Die Gemeinde des Johannes

Lassen Sie sich erzählen von einem Mann um das Jahr 100 ...

(Einleitung)
Gestatten,
Andreas mein Name.
Ja, genau wie dieser Jünger,
von dem in unserem Evangelium über Jesus die Rede ist.
Ich wohne in einem kleinen Dorf nördlich von Damakus(1) und gehöre mittlerweile zu einer der älteren von uns jungen, die hier zur Gemeinde gehören.(2)
Sieben Jahrzehnte ist es nun her,
als unser Hirte, wie wir ihn oft nennen, Jesus, erhöht wurde zum Vater und uns mit dem Geist beschenkte.
Siebzig Jahre
viel hat sich seither getan;
und auch wenn wir nur eine kleine Gruppe sind unter den mittlerweile nicht wenigen Christen,
könnte man schon eine kleine Kirchengeschichte über uns schreiben.
Aber vielleicht sind wir aufs Ganze gesehen auch zu unbedeutend;
jedenfalls vermute ich,
daß spätere Geschichtsschreiber einmal ohne uns auskommen werden.(3)
Wenngleich unser Evangelium sicherlich noch viele interessierte Leserinnen und Leser finden wird.
Ich will Ihnen ein wenig über uns erzählen
über die letzten Jahrzehnte,
über das, was uns jetzt umtreibt
und über das, wie ich vermute, daß es mit uns weitergehen wird.
(Ein Gang durch die Geschichte)(4)
(die Anfänge)
Nun fangen wir am Anfang an.
Am Anfang stand auch bei uns
wie bei denen, die sich auf Petrus oder Paulus berufen
einer, der uns von Jesus berichtete,
Zeugnis gab:
Wir nenen ihn den "Lieblingsjünger",
"den Jünger, den Jesus liebt hatte".
Er war es, der unter dem Kreuz stand (19,26),
er war es, der mit Petrus das leere Grab bestaunte (c. 20),
er war es, der an jenem letzten Abend an der Brust des Meisters lag (c. 13).
Der Lieblingsjünger hat uns vieles gelehrt und uns die Wahrheit verkündigt,
die Wahrheit, die uns zu Gottes Kindern macht (1,12f).
Durch diese Wahrheit hat uns Gott erwählt.
Er hat uns von neuem geboren von oben sozusagen.
In dieser Wahrheit bleiben wir weil der Geist uns beisteht, unser "Beistand" ist, wie wir manchmal sagen.
Genaugenommen müßte ich jedoch zuerst einmal "ich" statt "wir" sagen.
Denn darum geht es zuerst einmal,
daß jede und jeder einzelne die Wahrheit erkennt
und in der Wahrheit bleibt:
die Wahrheit,
daß Jesus uns vom Vater gesandt wurde und zu ihm erhöht wurde,
damit wir seine Liebe zu uns erkennen.
Und so nennen wir uns Schafe,
Reben,
oder "die Seinen".(5)
Zuerst einmal muß der einzelne in der Wahrheit sein:
beim Hirten bleiben,
am Weinstock bleiben,
denn jede und jeder von uns hat den Beistand, den Geist
dann erst geht es auch um dieses andere:
Einander zu lieben.
Das freilich ist uns ganz wichtig.
Wie hatte doch der Meister gesagt: (13,34)
"Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt."
Darin ist eigentlich alles zusammengefaßt,
was er uns für unseren Weg durch die Geschichte hinterlassen hat.
Einander lieben:
die Schwester, den Bruder neben mir.
In der Liebe sind wir eins
so wie der Sohn und der Vater eins sind.
Ich nenne übrigens
das muß ich an dieser Stelle vielleicht auch einmal erwähnen
ich nenne übrigens nicht zufällig immer auch unsere Schwestern:
denn schließklich spielen Frauen eine große Rolle in unsere Geschichte:
Maria,
die Mutter Jesu, die im Lieblingsjünger einen neuen Sohn fand, als Jesus sein berühmter Wort vom Kreuz herab sagte,
die Missionarin aus Samaria,
die Jesus am Brunnen in der Mittagssonne begegnet,
Maria aus Magdala,
die den Meister einst salbte
und die einmal einer "Apostolin der Apostel" genannt hat.
Aber zurück zum Thema:
Wir würden uns separieren, sagen Sie vielleicht,
uns für etwas besonderes, besseres gar halten
gegenüber den Juden,
gegenüber unseren Mitchristen die hier ganz in der Nähe unseres Dorfes leben? (6)
Ich weiß nicht mag sein;
jedenfalls wollen wir das nicht aufgeben,
was uns der Liebelingsjünger hinterlassen hat
auch wenn manches davon etwas ungewöhnlich klingt,
