeht.
Wenn man das heute in einem Gottesdienst bedenkt, dann kommt einem in den Sinn, wie das auch in unserer Bibel, in den Geschichten um unseren Gott, immer wieder so ist:
die Dornbusch-Geschichte ist der Auftakt zu der großen Reiseerzählung über das Volk Israel:
Menschen, die zusammen gehörten, sich ver-einten, um sich miteinander auf den Weg zu machen
und die dann Höhe- und Tiefpunkte zu spüren bekamen.
Und in Jesus Christus begegnet uns derselbe Gott ebenfalls dauernd auf der Wanderschaft,
dort im Heiligen Land,
mit allen Aufs und Abs des Lebens.
In unseren Vereinen sind Menschen miteinander auf dem Weg, so wie das Volk Israel auf dem Weg war, wie Jesus in seinem Leben unser Leben lebte - auf der Wanderschaft!.
Natürlich:
In einem Verein verbindet man sich eigentlich "nur" zu einem bestimmten Zweck:
den Schießsport zu pflegen,
Musik zu machen;
aber eine reine Zweckgemeinschaft kann ein Verein nie sein, sonst geht er kaputt daran,
sonst gäbe er sich selbst auf und würde zu einer Kapelle oder einem Trainingszentrum.
Es liegt heute vielen Menschen näher, sich etwas anderes als einen Verein zu suchen -
weil sie nämlich intuitiv spüren, daß es in einem Verein nie nur um Sport oder Musik gehen kann -
sondern eben auch immer um das, was wir dann vielleicht Geselligkeit nennen;
Geselligkeit ist das, was ich mit der Erinnerung an die Bibel-Geschichten gerade ausdrücken wollte:
daß sich in einem Verein eben immer konkrete Menschen treffen -
und eben nicht nur Musiker oder Sportler;
und wenn dir Menschen begegnen, wenn man sich aufeinander einläßt, dann hat man aneinander Teil,
dann steht man beieinander in der Pflicht -
ob einem das im Einzelfall paßt oder nicht.
Aber wo Menschen sich so aufeinander einlassen, wie das in einem Verein, einer Gemeinde im günstigen Falle ist,
da ist Gott dabei,
Gott, der uns zur Gemeinschaft gerufen hat,
Gott, der mit uns Menschen auf dem Weg und uns nahe ist,
Gott, der dabei ist in deinem Leben -
und der sich gleich bleibt, weil du ihm nicht gleich, gleichgültig wirst.
Liebe Festgemeinde,
das Volk hatte seinen Mose,
der Jesus hatte seinen göttlichen Geist -
in jedem Verein, überall da, wo sich Menschen sozusagen "geordnet" und in größerer Zahl aufeinander einlassen,
da braucht es Leute, die leiten und für den rechten Geist sorgen.
Sie haben sicherlich aus Ihrem Verein, aus Ihrer Gemeinde gleich solche Leute vor Augen:
die Vorstände und Jugendleiter, die womöglich sogar für ihr Amt, ihren Dienst gewählt wurden und nun schauen, daß alles seinen geordneten Gang geht;
aber Sie denken zu Recht vielleicht auch an diejenigen, die mehr im Hintergrund Acht haben aufeinander,
die spüren, wenn da einer nicht so drauf ist wie sonst und dauernd an der Klarinette oder der Luftpistole daneben liegt,
Leute auch, die den Mut haben, den Mund aufzumachen, wenn da sich eine in eine merkwürdige Richtung entwickelt.
Wir brauchen diese Menschen und wir dürfen stolz darauf sein, daß wir in unserem Land und bei uns im Dorf und in unseren Vereinen und Gemeinden so viele Menschen haben, die sich engagieren,
die den Kopf hinhalten, wenn was daneben geht,
vor allem aber, die helfen, damit wir einander auf dem Weg des Lebens,
im Fluß der Zeiten nahe bleiben und beistehen und fördern.
Wie gut, daß es Sie gibt!
Liebe Festgemeinde!
Bezirksbürgermeister Dr. Ackermann wird zu Recht nicht müde, die Zusammenarbeit der Vereine, Institutionen, Initiativen in unserem Ort zu loben und seine Bedeutung zu betonen.
Der Politologe weiß wie der Theologe um den Wert, den das Miteinander hat -
in einer Welt und einer Gesellschaft, die sich an vielen Stellen auseinander lebt.
Es ist ein hohes Gut, wenn Menschen sich zusammen finden und mehr als eine Zweckgemeinschaft entsteht;
es ist auch eine gute Sache, wenn diese Gemeinden, Vereine, Gruppen zueinander finden,
sich vernetzen und einem Ort so ein freundliches Gesicht geben.
Natürlich weiß ich nach acht Jahren schon fast so gut wie Sie, daß das nicht ohne Reibungen und manches deftigen Streit abgeht -
sei's drum!
Wenn's drauf ankommt, hilft man, unterstützt man einander - nicht nur bei Jubiläen wie an diesem Wochenende.
Das ist ein gutes Zeichen!
Und ich hoffe, es kommt Ihnen nicht zu hochgegriffen vor, wenn ich das mit Gott zusammen bringe:
Aber für uns als Christenmenschen hat es eben immer mit Gott zu tun, wenn Menschen nicht gegen-, sondern miteinander leben!
Dazu sind wir von Gott berufen -
und deshalb finden wir um so mehr zu einem Leben, für das uns Gott konzipiert hat, je besser uns das gelingt.
Liebe Gemeinde!
Im Fluß der Zeiten suchen wir nach dem Ewigen, Gültigen, Bleibenden,
suchen wir nach Halt.
Wir sind gehalten von Gott, der sich gleich bleibt darin, daß wir ihm nicht gleich, nicht gleichgültig sind -
er bleibt uns nahe alle Tage!
Wir haben Halt aneinander,
wir können das Leben finden, wenn wir es gemeinsam suchen -
denn zu finden ist es immer nur beim anderen.
Amen.
Lied nach der Predigt - Strophen 5 bis 7

Predigt über das Geburtstagslied EG 379 (Mel.: EG 361) (23.3.2003)
von Vikarin Maren Klingler, Gönningen, ihre "Antrittspredigt" am Tag nach Kleppers 100. Geburtstag

