Robert Bly: Die kindliche Gesellschaft.
Über die Weigerung, erwachsen zu werden; München
(Kindler) 1997 (Original 1996); Seite 309-311.
Von den Erwachsenen darf verlangt werden, daß sie aufhören,
nur in ihre private Zukunft zu blicken, auf ihre Ferien in Costa
Rica, auf ihre Pension, ihre Vermögensanlage und sich statt
dessen den Jugendlichen zuwenden. Wir können uns ein Spielfeld
vorstellen mit den Jugendlichen auf der einen Seite der Linie
und den Erwachsenen auf der anderen, und beide Seiten schauen
sich in die Augen. Das setzt freilich voraus, daß sich die
Erwachsenen darüber im klaren sind, was wirkliches Erwachsensein
ausmacht. Wenn sich die Erwachsenen nicht den Jugendlichen zuwenden,
bis an die Linie kommen und sie zu sich herüberziehen, dann
werden die Jugendlichen ihren Platz nicht verlassen und weitere
zwanzig oder dreißig Jahre dort bleiben. Wenn wir den Jugendlichen
nicht entgegenkommen, werden ihre Distanzierungsmaschinen, die
lauter und ausdauernder als unsere ist, ständig sagen »lch
gehöre nicht zu dieser Familie« und jede echte Verbindung
mit ihren Eltern abbrechen. Das sollten die Eltern wissen.
In der Zeit der paternistischen Gesellschaft gab es Vertreter
der Erwachsenenwelt: respektgebietende Lehrer, beeindruckende
Gestalten aus Romanen, honorige Präsidenten und Senatoren,
auch Frauenpersönlichkeiten wie Eleanor Roosevelt und Marie
Curie, Priester, auf die nie der Schatten eines Skandals gefallen
war, lebenserfahrene alte Männer und Frauen, die es in jeder
Gemeinschaft gab und die durch die Schule der Entbehrungen gegangen
waren. Durch ihr sichtbares Beispiel konnten sie junge Menschen
über die Linie ins Lager der Erwachsenen ziehen. Doch Neid
und Undankbarkeit haben dem ein Ende bereitet.
Die Hoffnung liegt in unserem Wunsch, Erwachsene zu sein. Wenn
wir Interesse an jungen Menschen zeigen, ihnen helfen, einen Mentor
zu finden, sie zu Vorträgen und anderen Veranstaltungen für
Erwachsene mitnehmen, uns auch um Jugendliche sorgen, die nicht
zu unserer Familie gehören, dann wird unser Selbstverständnis
als Erwachsene gestärkt und das Erwachsensein wird für
viele Jugendliche wieder ein erstrebenswertes Ziel sein.
Die ungeheure Macht der Nivellierungstendenzen hat dafür
gesorgt, daß nur wenige Erwachsene als Muster sichtbar bleiben.
Weil die meisten nicht mehr als Erwachsene erkennbar sind, herrscht
selbst über die Idee des Erwachsenseins Verwirrung. Wir gewöhnlichen
Erwachsenen müssen uns in einer Weise, die den Menschen vor
zweihundert Jahren unbekannt war, die Frage stellen, was denn
eigentlich einen Erwachsenen ausmache. Ich muß mich fragen,
was ich auf meinem bisherigen, von Gedichten gesäumten Weg
zum Erwachsensein herausgefunden habe. Mancher, der dabei mehr
Erfolg hatte als ich, könnte wahrscheinlich mehr Eigenschaften
nennen, aber ich möchte dennoch einige aufzählen.
Ich würde also sagen, daß ein Erwachsener ein Mensch
ist, der nicht mehr unter der Herrschaft der prä-ödipalen
Wünsche steht, die unausgesetzt nach Lust, Wohlgefühl
und Unterhaltung verlangen. Ferner ist ein Erwachsener imstande,
die Gefühle und die Wechselfälle seines Lebens zu einem
Gedächtnis, einem umfassenden Sinn zu arrondieren, kurz eine
Geschichte daraus zu machen.
Nur Erwachsene haben die Einsicht, daß die Welt in erster
Linie den Toten gehört und wir sie nur für eine begrenzte
Zeit von ihnen geliehen haben. Sie schufen die Welt vor uns, sie
schrieben die Literatur, die wir lesen und die Lieder, die wir
singen. Ihnen wäre die Art und Weise, wie Kinder behandelt
werden, nicht gleichgültig, denn die Kinder sind es, die
den Fortbestand garantieren. Die Vorstellung, daß jeder
das Recht habe, alles zu verändern, ist ein schweres Vergehen
gegen sie.
Wirklich erwachsen ist derjenige, der es verstanden hat, sein
inneres Feuer, das auch das besondere Feuer seiner Generation
ein-schließt, zu bewahren, so daß er nun gegenüber
der jungen Generation etwas anzubieten hat. Wir können sagen,
daß der zu den Ältesten gehört, der sein Feuer
nicht nur bewahrt, sondern es auch vermehrt hat.
Erwachsen ist derjenige, der nach den Worten Ansaris in die Welt
hinaus geht und »Juwelen des Mitgefühls für andere
sammelt«. Und schließlich ist ein Erwachsener fähig
zur Entsagung, was mir, einer Person mit großem Appetit,
besonders schwerfiel. Je älter ich werde, desto schöner
klingt für mich das Wort Entsagung. Wir müssen den Erwachsenen
neu erschaffen und den Ältesten wieder Ehre angedeihen lassen.
Die Hoffnung liegt in unserem Wunsch, erwachsen zu sein, und im
Wunsch für die Jüngeren, wenn sie wissen, was respektable
Erwachsene sind, ebenfalls erwachsen zu werden.
Es hat den Anschein, als ob alles das erst wieder neu erfunden
werden müßte. Die Erwachsenen müssen sich auch
fragen, was ein Ältester ist, worin dessen Verantwortung
besteht und welche Anforderungen erfüllt werden müssen,
um ein authentischer Ältester zu werden.