(Senioren-)Andacht:
Das Herz - ein merkwürdiges Ding
September 98

Einleitung: konkrete und übertragene Bedeutung
Es ist schon ein merkwürdiges Ding,
liebe Seniorinnen und Senioren,
ja, eigentlich scheut man sich, es einfach ein Ding zu nennen:
es ist irgendwie mehr als ein Ding, unser Herz.
Irgendwann tat es einen Schlag, den ersten, im Mutterleib -
und dann fing es an, sich zu seiner Leistung von 9000 Litern pro Tag hochzuarbeiten.
9000 Liter Blut, das dieses Organ täglich transportiert.
Das Herz tut diese Aufgabe in Stille und durch uns kaum willentlich beeinflußbar,
von uns kaum bemerkt.
Es ist wie manchmal mit Gott:
solange alles gradeaus läuft, denkt man nicht dran.
Und dann gibt es einen ersten Stich
oder gar ein erstes Rasen -
und man spürt, daß dieser Herzens-Dienst nicht selbstverständlich ist,
so wie es nicht selbstverständlich ist, daß wir leben.
Wenn man es spürt, ist etwas Besonderes los:
im günstigen Fall hat man sich einen großen Anstrengung unterzogen,
spürt jetzt seinen Puls intensiv
und freut sich an den Fähigkeiten, die in einem noch liegen.
Im schlechteren Fall geht einem das schon bei Tätigkeiten so,
die man früher als Kleinigkeit betrachtet hat -
und nun schlägt da dieses merkwürdigste aller Organe
und wir ahnen,
daß sein Schlagen nicht selbstverständlich ist
und daß es einmal nicht mehr arbeiten wird.
Gut, daß es zwischendurch auch hüpft,
daß es jene Momente gibt,
an denen der Puls auch hochgeht,
diesmal aber aus Liebes-Erregung oder Wiedersehens-Freude,
aus Vorfreude oder Glück.
Das Herz,
etwas links unter dem Brustbein angesiedelt,
ein Muskel, von Kranzgefäßen eingefaßt,
Ventrikel, Kammern, Klappen.
Nein, nicht nur irgendein Ding,
nicht bedeutungslos wie der Blinddarm,
sondern unersetzlich,
bestenfalls unter Aufbietung aller medizinischen Fähigkeiten und mit viel glücklichen Umständen ersetzbar -
dann hat jemand sterben müssen, mit dessen Herz der Kranke weiterlebt, neu anfängt zu leben.
Nicht nur irgendein Ding, das Herz;
fast 1000 Mal kommt das Wort in der Bibel vor.
Wir kommen mit dem Herzen in die Mitte.
Hauptteil
Liebe Seniorinnen und Senioren,
wenn ich mich in der Bibel bei diesen vielen "herzlichen" Bibelstellen umschaue,
dann stechen zwei Bedeutungen hervor.
Herz als Mitte, die das Ganze bestimmt
Zum einen:
mit dem Herzen geht es um unsere Mitte,
geht es darum, was in unserem Innersten vor sich geht,
wo wir unsere Mitte haben,
was uns im Tiefsten bewegt.
Die Menschen waren seit sie wirklich denken konnten, auf der Suche nach der Mitte dieses merkwürdigsten aller Lebewesen.
Und so heißt im Alten Testament Herz oft auch einfach Leben,
die Quelle, woraus unser Vitalität und Energie und Kraft kommt.
Und weil es bei der Sache mit Gott ums Ganze geht,
deshalb geht es bei Gott um unser Herz:
"Du, Gott, prüfst mein Herz", betet der Psalmist (Ps 17,3).
Und in der Bergpredigt mahnt uns Jesus:
"Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz" (Mt 6,21),
da hängt dein Leben dran,
da hängst du dran.
Martin Luther hat das ja weitergedacht und gesagt
- Sie kennen es alle aus Ihrem Konfirmanden-Unterricht:
"Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott!"