Liebe Gemeinde,
Herr Behrend sagte es schon: seinen 100. Geburtstag hätte Jochen Klepper gestern gefeiert.
Deswegen bildet heute ein Lied die Grundlage der Predigt, das er in seinem Gedichtband unter dem Titel "Geburtstagslied" abgedruckt hat.
Es ist das eben gesungene "Gott wohnt in einem Lichte". Nehmen Sie doch das Liedblatt nochmals zur Hand, dann haben sie den Text vor Augen.
Haben sie dieses Lied beim Singen als "Geburtstagslied" erkannt? Ich hätte es nicht dem Geburtstag zugeordnet - und im Gesangbuch steht es unter der Rubrik "Angst und Vertrauen".
Angst und Vertrauen - sind das die Schlagworte, die über der vergangenen Woche gestanden sind? Angst sicherlich bei vielen, Ärger und Hilflosigkeit wohl auch. Aber auch Vertrauen?
Jochen Klepper hat das Lied 1938 gedichtet. Das war die Zeitspanne, in die ihre Geburt fiel, liebe goldenen Konfirmanden. Und es war auch eine Zeit, die die Angst und Hilflosigkeit angesichts einer sich zuspitzenden politischen und weltpolitischen Lage kannte.
Jochen Klepper gelang es, in der damaligen Situation Worte zu finden, die heute in unserem Gesangbuch unter der Überschrift "Angst und Vertrauen" stehen.
Und als solche hören wir sie heute auch.
Dennoch: Jochen Klepper überschrieb den Text als "Geburtstagslied".
Das Lied spricht in besonderer Weise den einzelnen Menschen an. Immer wieder ab Strophe 2 heißt es "du, dich, dir".
Und an keinem anderen Fest rückt wohl die einzelne Person so in den Mittelpunkt des Feierns wie am Geburtstag.
Wenn wir uns das Lied, so wie grade eben, gegenseitig zusingen, dann sind wir - ob wir Geburtstag haben oder nicht - jeder und jede persönlich angesprochen.
Zudem sind Geburtstage und andere Jahrestage Tage an denen wir zurückschauen auf das, was war und vorausblicken auf das, was kommt. Solche persönlichen Festtage sind deswegen auch von der Frage geprägt "Was tue ich eigentlich? Wo stehe ich denn? Wie steht es denn mit dem großen Rahmen, dem durchgehenden Faden in meinem Leben?".
Weil man in diesem Lied persönlich angesprochen wird und weil es einen Rahmen liefert zum eigenen Nachdenken und Bilanzieren - darum dürfen sie, liebe goldene Konfirmanden, dieses Lied an ihrem Festtag ganz besonders als ihr Lied hören.
Fünf Strophen hat das Lied. Und gleich die erste macht uns den Zugang gar nicht leicht. Sie hat so gar nichts mit "viel Glück und viel Segen" oder "Happy Birthday" zu tun.
(gelesen) Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann.
Von seinem Angesichte trennt uns der Sünde Bann.
Unsterblich und gewaltig ist unser Gott allein,
will König tausendfaltig, Herr aller Herren sein.
Besonders wenn wir ein Geburtstagslied erwarten, dann sind uns diese ganz auf Gott konzentrierten Worte erst einmal fremd.
Der Herr aller Herren wird da beschrieben.
Gott, der in einem Licht wohnt, das uns nicht zugänglich ist. Gott, von dem wir getrennt sind.
Gott, der König aller Könige.
Das alles sind Aussagen, die uns eher fern stehen.
Die Bilder von Gott aus den Kinderbibeln sind uns näher und vertrauter:
der liebe Bruder Jesus, der die Kinder herzt,
der Gott, der uns beschützt und behütet, wie ein Hirte seine Schafe.
Aber vielleicht war es gerade auch in der letzten Woche so, dass wir sehr wohl wussten und glaubten, dass es Gott gibt - er aber unendlich weit entrückt wirkte.
Wo ist denn Gott, wenn die Bomben fallen? Kriegt er denn überhaupt mit, was auf dieser Erde los ist?
Jochen Klepper spricht in großer Nüchternheit aus, dass Gott göttlich ist - und damit entfernt von uns Menschen und unseren menschlichen Vorstellungen. Der entfernte Weltenherrscher sitzt da über alles erhaben auf seinem Thron.
Angesichts seiner Göttlichkeit wird uns unsere Menschlichkeit deutlich.
Wenn wir auf Gott und seine Größe schauen wird uns bewusst, wer letztlich das Sagen hat in dieser Welt und in unserem Leben. Es ist Gott und nicht wir selbst. Wenn wir auf Gottes Größe schauen, dann anerkennen wir, dass Gott Gott ist.
Das ist die Haltung in der Gottesfurcht, der Ehrfurcht.
Eine solche ehrfürchtige Haltung vor Gott macht uns nicht klein, sondern frei.
Die Anerkennung Gottes macht uns frei von menschlicher Hybris und von menschlicher Selbstüberforderung.
Wie entlastend! Wir dürfen Menschen sein und müssen nicht Herr sein. Herr aller Herren sind nicht wir, sondern ist allein Gott.
Sie sehen an der Anmerkung unter der letzten Notenzeile, dass Jochen Klepper diese Worte nicht erfunden hat.
Er hat sie vorgefunden im Neuen Testament, am Ende des Timotheusbriefes. Dort heißt es im sechsten Kapitel:
"der König aller Könige und Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann".
Klepper klinkt sich ein in die biblische Rede von Gott, nimmt sie auf, lässt sich von ihr inspirieren und fasst seine eigenen Gedanken in biblische Worte.
Wie sie in den Anmerkungen unter den anderen Strophen sehen können, gilt das auch für die folgenden Strophen.
So nimmt er in der zweiten Strophe einen zentralen Satz der Rede des Paulus in Athen auf, wie sie in der Apostelgeschichte überliefert ist:
"Gott ist nicht ferne einem jeden unter uns".
Welch ein Gegensatz: "Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann" und "Gott ist nicht ferne einem jedem unter uns"!
Mit einem beiordnenden "Und doch!" wird das so Widersprüchliche nebeneinander gestellt - das bisher Gesagte wird nicht aufgehoben oder eingeschränkt, aber Wesentliches kommt hinzu: Gott bleibt nicht ferne! Gott kommt nah.
Vielleicht erinnert sie diese Strophe an das alte Kinderlied, das in ähnlicher Weise das Staunen über die Zuwendung des Schöpfers zum Menschen zum Ausdruck bringt: "Weißt du wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?". Auch da steht ja am Anfang der Blick auf die unbeschreibliche Zahl der Sterne, Wolken, Mücken, Fische - und alles mündet ein in den Vers "Kennt auch dich und hat dich lieb!".
Sonne, Mond und Sterne sind die Werke der Schöpfung, die alles überstrahlen, die an den Himmel gestellt werden, damit die Zeit geordnet wird in Tag und Nacht in Monate und Jahre - und diese prachtvollen Schöpfungswerke sah Gott bei ihrer Entstehung, die rief er selbst ins Sein. Was für ein großer Gott!
"Und doch!" auch angesichts dieser großartigen Werke sind wir, sind sie und ich, für Gott unverzichtbar im ganzen Gewimmel der Schöpfung.
Wie sorgende Eltern immer wieder nach ihren Kindern schauen, - aus dem Fenster die Schaukel im Garten im Blick behalten oder noch mal ins Kinderzimmer schauen, obwohl sich das schlafende Kind überhaupt nicht gemeldet hat - so sorgt sich Gott um uns.
Unsere ganze Lebenszeit hindurch ist er uns so fürsorglich zur Seite - und er ist es selbst, der uns unsere Lebenszeit "zuzählt". Der unnahbare Herr der Herren ist der sorgende Herr meiner Zeit.
Genauso wie er sich Stunde für Stunde, sorgend um mich kümmert, so nimmt er es auch mit meinen Haaren ganz genau. Um unsere Haare machen wir selbst uns im Normalfall keine Sorgen. Ein Haar mehr oder weniger tut nichts zur Sache. Aber Gott ist das nicht egal. Seine Fürsorge gilt uns rundum.
Noch faszinierender wird diese Fürsorge, wenn wir uns verdeutlichen, in welchen anderen Dimensionen Gott nicht aufgeht. Er passt nicht in das weiteste Meer, er ist höher als die höchsten Berge - und er nimmt es mit jedem einzelnen unserer Haare ganz genau.
Wir sind in der dritten, der mittleren Strophe - und Jochen Klepper verweist auf die Mitte der Zeit, auf Weihnachten: "hat selbst sein Reich verlassen, ist dir als Mensch genaht."
Weihnachten - das ist die Zäsur in der Weltgeschichte, die Zeitenwende. In einmaliger Art und Weise hat sich Gott uns genähert. Er, der größer ist als die größten räumlichen Ausmaße, die wir Menschen uns auf dieser Welt vorstellen können, wird an Weihnachten ein kleines Kind in der Krippe.
Was wir traditionell und aus Gewohnheit alle Jahre wieder an Weihnachten feiern, geht uns bei genauerem Nachdenken wohl nur schwer in unsere Köpfe. Der große Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, wird ein kleines Kind, wird einer von uns, lässt sich auf die begrenzte Zeit und den beschränkten Raum dieser Welt ein. Damit macht er sie in unauflöslicher Weise zu Zeit und Raum Gottes.
In der vierten Strophe kommt noch mal ein neuer- ein ziemlich sperriger Aspekt - Gottes hinzu.
Vom Richtergott ist die Rede, vor dem "die Völker bangen".
Welche Bilder steigen da in ihnen auf?
Sind es Bilder, wie man sie auch in gotischen Kirchen findet, wo Christus die kleinen Menschen nach rechts ins Himmelreich und nach links ins Höllenfeuer schickt?
Ist es der mahnende Satz "Der liebe Gott sieht alles!"?
Sehen sie einen strengen Richter in schwarzem Talar mit einem Stapel von Gesetzesbüchern vor sich?
Wir tragen zum Thema "Welt- und Endgericht" und "Gott als Richter" ja oft belastende Vorstellungen mit uns herum. Oder wir haben diesen Aspekt Gottes ganz aus unseren Vorstellungen gestrichen.
Mir ist in diesem Zusammenhang der Gedanke eine Brücke, dass Richter und Gesetze in unserem Staat dafür sorgen, dass nicht die Willkür zur Herrschaft kommt. Hätten wir keine Gesetze und keine Richter, die auf die Einhaltung der Gesetze achten und ihre Missachtung sanktionieren - der Ungerechtigkeit wäre Tür und Tor geöffnet.
So kann es doch auch im Blick auf diese Weltgeschichte nicht ewig so bleiben, wie es jetzt ist:
Dass die Ungerechtigkeit zwischen den Armen und den Reichen dieser Welt zum Himmel schreit,
dass Kriegsherren unsägliches Leid heraufbeschwören,
dass Unschuldige beschuldigt und bestraft werden
- das kann doch nicht das Letzte sein!
Wir sehnen uns doch alle danach, dass diese Welt in Ordnung kommt. Der Blick auf unsere Welt macht es uns doch überdeutlich:
Wir brauchen dringend jemanden, der Recht spricht und zu recht, zu Recht bringt. Dieser Zurechtbringer ist Gott! Der Richter ist der Zurechtbringer.
Und in der zweiten Hälfte der vierten Strophe wird ja verdeutlicht, wie Gottes Richten aussieht: Es ist ein Vernichten des Beängstigenden, ein Erhellen der Nacht, eine Zuwendung zum Ärmsten und Niedergeschlagenen.
Alle Dunkelheiten, die sich im Laufe meiner Lebensgeschichte angesammelt haben und alle Bedrängungen der Weltgeschichte werden vom zu recht bringenden Herrn der Geschichte erhellt und entmachtet.
Die Schlussstrophe bündelt die unterschiedlichen Aspekte des bisher Gesagten nochmals. Und nun endlich bekommt das Lied auch einen durch und durch "geburtstäglichen" Klang.
(gelesen) Nun darfst du in ihm leben und bist nie mehr allein,
darfst in ihm atmen, weben und immer bei ihm sein.
Den keiner je gesehen noch künftig sehen kann,
will dir zur Seite gehen und führt dich himmelan.
Ich bin als Mensch nie mehr allein, weil Gott die Voraussetzung und der Schutz meines Lebens ist. Und zwar der Gott, der - wie in der ersten Strophe beschrieben - eigentlich unvorstellbar weit von mir entfernt ist und es auch immer bleiben wird. Der geht mir wunderbarer Weise zur Seite und führt mich in umgekehrter Richtung den Weg, den er selbst gegangen ist: In den Himmel.
Einen weiten Bogen mutet uns Jochen Klepper in seinem Geburtstagslied zu.
Weit entfernt wird zu Beginn der Rahmen unseres Lebens festgehalten. Ein Rahmen, der jenseits unseres Begreifens liegt und vor unserem Sein bestand hat. Ein Rahmen, der meinem Leben Bestand gibt, auch wenn anderes in diesem Leben wackelt und zerbricht. Der Herr der Herren sitzt in seinem Regiment noch bevor es andere Herrschaftsansprüche geben kann.
Doch der Herr der Herren bleibt nicht allein, sondern wird zum Schöpfer von Zeit und Raum und macht sich schließlich sogar auf, um in Zeit und Raum der Gefährte des Menschen zu sein.
Und am Schluss steht die unbeschränkte Zusage: Du lebst in Gott, du bist nicht allein, er geht dir zur Seite und führt dich ans Ziel.
Ich nehme diese Zusage mit in meine Zeit hier in Gönningen, nehmen sie sie mit auf ihre nächste Wegetappe, die vor ihnen liegt:
In die neue Woche in Familie, Schule und Beruf, in ein neues Lebensjahr, auf dem Weg in den Ruhestand, in alle Neuanfänge und alles Weiterwandern auf dem Lebensweg.
Und gerade auch jetzt in die Ungewissheiten und Ängste, die mit den Kriegsnachrichten zu uns kommen.
Lassen sie sich das gesagt sein, wenn ihnen etwas schwer auf der Seele liegt und wenn sie fröhlich auf die kommenden Tage zugehen:
"Den keiner je gesehen noch künftig sehen kann, will dir zur Seite gehen und führt dich himmelan."
Amen.
Wir singen nochmals die Strophen 1 und 5 von "Gott wohnt in einem Lichte".

