Abendmusik des Kirchenchores 19.11.96
"Abend-Lieder"

Eingangsgebet

Hinführung


Es ist dunkel geworden -
zumindest draußen,
wo nicht Glühlampen und Kerzen ihren Dienst tun.
Es ist dunkel geworden -
draußen -
und oft genug auch drinnen:
in Herz und Seele,
wenn sich Finsternis wie eine bleierne Schwere aufs Gemüt legt.
Es ist dunkel geworden:
wer durchbricht die Finsternis mit seinem Licht,
wer läßt uns sein Angesicht aufscheinen,
damit wir zu Kindern des Tages werden -
mitten im Dunkel des Abend,
mitten in der Finsternis der Nacht?
Wer durchbricht die Finsternis mit einem Licht,
damit aus der Dunkelheit eine bergende Ruhe strömt,
die uns Kraft schöpfen läßt für den neuen Tag?
Wir beten:

Text


Unser Abendgebet steige auf zu dir, Herr,
und es senke sich auf uns herab dein Erbarmen.
Dein ist der Tag,
und dein ist die Nacht.
Laß, wenn des Tages Schein verlischt,
das Licht deiner Wahrheit uns leuchten.
Geleite uns zur Ruhe der Nacht
und dereinst zur ewigen Vollendung
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Amen.

Lesung Psalm 91

Hinführung


Wir hören auf Psalm 91,
dem Text, der in Klöstern und Kommunitäten zur Komplet, zum Nachtgebet, gesprochen oder gesungen wird.

Text


Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem HERRN:
Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.
Denn er errettet dich vom Strick des Jägers
und von der verderblichen Pest.
Er wird dich mit seinen Fittichen decken,
und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
daß du nicht erschrecken mußt vor dem Grauen der Nacht,
vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
vor der Pest, die im Finstern schleicht,
vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.
Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite
und zehntausend zu deiner Rechten,
so wird es doch dich nicht treffen.
Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen
und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird.
Denn der HERR ist deine Zuversicht,
der Höchste ist deine Zuflucht.
Es wird dir kein Übel begegnen,
und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.
Denn er hat seinen Engeln befohlen,
daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
daß sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Über Löwen und Ottern wirst du gehen
und junge Löwen und Drachen niedertreten.
»Er liebt mich, darum will ich ihn erretten;
er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.
Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören;
ich bin bei ihm in der Not,
ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.
Ich will ihn sättigen mit langem Leben
und will ihm zeigen mein Heil.«