Wir sind offenbar zeit unseres Lebens herausgefordert, uns darum zu sorgen,
daß wir das Herz an der rechten Stelle tragen,
daß wir unser Herz nicht verlieren,
nicht herzlos werden:
"Mit Ernst, o Menschenkinder, - das Herz in euch bestellt" (EG 10,1)
singen wir in der Adventszeit:
Sorgt euch um euer Herz,
haltet die nötige Diät:
nicht zuviel Streß, Rauchen, tierische Fette ¼
Und natürlich:
Genügend Gebet, Gottesdienst, Liebe, Mitmenschlichkeit, Liebe.
Das Herz braucht seine Pflege,
wie unser innere Mensch, unsere Innerstes.
Unser Herz braucht Pflege,
damit es nicht verhärtet:
"Denn sie waren um nichts verständiger geworden angesichts des Brotwunders, sondern ihr Herz war verhärtet."
Auch das gibt es offenbar,
daß wir einen geistlichen Herzschaden bekommen,
wenn wir unser Herz nicht gar ganz verlieren,
wie es dem Köhler mit seinem "Kalten Herzen" geschah.
Herz als Gefühl
Liebe Seniorinnen und Senioren,
Gott hat uns als geschaffen,
damit unser Herz ihm schlage,
daß es sich seiner freut
und wir beherzt leben und lieben.
"Unser Herz freut sich seiner, und wir trauen auf seinen heiligen Namen." (Psalm 33,21)
Herz - Liebe
Herz haben, heißt Gefühle zeigen.
Das wurde Ihnen vielleicht von Kindesbeinen anders beigebracht:
ein Mann weint nicht,
man ist in stiller Trauer, wozu diese Stille auch immer nütze sein mag,
man ist nicht zu gefühlsbetont, weil das Herz ein schlechter Ratgeber sei.
Wie gut, daß das in der Bibel ganz anders ist:
die Bibel ist ein Buch, mit Herzblut geschrieben,
wo sich Herz und Schmerz reimen,
wo gelebt und gelitten,
geliebt und gestritten wird,
geweint und getanzt.
Herz heißt Gefühl,
das was uns im Innersten bewegt und in Bewegung setzt.
Herz - Mut
Und Herz heißt Mut haben.
Vielleicht erinnern Sie sich an eine Situation,
in der Sie beherzt gehandelt haben.
Ich bin vor einigen Tagen von einem geistig verwirrten Menschen von hinten angegriffen worden;
gut, daß unsere Freundin beherzt dazwischen ging
und ich den Mann dann zur Ruhe bringen konnte.
Sicherlich erinnern Sie sich auch an Situationen, wo Sie beherzt und ohne zuviel nachzudenken gehandelt haben;
manchmal ging das daneben, weil man sich auch im Blick auf die innere Stimme verhören kann;
aber immer bleibt das richtig, was man mit Herz tut und was aus dem Herzen kommt.
Da wird man mit sich eins
und man ist auf dem richtigen Weg.
Ich wünsche Ihnen viel Mut,
das Richtige zu sagen,
das Rechte zu tun,
dem Richtigen zu glauben und zu vertrauen.
Schluß
Liebe Seniorinnen und Senioren!
Kardiologie ist die medizinische Disziplin, die sich mit dem Herzen beschäftigt.
Liebe Seniorinnen und Senioren,
ich wünsche Ihnen,
daß Sie gute Kardiologen in eigener Sache werden.
Leute, die auf ihr Herz hören,
die beherzt leben,
die sich herzlich freuen können
und ihr Herz am rechten Ort tragen:
bei Gott.
Amen.
Guter Gott,
du bist unsere Mitte,
an dich verlieren wir unser Herz,
und wir gewinnen das ewige Leben.
Schenke uns,
daß wir den vertrauen, was du aus unseren Gefühlen zu uns sprichst,
gib's uns,
daß wir immer beherzt leben,
dir leben.
Herzliche Lieben -
das gib uns jeden Tag neu:
herzlich geliebt zu werden,
herzlich dich und deine Menschen lieben.
Amen



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