Taufansprache über das Tauflied EG 208 (Mel.: EG 255) (2. ADvent 2002)

Liebe Tauffamilien,
der Liederdichter Jochen Klepper begleitet uns durch dieses Kirchenjahr; vor 60 Jahren durch eigene Hand in den Tod gegangen,
nächsten März vor 100 Jahren geboren.
In einem Band mit dem Titel "Kyrie", "Herr!", da sammelt er seine Lieder über den Tageslauf, den Lauf des Kirchenjahres und die besonderen Einschnitte im Lebenslauf.
In diesem dritten Teil seiner Sammlung gibt es - wie sich das für einen christlichen Dichter gehört - auch ein Tauflied;
sie haben es auf ihrem Liedblatt mit einer bekannteren Melodie als es in unserem Gesangbuch abgedruckt ist.
 
1: Gott Vater, du hast deinen Namen
in deinem lieben Sohn verklärt
und uns, sooft wir zu dir kamen,
die Vatergnade neu gewährt.
 
2: So rufe dieses Kind mit Namen,
das nun nach deinem Sohne heißt.
Wir glauben, du Dreiein'ger! Amen!
Zum Wasser gabst du Wort und Geist.
 
3: Erhalte uns bei deinem Namen!
Dein Sohn hat es für uns erfleht.
Geist, Wort und Wasser mach zum Samen
der Frucht des Heils, die nie vergeht!
 