wie sie es ja aus unserem Evangelium sicherlich kennen.
Und außerdem:
obwohl Gott die Welt geliebt hat,
hat er doch nur einige erwählt.
(die Abfassungszeit des Evangeliums)
So haben es auch vor einiger Zeit einige unternommen,
seine Überlieferungen niederzulegen.(7)
Sie haben unser Evangelium geschrieben
damit wir uns an das erinnern,
was uns der Geist, unser Beistand, offenbart hat,
wie er durch unsere Propheten gesprochen hat.
Aber ich gebe zu,
daß es da noch einen anderen Grund gibt.
Manche von uns haben nämlich einige wichtige Gedanken falsch ausgelegt,
haben die Wahrheit verdreht und für ihre eigenen Gedanken benutzt.
Die halten sich nun wirklich für etwas besseres,
tun so, als ob sie jetzt schon sündlos wären
und für das, wie Jesus lebte, interessieren sie sich überhaupt nicht mehr.
Irgendwie fühlen sie sich schon wie im Himmel.
Obwohl unsere Situation eigentlich alles anderes als himmlisch ist.
Unsere ehemaligen Glaubensgeschwister aus dem Judentum haben sich von uns getrennt,
sie beten gegen uns an,
sie haben sich endgültig auf die falsche Seite gestellt,
haben ihren Messias verworfen:
sie sind verblendet,
verworfen,
ja: sie haben im Grunde nicht Gott, sondern den Teufel zum Vater.
Das war für uns und mehr noch für unsere Mütter und Väter eine schmerzlich Erfahrung
aber sie haben gemerkt,
daß Gott sich aus vielen Völkern seine eine Herde sammelt:
Griechen, Samaritaner ja und auch einige wenige Juden.
Sie sehen,
es war dringend nötig, daß wir uns daran machten,
unseren Glauben niederzulegen,
ein Evangelium zu verfassen,
wie es andere Gemeinden vor uns schon getan haben.
(die Zeit der Briefe und der Spaltung)
Sie werden es sicherlich verstehen,
wenn wir uns in diesen schwierigen Zeiten zurückgezogen haben,
auf uns selbst besonnen haben
auch wenn wir die anderen Gemeinde immer geachtet haben,
auch wenn sie so anders lebten und in manchem auch anders glaubten als wir.
Uns blieb wichtig,
daß wir alle einander dienen,
daß es kein oben und unten gibt
so wie wir das in der Fußwaschung feiern,
wenn wir uns vor einander niederknien und das wiederholen,
was Jesus damals am letzten Abend hier auf der Erde tat.
Wir haben uns auf uns selbst besonnen
aber leider
und das ist das, was uns zur Zeit besonders bewegt
leider gibt es die Probleme nicht nur von außen,
sondern auch bei uns drinnen.
Das, was ich gerade schon andeutete, hat sich fortgesetzt:
Wir waren den anderen nicht fromm genug,
und sie haben sich von uns getrennt
und sie haben dadurch gezeigt,
daß sie eigentlich nie richtig dazugehörten,
daß sie in Wirklichkeit nichts verstanden haben.
Wir hatten noch einen Briefwechsel mit einer befreundeten Gemeinde übder diese Fragen
aber je länger desto klarer wurde es,
daß da nichts mehr zu machen ist.
("Ausblick": "doppeltes" Aufgehen der johanneischen Gruppe(n))
Wie es weitergeht mit uns, fragen Sie?
Nun, sagen Sie's nicht weiter,
aber ich persönlich bin der Meinung,
daß wir uns nicht nur auf den Geist verlassen dürfen
wir werden es ähnlich wie unsere Geschwisterkirchen mit etwas mehr Ordnung und Ämtern versuchen müssen;
die Angriffe sind einfach zu scharf.
Die anderen,
sie werden sich irgendwann irgendwelchen Häresien anschließen.
Und wir?
Vielleicht werden wir eines Tages enger mit unseren Nachbargemeinden zusammentun.
Aber ich bin fest davon überzeugt,
daß wir durch unser Evangelium auch unsere Eigenständigkeit behalten werden:
immer wieder wird es die Christinnen und Christen neu faszinieren,
immer wieder werden sie daraus den Geist sprechen hören
und es wird sie in die Wahrheit führen.
Schluß
Nun,
ich hoffe Sie können nun etwas nachvollziehen, wie wir hier leben,
in unserem Dorf bei Damskus,
etwa 70 Jahre nachdem unser Herr erhöht wurde.
Wir werden ja sehen,
was der Geist noch mit uns vorhat

