Kindergarten - Geschichte

Die Geschichte unseres Kindergartens -

ein Beitrag aus dem Gönninger Heimatbuch

Unser Kindergarten

Der gespendete Kindergarten

von Gretel Pfäffle

Einleitung

Wer schenkt oder spendet, sollte dies bescheiden tun und nicht damit herumprahlen. Dies scheint in der Zeit, als der Grundstein für den Kindergarten gelegt wurde, ein fester Grundsatz in Gönningen gewesen zu sein. Immerhin steht fest, daß alles mit einer Stiftungsurkunde vom Mai 1893 begann. Herr oder Frau Grauer, von Beruf Hopfenhändler/in, überließ der Gemeinde damit verschiedene Grundstücke, knüpfte aber Bedingungen daran. Eine der Bedingungen war die Erbauung einer Kleinkinderschule. Diese Idee fiel offenbar auf fruchtbaren Boden, da bereits 1904 das Baugesuch eingereicht wurde. Zwar sind die übrigen Spender/innen namentlich nirgends aufgeführt, aber als das schöne Gebäude, mit seinem Relief über dem Eingang, am 10. März 1905 feierlich eingeweiht wird steht fest, daß der Großteil des Baus durch Stiftungen und Spenden finanziert wurde. Außer dem 80 qm großen Gruppenraum, der mit seinen Tischen und Bänken sehr schulähnlich eingerichtet war, gehörten zur neuen Kleinkinderschule auch Wohnräume für die Kinderschwester und die Ortskrankenschwester.

Von der Kinderschwester zur Erzieherin

Die erste Gönningen Kinderschwester war Marie Buck. Sie kam, wie ihre vier Nachfolgerinnen, vom Mutterhaus für evangelische Kinderschwestern in Großheppach. Die Kinderschwestern schlossen keineswegs selbst einen Arbeitsvertrag. Statt dessen bestand ein Vertrag zwischen der bürgerlichen Gemeinde und dem Mutterhaus. Darin war festgelegt, daß die Gemeinde für Wohnung, Einrichtung ung und Heizmaterial zu sorgen und dem Mutterhaus einen bestimmten Betrag zu zahlen habe. Von diesem Geld wurde die jeweilige Kinderschwester versichert und bekam ein Haushalts- und Taschengeld ausbezahlt. Beschwerden und Wünsche sollten direkt an das Mutterhaus gerichtet werden, das sich das Recht vorbehielt, die Schwester jederzeit abzuberufen und durch eine neue zu ersetzen. Von dieser Regelung wurde in Gönningen kaum Gebrauch gemacht, denn durchschnittlich blieb eine Kinderschwester 15 Jahre am Ort. Schwester Louise Messerschmidt, die bis zu ihrem Tod im August 1989 in Gönningen wohnte, war die letzte der Großheppacher Kinderschwestern, die hier insgesamt 75 Jahre arbeiteten. Vieles, was wir jüngeren Erzieherinnen uns gar nicht mehr vorstellen können, gehörte damals ganz selbstverständlich zu ihrem Alltag. Ein Wintertag begann damit, daß der Ofen im Gruppenraum geheizt werden mußte. Das Einsammeln der Elternbeiträge war damals noch Sache der Kinderschwestern; und sammeln mußten sie oft genug auch, um an Handarbeits- und Zeichenmaterial zu kommen, hier blieb der Kindergarten oft auf Spenden angewiesen. Daß sie häufig auch noch Jungschar und Kinderkirche leiteten, schien vielen kaum erwähnenswert.

Öffnungszeiten, Gruppengrößen, Disziplin früher

Die Öffnungszeiten des Kindergarten waren den damaligen Arbeitszeiten angepaßt. Lange Zeit war am Samstag-Vormittag geöffnet, an einem anderen Wochentag dafür nachmittags geschlossen. Auch gab es Sommer- und Winteröffnungszeiten, die der Felderarbeit angepaßt waren. Die Gruppengröße schwankte zwischen vierzig und achtundachzig (88!) Kindern. Erst ab sechzig Kindern stand einer Kinderschwester vertraglich eine, meist unausgebildete, Helferin zu. Natürlich war der Kindergartenalltag für die Kinder damals auch anders als heute. Während eines Großelternnachmittags im Jahr 1990 erzählten manche Omas und Opas von langgezogenen Ohren und anderen Strafen. Auch war es ganz selbstverständlich, daß man an seinem Tisch sitzen blieb und abwartete, welches Spielzeug oder welche Bastelarbeit man zugeteilt bekam. Die Kinderschwestern waren aber keineswegs roh und gefühllos. Vielmehr waren sie, bei solch großer Kinderzahl, auf Strenge und Disziplin angewiesen. Während heute Kinder zum Beispiel möglichst selbständig handeln und ihre Meinung äußern, sollten sie damals lernen, sich einzuordnen und zu gehorchen die Erziehungsziele waren also andere.