Liebe Gemeinde,
das Lied spannt einen Bogen:
wo kommen wir her,
was tun wir jetzt,
was erwarten und erhoffen wir uns.
Liebe Tauffamilie,
wo kommt Ihr her?
Aus der Samenhandelstraße, aus der Lichtensteinstraße, aus dem Pfullinger Paul-Gerhard-Weg.
Aber vor allem kommt Ihr offensichtlich von der Erfahrung her, die in der ersten Zeile unseres Liedes angesprochen ist:
Gnade hast du, Gott, uns gewährt.
Du läßt es uns gut gehen.
Du läßt es gut gehen, selbst wenn manches anders läuft als erhofft - und sei es eine etwas rasante Geburt.
Du bedeutest mir etwas, Gott - von dieser Erfahrung komme ich her,
und deshalb bin ich heute Morgen mit meiner kleinen Tochter, meinem kleinen Sohn hier bei dir.
Und was erwarten wir uns nun für unsere drei Täuflinge?
"So rufe dieses Kind mit Namen,
das nun nach deinem Sohne heißt."
In der erste Zeile jeder Strophe fällt jedesmal das Stichwort "Name" -
das ist offensichtlich das Thema unseres Taufliedes.
Gott spricht seinen Namen in Jesus, seinem Sohn, aus.
Und er möge jetzt unsere Kinder bei ihrem Namen rufen:
er möge jetzt
liebe Leonie,
liebe Mona,
lieber Daniel zu unseren Kindern sagen.
Er wird das freilich aller Erfahrung nach so leise tun,
daß unsere menschlichen Ohren es nicht hören werden -
aber vielleicht wird es unser Herz verstehen
und unser Glaube vernehmen,
diese Anrede.
Mit dem Namen, den Ihr, die Eltern, herausgesucht habt, kommen eure Kinder hierher.
Sie sind durch diesen Namen ansprechbar, identifizierbar,
sie sind wer, seit die Mama sie geboren - und (fast noch wichtiger) der Papa auf dem Standesamt die nötigen Formalitäten erledigt hat.
In der Taufe aber bekommen sie einen Zunamen, der ihr Leben im tiefsten begründet:
Sie heißen ab nun nach Jesus Christus, der den Namen Gottes trägt.
Sie müssen sich nicht erst einen Namen machen.
Sie müssen auch nicht allein daraus leben, was ihnen an menschlichen Namen mit auf den Weg gegeben wird -
und in diesem Fall steht der Familienname für die Begabungen, für den Wohlstand oder für Bildungschancen und all das.
Darauf mögen Ihre Kinder bauen, aufbauen,
auf das, was sie mitbekommen durch Sie, die Eltern und Paten,
daraus mögen sie selbst sich einen Namen machen.
Aber das Entscheidende im Leben wird sein, ob das Gebet Jochen Kleppers erhört wird, das er in der dritten Strophe ausspricht.
"Erhalte uns bei deinem Namen!
Dein Sohn hat es für uns erfleht."
Wieder in der ersten Zeile: Name,
wieder in der zweiten Zeile: Sohn.
Das ist das Entscheidende:
Diesen Namen, den mir Gott zugelegt hat,
diesen Namen, daß ich wie sein eigener Sohn sein Kind sein darf,
daß mir das bleibt im Leben
und daß mir das Vertrauen in den Gottessohn bleibt.
Ich wünsche Ihnen, liebe Tauffamilie,
daß Sie Ihrem Kind viel an Selbstvertrauen und Kraft mitgeben,
damit es ich einen guten Namen machen kann vor den Menschen!
Noch mehr aber wünsche ich Ihnen, was dem Liederdichter Jochen Klepper so grundlegende wichtig für sein eigenes Leben war: daß Gott ihn nämlich mit seinem Namen kennt - darum zu wissen,
sich so bei Gott aufgehoben zu wissen.
"Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein" -
so ist es über dem kleine Jochen am Tag seiner Taufe 1903 ausgesprochen worden.
Daß Gott Ihre Kinder bei ihrem Namen kennt,
daß er sie heute mit ihrem Namen anspricht -
und in seinem Sohn zu seinem Kind macht,
davon wollen wir mit Jochen Kleppers Lied singen und es uns zusprechen lassen.
Amen.

Ansprache zur Goldenen Konfirmation 2003 über das Konfirmationslied (23.3.2003)

Liebe Gemeinde,
liebe Goldene Konfirmandinnen und Konfirmanden!
Die Linde ist 50 Jahre lang weiter gewachsen,
das Kirchenportal erneuert worden,
der Kirchplatz gerichtet -
und Sie sind ebenfalls ein halbes Jahrhundert älter:
Mit Interesse habe ich Ihr Konfirmanden-Photo betrachtet.
Ernst schauen Sie drein, manche auch ein bißchen gelöster,
alle in schwarz,
19 Junge und ebensoviel Mädchen.
Mittendrin in erster Reihe sitzend Pfarrer Wagner,
heutzutage steht der Pfarrer diskret am Rand - je nach Blickrichtung links oder rechts außen.
Liebe Gemeinde,
man versucht bei solchen Bildern in den Gesichtern zu lesen.
Der Schulabschluß ist mit der Konfirmation zum Greifen nahe -
manche wenige werden eine weitere Schule besuchen,
andere haben eine Lehrstelle gefunden auf dem schwierigen Arbeitsmarkt,
die Mädchen werden zum großen Teil eine Haushaltsstelle antreten.
Vielleicht haben Sie aber auch zurückgeblickt:
auf die Schulzeit,
auf die Kindergartenzeit - manche denken damit auch an frühe Kriegserlebnisse zurück,
die Stunden im Schutz-Keller vielleicht.
Wir haben uns bei unserem Treffen, lieber Herr Ziegler,
lieber Herr Haid, das Bild angeschaut:
ob die Konfis damals wohl älter oder jünger waren als heutzutage?
Natürlich,
das biologische Alter war dasselbe.
Aber wirken manchmal unsere Konfis nicht schon sehr erwachsen -
zumindest geben sie sich manchmal so.
Aber biografisch,
da können die grünen es unseren goldenen wohl kaum mehr mitfühlen,
wenn man da mit 14 tatsächlich recht erwachsen wurde und schon recht fest auf eigenen Füßen zu stehen hatte.
Die Zeiten ändern sich.
Liebe Gemeinde,
die meisten von uns können sich zurückerinnern an die eigene Konfirmation oder Firmung.
Als ich letzthin die Konfirmandeneltern fragte, woran sie sich erinnern,
da haben sie vom Katechismus-Sprechen erzählt,
von dem vielen Auswendig-Gelernten, das mittlerweile nicht mehr im Gedächtnis sein mag,
von der Einsegung
und nicht zuletzt vom Kleid, dessen Farbe einem aus heutiger Sicht doch etwas merkwürdig vorkommt.
Da passiert doch aber bei der Konfirmation noch ein Drittes neben Katechismus und Einsegnung!
Erinnern Sie sich?
Pfarrer Wagner hat auch Sie damals gefragt, ob Sie es für sich annehmen wollen,
was Gott Ihnen in Ihrer Taufe zugesprochen hat.
Wenige Tage oder höchstens wenige Wochen nach Ihrer Geburt waren Sie getauft worden.
Nun wurden Sie gefragt, wie Sie selbst sich dazu stellen wollen,
daß Gott damals so bedingungslos Ja zu Ihnen sagte.
Das ist bis heute so.
Auch, wenn das einem heute nicht mehr so leicht über die Lippen geht -
denn kann und will man das wirklich bei der Konfirmation,
sich so auf Gott, den Glauben festlegen,
kann man das überhaupt ernst nehmen, was da gesagt wird?
Ich für meinen Teil sehe diese Antwort, die da gegeben werden soll, als Momentaufnahme -
und als eine wichtige Einübung dahinein, was immer wieder geschehen muß -
nicht zuletzt in Jahren, in denen ein neuer Lebensabschnitt beginnt,
man sich besinnt auf den eigenen Lebensweg -
so wie das bei Ihnen, unseren Jubilaren, ist.
Weil wir selbst uns verändern,
verändert sich auch unser Glaube.
Heute ist die Konfirmation auch ein Stück Abschied vom Kinderglauben und die Einladung, sich neu auf die Suche zu machen danach,
was mich tragen soll,
mir wichtig ist,
woran ich glauben kann und will.
Liebe Gemeinde,
der 50. Geburtstag des Liederdichters Jochen Klepper fiel 1953 mit dem Gönninger Konfirmations-Sonntag zusammen.
Ich bin mir sicher, daß das keine Rolle spielte.
Zu umstritten war Klepper - und zugleich vielleicht auch zu unbekannt:
erst 1956 sollte ein Tagebuch veröffentlicht werden, das bis heute zu einem der bewegendsten Exemplare seiner Gattung gehört.
Mit 39 Jahren war Klepper in Berlin zusammen mit seiner jüdischen Ehefrau und deren Tochter von eigener Hand aus dem Leben geschieden -
es drohten Zwangsscheidung und Deportation unter dem braunen Regime.
Der eine oder andere von Ihren Eltern mag 1950 den Kinofilm "Der Kahn der fröhlichen Leute" gesehen haben, der auf seine Novelle zurückging;
und in den entsprechenden Ausschüssen diskutierte man darüber, ob man Lieder des Selbstmörders ins neue Gesangbuch aufnehmen dürfe, das im Advent Ihres Konfirmations-Jahres neu eingeführt wurde in Württemberg.
Man tat es zum Glück.
Und im aktuellen Gesangbuch ist er sogar mit 13 Liedern vertreten,
soviele wie sonst nur noch Paul Gerhard und Martin Luther.
Unser Kirchenchor hat für Sie, die Jubilare, Jochen Kleppers Lied zur Konfirmation vorbereitet.
Auch darin ist vom Bekenntnis des Glaubens dir Rede,
wird davon gesprochen,
daß wir uns immer wieder neu zu unserem Glauben zu stellen haben.
Sie machen heute Station hier in der Kirche in einer Zeit, da es für die meisten von Ihnen gilt, Weichen zu stellen,
Entscheidungen zu treffen,
Glaube und Leben neu zu ordnen.
"Bewahre und halte nun Glauben
und kämpfe den Kampf, der da gut!
Wer kann dir den Siegerlohn rauben?
Du ringst unter göttlicher Hut!" -
so heißt die erste Strophe des Liedes.
Es mag auch Kampf sein, mit dem Glauben umzugehen -
weil der Glaube mit dem Zweifel und der Anfechtung verheiratet ist -
Sie wissen davon, weil Sie schon manches erlebt und manches zu durchstehen hatten in Ihrem Leben.
Aber der Liederdichter, mit dem Sie Ihr Konfirmationsdatum verbindet, läßt Sie mit dieser Aufforderung nicht allein:
Er weiß und spricht es uns zu, daß wir unseren Weg unter göttlicher Hut,
behütet von Gott gehen.
Wann hätten wir es nötiger als in diesen Wochen, sich dessen bewußt zu sein, bewußt zu werden:
"Du ringst unter göttlicher Hut!"
Amen.