Gedanken zu Psalm 91 / Abend


Tag und Nacht,
Morgen und Abend,
Licht und Finsternis -
Urrythmus des Lebens wie Werden und Vergehen,
Geboren-Werden und Sterben-Müssen,
Bleiben und Abschied-Nehmen.
Tag und Nacht,
Morgen und Abend,
Licht und Finsternis -
Ursymbole des Lebens mit seinen hellen und dunklen Seiten.
Abend - Schnittpunkt:
der Tag hat abgenommen,
die Nacht bricht herein.
Die Hektik des Tages weicht - im glücklichen Falle,
ungemütliche Stille macht sich beit - im ungünstigen Falle.
Wenn der Abend kommt, verschwimmen die Konturen
und alle Katzen werden gau.
Der Blick nach draußen weicht der Intro-Spektive,
den Ein-Blicken,
wenn man auf sich selbst zurückgeworfen wird,
sich mit seinen Gedanken allein wieder findet.
Das kann so oder so ausgehen:
Ruhe kann in uns wachsen,
Gelassenheit, die das Gewesene vergehen läßt,
Revuee passieren läßt - und dann ist es passé;
oder auch:
die Unruhe kann wachsen,
weil der Tag sich nicht abschließen läßt,
der nächste schon wieder als schier unbewältigbarer Berg vor einem liegt,
weil man ahnt, wie der Abend endet:
in einer schlaflosen Nacht.
"Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.
Du errettest mich vom Strick des Jägers
und von der verderblichen Pest.
Du wirst mich mit deinen Fittichen decken,
und Zuflucht werde ich haben unter deinen Flügeln.
Deine Wahrheit ist Schirm und Schild,
daß ich nicht erschrecken muß vor dem Grauen der Nacht,
vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
vor der Pest, die im Finstern schleicht".
An den Schnittpunkten des Tages, eines Lebens, der Zeiten stellt sich die Frage nach Gott.
Wer vermag,
wenn wir nicht ins Licht vordringen,
unsere Finsternis zu durchdringen?
"Ihr seid Kinder des Tages und Kinder des Lichts" -
das sagt uns Gott so;
doch in uns sieht's oft so anders aus:
wir sehen nicht nur schwarz,
wir sind finstere Leute
und dunkle Gestalten.
Wann würde uns das deutlicher als am Abend -
an jenen Abenden am Ende eines Kirchenjahres noch dazu,
wo es uns die letzten Fragen aufdrängt -
und wir bereit sind,
uns ihnen zu stellen,
nicht auszuweichen,
uns nicht rauszureden,
uns nicht abzulenken:
da zu sein - mit unseren Dunkelheiten.
Die Beterin, der Beter des 91. Psalms hatten Erfahrungen mit Gott gemacht:
daß man sich an seinen Altar flüchten kann,
wenn die Feinde einem auflauern;
daß es in seinem Tempel einen Zufluchtsort gab,
wenn sich der Strick des Häschers zuzuziehen droht.
"Mein Zuversicht und meine Burg" -
meine Trutzburg,
die mir - wenn auch begrenzten - Raum gibt,
durchzuatmen, aufzuatmen.
Wie an einem Abend,
der den Tag in einem beruhigt und zu Ende bringt.
Wie an einem Abend,
wo das Dunkel nicht bedrängend ist,
sondern zur Ruhe kommen läßt,
weil die Manigfaltigkeit der Eindrücke verschwimmt.
Abends lebt sich's im Übergang:
und Übergänge sind mit Unsicherheiten verbunden,
bedürfen eines Haltes.
"Mein Zuversicht und meine Burg" -
trotz Einsicht in die eigenen Dunkelheiten,
trotz Wissen um das durchdringende Licht Gottes,
das alles vor ihm offen legt -
der Gang zu Gott:
ein Abendgebet sprechend,
ein letzter Gedanke -
dann ist irgendwann auch der Abend vorbei:
die Nacht hat uns, der Übergang ist vergangen -
und wir leben einem neuen Morgen entgegen:
unbewußt, träumend -
oder auch unruhig und schlaflos;
immer aber Richtung Sonnenaufgang.
"Und es ward Abend und es ward Morgen".
Tag und Nacht,
Morgen und Abend,
Licht und Finsternis -
Urrhythmus des Lebens.
"Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem HERRN:
Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe."

Schlußgebet


Ich lasse mich dir, Herr, und bitte dich:
Mach ein Ende aller Unrast.
Meinen Willen lasse ich dir.
Ich glaube nicht mehr,
daß ich selbst verantworten lann,
was ich tue und was durch mich geschieht.
Führe du mich und zeige mir deinen Willen.
Meine Gedanken lasse ich dir.
Ich glaube nicht mehr, daß ich so klug bin,
mich selbst zu verstehen,
die Menschen oder die Welt.
Lehre mmich deinen Gedanken denken.
Meine Pläne lasse ich dir.
Ich glaube nicht mehr,
daß mein Leben seinen Sinn findet
in dem, was ich erreiche von meinen Plänen.
Ich vertraue mich deinem Plan an,
denn dur kennst mich.
Ich lasse mich dir.
Dir, Herr, lasse ich meine Sorgen
um die Menschen, die ich liebe.
Ich glaube nicht mehr,
daß ich mit meinen Sorgen irgend etwas bessere.
Das liegt allein bei dir. Wozu soll ich mich sorgen?
Die Angst vor der Übermacht der anderen lasse ich dir.
Du warst wehrlos zwischen den Mächtigen.
Die Mächtigen sind untergegangen. Du lebst.
Meine Furcht vor meinem eigenen Versagen lasse ich dir.
Ich brauche kein erfolgreicher Mensch zu sein,
wenn ich ein gesegneter Mensch sein soll.
Alle ungelösten Fragen lasse ich dir.
Ich gebe es auf,
gegen verschlossene Türen zu rennen,
und warte auf dich. Du wirst sie öffnen.
Ich lasse mich dir. Ich gehöre dir, Herr.
Du hast mich in deiner guten Hand.
Amen.
(aus: Jörg Zink: Wenn der Abend kommt, Stuttgart/Zürich 1983)