"Immer diese Frauen"

Reutlinger Generalanzeiger 14.3.98 / "Auf ein Wort"

"Immer diese Frauen", meint mein Sechsjähriger morgens im Bad, als seine Mutter ihn zum Anziehen drängelt. Von mir hat er das nicht, sei ausdrücklich angemerkt!

"Immer diese Frauen" - Frauen sind ein Thema in diesen Tagen. Gestern wurde überall der jährliche "Weltgebetstag der Frauen" gefeiert; in diesem Jahr gestaltet durch Frauen aus dem südostafrikanischen Inselstaat Madagaskar. Morgen ist der "Internationale Frauentag"; heute Abend gibt es bestimmt auch in Ihrer Nähe dazu ein Frauenfest. Letzte Woche widmete der "Spiegel" seine Titelgeschichte den Frauen. Die Queen will gar die jahrhundertelange Bevorzugung der Männer bei der Thronfolge abschaffen...

"Immer diese Frauen" - zwei Kolleginnen meinten mit ernster Mine: Als Mann etwas zu diesem Anlaß schreiben, ob das denn ginge ... Andrerseits haben jahrelang Feministinnen ja auch nicht mit ihren Äußerungen über "die" Männer hinterm Berg gehalten. Womit wir an einem Punkt sind, der mir wichtig ist: Sowenig man von "den" Männern reden kann, kann über "diese" Frauen gesprochen werden. Es gibt "hüben wie drüben" "sottige und sottige". Lange Zeit drängte sich der Eindruck auf - besonders auch in der Kirche - als ob das Weibliche (was immer das sein mag) zum Heil der Welt und Rettung der Kirche berufen sei: Frauen sind nicht besser oder schlechter als. Es ist gut, daß die Phase vorbei ist, das Weibliche zu überhöhen. Es tut gut, daß man(!) es heute unbefangener wahrnehmen kann, was Frauen an Eigenem einbringen: an Beziehungsfähigkeit, an ihrer Art, mit Konflikten umzugehen, an Ganzheitlichkeit. Es ist gut, daß die praktische Gleichstellung von Frauen seit 1994 zu einem Staatsziel unsrer Bundesrepublik geworden ist: Nicht allein, um die Gleichstellung der Frauen zu fördern, sondern - auf andere Weise eben - auch die der Männer! Und vor allem, um die Männer in die Pflicht zu nehmen, ihrerseits konkret für Chancengleichheit einzustehen.

"Immer diese Frauen" - mir fällt auf, daß wir längst weiter sein könnten, längst gerechter leben könnten, wenn die Impulse Jesu mehr zum Tragen gekommen wären. In der Bibel erfahren wir von einem erstaunlich progressiven Umgang Jesu mit Frauen, denen er begegnete. Er läßt sich von einer ausländischen Mutter eines besseren über seinen eigenen Auftrag belehren (Matthäus 15,21); er versucht, die Frau in der Ehe besser zu schützen (Mt 5,31;19,3); er hat keine Angst vor Berührungen und Annäherungen und Gefühlen (Mt 9,20; 26,6); er läßt sich von wohlhabenden Jüngerinnen aushalten (Lukas 8,1).

"Immer diese Frauen" - Jesus würde kaum von "den Männern" und "diesen Frauen" reden: er sieht den Menschen vor sich, mit seinen hellen und dunklen Seiten, Fähigkeiten und Begrenzungen; - und doch spürte er offensichtlich auch damals schon, daß Frauen als Frauen benachteiligt werden. Das kann - auch in Gottes und Jesu Namen - nicht sein.

"Immer diese Frauen" - ich werde mit meinem Sechsjährigen dranbleiben am Thema ...