Predigt über das Hochzeitslied EG 239 "Freuet euch im Herren allewege" (16.2.2003)

"Vorarbeiten"

  • Hochzeit mit Hanni Stein geb. Gerstel (*1890) am 28.3.1931 (Klepper ist gerade 28 Jahre alt geworden),
  • kirchlich am Tauftag Hannis am Sonntag, 18.12.1938.
  • Entstanden am Donnerstag, 29. Februar 1940: "Heute schrieb ich nun ein Hochzeitslied, über unseren Trautext Philipper 4,4-7." (Tagebuch)
1: Freuet euch im Herren allewege!
Abermals vernehmt es: Freuet euch!

Daß er Hand in Hand zum Bund euch lege,
neigt sich Gott zu euch vom Himmelreich.
Eure Liebe, die euch hier verbindet,
ist von seiner Liebeshuld verklärt.
Wo in Gott der Mensch zum Menschen findet,
ist der Segen stets noch eingekehrt.
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
2: Laßt die Lindigkeit, die ihr erfahren,
kund sein allen Menschen
, die ihr zählt.
Kündet fortan von dem Wunderbaren,
das in dieser Stunde euch beseelt.
Euer Gott ist unter euch getreten!
Segnend war er euren Herzen nah!
Ja, in euren Taten und Gebeten
sei bezeugt, was euch von ihm geschah.
Eure Güte laßt kundsein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
3: Sorget nichts! Vielmehr in allen Dingen
dürft ihr alles, was euch je bedrängt,
in Gebet und Flehen vor ihn bringen
,
der als Vater hört, als König schenkt.
Sorget nichts! Ihr kennt den Wundertäter!
Er weiß alles, was ihr hofft und bangt!
Der Mensch tritt vor Gott als rechter Beter,
der im Bitten schon voll Freude dankt.
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
4: Und der Friede Gottes, welcher höher
als Vernunft
und Erdenweisheit ist,
sei in eurem Bund euch täglich näher
und bewahre euch in Jesus Christ.
Er bewahre euer Herz und Sinne
!
Gottes Friede sei euch zum Geleit!
Er sei mit euch heute zum Beginne;
er vollende euch in Ewigkeit!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
5: Freut euch. Doch die Freude aller Frommen
kenne auch der Freude tiefsten Grund.
Gott wird einst in Christus wiederkommen!
Dann erfüllt sich erst der letzte Bund!
Er, der nah war, wird noch einmal nahen.
Seine Herrschaft wird ohn Ende sein.
Die sein Reich schon hier im Glauben sahen,
holt der König dann mit Ehren ein.
5.1a = 1.1a
"Bund" s. 1.3
"nah" vgl. 2.5 und Phil 4,4
"Herrschaft" vgl. "König" 3.4 und 5.8

Einleitung

Aus Eheleuten werden Eltern -
aber sie bleiben freilich auch dann Eheleute, wenn sie ein Kind haben.
Für Jochen Klepper, den Liederdichter, dessen Werke uns durch dieses Kirchenjahr und durch diesen Gottesdienst begleiten, war es eine der traurigsten Erfahrungen in seinem Leben, keine eigenen leiblichen Kinder zu haben.
Um so mehr liebte er die beiden Töchter, die seine verwitwete Ehefrau Hanni mit in die Ehe brachte. Über die Bibelverse, die die Eheleute bei ihrer kirchlichen Trauung in einer Berliner Kirche gehört hatten, wird er auch das Hochzeitslied für seine Liedersammlung schreiben.

Lesung (Phil 4,4-7)

Aus dem Philipper-Brief des Apostels Paulus, Kapitel 4:
"Freuet euch im Herren allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte laßt kund sein allen Menschen!
Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts,
sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus."

Lied "Freuet euch im Herren allewege!"(EG 239,1+2)

1. Freuet euch im Herren allewege!
Abermals vernehmt es: Freuet euch!
Daß er Hand in Hand zum Bund euch lege,
neigt sich Gott zu euch vom Himmelreich.
Eure Liebe, die euch hier verbindet,
ist von seiner Liebeshuld verklärt.
Wo in Gott der Mensch zum Menschen findet,
ist der Segen stets noch eingekehrt.
2. Laßt die Lindigkeit, die ihr erfahren,
kund sein allen Menschen, die ihr zählt.
Kündet fortan von dem Wunderbaren,
das in dieser Stunde euch beseelt.
Euer Gott ist unter euch getreten!
Segnend war er euren Herzen nah!
Ja, in euren Taten und Gebeten
sei bezeugt, was euch von ihm geschah.

