"Glaube global"

Reutlinger Generalanzeiger 4.9.99 / "Auf ein Wort"

"Glaube global" - es erscheint schon ein bißchen verwegen, wenn sich eine Kirchengemeinde in einem Dorf am Rande der Schwäbischen Alb das Thema Globalisierung zu eigen macht.
 
Vor einigen Wochen fand in Gönningen das evangelische Gemeindefest unter diesem Motto statt. Von Straßenkindern in der bolivianischen Hauptstadt La Paz wurde da berichtet, die die Kirchengemeinde seit einigen Jahren unterstützt. Gerade hatten die Gemeindeglieder auf Initiative eines Reutlinger Apothekers die Mittel für eine Brücke auf Madagaskar aufgebracht. Eine achtköpfige Gruppe war im März dieses Jahres zu Besuch in einer Kirchengemeinde im US-amerikanischen Ann Arbor, nahe Detroit. Und seit einiger Zeit gibt es Kontakte ins russische St. Petersburg; dorthin geht auch ein Großteil des Gemeindefest-Erlöses: "Glaube global".
 
Globalisierung - mit diesem Wort mag es Ihnen ähnlich gehen wie mir bisher: Das macht eher Angst als Hoffnung, weil meine Welt noch unübersichtlicher wird; Globalisierung: das geht vor allem die Wirtschaft an und deren weltweite Verflechtungen; Globalisierung: das hat zu tun mit Internet und "Multi-Kultur".
 
Seit einiger Zeit erfahre ich, wie das "global village", "die Welt, die zum Dorf wird", zur Alltags-Erfahrung werden kann - und welche Horizonte die Globalisierung eröffnet. Durch die einfachen und billigen Möglichkeiten von Internet und EMail, durch die Möglichkeiten, miteinander auch in persönlichen Kontakt zu kommen, kann ich die eigene Welt mit neuen Augen sehen. Und ich werde dankbar für das, was wir hier bei uns haben und können. Und ich sehe, wie man auch noch ganz anders leben kann oder muß.
 
Die Christinnen und Christen haben einen uralten Erfahrungsschatz in Sachen Globalisierung. Seit ihren Anfangstagen wußten sie sich über kulturelle, über Sprach- und Volksgrenzen hinweg miteinander verbunden - der Glaube an Jesus Christus verband sie: Sie hatten schon immer einen Doppelpaß mit einer "himmlische Staatsbürgerschaft". Daß die menschlichen Grenzziehungen trotzdem oft genug stärker waren, wissen wir alle freilich auch.
 
Heute spüre ich, wie gut es uns tut, wenn wir uns auf die Begegnung mit anderen einlassen: mit Menschen, die in anderen Ländern leben, meist unter schwereren Bedingungen als bei uns - manches wehleidige Gestöhne bleibt mir seitdem im Halse stecken, wenn ich nach Madagaskar oder La Paz schaue. Und ich freue mich, wenn ich mich in einem Gottesdienst in einer Turnhalle in Ann Arbor zu Hause fühlen kann - zehn Flugstunden von unserem heimischen romanischen Kirchturm entfernt. Und ich sehe, wie wir im kleinen etwas tun können für andere - St. Petersburg liegt so fern nicht
 
"Glaube global" - nein, die Globalisierung ist keine wirtschaftliche Angelegenheit, sie prägt unseren Alltag. Ja, Globalisierung hat mit Glaube zu tun: Wenn ich sehe, mit anderen Menschen an anderen Enden der Welt im Glauben an Jesus Christus verbunden zu sein; wenn ich mit ihnen zusammen spüre, von Gott geliebt zu sein; wenn wir einander dienen, wie es Jesus uns aufgetragen hat.