Gottesdienst im Grünen

in Gönningen/Roßbergwiese
am 19.9.99
um 11 Uhr
"Wolken"

Einstimmung "Wolken"

Liebe Gemeinde im Grünen,
was gibt es Schöneres als einen blauen Himmel?!
Naja,
vielleicht geht es Ihnen wie mir:
Es gibt etwas Schöneres:
nämlich einen Himmel mit Wolken;
es müssen nicht gleich so viele sein,
daß man trübsinnig wird,
es müssen nicht jene schmutziggrauen Vertreter ihrer Art sein,
die anhaltenden Regen verheißen.
Aber so ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken,
das hat doch was ...
und sogar die dunkle Wolke, die schnell heranzieht und sich ebenso schnell wieder verziehen wird ...
Wolken -
das war ja auch das Thema am 11. August, als wir alle einen Blick hinter die Wolken,
auf die verdunkelte Sonne erhaschen wollten.
Auf dem Roßberg und in Gönningen waren wir vom Wetter begünstigt
und konnten den Blick auf die Korona und die Protuberanzen genießen;
wenige Minuten nach der totalen Finsternis haben dann die Wolken wieder alles verdeckt ...
Ohne Wolken, liebe Gemeinde,
kein Leben.
Ohne jene Wasser-Transporteure, die den Austausch über den halben Erdball regeln,
die manchmal als Wirbelstürme schweres Unheil bringen,
aber meist das nötige Naß:
ohne Wolken kein Leben.
In einer Freizeit-Welt wie der unseren vergessen wir das manchmal;
da wünscht sich jeder den unentwegten Sonnenschein
und das immerwährende Blau.
Schlimm wäre das und nicht auszuhalten.
Das wäre noch unangenehmer als jetzt,
wo einem manchmal die Wolken einen Strich durch die Rechnung machen:
beim Sonntags-Ausflug,
während der Sonnenfinsternis auf dem Reutlinger Marktplatz,
bei der Heuernte.
Die Sache ist und bleibt wohl auch noch lange Zeit unverfügbar;
man muß die Sache mit den Wolken nehmen, wie es kommt.

Biblischer Einwurf

Liebe Gemeinde,
als ich diese Predigt vorbereitet habe:
nur einige Quellwolken am Himmel,
ein warmer Spätsommertag.
Ich erinnere mich, wo in der Bibel die Wolken eine Rolle spielen.
Und was einem gleich auffällt, wenn man da ein bißchen nachliest:
daß in der Bibel - geschrieben im Nahen Osten - die Wolken besser wegkommen als bei uns im verregneten Mitteleuropa:
die Menschen in Palästina wußten, was sie an den Wolken hatten.
Ich sehe den Propheten Elia nach der langen Dürrezeit auf dem Berg stehen -
und dann kommt da ein winziges Wölkchen,
das Regen und damit neues Leben verheißt.
Mit den Wolken kommt Regen und damit Leben;
mit der Wolke kommt Gott.
Er kommt in mancher Wolke,
verhüllt, geheimnisvoll,
manchmal so, daß es Angst macht,
manchmal so, daß es kracht und donnert.
Das war so am Berg Sinai, als Mose die Zehn Gebote empfing,
als Gott einen Bund mit dem Volk Israel schloß.
Verhüllt in der Wolke,
mit Krachen und Donnern.
Und Gott leitet das Volk durch die Wüste in Gestalt einer Wolke;
und er kommt, sich Mose zu zeigen, in einer Wolke auf das Heilige Zelt herab,
so wie später auf den Tempel.
Gott kommt in der Wolke -
verborgen und geheimnisvoll;
so wie das bei Jesus geschieht,
der es an entscheidenden Stellen seines Lebens mit solch göttlichen Wolken zu tun bekommt:
bei seiner Taufe, als er die Stimme aus der Wolke hört, die ihn zu Gottes Sohn macht;
bei der Verklärung, als die Jünger auf einmal kapieren, daß ihnen in ihm Gott so unendlich nahe kommt;
bei der Himmelfahrt, wo er in der Wolke zu Gott geht;
und - so wird erzählt - in solch einer Wolke wird er wiederkommen, die Welt zu verwandeln.

Wolken als Existenz-Symbol

Liebe Gemeinde,
die Wolke ist ein Symbol für Zeiten unseres Lebens,
für unser Zusammenleben mit Gott.
Sie kennen jene Tage,
in denen Gott wie in einer dunklen Wolke erscheint,
die einem Angst machen kann,
die einem rätselhaft erscheint,
es dunkel ist.
"Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, daß kein Gebet hindurch konnte",
heißt es in den Klageliedern Jeremias.
So kann das sein mit Gott.
Und man weiß bei solchen Wolken nie wirklich,
ob Gott denn darin sei.
Ob sie nur ihre zerstörerische Wirkung zeigen werden
und das Leben hinterher ist wie das Weizenfeld mit den vielen geknickten Halmen;
oder ob es doch so ist wie in dem Sprichwort aus dem Nahen Osten:
"Helle Wolken enthalten wenig,
dunkle Wolken viel Regen",
viel wohltuenden Regen, der das Feld belebt.
Von selbst ist es nie eine klare Sache mit den geheimnisvollen Wolken.

Biblische Zusage

Liebe Gemeinde,
ich denke öfters an den Mann, der mir erzählte, er finde Gott in der Natur,
beim sonntag-morgendlichen Waldspaziergang.
Das fuchst als Pfarrer natürlich,
weil man doch die Leute liebe bei sich im Gotteshaus sähe ...
Was ich mich aber vor allem frage:
Was gibt es dort im Wald, in der Natur zu hören.
Welche Sprache spricht der Wind und die Wolken?
Und was sagt sie dir?
Daß alles gut sei:
Wind und Wolken bringen Zerstörung,
und wenn die Erde bebt und die Natur ihren Schabernack mit uns Menschlein spielt, sterben Tausende.
Die Sprache der Natur, von Baum und Wind und Wolken ist eine doppelzüngige Rede.
Doch Gott ist nicht doppelzüngig,
er mißt nicht mit zweierlei Maß,
und spielt nicht mit gezinkten Karten.
Wenn er sich in der Wolke Jesus Christus, unserem Herrn und Bruder, offenbart
und wenn er sich darin auch uns zeigt,
dann wahrt er sein Geheimnis:
und dieses Geheimnis heißt:
ich bin bei dir und will, daß du lebst.
Das Geheimnis der dunklen Wolken im Leben bleibt,
und warum es sie gibt mit ihrer zerstörerischen Kraft.
Doch in Jesus Christus ist das Geheimnis offenbar,
daß sie dein und mein Leben nicht mehr auf ewig zerstören dürfen.
Christus ist auferstanden und aufgefahren in der Wolke,
und zum Zeichen des Lebens.
Und dann kann es manchmal sogar geschehen,
wie in dem Sprichwort:
daß die dunklen Wolken viel wohltuenden Regen bringen.
Daß das, was Angst macht und das Leben schwer,
daß das einen weiterbringt und das Leben reichen und tiefer macht.

Schluß

Liebe Gemeinde,
was gibt es Schöneres als einen blauen Himmel?!
Wolken, die von Gott zeugen!
Amen.






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