Ansprache Teil 1

Liebe Gemeinde,
der die Bibelworte für unser Lied lieferte war Junggeselle.
Und er war Häftling.
Wahrscheinlich in Ephesus sitzt der Apostel Paulus ein, als er seine geliebte Gemeinde, die er in Philippi gegründet hatte, auffordert:
"Freuet euch allewege!"
Nein - genauer:
"Freuet euch im Herren allewege!"
Wenn die Dinge schief gehen,
wenn euch die Leute anfeinden - wie damals bei Paulus -
oder auch nur belächeln, weil ihr die Sache mit Gott ernst nehmt
und an einen Gott glaubt, der zur Welt kam, sich kreuzigen ließ und den Tod besiegte,
wenn das Wetterglas auf Sturm steht
und die Nachrichten noch schlechter sind als sonst:
"Freuet euch im Herren allewege!"
Und erst recht, wenn Ihr guten Grund zur Freude habt:
weil der Sohnemann wächst und gedeiht,
weil Menschen, die einander lieb haben, Hand in Hand legen,
weil wir Liebe zu spüren bekommen:
"Freuet euch im Herren allewege!"
Im Herren,
in der Nähe und Gegenwart Gottes,
vor seinem Angesicht gibt es immer guten Grund zur Freude:
"Abermals vernehmt es: Freuet euch!"
Ob das nicht frommer Selbstbetrug sein mag?
Ob das nicht eine genauso besoffene Freude sein mag als wenn man einen oder zwei zuviel gehoben hat?
Der Glaube macht nicht blau -
wenn schon, dann macht er Hoffnung grünen!
Er macht eine Hoffnung grünen, die Jochen Klepper in seinem Lied in der letzten Strophe nochmals besonders herausstellen muß.
Dichtet er in den ersten vier Strophen ganz dicht an seinen Bibelworten,
so geht die fünfte darüber hinaus:
Und da spricht er von der Freude tiefstem Grund:
daß nämlich Christus wiederkommt!
Daß er sich uns nahen wird!
Daß er König sein wird über alles, was ist!
Aus dem Blick in die Ewigkeit speist sich die wahre Freude:
daß also unser Leben, daß unsere Hoffnungen und Sehnsüchte nicht im Diesseits aufgehen müssen,
daß hier nicht schon alles sein muß,
daß es nicht bei den Enttäuschungen und Kränkungen und Niederlagen, die es hier eben auch zu verschmerze gibt, bleiben wird.
Keine Ver-Tröstung auf ein Wolkenkuckucksheim -
aber Trost, weil der wahre König auf uns wartet und sein Reich errichten wird.
Natürlich ist das unmodern und völlig am Zeitgeist vorbei,
natürlich drängt sich ein post-modernes Lächeln auf:
weil das Leben doch heutzutage im Diesseits aufgehen muß,
weil wir hier und jetzt Spaß und Erfolg und Wohlstand wollen.
Schon recht - aber wenn das alles ist - und wenn das daneben geht - und es geht immer dann und wann und manchmal sehr heftig daneben.
Liebe Gemeinde,
trotz allem:
Kümmern sollen wir uns ums Disseits -
leben sollen wir hier und jetzt -
und wir sollen es recht machen!
Denn unsere Gemeinschaft, unsere Ehen, unser Miteinander - das soll ja ein Abbild jenes letzten Bundes sein,
von dem wieder die fünfte Strophen singen wird.
Da, wo wir uns aufeinander einlassen,
wo wir einen Bund miteinander schließen, da erkennt sich Gott -
weil er im Bunde mit uns ist -
weil er sich auf uns festgelegt hat und uns treu ist bis zum Umfallen!
Und so singt Jochen Klepper auch gleich in der zweiten Strophe davon, daß Menschen, die einen Bund geschlossen haben,
daß Menschen, die den Ehe-Bund geschlossen haben,
nicht in trauter Zweisamkeit bleiben oder im eigenen Familienglück schmoren sollen.
Ehe- und Familienegoismus ist nicht fromm:
fromm und recht ist es, über die eigenen vier Wände hinaus die anderen im Blick zu behalten:
Wenn wir uns die Lindigkeit - welch schönes altes Worte -, wenn wir uns die Güte und den Segen und die Nähe Gottes schmecken lassen,
dann gehört es sich, daß wir davon künden - in unseren Taten anderen gegenüber,
in unseren Gebeten für andere.
Laßt uns die Strophen drei und vier singen!

Lied "Freuet euch im Herren allewege!"(EG 239,3+4)

3. Sorget nichts! Vielmehr in allen Dingen
dürft ihr alles, was euch je bedrängt,
in Gebet und Flehen vor ihn bringen,
der als Vater hört, als König schenkt.
Sorget nichts! Ihr kennt den Wundertäter!
Er weiß alles, was ihr hofft und bangt!
Der Mensch tritt vor Gott als rechter Beter,
der im Bitten schon voll Freude dankt.
4. Und der Friede Gottes, welcher höher
als Vernunft und Erdenweisheit ist,
sei in eurem Bund euch täglich näher
und bewahre euch in Jesus Christ.
Er bewahre euer Herz und Sinne!
Gottes Friede sei euch zum Geleit!
Er sei mit euch heute zum Beginne;
er vollende euch in Ewigkeit!

Ansprache Teil 2

Liebe Gemeinde,
bei Paulus vor zweitausend Jahren waren wir mit unserem Bibelabschnitt, der dem Hochzeitslied zugrunde liegt.
Gehen wir jetzt zurück ins Jahr 1940.
Kriegsjahr.
Schaltjahr.
Der 29. Februar fällt auf einen Donnerstag.
Es ist kalt.
Jochen Klepper sitzt an seinem Schreibtisch.
Im Ohr hat er die Führerrede vom Montag - voller Haß auf die Juden.
Kleppers Frau ist Jüdin.
Oder genauer gesagt: Sie war es bis zum Dezember 38.
Am Vierten Adventssonntag läßt sich Hanni verwitwete Stein in der Mariendorfer Kirche zu Berlin taufen -
an ihre Taufe schließt sich endlich die kirchliche Trauung der beiden Kleppers an -
siebeneinhalb Jahre liegt die standesamtliche Eheschließung schon zurück.
Damals war Jochen Klepper 28 Jahre alt, jetzt ist er 37,
seine Frau Hanni ist knapp dreizehn Jahre älter als er.
Trotz Taufe bleibt sie für den Rassenwahn der Nazis Jüdin -
genauso wie ihre Tochter aus erster Ehe, die sich 1940 taufen lassen wird.
Daß die Taufe keine Rettung vor den Nazis mehr bedeuten würde, war allen klar -
der Wunsch kam aus innere Überzeugung, aus ihrem christlichen Glauben, den sie im Umgang mit Jochen Klepper gefunden hatten.
Keine Rettung:
keine Ausreise für die beiden Frauen,
Zwangsscheidung droht und die Deportation nach Auschwitz.
Die Familie Klepper stirbt in der Nacht auf den 11. Dezember 1942 von eigenen Hand.
Jochen ist 39 Jahre alt,
Hanni, seine Frau 52,
die Tochter Renate 22 Jahre.
Liebe Gemeinde,
kaum einmal wird es so deutlich wie bei den Kleppers, was grundsätzlich für jede Ehe, für jede Freundschaft und enge Beziehung gilt:
sie rettet einen und macht das Leben reich und schön und bunter -
sie zieht einen mit hinein in das Schicksal eines anderen, macht das Leben schwerer und unbequemer.
Seine Ehe habe ihn vom Verderben gerettet, kann Jochen Klepper sagen;
seine Ehe mit einer Jüdin hat ihn das Leben gekostet - menschlich gesehen;
für die Ohren des Glaubens singt es Klepper fast auf den Tag genau zwei Jahre vor seinem Tod:
"Er sei mit euch zum Beginne,
er vollende euch in Ewigkeit!"
Klepper atmet bei aller Bedrängnis, bei allem Sorgen für die Seinen, er atmet einen Frieden, der jenseits liegt von dem, was wir Menschen wissen können:
ein Friede, der höher als alle Vernunft und Erdenweisheit.
Liebe Gemeinde,
wenn man sich auch nur ein wenig in den Lebenslauf Joche Kleppers hineindenkt, muß einen der tiefe Glaube dieses Mannes beeindrucken.
Es ist kein Glaube, der in lauten, frischen, leichten Worten daher kommt - das war nicht Kleppers Ding und dafür mutete ihm Gott und das Leben zuviel zu.
Aber es ist ein Glaube, der sich gehalten weiß.
Da steht ein Mensch vor uns,
das spricht ein Mensch zu uns, der nicht an den eigenen Glauben glaubt,
sondern der sich auf Gott verläßt.
Deshalb meint er das wirklich so, wenn er mit dem Apostel Paulus spricht:
"Sorget nichts!"
"Sorget nichts" -
was euch bedrängt, bringt es vor Gott.
Er, euer Vater hört!
Er, euer König schenkt!
Liebes Ehepaar Weiß,
wenn Ihr nachher Gott um seinen Segen bittet,
dann drückt Ihr das aus:
Daß es in einer Ehe, in einer Familie immer berechtigten Grund zur Sorge gibt -
und daß man für die Menschen, die einem anvertraut sind, auch recht sorgen sollen!
Aber wenn Ihr Gott um Segen bittet, dann bekennt Ihr zugleich, daß es mit unsrer Sorge und mit unseren Sorgen allein nicht getan ist -
daß wir es brauchen, daß Gott sich immer wieder uns naht,
damit Ehe, Familie, Erziehung und Liebe gelingen.
Auch euch soll gelten, was Jochen Klepper sich da an seinem Schreibtisch wohl zuerst einmal selbst zusprechen ließ:
"Er bewahre euer Herz und Sinne!
Gottes Friede sei euch zum Geleit!
Er sei mit euch heute zum Beginne;
er vollende euch in Ewigkeit!"
Amen.
Wir singen Strophe 5.