Kindergarten im Dritten Reich und dem 2. Weltkrieg

Im Dritten Reich betreute die NSDAP Gauleitung Württemberg-Hohenzollern, über die NS-Volkswohlfahrt in Stuttgart, den Gönninger Kindergarten. Die NSV half, auf Anfrage, bei der Suche nach Kindergärtnerinnen. Ihren Vorschlag, zur Entlastung der Eltern einen Erntekindergarten einzurichten, lehnt die Gemeinde ab. Die Begründung, daß der hiesige Kindergarten mit seinen Öffnungszeiten vollkommen ausreiche, wurde akzeptiert. 1945 wird der Kindergarten dann aber von der Gauamtsleitung beschlagnahmt. Noch kurz vor Kriegsende wird in ihm ein Mutter-und-Kind-Heim für Kriegsgeschädigte eingerichtet. Bis zum Juli1947, als die französische Besatzung die Wiedereröffnung genehmigt, bleibt der Kindergarten geschlossen und ist zeitweise Quartier für französische Soldaten.

Äußerer und innerer Wandel des Kindergartens nach 1950

Nachdem der Kindergarten seit über 50 Jahren in Betrieb ist, wird immer deutlicher, daß er den Bedürfnissen von Kindern und Eltern nicht mehr genügt. Der Gruppenraum ist ständig zu eng, Möbel und Spielmaterial sind veraltet und die sanitären Anlagen entsprechen den Ansprüchen längst nicht mehr. Daraufhin werden Kinderschwester und Eltern aktiv und veranstalten Basare, um an Geld zu kommen. Auch Vereine und Einzelpersonen spenden etliches, so daß mit dem zusammengekommenen Betrag schließlich das gesamte Mobiliar, neues Spielzeug und der Umbau des alten Gruppenraumes bezahlt werden kann. Der Erweiterungsbau, der im Dezember 1967 offiziell eingeweiht wird, wurde allerdings, vertraglich geregelt, je zur Hälfte von der bürgerlichen Gemeinde und der Ev. Kirchengemeinde Gönningen finanziert. Letztlich wurde das Ziel erreicht und Gönningen verfügte nun über einen Kindergarten mit zwei zeitgemäß eingerichteten Gruppenräumen. Da gerade in den 60er und 70er Jahren die vorschulische Erziehung neu überdacht wurde, entstanden neue Richtlinien für Kindergärten, die unter anderem auf eine Verkleinerung der Gruppengröße hinzielten. Auch Inhalte der Erzieherausbildung wurden neu festgelegt. Beide Entwicklungen blieben auch in Gönningen nicht ohne Auswirkung. So führte die allmähliche Verkleinerung der Gruppe dazu, daß gegen Ende der 70er Jahre nicht einmal alle vierjährigen Kinder aufgenommen werden konnten. Beim Personal, aber auch unter den Eltern, trafen nun verschiedene Ansichten über Art und Ziel der Kindererziehung aufeinander, was manchmal auch zu Spannungen führte. Auch die Art, in der sich die Gönninger für den Kindergarten einsetzten änderte sich. Nicht mehr das Beschaffen oder Spenden von Geld galt als Aufgabe. Vielmehr setzten sich vor allem die betroffenen Eltern nun dafür ein, für jedes dreijährige Kind einen gut ausgestatteten Kindergartenplatz zu fordern. Nicht zuletzt dieses Engagement führte dazu, daß im Jahr 1985 die ehemalige Wohnung im Obergeschoß des Kindergartens umgebaut wurde und eine dritte Gruppe für 15 Kinder entstand.

Neubau an der Stöffelburgstraße

Wegen der steigenden Geburtenzahlen und der Erschließung neuer Wohngebiete stieg der Bedarf an Kindergartenplätzen Ende der 80erJahre stark an. ImJahre 1990 beschloß der Bezirksgemeinderat Gönningen und der Gemeinderat in Reutlingen endgültig, an der Stöffelburg straße einen neuen Kindergarten zu bauen. Dessen Form soll etwas an die Stöffelburg erinnern. Ob die Kinder schon im Jubiläumsjahr 1992 in ğihreĞ Burg einziehen können, läßt sich heute noch nicht absehen. Bis dahin wird die Kindergartengruppe, die 1990 im Ev. Gemeinde haus untergebracht wurde, die Übergangszeit überbrük ken helfen.

Quellen

Stadtarchiv Reutlingen, Bestand: Gemeindearchiv Gönningen, Gemeinderatsprotokolle 1904-1946: Nr. 939, Kindergarten: Nr. 404 und 461

Mit freundlicher Unterstützung von "Meister-Scanner" Hans Joachim Mäder!