"HalteStellen"

Reutlinger Generalanzeiger 26.5.2001 / "Auf ein Wort"

Inne halten - Halt finden: Für viele von uns ist es ganz alltäglich: Man steht an der Haltestelle und wartet auf den Bus; manchmal komme ich mit jemandem ins Gespräch, der da mit mir wartet. Eine kleine Auszeit mitten am Tag - manchmal ärgerlich, weil man einen Termin hat und unter Zeitdruck ist, manchmal ganz angenehm, weil man durchschnaufen kann. An den Haltestellen spielt sich ein Stück Leben ab: da sind die Ausgelaugten, die endlich heim und die Beine hoch legen wollen; da sind die Schicken, die sich für eine Verabredung herausgeputzt haben; da sind die Schülerinnen und Schüler, die ihrem Bewegungsdrang nachgeben, den sie einige Stunden an der zu niedrigen Schulbank unterdrücken mußten. Ein Stück Alltag, ein Stück Leben ...
 
Inne halten - dazu zwingen uns Haltestellen. Und manchmal taucht dann an einer Haltestelle die Frage nach dem Halt auf: Wo will ich eigentlich hin? Mit wem bin ich unterwegs? Was will ich denn hier? Und: Was gibt mir Halt in alledem? Manchmal ziehen die Kleinlaster und Cabrios wie im Traum an einem vorüber und man steht ein bißchen neben sich, wie die anderen Wartenden ...
 
Inne halten - Halt finden. Manch einer liest "seinen GEA" in diesen Tagen am Urlaubsort oder während seiner Ferien - eine Haltestelle im Schul- und Berufsalltag; eine Haltestelle, wo man manchmal auch ins Nachdenken kommt: Wo sind die Stellen, an denen mein Leben seinen Halt findet?
 
Millionen von Menschen besuchen in unserem Land am Sonntag-Morgen einen der vielen Gottesdienste; die Teilnahme am Gottesdienst ist solch eine Haltestelle: Inne halten und dort einen Halt finden, wo ich einmal nicht gefordert bin. Halt finden, weil ich höre, daß ich gehalten bin, daß Gott mich hält! Dort finde ich Halt: Wo ich höre, daß ich gehalten bin, daß mich einer hält! Da habe ich eine Haltestelle!
 
In diesen Tagen haben wir in Gönningen einen Gottesdienst unter diesem Stichwort "Haltestellen" gefeiert. Stellen, an denen wir inne halten, darum ging es an diesem Morgen: Wir haben Kinder im Leben begrüßt und sie getauft; wir haben für die Konfirmandinnen und Konfirmanden gebetet: "Kinder, aus denen Leute werden" und die sich auf ihr Fest am nächsten Sonntag freuten; wir haben eine Trauung gehalten und die Liebe gefeiert; und wir haben eines verstorbenen Gemeindegliedes gedacht. Besonders in solchen Momenten im Leben machen wir Halt und fragen nach dem Halt. Und wenn wir Glück haben und am rechten Ort sind, dann hören wir es und spüren, daß Gott uns Halt ist, ich gehalten bin, ich einfach da sein darf! Wie im Urlaub in diesen Tagen. Wie letzthin an der Haltestelle, als ich ein bißchen neben mir stand und nach dem Halt fragte und Halt fand. Vielleicht gar nicht so schlecht, daß selbst die Reutlinger Busse ab und zu einen Moment Verspätung haben.