Lied "Freuet euch im Herren allewege!"(EG 239,5)

5. Freut euch. Doch die Freude aller Frommen
kenne auch der Freude tiefsten Grund.
Gott wird einst in Christus wiederkommen!
Dann erfüllt sich erst der letzte Bund!
Er, der nah war, wird noch einmal nahen.
Seine Herrschaft wird ohn Ende sein.
Die sein Reich schon hier im Glauben sahen,
holt der König dann mit Ehren ein.

Andacht mit Senioren zum "Abendmahl der Männer"

Liebe Seniorinnen und - wie immer in der Unterzahl: liebe Senioren!
Das ist schon ein merkwürdiges Lied, das Jochen Klepper da an das Ende seiner Liedersammlung stellt.
Nach dem Tageslauf hatte er den Lauf des Kirchenjahres mit Liedern beschrieben -
und dann als dritter Teil den Lebenslauf:
Geburtstag, Taufe, Konfirmation, Hochzeit:
und nun, da, wo man ein Bestattungslied erwarten sollte, steht dieses "Abendmahl der Männer":
"So will ich, daß die Männer wieder beten".
Es ist in mancherlei Hinsicht ein merkwürdiges Lied - aber auch ein bedenkenswertes und deshalb habe ich es Ihnen heute Mittag mitgebracht, jetzt gegen Ende unseres Gönninger Klepper-Jahres,
jetzt gegen Ende des Kirchenjahres.
Ein Lied, das sich um das Thema Männer, Glaube, Kampf und Streit dreht.

 
Liebe Seniorinnen,
sind oder waren auch Sie als Frau hauptsächlich für das Religiöse in Ihrer Ehe zuständig -
für das Gebet mit den Kindern und den Kirchgang?
Typisch …
Ist Glaube eigentlich für Männer schwieriger?
Vielleicht schon, weil wir es nämlich in unserem christlichen Glauben mit Beziehungen zu tun bekommen,
mit dem Miteinander, mit dem Gegenüber und der Beziehung zu Gott, mit anderen Leuten -
und all das, da sind von je her die Frauen die Spezialistinnen -
auch wenn immer die Ausnahmen die Regel bestätigen mögen.
Bei einem Ehepaar geht in der Regel die Frau ans Telephon, wenn es klingelt,
und die Einladungen arrangiert auch sie.
Glaube ist tatsächlich für Männer schwieriger, weil Glaube Beziehungsarbeit ist,
weil man im Glauben mit Gott reden soll,
mit ihm Zwiesprache halten und auf ihn hören.
Von daher ist es spannend, daß Klepper seine Liedersammlung ausgerechnet mit einem Lied für die abschließt und abrundet, die es auf dem Gebiet des Glaubens scheinbar schwerer haben.
Und er ruft sie ins Gebet, in die Zwiesprache, in die Begegnung mit Gott:
"So will ich, daß die Männer wieder beten".
Man kann das offensichtlich als Mann und Mensch verlernen,
das kann einem abhanden kommen: das Beten.
Sie kennen das auch, wie das in manchen Zeiten geschieht:
weil sie zu turbulent sind, um an Gott zu denken,
weil man aber vielleicht auch zu satt ist, an ihn zu denken,
oder weil man angefochten, zweifelnd ist - und ihm nicht so recht traut.
Aber Jochen Klepper geht offensichtlich auch davon aus, daß wir das immer wieder lernen können, mit Gott zu sprechen:
wenn wir andere für uns beten lassen, wie im Gottesdienst,
wenn wir selbst nach Worten suchen -
wenn wir auf geprägte Worte anderer zurückgreifen - für das nächste Jahr haben wir ein Geburtstagsgeschenk herausgesucht, das Sie in diese Richtung begleiten kann.
Wie sagt es der Absender des Timotheus-Briefes, auf dessen Worte Klepper zurückgreift:
"So will ich, daß die Männer wieder beten",
daß Ihr immer wieder neu das Beten lernt!

 
Liebe Seniorinnen und Senioren!
Haben's Männer schwerer in Sachen Glauben?
Ich lese in Kleppers Lied noch ein Zweites:
da heißt es: Glaube bedeutet, sich bewirten zu lassen - so wie der Priester-König Melchisedek den Abraham nach seinem Kampf bewirtet hat mit Wein und Brot.
Abraham hatte gestritten mit den Kidnappern seines Neffen Lot, hatte ihn und sein Hab und Gut befreit -
aber jetzt hieß es Platz nehmen, sich bewirten lassen, es sich gut gehen lassen.
Das kennen Männer natürlich durchaus -
sich hinsetzen und es sich gut gehen lassen -
zu allen Zeiten nahmen und nehmen die Herren ja dieses Recht in Anspruch:
Füße hoch, ein Fläschchen Bier und die Pantoffeln, vorgewärmt …
Das kriegen Männer schon hin -
aber wirklich die Dinge aus der Hand geben,
wirklich sich unterordnen,
passiv sein und anderer Menschen Entscheidungen akzeptieren?
Das ist schon schwieriger -
und der Glaube geht doch nicht ohne das:
sich unterordnen unter Gott,
ihm gehorsam sein, gehorchen …
Egal ob Mann, ob Frau wissen wir, wie das nicht leicht ist und eine gewisse Stärke braucht - und gerade im Alter spürt man, wie das Kraft bedeutet, mit nachlassender Kraft umzugehen,
wie das auch immer wieder Kraft braucht, sich Gott anzuvertrauen,
ihm sich unterzuordnen,
zu akzeptieren, daß ich zumindest vor ihm nicht das letzte Wort habe.
Und doch braucht das unsere Welt -
und doch macht das unsere kleine Welt besser und würde auch die große zum besseren wenden, wenn es mehr solcher Typen gäbe:
die sich Gott unterstellen -
und so auch andere groß machen können -
zuhören,
nicht herrschen, sondern begleiten.
Man verliert erfahrungsgemäß dabei nicht:
Wer sich Gott unterstellt,
wer auf ihn hört,
wer keine Angst mehr um sich haben muß, zu kurz zu kommen -
der wird Autorität bei anderen haben,
der wird wohl gelitten sein,
der wird zum Frieden helfen.

 
Liebe Seniorinnen und Senioren,
Glaube ist Beziehungsarbeit mit Gott,
Glaube verlangt Unterordnung, zuhören, beten -
und Glaube, so dichtet Jochen Klepper, Glaube führt in den Streit und Kampf.
Das ist das eigentliche Thema dieses Liedes.
Wir kennen alle den Ausspruch, daß das Leben eben ein Kampf sei.
Schon wahr - und der Glaube an den, der am Kreuz seinen Kampf verlor, der löst das nicht auf -
der führt erst recht in Kampf und Streit.
Glauben heißt auch, bereit sein, sich Wunden zuziehen,
an Gott selbst zu leiden,
weil man seinen Willen nicht kapiert, seinen Weg nicht erkennt, seiner Liebe nicht so recht trauen mag.
Glaube - da geht es einem immer wieder wie dem Luther, wie er uns in dem grandiosen Kinofilm vor Augen geführt wird, den Sie sich unbedingt anschauen sollten:
Luther hat immer wieder an sich, seinem Weg, und seinem Gott gezweifelt,
besser gesagt: er wurde immer wieder angefochten, ob er Gott recht sei.
Und immer wieder hat Gott ihn bewirten müssen mit seinem Wort der Barmherzigkeit,
der Vergebung,
der Gnade,
so wie er in der Predigt und im Abendmahl bis heute tut.
Der Glaube ist Kampf um Gott,
um den gnädigen Gott -
aber es ein Kampf, den Gott selbst für uns entscheidet!
Gott bewirtet uns,
er müht sich um seine Beziehung zu uns,
wir dürfen bei ihm uns zurücklehnen und uns dienen lassen -
und wir sollen um den Glauben kämpfen.
Jochen Klepper wußte, wovon er dichtete.
Amen.