Zusammenfassung

+++ Gemeinde macht Geschichte +++
Wie jede Gemeinde machte auch die johanneische ihre Geschichte:
Anfangszeit Mission, "Liebe", Prophetie, Lieblingsjünger
Zeit des Evangeliums Abgrenzung
Zeit der Briefe innere Konflikte
Zeit nach den Briefen Aufgehen in der Großkirche
+++ die johanneische Gemeinde macht eine besondere Geschichte +++
"Wenn wir uns dem Johannesevangelium zuwenden, wird endgültig klar, wie verschiedenartig die Gemeindemodelle des Neuen Testaments sind. Wir stoßen hier auf eine Gemeindekonzeption, die sich von allen bisherigen Gemeindekonzeptionen unterscheidet. Am besten einfangen läßt sich das johanneische Gemeindeverständnis mit dem Begriff der 'Gegenwelt'..."(8)
+++ Johanneische Gemeinde ist egalitäre Gemeinde. +++
Vgl. die typischen Begriffe "Bruder", "Jünger", "Freund".
Von festen Ämter erfahren wir nichts jeder hat den Geist
+++ Bruderliebe / Zusammengehörigkeitsgefühl +++
Im Zentrum der johanneischen Gemeindekonzeption steht die "Bruderliebe".
Getragen wird die Gemeinde von einem intensiven Zusammengehörigkeitsgefühl.
+++ Der einzelne +++
Das Glaubensverständnis ist auf den einzelnen Gläubigen gerichtet er hat den Geist von ihm her wird gedacht ("Schafe" nicht: "Herde").
+++ Gemeinde in feindlicher Umwelt +++
Die johanneischer Gemeinde lebt eine "Gegenwelt". Ihre Missionsversuche sind gescheitert, ihre Erwählungslehre läßt sie strikt zwischen Gemeinde und Welt trennen. Ihre Sprache ist "weltfremd", exklusiv (vgl. auch die Mißverständnis-Szenen!).
+++ Folgerungen +++
Gerade in dieser Gemeinde gab es die schärfsten Angriffe gegen Gegner ("Liebe"?): Sich aus der Abgrenzung heraus verstehen heißt, die Gegner zu "brauchen"
Die johannische Konzeption "Gemeinde der Brüder" ist der Stachel im Fleisch der "Großkirche".
Gemeinde ist geschieden von der "Welt" aber sie muß ihr verpflichtet bleiben.
Gemeinde verändert sich und muß sich neuen Herausforderungen stellen.
Es kann keinen christlichen Fundamentalismus in der Frage nach der Gestalt der Kirche geben.

Verweise

(1) Kümmel: Einleitung 212.
(2) Kümmel: Einleitung 212.
(3) Vgl. Conzelmann, Hans: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 1983 (NTD E 5).
(4) Brown: Gemeinde 18ff.
(5) Vgl. Schweizer, Eduard: Gemeinde und Gemeindeordnung im NT, Zürich 1959, 105ff.
(6) Schweizer 12: "Das heisst aber : schon in der neutestamentlichen Gemeinde stehen zu gleicher Zeit im gleichen geographischen aum Gruppen mit ganz verschiedener Form nebeneinander"
(7) Kümmel: Einleitung 212.
(8) Rebell: Zum neuen Leben berufen, 174 (vgl. 174ff auch zum folgenden).