Ein Kurz-Interview mit mir
zu Jochen Klepper
durch Titia Lindeboom (Oktober 2001)


Buchhinweis

Het licht breekt door de wolken, liederen van Jochen Klepper vertaald en herdicht door Titia Lindeboom; EB boeken, Ruurlo (NL) 2001, ISBN 90-71156-65-6.

1. Können Sie kurz etwas erzählen über sich? Wer sind Sie und was machen Sie?

Ich bin lutherischer Pfarrer in einer Gemeinde mit 2200 Gliedern in Süddeutschland; unsere Gemeinde gehört zur Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Seit zehn Jahren bin ich im kirchlichen Dienst, davor habe ich in Tübingen Theologie studiert. Geprägt hat mich die Jugendarbeit in meiner Heimatgemeinde. Ich bin verheiratet und habe zwei Söhne, sieben und zehn Jahre alt. Besonders interessiert mich in meiner Arbeit Fragen der Gottesdienstgestaltung und die Durchführung von Projekten. Zwei Jahre war ich in einer kirchlichen Kommunikations-Kampagne tätig, dem Projekt "neu anfangen - Christen laden ein zum Gespräch". Ein weiterer Schwerpunkt meines Dienstes ist auch die Pressearbeit - neben all dem für einen Pfarrer "normalen" Geschäft.

2. Können Sie kurz die Lebensgeschichte Jochen Kleppers erzählen?

Zwei "Klepper-Jahre" folgen 2002 und 2003. Im nächsten Jahr jährt sich der Todestag Kleppers am 11. Dezember zum 60. Mal: Mit seiner jüdischen Ehefrau und deren Tochter hat er sich in jener Nacht in seiner Küche seines Hauses in Berlin vergast - um der Zwangsscheidung und (zumindest gilt das für seine Frau und seine Stieftochter) den Gasöfen der Vernichtungslager zu entgehen. Er wird am 22. März 1903 in Beuthen an der Oder (Schlesien) als Pfarrerssohn geboren. Nach dem Abitur beginnt er ein Theologiestudium, das er aber nicht abschließt, sondern sich der Schriftstellerei verschreibt. In Berlin widmet er sich der evangelischen Rundfunkarbeit, bevor er mit seinem Roman "Der Vater", ein Buch über den Soldatenkönig Friedrich II., großen Erfolg hat. In der selben Zeit beginnt er damit, religiöse Gedichte zu schreiben, die zu einem großen Teil Eingang in die Gesangbücher finden: Im aktuellen Gesangbuch der evangelischen Kirchen in Deutschland ist er nach Luther und Gerhard der wichtigste Text-Dichter. 1931 heiratet Klepper die Witwe Hanni Stein, die zwei Töchter mit in die Ehe bringt. Sein Haus, seine Familie werden ihm zum Lebensinhalt und zur Stütze in den Jahren des nationalsozialistischen Deutschlands. Berufsbeschränkungen folgen - wegen der Ehe mit einer Jüdin; der älteren Tochter gelingt die Ausreise nach England, die jüngere bleibt - bis sie miteinander keinen Ausweg mehr wissen Zeugnis seines inneren Weges und der bedrückenden äußeren Umständen gibt sein Tagebuch, das in den 50er Jahren in Teilen publiziert wird und immer noch lesenswert ist.

3. Wer ist Jochen Klepper für Sie?

Jochen Klepper war kein Held - er war ein Mensch, der gelitten hat und der die Kraft zum Tragen aus einem Glauben geschöpft hat. Er war einer, der vor Gott zu Gott geflohen ist, kein Glaubens-Held, sondern einer, der sich von Gott gehalten wußte! Nicht auf seinen eigenen Glauben, sondern auf Gott hat er vertraut.

4. Was spricht Sie besonders an in seinen Werken?

Mir sind besonders seine Gedichte nahe: Ohne das Lied "Die Nacht ist vorgedrungen" wird es für mich nicht Advent. Seine Gedichte sind von großer sprachlicher Kraft und doch kaum einmal gekünstelt. Jedes Wort ist unter Zittern und mit viel Anstrengung niedergelegt.

5. Was war für Sie die wichtigste Triebfeder um eine Website über Jochen Klepper zu machen?

Im Zuge meines Zweiten Examens hatte ich mich auf ein hymnologisches Thema zu spezialisieren. Im Zuge dessen begegnete ich Jochen Klepper, der mich nicht mehr los lies. Die Website ist ein "Neben-Produkt" meiner Internet-Seite, die ich seit über fünf Jahren betreibe und de viele Einblicke in unser Gemeindeleben hier in Gönningen gewährt, aber auch einfach alles zur Verfügung stellt, was ich hier so zu erarbeiten habe.

6. Jochen Klepper war ein Pionier des Radios. Was glauben Sie: Wie hätte er das Internet gefunden?

Was ihn beängstigt hätte wäre, daß er dann womöglich noch mehr Post zu erledigen gehabt hätte wir damals schon. Wie hätte das Internet in Zeiten des Dritten Reiches ausgesehen? Wäre auch das Netz zum Propaganda-Instrument geworden, hätte man es zensieren und einschränken können wie heute in China? Oder hätte es den Nationalsozialismus in dieser Ausprägung gar nicht gegeben? Jedenfalls hätte ihm die Fülle der Worte - wie sie sich im Internet findet - Angst und Sorge bereitet, und er hätte vielleicht noch weniger veröffentlicht und noch mehr nach dem Wort in den vielen Worten gesucht.

7. Bekommen Sie viele Reaktionen auf dieser Site und falls ja, welche?

Jochen Klepper ist - merkwürdigerweise oder verständlicherweise? - nicht sehr populär, obwohl er so viele Gesangbuch-Lieder geschrieben hat, obwohl sein Tagebuch und sein Vater-Roman zu Tausenden verkauft wurden. Von daher sind es nicht viele Reaktionen auf meine Seite - obwohl es sonst im Netz kaum einmal einen Aufsatz über Klepper gibt (außer Lied-Predigten) - aber ein Blick in www.google.de lohnt sich immer und manchmal macht man interessante Entdeckungen über Klepper im Netz.