Volkstrauertag Gönningen 23.11.2003 - Jochen Klepper: Der König II

"Bald wird sich das Jahrtausend wieder neigen" -
verehrte Damen und Herren,
so hebt ein Gedicht Jochen Kleppers an;
im August 1935 geschrieben,
am Anfang des 12 Jahre währenden 1000jährigen Reiches.
Kurz vor der Verkündung der Nürnberger Rassegesetze dichtet der mit einer Jüdin verheiratete Protestant vom König,
von Waffen
und von der Sehnsucht nach Frieden, der nur durchs Kreuz hindurch zu erringen ist:
"Bald wird sich das Jahrtausend wieder neigen,
und Gottes neue Stunde bricht herein.
Wird dann der König seinen Thron besteigen
und deine Ordnung bei den Völkern sein?
Denn wie sie jetzt auf das Jahrtausend warten,
erfüllt die Stillen in dem Land mit Angst,
weil sie zu lange auf den König harrten,
der nur das Reich sucht, das du, Herr, verlangst.
Die Völker stehen ganz erstarrt in Waffen,
und der gilt viel, der neuen Tod erdenkt.
Auch wenn sie Sicheln zu den Schwertern schaffen,
bleibt dennoch nur der Untergang verhängt.
Daß sie im guten Wahne noch vernichtet,
das ist die ärgste Wirrnis dieser Welt.
Nun muß der kommen, der dein Kreuz aufrichtet
und dieses Zeichen über alle stellt.
Die Welt in Waffen ist gar sehr entkräftet,
und mancher sieht den Trug in ihrer Macht.
Vom König, der den Blick aufs Kreuz geheftet,
von keinem sonst, wird Hilfe uns gebracht.
Nur wer das Kreuz sieht, hat von fern verstanden
die Heiligkeit im irdischen Gericht.
Wenn Könige dein Golgatha nicht fanden,
so fanden sie auch ihre Throne nicht."
Meine Damen und Herren,
deutsche Menschen meiner Generation können mit dieser Sehnsucht des Dichters nach einem König wenig anfangen.
Wir sind in einer Demokratie aufgewachsen und jeder, der es sich bewußt macht, ist dankbar für unsere Ordnung,
für eine Ordnung, die Teilnahme am Geschehen ermöglicht,
die Freiheit gewährt
und zur Verantwortung für das Gemeinwesen verpflichtet.
Gerade wenn man sich der Vergangenheit stellt -
wie in einer Stunde wie dieser,
wie in unserer Kirchengemeinde dieses Jahr in der Beschäftigung mit Jochen Kleppers Leben und Werk -
wenn man sich der Vergangenheit stellt, dann wird einem bewußt, daß uns gerade unsere Vergangenheit zur Dankbarkeit für die Gegenwart verpflichtet -
das will festgehalten sein gegenüber aller Unsicherheit, Reformbedürftigkeit, allem Unfrieden und Ängsten unserer Tage.
Wir lassen im Erinnern und Besinnen und Forschen die Vergangenheit an uns heran -
- im Gedenken an die Opfer der Weltkriege wie am Volkstrauertag -,
und dann mögen wir bei aller Dankbarkeit für die Gegenwart doch auch erschrecken, wie aktuell manches Wort aus dieser Vergangenheit ist,
wie schmerzhaft passend:
"Die Völker stehen ganz erstarrt in Waffen
und der gilt viel, der neuen Tod erdenkt. …
Daß sie im guten Wahne noch vernichtet,
das ist die ärgste Wirrnis dieser Welt. …
Die Welt in Waffen ist gar sehr entkräftet,
und mancher sieht den Trug in ihrer Macht."
Es gilt immer noch -
und der Krieg, von dem im letzten Jahr hier schon die Rede war,
und der dann auch kam - natürlich kam er -
er hat uns wieder vor Augen geführt, wie leicht und schnell es ist, den Tod zu bringen und wie schwer und langwierig der Weg des Friedens ist.
Immer wieder und wieder sehen wir das tödliche Scheitern und die Machtlosigkeit der Waffen auf dem Weg des Friedens;
und ob sie das sie rechtfertigende größere Übel wirklich überwinden ist auch noch nicht ausgemacht -
die Opfer von Istanbul schreiben uns diese Frage blutig vor Augen;
und ob man den Namen unseres Gottes auf die Bomben schreiben darf, die auf Diktatoren und Terroristen zielen und ihre Ziele trotz Hightech so selten finden?
Man darf Böse, die den Namen ihres Gottes mißbrauchen für ihren Terror, nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen und sich ihnen gemein machen.
Meine Damen und Herren,
der Dichter dagegen sucht Regenten, sucht einen König,
sucht Menschen, die den Blick aufs Kreuz geheftet halten -
"von keinem sonst, wird Hilfe uns gebracht."
Sollte es sein, daß wirklich nur in diesem Kreuz,
das in manchem deutschen Klassenzimmer nicht mehr hängen darf,
das uns hier in den frisch hergerichteten Kreuzen der Kriegsgräber entgegentritt,
sollte es wirklich sein, daß nur da Friede zu finden ist?
Die Gründungsurkunde unserer Demokratien,
unserer Freiheit,
der Weg zum Frieden - das Kreuz?
Am Kreuz hängt der Gott, der als Mit-Leidender und als Richter mit den Opfern ist -
mit denen, die sich in Verblendung opferten und andere mit in den Untergang zogen,
mit denen, die auf den Altären der Grausamkeiten geopfert werden bis heute,
mit denen, die sich wie ein treuer Kamerad für einen anderen opferten.
Am Kreuz hängt der Gott, der mit den Kämpfern für den Frieden ist -
mit denen, die stark genug sind, in diesem Kampf den Gegner zum Partner zu machen.
Am Kreuz hängt der Gott, der aber auch den Menschenverächtern und Terroristen nicht das Feld überlassen wird - nicht in Ewigkeit.
Am Kreuz hängt der Gott, der seinen Segen denen vorenthält, die seinen Namen auf die Waffen schreiben,
statt in Angst und Zagen vor ihm vielleicht auch das Unumgängliche und Böse zu wagen - wenn es gilt, andere durch Böses vor dem Böseren zu schützen.
Das Kreuz bleibt der Pfahl im Fleisch der Gewalt:
das Kreuz ist der Pfahl im Herzen Gottes, das er uns öffnet:
denen, die in Stunden wie dieser ihrer Verloren gedenken
und an eigene verschlungene Lebenswege mit Tod und Zerstörung und Vertreibung und Flucht denken,
Gottes offenes Herz:
es gilt uns, die wir mitleiden mit den Opfern der Alltags- und der Kriegsgewalt unter uns und in unserer Welt.
Meine Damen und Herren!
"Bald wird sich das Jahrtausend wieder neigen" -
war es Silberstreif oder Wolkenfront, die Klepper da vor sich sah.
Wir haben die Jahrtausendwende bereits drei Jahre hinter uns und uns an die neue Jahrhundertzahl gewöhnt -
als Gestaltungsaufgabe
aus unserem Erinnern und Nachdenken über das Vergangene
und im Begreifen und Ergreifen der Gegenwart
ist uns die Zukunft aufgegeben.
 
Hilf uns, Gott,
daß wir unter deinem Kreuz den Frieden lernen!
Daß wir einstehen, mutig einstehen für die, die leiden!
Daß wir aufstehen, eindeutig aufstehen gegen dumme Gedanken und den Mißbrauch deines Namens zur Rechtfertigung von Gewalt und Krieg!
Daß wir hingehen, gezielt hingehen, wo Menschen uns brauchen und wir bei uns dem Frieden und der Versöhnung dienen können!
Unter deinem Kreuz, Gott, finden wir uns -
hier bei den Friedhofskreuzen bitten wir dich um deinen Frieden -
in aller Hilf- und Rat- und Rastlosigkeit unserer Zeit!
Amen.